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so. Jahrgang.

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U0 441 » Redaktions-Fernsprecher No. 52. SoNNlttg» dkN 21 . QtfUmheV. VerlagS-FerusPrecher No. 2266. 1902 »

Morgen-Ausgabe.

Polittsche Ueöersichl.

In dieser Woche hat der Sommer seine Abschieds­visiten bei uns gemacht, da er sich mit dem Ende dieser Woche empfiehlt, um seinem Rechtsnachfolger, demHerbst, Platz zu machen. Die Borboten des herannahenden H e r b st e s haben sich bereits überall bemerkbar ge­macht. Wald, Feld und Wiese legen ihr herbstliches Ge­wand an, und herbstlich ist auch bereits die Stimmung der Natur, wenn uns auch dies deshalb weniger auffällt, da der Sommer uns diesmal nicht gerade sein sonnigstes Antlitz gezeigt hat.

Auch in der Politik ist es Herbst geworden. Mit dem Donnerstag, wo die Subkommission der Zollkom- m i s s i o n als deren Quartiermacher zusamrnentr.it, ist die kurze Zeit der politischen Ferienmutze zu Ende ge- gangen, und die Politik tritt wieder in ihre Rechte, die sie allerdings diesen Sommer nur sehr vorübergehend auf­gegeben hat. Der eigentliche politische Kampf beginnt aber erst mit dem Beginn der nächsten Woche. Wie jener Dieb, der am Montag gehängt wurde, mit seinem bewun­derungswürdigen Galgenhumor bemerkte:Die Woche fangt gut an!", so kann man desgleichen auch von der kommenden Woche sagen, denn am Montag nimmt der Kampf in der Zolltarifkommission miss Neue seinen Fortgang.

Die Chancen des Kampfes um den Zolltarif sind noch tmmsr so ungewitz, wie sie es beim Schluß der ersten Lesung waren, und weder der Regierung noch den Parteien ist es bisher gelungen, dep Schleier, mit dein das politische Scüsbild des Zolltarifs der Zukunft der- hüllt ist, auch nur etwas zu lüften. Die Aussichten der Regierungsvorlage haben sich in keiner Weis» gebessert. Der Bund der Landwirthe hat auf der Provin­zialversammlung zu Düsseldorf aufs Neue die Parole ausgegeben, daß der Regierungsentwurf unannehmbar sei, wenn auch in der Versammlung von Siegeszuversicht recht weyig zu bemerken war. Innerhalb der k o n s e r - vativen Partei hat die Neigung, an der Opposition gegen den Zolltarif der Regierung festzuhalten, unver­kennbar sehr nachgelassen, aber es fehlt doch noch sehr viel daran, daß die Partei aus dem gegnerischen in das Zolltariflager der Regierung übergeht. Auch das Centrum hat in dieser Woche sich aufs Neue zu den Kommissionsbeschlüssen bekannt und will also die Opposition gegen die Regierungsvorlage fortsetzen, aber bekanntlich sagt das Centrum niemals Niemals, und das letzte Wort des Centrums ist immer erst das vorletzte.

Die Fortsetzung der geharnischten Opposition und eventuell Obstruktion gegen die Zolltarifvorlage hat die Socialdemokratie auf ihrem in München ab- gehaltenen Parteitage beschlossen. Der Kampf um

FeniUeton.

Nirchow als Mensch.

Von Kurt v. Walfeld.

Am 5. September schied Rudolf Virchow aus diesem Leben, nachdem er beinahe 82 Jahre alt geworden war. Die Vielseitigkeit und Gründlichkeit seines Wissens hat ihm die Bewunderung der ganzen Welt eingetragen. Alle Länder zeichneten ihn aus; so war er z. B. Kommandeur der französischen Ehrenlegion, vr. 6k Common Law und Riter des hohen deutschen Ordenspaar le mdrite". Als man den großen Gelehrten mit fürstlichem Gepränge zu Grabe trug, konnte man auf einem Kissen seine sämmt- lichen Orden sehen. An seinem Körper hat man sie nur bei sehr festlichen Gelegenheiten und vereinzelt erblickt. So wohlverdient auch alle Auszeichnungen waren, so widerstrebte es dem im Grunde bescheidenen Manne, da­mit zu prahlen. So selbstbewußt und entschieden er als Gelehrter war, so bescheiden und anspruchslos war er als Mensch. So kommt es, daß man Virchow, den Mann der Wissenschaft, so gut und genau kennt, während über sein Privatleben wenig in die breite Oesfentkichkeit ge­drungen ist.

Virchow war ein echter Pommer mit all seinen Vor­zügen und Fehlern. Die natürliche Derbheit des Pom­mern wich in späteren Jahren einem Sarkasmus, der an. fangs oft verletzend, später aber mehr witzig wirkte. Dieser Sarkasmus kam in früheren Jahren manchmal so unangenehm zur Geltung, daß hochstehende Freunde ihn baten, in seinen Vorträgen doch ganz sachlich zu bleiben und jede persönliche Spitze zu vermeiden.

Einige Neider und Feinde haben diesen Sarkasmus, zen Virchow oft gegen mitstrebende Kollegen zeigte, als Neid, als kleinlichen Brodneid bezeichnet. Das ist eine große Ungerechtigkeit. So bescheiden Virchow auch war, er wußte doch, was er im Reiche der Wissenschaft galt, daß er einer der Größen war. Wenn er daher die Ent­deckungen eines Robert Koch oder eines Behring (Diph­therie-Heilserum) scharf kritisirte und angriff, so geschah

den Zolltarif ist der Socialdemokrasie so erwünscht wie irur möglich gekommen, denn angesichts der mannig­fachen Meinungsverschiedenheiten undZwistigkeiten inner­halb der Partei bedurfte diese eines gemeinsamen Bandes, das die Partei zusammenschließt, und als solch Band benutzt sie den Zolltarif. Auch auf dem Parteitage hat man nach Möglichkeit Alles zurückgestellt und in den Hintergrund gedrängt, was die Geister allzu scharf hätte auf einander platzen lassen. Wenn es trotz dieser Be- schwichtigungs- und Vertuschungstaktik auf der Münchener Tagung noch lebhaft genug hergegangcn ist, so zeigt das, wie tiefgehende Gegensätze sich innerhalb der Socialdenrokratie herausgebildet haben.

Diese Gegensätze scheinen fast so stark zu sein wie diejenigen, unter denen das französische Kabinett Combes leidet. Innerhalb der franzö­sischen Regierung herrschtgrande confusion". Der Minister des Aeußeren, Delcasss, rutscht mit dem Präsi- deuten Loubet in der Welt umher und hält schwungvolle Friedensreden. Gleichzeitig aber tummeln sich der Kriegsminister A n d r 6 und der Marineminister P e l l e t a n in gewaltigen Redetournieren, in denen sie längst eine Welt besiegt hätten, wenn man mit Worten Schlachten schlagen und Kriege gewinnen könnte. Die französische Presse beweist jedenfalls guten Geschmack, wenn sie dieses Maulheldenthum nicht ernst nimmt. Die anderen Staaten haben es schon garnicht ernst genommen, indem sie sich über die Reden der Herren Pelletan und Genossen mit dem alten Sprüchwort trösteten: Hunde, die heäen, beißen nicht!

Auch auf den Revolutionsschauplätzen in Columbien und Venezuela ist das Gebell weit stärker als die Beißerei. Wenn alle die Schlachten, die von dort gemeldet werden, wirklich geschlagen worden wären, und wenn die eine Partei immer so viel Verluste hätte, wie es die Gegenpartei zu vermelden weiß, dann wäre es den Regierungsparteien und den Oppositions­parteien dort längst gegangen, wie den beiden Löwen, die sich gegenseitig bis auf die Schwänze auffraßen. In diesen Kämpfen ist die Leistungsfähigkeit der Lunge ent­scheidend; wer erfolgreicher auskneist, hält es länger aus!

Die KmimrWe Im Utjfrfe fcbaötu.

(Eigener Bericht.)

Enorme Theile des Nationalvermögens werden jähr­lich durch Brandschaden vernichtet. Wenn auch der Ein­zelne seinen Schaden vernünftiger Weise durch Versiche­rung gedeckt hat für die Gesammtbevölkerung blecht der absolute Verlust bestehen; denn die Versicherungs- summen und darüber hinaus, die von den Gesellschaften absorbirten Verwaltungsspesen und Geschäftsgewinne müssen von den Schultern der Gesammtheit getragen wer­den. Im Königreich Preußen wurden während des einen Rechnungsjahres 1899 im Ganzen für mehr als

das im heiligen Feuer des Kampfes, den er stets nur mit ehrlichen Mitteln kämpfte. Virchows Gerechtigkeitssinn und seine Wahrheitsliebe stehen unantastbar da. Er war so wenig Formenmensch, daß er die Wahrheit über Alles stellte und jeden Gegner angriff, mochte er noch so hoch stehen. Diese ehrliche, männliche Gesinnung brachte ihn bereits im Jahre 1865 mit Bismarck in Konflikt.

Der damalige Ministerpräsident v. Bismarck fühlte sich beleidigt durch eine von Virchow als Referent der Budgetkommission gemachte Aeußerung, die dahin lautete, er, Virchow, wisse nicht, was er von der Wahr­heitsliebe des Ministerpräsidenten denken solle. In der Parlamentssitzung vom 18. Juli 1865 erklärte der streit­bare Bismarck:Der Herr Referent hat sich eine seiner Bemerkungen erlaubt, vermöge deren man einen Streit auf das rein persönliche Gebiet zu werfen pflegt, und Denjenigen, gegen den man den Zweifel an seiner Wahr­heitsliebe gerichtet hat, zwingt, persönliche Genugthuung zu fordern. Ich frage Sie, meine Herren, wohin soll man mit diesem Tone kommen? Wollen Sie den poli­tischen Streit zwischen uns auf dem Wege der Horatici und Kuratier erledigen? Sie lachen! Aber es läßt sich auch über diesen Weg reden, wenn es Ihnen er­wünscht ist."

Virchow ließ sich nicht einschüchtern und erklärte, er habe seiner Rede nichts hinzuzufügen.

Am anderen Morgen standen Bismarcks Sekun­danten in der bescheidenen Gelehrtenwohnung. Virchow erklärte mit olympischer Ruhe:Die Sache betrifft nicht den Menschen Virchow, sondern den Parlamentarier. Das hohe Haus der Abgeordneten soll über die Frage entscheiden."

Zwei Tage später hatte bas Preußische Abgeordneten­haus eine sehr stürmische Debatte über Bismarcks Pistolenforderuxtg an Virchow. Die Mehrheit des HauscS entschied, das Duell dürfe nicht stattfinden und verbot die Annahme der Forderung, weil sonst die Redefreiheit der Abgeordneten zu sehr beeinträchtigt werden könnte.

Der demokratische Virchow lächelte sein sarkastischstes Lächeln, als er den junkerlichen Feind so abgefertigt sah. Von Virchows Sarkasmus wissen auch seine Studenten

94 Millionen Mark Mobiliar und Immobilien (Baulich­keiten) unwiederbringlich vernichtet eine unglaublich hohe nationale Einbuße, die durch nichts wieder eingeholt werden könnte. Daber ist die Zahl der wegen Brand­stiftung rechtskräftig Verurtheilten verhältnißmäßig ge- ring: 256. Die meisten Braudverbrecher bleiben unent- deckt, und nie zur Rechenschaft gezogen wird der Blitz­schlag, wenngleich ein fehlender Blitzableiter eine Unter­lassungssünde darstellt. Auch die in vielen Fällen auf Fahrlässigkeit beruhende Selbstentzürtdung von Heu und Stroh wird selten befriedigend untersucht und zu einem exemplarischen Resultat gebracht werden können. Von dcn bestraften Brandstiftern stehen 37,7 pCt. in dem jugendlichen Alter von 1218 Jahren. Nicht berück­sichtigt, weil nicht aburtheilungsfähig, sind die Kinder unter 12 Jahren. Es ist bekannt, daß gerade durch schul- pflichtige Kinder eine ganze Reihe Feuersbrünste ange- legt werden.

Es ist ganz auffallend, daß sich der Brandverlust aus die einzelnen Provinzen sehr ungleichmäßig vertheilt. Tie Abweichungen begründen sich auf die Dichtigkeit der Bevölkerung, auf ihre Wohlhabenheit und Eigenthüm- lichkeiten, auf die Brandfestigkeit der Gebäude und die gewohnheitsmäßige Bebauung der Grundstücke, auf das mehr oder weniger hervortretende Industrie- und Ge­werbewesen rc. Es ist erklärlich, daß auf dem Lande mehr Jmmobilienschaden, in den Städten mehr Mobiliarver­lust zu verzeichnen ist. Me Bauart der städtischen Ge­bäude und das orgamsirte Feuerlöschwesen lassen e§ nur selten zum Verluste ganzer Häuser kommen.

Im Regierungsbezirk Wiesbaden wurden 1899 an Gebäudewerthen vernichtet in den größeren Städten für 70,261 Mk., in den kleineren Städten für 192,686 Mk., in den Landgemeinden für 457,898 Mk., zusammen für 720,836 Mk. Der Mobiliarverlust betrug in den größeren Städten 89,135 Mk., in den kleineren Städten 141,284 Bkk., in den Landgemeinden 181,157 Mk., zu­sammen 411,676 Mk. Jnsgesammt betrug der Brand- verlust für den Bezirk in dem einen Jahr also 1,132,411 Mk., das macht 1,12 Mk. pro Kopf der Be­völkerung, berechnet nach der Zählung von 1900.

Vergleichsweise stellte sich der Brandverlust pro Kopf in Schlesien auf 1,94 Mk., in Rheinland auf 2,49 Mk^, in Westpreußen auf 4,45 Mk.

So günstig also der Schadensatz für den Wiesbadener Bezirk ist, so wird doch angesichts des alljährlichen Millionenverlustes eine energische Herabminderung der Brandschäden angestrebt werden inüssen. Besonders auf dce Belehrung der Jugend, die brandsichere Herstellung der Gebäude, die Ausbreitung des Feuerlöschwesens und die Aufstellung und peinliche Instandhaltung von Blitzab­leitern sollte das größte Gewicht gelegt werden. Ist es schon ein Vergehen, mst Feuer leichtsinnig umzugehen, so ist es eine volkswirthschaftliche Unterlassungssünde zu nennen, wenn man dem Uebel mst den Händen in den Taschen gegcnübersteht. A. M o e g l i ch.

und Examinanden ein Lied zu singen, aber je ärger er es während des Examens trieb, desto milder war er dann nachher, wenn es zur Abstimmung überbestanden" oder nicht bestanden" kam. Freilich, der krassen Unwissenheit gegenüber war er unerbittlich.Der Arzt ist kein Po­panz! Sein Wissen entscheidet über Leben und Tod!" So dachte und handelte er.

Virchows Steckenpferd war die Anthropologie. So ein alter, verwitterter Menschenschädel konnte seine Auf. merksamkeit so sehr in Anspruch nehmen, daß er Alles darüber vergaß, Kolleg und Examen. So hat mancher Student und mancher Examinand oft vergebens auf den gestrengen Herrn Professor gewartet. Ließ der große Forscher sich aber einmal eine solche große Vergeßlichkeit zu schulden kommen, dann war er für die nächste Zeit ein sehr humorvoller Lehrer und nachsichtiger Exami­nator. So streng Virchow vom Staate eine kluge Geld» wirthschast verlangte, so genau übte er sie auch in seinem eigenen Hauswesen.

Virchow ist als reicher Mann gestorben, man schätzt sein hinterlassenes Vermögen sehr hoch. Er war aus zu kleinen Verhältnissen hervorgegangen, um nicht den Werth des Geldes genau zu kennen. Seine Sparsamkest war in Freundeskreisen bekannt, und Manche nahmen sie ihm übel. Das war Unrecht, denn Virchow war nur sparsam in Bezug auf seine eigene Person. Seine weit­verbreitete Familie weiß von seiner großen Opserrviüig- keit sehr Vieles zu berichten. Auch für seine Wissenschaft war ihm kein Opfer zu groß. Reichte das ihm zur Ver­fügung gestellte Geld zu wissenschaftlichen Zwecken nicht aus, so griff er ohne Bedenken in seine eigene Tasche, oft recht ttef.

So selbstbewußt und swlz er als Forscher und Arzt sein konnte, so bescheiden gab er sich im gewöhnlichen Leben. Virchow als Person, als Mensch, war wett weniger populär als sein Geist, sein Wissen, seine Be- geisterung. Er selbst Hatzte jede Reklame und jede Pose. Seine äußere Erscheinung war klein und schmächtig, der unscheinbare, zarte Körper stand im schroffen Widersatz zu seinem gigantischen Geiste. Stets einfach, dunkel ge- kleidet ging er meist nachdenklich, ohne viel auf- oder