Beilage nun Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 439. Morgen-Ausgabe.
Samstag, den 20. September.
50. Jahrgang. 1902.
5?rcitieit ist nicht Genuß, sondern Arbeit, unausgesetzte Arbeit an den großen Kulturaufqabcn des modernen Staates.
Anastasius Grün.
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(34. Fortsetzung.)
Uersnchnng.
Noma« von Alexander Römer.
Er sei in höchstem Grade erschrocken und peinlich berührt gewesen durch Irmgards Aufsehen erregendes Benehmen, habe im Regiment, um einer Skandal- geschichte, zu der die Klatschzungcn ja nur zu gern den Stoff herbeischafften, vorzubeugen, Irmas Abreise durch ein plötzlich erhaltenes Telegramm erklärt. Er habe ihr schreiben wollen, es indeß unterlassen, weil bei solchen Gelegeirh eiten im schriftlichen Austausch leicht noch mehr Mißverständnisse herbeigeführt würden..
Sein Dienst nehme ihn augenblicklich völlig in Anspruch, nach dem Manöver werde er kommen, seine Frau zurückzuholen, von der er hoffe, daß sie inzwischen ruhiger geworden sei und verständiger denken gelernt habe.
Ter Major stieß dichte Dampfwolken aus, seiner frisch angezündeten Pfeife und strich wiederholt seinen grauen Bart — eine Geberde, die bei ihm stets Nachdenken und eine besondere Art von Aufregung bedeutete, nicht den gewöhnlichen Zorn, der den Untergebenen und den Weibern gegenüber zum Ausbruch kam.
Daß der Schwiegersohn über sein Verhalten, sein doch etwas weitgehendes Gespräch mit der Gräfin kein Wort verlor, gefiel auch dem Major nicht ganz. Irmgard imponirte ihm mit ihrer kalten Ruhe; sein rauhes, im Leben verbittertes Herz hatte wunderliche Regungen, wenn er das stille, blasse, auch hart gewordene Gesicht der Tochter ansah. Er hatte gemeint, Weiber könnten nur flennen, allenfalls Komödie mit Krämpfen und, Ohnmächten aufführen, um dann doch zu Kreuze zu kriechen, wenn ein rechter Mann sie am festen Zügel hielt.
Nun erfuhr er bei seinen beiden Töchtern Anderes. Na — die Else, die gab er ja verloren, er knirschte mit den Zähnen, wenn er daran dachte, daß solch Zigeunerblut aus dem altehrbaren Stamme sich erzeugt hatte, aber Irmgard — sie war von jeher sanft und gehorsam ge wesen, mit allen Zierden und Tugenden des Weibes aus gerüstet, sie hatte sich jedenfalls nichts zu schulden kommen lassen. Aha! Mein Herr Schwiegersohn, die schuldige Ehrfurcht fordern wir denn doch für unsere Tochter!
Der alte Herr schüttelte die Faust — seinen vier füllen Wänden entgegen.
Er gab Irmgard den Brief. Sie nahm ihn und las Der harte Zug blieb um den fest geschlossenen Mund.
„Sein Kommen ist ganz überflüssig", sagte sie kalt, „wir haben einander gar nichts mehr zu sagen. Ich habe mich in Deinen Schutz geflüchtet, Vater, und bitte Dich, meine Sache zu führen; ich verlange nichts als mein kleines ererbtes Kapital, und daß er mir den Knaben läßt, den er ja nicht einmal liebt."
Dem Major stieg wieder die Galle herauf; dieses Rütteln an seinen bequemen Gewohnheiten reizte ihn.
„Unsinn, eine Versöhnung ist nothwendig — Skandal ausgeschlossen — eine geschiedene Frau — wie denkst Du Dir das — die Stellung möchte Dir wenig behagen."
Irmgard wandte sich ab und sprach kein Wort mehr.
Dieses Schweigen, das er sonst gebieterisch forderte, quälte ihn in diesem Falle.
Irmgard bemerkte es kaum. In ihrer Seele war die Oede des Todes, eine absolute Gleichgültigkeit gegen Alles, was das Leben ihr noch bringen konnte. Es der- tand ja Niemand, was in ihr zerbrochen war.
Das Kind lief fröhlich im Hause umher, hing an der Großmutter, war viel bei Lene, die, sehr kinderfrenndlrch, den kleinen Burschen gern um sich hatte. Nach dem Vater ragte der Knabe nie, er vermißte ihn nicht, gab sich j reier, da er ihn nicht sah.
Dem Großpapa gegenüber that er Anfangs scheu, aber seitdem der Alte ihn ein paarinal — wenn er allem mit ihm war — auf seine Kniee genommen, ihm die Bilder an dm Wänden gezeigt hatte und die Figuren auf einen Pfeifenköpfen, wurde Günther zutraulich und schob ich manchmal unbemerkt durch die angelehnte Thiir in des Großpapas Stube, in die sonst Niemand unangemeldet und ungerufen eintrat. .
Schwärzchen, der kleine Teckel, des Majors ständiger Begleiter, der auf dem Schaffell unter seinem Schreibtische seinen Korb hatte und streng dressirt war, ward fern Spielkamerad, und der Großvapa, der da steif und gravi- tätisch in seinem Lehnstuhl saß und Dampfwolken aus seiner Pfeife blies, schaute eriischaft zu, wie der Blond- köpf sich mit dem schwarzen Teckel kugelte, balgte und haschte, und nur wenn Beide zu laut und unbändig wurden, gebot ihnen ein barsches „Ruhig da! Obre parirt!" Einhalt.
Güntherchen hatte es aber gemerkt, daß der barsche Ton ihn nicht zu schrecken brauche. Umständlich kramte dann der Großpapa in den großen Schubfächern, in denen so viel Interessantes verborgen lag — Kästchen mit bunten, blitzenden Dingerchen drin — Großpapas Orden. Er durfte sie ansehen, aber nicht anfassen, und große Bogen mit rothen Siegeln — Großpapas Patente. Der Knabe sprach Alles voll Ehrfurcht nach, und der alte Mann, wenn er so still und unbelauscht mit dem Kinde redete, ihm die Herrlichkeiten vergangener Zeiten aus- kramte, verwandelte sich völlig.
Er legte dann Wohl die Pfeife weg und nahm den Burschen, der so gespannt mit seinen unschuldigen Kinderaugen zu ihm aufsah, auf die Kniee und redete halblaut mit ihm in einem Tone, den keiner der Seinen an ihm kannte.
Ihm war ein Sohn versagt geblieben, nun hielt er den Enkclsohn in seinem Arm. Ein Seufzer stieg aus des Alten Brust — er erlebte es nicht mehr, wenn dieser ein Mann war, sah es nicht mehr, wie dieser sich abfand mit dem Leben. Heimlich, verstohlen küßte er den Knaben. „Brauchst kein Soldat zu werden, wenn Du nicht magst", brummte er. „Soldatenhandwerk ist heut zu Tage äußerer Glanz und inneres Elend, werd' nur ein rechter, ein braver Mann."
Und wenn der kleine Kerl dann lisüg in das rechte Schubfach lugte, dann zauste der Alte ihn an den Locken. „Du Sackermenter. Du Naschfritz — na, sieh mal zu, ob was drin ist", und triumphirend holte Günther die nie darin fehlende Düte heraus.
Er naschte bescheiden und steckte mit seinen kleinen Händchen dem Großpapa immer umschichtig die Choko- ladenplätzchen in den Mund, strahlend vor Vergnügen, wenn der ein gräulich Gesicht machte und sie doch nahm.
Einmal hatte Irmgard von ungefähr die Thür geöff- net, sie glaubte, es sei Niemand drinnen, und da sie leise war und die Thür rasch wieder schloß, so gewahrte sie keiner von den Beiden. Aber sie nahm das Bild in sich
auf, und put einem unbändigen Herzklopfen stand sie
lange regungslos draußen. ,
Ja, der Knabe, der weckte doch wieder Leben m ihrer erstarrten Seele, ein wariner Strom kreiste plötzlmi wieder drinnen, eine Thräne verdunkelte ihr Auge , Der alte Papa — vielleicht war auch in ihm einst allerlei zer- brachen, und das Kind weckte da Begrabenes, machte versiegte Quellen wieder fließen.
Sie eilte in ihr Zimmer, schloß sich ein, und zum ersten Male seit jenem Abend brach ein Thränenstroni hervor, ein konvulsivisches Schluchzen erschütterte ihren Körper, die Natur kain zu ihrem Recht.
I *
Gegen Ende September, als das Manöver beendet war, kehrte Hauptmann Althoff in sein ödes Haus zuruck.
Er hatte in der That glänzend abgeschnitten. kommandirende General belobte den Stand seiner Kompagnie und bAert Führung mit so warmen Worten, daz die Kameraden ihm einstimmig gratulirten. Er hatte sogar Gelegenheit gehabt, in längerer Unterhaltung um Sr. Excellenz dem Höchstkommandirenden seme speziellen Wünsche in Bezug auf seine Karriere darzulegen und mit geheimer Freude bemerkt, daß der General nicht allein denselben eine wohlwollende Beachtung schenkte, sondern auch schon vorbereitend uiiterrichtet war. Das war der Gräfin Werk, sie hatte nicht gelogen.
Seine Brust war erfüllt von Stolz und ehrgeizigen Hoffnungen, der unselige Festabend mit seinen verhang- nißvollen Folgen warf ihm einen schwarzen Schatten m das strahlende Licht.
Er hielt cs nicht lange in dem leeren Hause aus, nahm sofort Urlaub und fuhr nach Holstedt. Während der langen Fahrt sann er eingehend darüber nach, was er Irmgard sagen, wie er sich ihr gegenüber stellen solle. Sein Gewissen ließ sich nicht ganz zur Ruhe bringen, so leicht er auch die im Festestrubel unter der Einwirkung besonderer Erregungen gesprochenen Worte aufzufassen sich bemühte. - Daß Irmgard, wenn sie sie unglücklicher Weise grade hören mußte, tief verletzt wurde,, war erklärlich, aber — na, sie würde mitflerweile schon zur Besinnung gekommen sein und ihm seine Aufgabe nicht allzu schwer machen. Sie liebte ihn ja.
Er verinied es, allzu tief in sein eigenes Inneres hinabzuleuchten. Die Frage, ob er sie noch liebe, schob er von sich. Die verliebten Gefühle von damals, als er um sie warb, waren lange verflogen — du liebe Zeit! Das Leben stellte zu viele Anforderungen. Er war von jeher ein ehrgeiziger Mensch gewesen und war noch zu dieser Stunde'der Meinung, daß er sich damals übereilte, als er dieses liebliche, anspruchslose, allzu bescheidene Geschöpf wählte. An seiner Seite müßte jetzt eine Andere stehen — er brach seine Gedankengänge ab. Was konnte das nützen! Ein Scheidungsprozeß jetzt, ein öffentliches Aergermß — das durfte um keinen Preis sein, das könnte ihm unendlich schaden. Höheren Orts forderte man vor allen Dingen streng sittliche Tugenden.
In Holstedt angelangt, schritt er vom Bahnhofe ab zu Fuß hinaus nach dem einsam gelegenen Hause. Ge- meldet hatte er seine Ankunft wohlweislich nicht. Die Allee war schon herbstlich gefärbt, gelbe Blätter wirbelten durch die Luft, es war ein trüber, grauer Tag. Er konnte der Erinnerung nicht ganz wehren — hier hatte er sie zu- erst geküßt, das süße Geschöpf in seinen Armen gehalten, sich als strahlender Sieger gefühlt.
(Fortsetzung folgt.)
Die Gunst der Damen
neigt sich der 1
immer mehr zu.
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