*•- Jahrgang.
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die Aufnahme später eingereichter Anzeige« zur
Al». 433. Redaktions-Fernsprecher N». 52.
Mittwoch» den 17. September.
BerlagS-Fer»sprecher N». 2266.
ISO».
ES® ipgen ■Ausgabe«
Dir ThatigKeLI der Industriekarleüe.
Ein hervorragender deutscher Volkswirth hat kürzlich die Macht der großen Jndustriekartelle mit der Gewalt eines mittelalterlichen Feudalherrn verglichen. Wie diese meistens eine unumschränkte war. so heute auch der Einfluß der großen Kartelle auf die wirthschaftlichen Lebens- vedingungen zahlreicher Erwerbsgruppen. Am reinsten tritt daS in den Ver. Staaten in die Erscheinung, wo die Entwickelung der Kartelle bereits viel weiter als in Deutschland vorgeschritten ist. Dort wird ein großes Volk von 80 Dfillionen, stolz auf seine Freiheit und Unabhängigkeit. thatsächlich von einigen Hundert Leuten, dem „Ring der Milliardäre", wirthschaftlich beherrscht.
In Deutschland hat der Staat den Kartellbildungen bis vor kurzer Zeit mit völligem Gleichmuch gegenüber- gestanden. Er richtete seine gespmrnte Aufmerksamkeit wohl auf die Arbeiterorganisationen, ließ aber die viel- gestaltigen Unternehmervereinigungen nahezu völlig außer Acht. Erst als vor einigen Jahren von dem Kohlensyndikat, begünstigt durch den starken Geschäftsgang und andere Umstände, der Kohlenpreis auf eine unerhörte Höhe gesteigert wurde, erst als in der gegenwärtigen Krise mehrere andere starke Kartelle eine Preis- Politik befolgten, die für manche Erwerbszweige ver- büngnißvoll wurde, machte auch die Reichsregierung den schüchternen Versuch, sich über die Thätigkeit derJndustrie- kartelle einige Aufklärung zu verschaffen.
Der ReichLregierung kommt es jedoch zu Gute, daß bis dahin in Deutschland die Arbeit dieser großen Vereinigungen überhaupt wenig beachtet war. Zwar hatten sich bereits verschiedene vollswirthschaftliche und social- politische Schriftsteller mit ihnen beschäftigt, aber deren Erörterungen waren nicht eindringlich genug, um außer- halb eines kleinen Kreises zu wirken. Das eigentliche Wesen der Kartelle war noch zu wenig erkannt, sie selbst auch in Deutschland noch zu gering entwickelt, um über ihre Bedeutung ein Urtheil abgeben zu können. Zunächst herrschte vielfach eine geradezu idealeAusfassung über ihre Bedeutung. Man erblickte in ihnen namentlich einen Regulator der Waarenerzeugung. Es leuchtete ein. daß die Regelung der Produktion außerordentlich segensreich auf die VolkSwohlfahrt wirken müsse, die bei einer gleich, mäßigen Entwickelung deS Wirthschaftslebens am besten gedeiht. So erschien das Kartell als der starke Zügel für die unberechtigte Spekulation. Man wußte zwar, daß man auch auf gesunde Waarenpreise halten werde, aber man sah in den Kartellbildungen gewissermaßen Einrichtungen, die mit einem Tropfen Gemeinnützigkeit gesalbt waren und eL bestand daher die Hoffnung, diese Bereinigungen würden die Preise auf einer gesunden Mitte haltvy die auch für den Waarenverbraucher be- könnnlicher ist, als daS häufige Schwanken von unten nach oben und umgekehrt. Kaufleute, deren Anschauung
sich über den Krämergeist erhob, sahen in der gewaltigen Zusammenballung von Energie, Intelligenz und Kapital die wirthschaftliche Großmacht, welche bedeutende Mittel zur Gewinnung neuer Absatzgebiete aufwenden könne. Der Exporteur hoffte von ihr eine Erziehung auch unserer ausländischen Abnehmer zu größerem Entgegenkommen, eine Vernichtung skrupellosen Mtbewerbs auf in- und ausländischer Märkten. Der Techniker sah in den Kartellen die eifrigen Förderer seiner Wissenschaft, der Arbeiterfreund träumte, daß der Kartellxedanke sich auch mit Arbefterfürsorge urrd Wohlfahrtspflege im großen Sfil verbinden lasse.
Das ist die ideale Anschauung. Aber eine Reihe harter Thatsachen hat wieder einmal bewiesen, daß eine ideale Auffassung wirthschastlicher Dinge leicht zu argen Enttäuschungen führt. Diese haben hier bekanntlich auf sich nicht warten lassen. Eine Regelung der Produkfion durch die Kartelle, in dem Sinne wie man es erwartete, ist völlig ausgeblieben. Einzelne haben die Produkfion lediglich beschränkt, um die Preise ihrer Maaren so hoch als möglich hinaufzutreiben; wo das ohne Produkfions- befchränkung zu erreichen war, hat man Ebensowenig wie früher auf die im Hintergrund drohende Krise Rücksicht genommen. Als diese vor zwei Jahren etwa hereinbrach, führten die mächfigsten Kartelle eine Preispolifik ein, die sich geradezu gegen die Volkswohlfahrt richtete. Wie das Zuckerkartell schon längst, so warfen sie ihre Waaren zu Schleuderpreisen auf den ausländischen Markt, hielten aber, begünsfigt durch unsere Schutzzölle, die Preise auf dem deutschenMarkt künstlich iiberaus hoch, um sich für den Verlust im Auslande im Jnlande nach Möglichkeft zu entschädigen. Man ging zu dem ver- hängnißvollen System der Ausfuhrprämien und Exportbonifikationen über. So wird etwa für die Tonne einer nach dem Auslande gehenden Waare vom Kartell der ausführenden Fabrik eine Ausfuhrprämie von 20 Mk. gewährt, die dann nach Möglichkeit auf den Preis der im deutschen Jnlande bleibenden gleichen Waare aufgeschlagen wird. Einige Beispiele mögen das erhärten. Das Drahtsfiftekartell forderte für den Doppelcentner Draht- sfifte in Deutschland zu derselben Zeit 25 Mk., als es die gleiche Waare nach dem Auslände für 14 Mk. verkaufte. Das genannte Kartell verkauft im zweiten Halbjahr 1900 in Deutschland 22,3 Millionen Kilogramm mit einem Nutzen von 1,2 Millionen Mark, in derselben Zeit jedoch nach dem Auslande 19,6 Millionen mit 869,000 Mk. Verlust. Das Zuckerkartell hält den Preis für Zucker, eines der wichtigsten Genuß- und Nahrungs- mittel, im deutschen Jnlande auf 30—32 Pf. das Pfund. Me gleiche deutsche Waare verschleudert es jedoch nach England so billig, daß die Londoner Hausfrauen im Kleinverkauf 10—12 Pf. für das Pfund zahlen. Bei den Reichstagsverhandlungen über dre Brüsseler Zucker- koi.serenz, die dem staallichen Prämiensystem ein Ende machen sollte, wurde berechnet, daß der Gefamnstgewinn des deutschen Zuckerkartells jährlich etwa 90 Millionen beträgt, von denen 55 auf die Rohzuckerfabriken und 35 auf die Raffinerieen entfallen. Während das Kartell die
Zuckerpreise im Jnlande emporgetrieben, hat es der Land- wirthschaft seine Macht durch Herabdrückung der Rübenpreise fühlen lassen. Die. Kartelle für Kohlen und Coaks, für Roheisen, Halbzeug, Grobblech, Eisenträger und zahlreiche andere gewähren sämmüich Ausfuhrprämien, die der deutsche Verbraucher in Gestalt höherer Jnlandpreise bezahlen muß! —
Viele dieser Bereinigungen legen ihren noch-
S ungenen Abnehmern aber auch noch außerdem Harts ingungen auf. Sie verpflichten sie auf Verträge, di« dem Verkäufer alle Rechte, dem Käufer sämmtliche Pflichten zuschieben. So bestimmt ein Kartell, daß der Käufer an den Vertrag stets gebunden ist, der Verkäufer aber jeder Zeit von ihm zurücktreten kann. Ein anderes .Kartell liefert nur dem Abnehmer Waare, der seinen Rohswff bei einem bestimmten Kartell kaust, ein drittes versagte einem Kunden weitere Lieferungen, da er an einer Rechnung auszusetzen hatte. Allgemein wurde darüber geklagt, daß manche Kartelle in der Zeit des geschäftlichen Aufschwungs ihre Dkacht dazu mißbrauchten, die Abnehmer zu jahrelang laufenden Waarenabschlüssen zu nöthigen, deren Preisfestsetzungen auch hochgehalten wurden, als unter dem Druck der Krise der Waarenpreis längst stark gesunken war. Es sind damals von arg mit- genommenen Industriellen gegen verschiedene Kartelle gerichtliche Klagen angestrengt, die aber verloren gehen mußten, da das formale Recht auf der Seite der betroffenen Vereinigungen war.
Durch jene Verschleuderung der Waaren nach dem Auslande fügte man der deutschen Industrie auch auf den dorfigen Märkten schweren Schaden zu. Man setzte den dorfigen Mitbewerb durch die ihm weft unter dem deutschen Jnlcmdpreis überlassenen billigen Rohstoffe und Halbfabrikate in den Stand, deuffche Waare im Preise zu unterbieten und aus dem Felde zu schlagen. So hat di« Preispolifik der deutschen Kartelle nach zwei Richtungen für unsere Volkswohlfahrt verderblich gewirkt; sie hielt gewisse Waaren- und Rohstoffpreise selbst in der Zeit wirthschaftlichen Niedergangs unerhört hoch, gleichzeifig hat sie aber durch-Verschleuderung nach dem Auslande den fremden Mitbswerb auf den dorfigen Märkten ge- kräftigt und die Stellung der deutschen Industrie erschwert. ,
Die Kartelle können gemeinnützig wirken, aber vorläufig sind die Ideale in dieser Hinsicht zerronnen und der Jurist sinnt nach, wie er chren Schäden rechtlich begegnen kann. o.
Hausverwalter und MiethsMhlung.
Von Dr. zur. Abel.
Bei größeren Miethshäusern der Großstädte ist eS fast burchgehends Brauch, daß der Eigenthümer, auch wenn er im Hause wohnt, einen Verwalter bestellt, der die Instandhaltung des Grundstückes nach allen Rich- tungen hin zu besorgen hat. Damit hören aber auch seine Obliegenheiten auf. Nicht jedoch steht ihm ohne Weiteres das Recht zu, die Miethsbeträge für den Eigen
Feuilleton.
Parfüm.
Plauderei von M. Kofsak.
Bor mir liegt ein in Saffian gebundenes Büchlein, das aus dem Nachlaß einer alten Freundin stammt. Ich schlage es auf — lauter vergilbte, lose Blätter, auf deren ersten eine goldene, mit Rosen und Vergißmeinnicht umwundene Lyra gestickt ist — auf den folgenden stehen Verse geschrieben, unter jedem ein Name. Neben den meisten befindet sich ein kleines Kreuz. Wie ich die Blätter wende, weht mir ein schwacher Heliotropduft entgegen. Ich athme ihn ei», und unwillkürlich tritt sie, der das Stammbuch gehörte, vor mein geistiges Auge — eine niädchenhaft schlanke Gestalt mit schneeweißen Locken, scheiteln, feingeschnittenen Zügen und einem weichen, blassen Mund. Ich sehe, wie sie sich mit geräuschlosen Schritten durchs Zimmer bewegt, auf dem alten Lehnstuhl am Fenster niedersetzt und die blauen, jung- geblieöenen Augen zu dem Bilde über ihrem Nähtisch er- hebt. Es stellt einen blühend schönen jungen Mann in OfftzierSuniform dar — ein Kranz von Immortellen und Moos umgiebt eS, und in einer Ecke des RahmenS steckt ein Heltotropsträußchen. Der Offizier war ihr Bräuttgam, der kurz vor der Hochzeit ertrank, als er ein Kind auS den Fluthen retten wollte. Von allen Blumen liebte er die Heltotropblüthen am meisten, und darum schmückte sie, seine Verlobte, bis zu ihrem Todestage sein Portrait mit den blaßlila Dolden und legte ein Zweiglein davon in ihre Papiere, ihre Wäsche und Kleider. Der süße vanillenarttge Duft war unzertrennlich von ihr. Um Alles in der Welt hätte sie ihn nicht missen mögen, hielt er ihr doch in jedem Augenblick die Erinnerung an gestorbenes Glück, verlorene Liebe gegen- wärttg. Die sie im Sarge gesehen, meinten, er hätte ihr auch da noch angehaftet.
Es ist das eine einfache Geschichte und sehr alt
modisch und sentimental dabei, aber — sie zeigt, um wieviel poetischer die älteren Generationen empfanden, als wir Kinder der Neuzeit. Was unsere Herzen in Freud' und Leid schlagen läßt, fühlen wir so stark wie sie, aber unser Thun und Treiben bleibt weniger davon berührt. Unsere Gewohnheiten regeln sich nach praktischen Bedürfnissen, aber nicht nach Herzenserlebnissen. Wem von uns würde es einfallen, mit einer Blume oder einem Duft, den eine uns theure Person gern gehabt, vor aller Welt einen Kultus zu treiben? Wir verschmerzen ihren Verlust vielleicht niemals, und wenn in einsamen Stunden die Erinnerung an sie uns das Herz beschwert, so mag es auch sein, daß wir jenen ihren Lieblingsduft zu schüren meinen — nehmen wir aber bald hinterher den Refraichisseur zur Hand, um unsere Zimmer mit Wohlgeruch zu erfüllen, so thun wir Fichten- oder Tannennadeln-Extrakt hinein. Das Parfüm ist uns eben lediglich ein Attribut verfeinerten Kulturlebens oder ein ästhetisches Bedürfniß. Oft auch dies letztere nicht einmal, denn viele Leute empfinden es direkt als störend; wenn sie nicht daran gewöhnt sind, verursacht es ihnen Kopfschmerzen. Trotzdem aber gießen sie sich's, wenn sie Bälle und Gesellschaften besuchen oder Visiten abstatten, allemal aufs Taschentuch, auf Hände und Schulter. Die Mode will es nun einmal so.
Zum Glück bevorzugt sie in letzter Zeit weniger die aufdringlichen paffchouliartigen Wohlgerüche, als jene ländlichen, wie den eben erwähnten Fichten- und Tannennadelduft, oder auch New-mown-Hay. Diese sind diskreter und greifen daher auch die Nerven nicht so sehr an. Freilich müssen sie von bester Qualität sein, sonst haben sie entweder etwas unangenehm Harzartiges oder sie gemahnen stark an Präserven. Dies letztere läßt sich zumeist bei New-mown-Hay beobachten, welches in schlechter Bereitung unserer Phantasie nicht frisch gemäht? Wiesen, sondern dürre Heuhaufen und Herbarien vorzaubert.
Wiederholt hat man darüber gestritten, warum die genannten Parfüms nur für Herren als fashionable
gelten. Die Antwort, welche ich von kompetenter Seite hierauf erhielt, lautete wunderlich genug. Der Weltmann comme il faut nämlich — so behauptete man — rauche einerseits mit Vorliebe türkische Cigaretten und führe andererseits verschiedentliche Etuis und Täschchen aus echtem Juchtenleder bei sich, woher er denn stets von einem aus diesen beiden Dingen gemischten Odeur begleitet würde. Mit diesem aber solle sich zarter Blumenduft nicht vertragen, während dagegen Wald- und Wiesengeruch vortrefflich dazu patzten. Ob diese Erklärung richtig ist, vermag ich nicht anzugeben, Thatsache aber ist, daß ein Herr, welcher die Mode — und zwar die Mode im weitesten Sinne — zu seinem Studium gemacht — sich seinen Gehrock oder Smoking nicht leicht mit Reseda-, Veilchen- oder Nille Leuns-Essenz begießen wird. Eher noch den Frack, den er zum Ball trägt — zumal wenn er noch in sehr jugendlichem Alter steht. Uebrigens ist ihm auch dann von allen Blumenkästen der der Maiblumen im Grunde der einzig erlaubte.
Damen dagegen haben eine weitaus größere Auswahl zur Verfügung. Zwar außerordentlich abweichend sind die Ansichten über das ihnen Zustehende ebenfalls. Während die Einen es für chic halten, das jeweilig modernste Parfüm zu benutzen, huldigen Andere der Ansicht, daß es vornehmer wäre, niemals damit zu wechseln. Es soll gleich einer Devise sein, welche bis zu einem gewissen Grade bestimmt ist von dem Charakter und Temperament Derjenigen, welche sie sich erkoren, Zeugniß abzulegen. Ob dieser Zweck stets erfüllt wird, ist eine andere Frage, denn — wer kennt sich selbst so genau? Jedenfalls giebt der Brauch Gelegenheit zu allerhand feinen Kombinationen und Gedanken, spielereien. So erzählt man von einer Dame der römischen haute votee, welche vermuthlich stolz auf ihre eigenartige Persönlichkeit ist und dieselbe an körperlichen Reizen und Gaben des Geistes für alleinstehend in der Welt hält- daß sie sich ihr Parfüm in einer von ihr errichteten Fabrik bereiten läßt. Die dazu verwertheten, seltsam und berauschend duftenden Blumen — eine
