so. Jahrgang.
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Uo 432. Redaktions.FernfPrecher Nv. 52. Dienstag, d«N 16. SeptemKek.
Berlags-Fernsprechcr No. 2266.
1902.
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Abend-Ausgabe.
Die Folgen der Flrischtheuerung.
Von l)r. Paul Mombert.
Aus allen Gegenden Deutschlands kommen Nachrichten über ein kolossales Steigen der Fleischpreise, von allen Seiten hört man von Petitionen an die Reichsregierung, die eine Oeffnung der Grenzen verlangen, Per- sammlungen werden abgehalten, um im gleichen Sinne zu wirken.
Ueber die Ursachen dieser Erscheinung besteht in unparteiischen Kreisen nur eine Meinung. Das weite Entgegenkommen der Reichsregierung gegenüber den agrarischen Forderungen hat die Einfuhr von Dich, vor allem von Schweinen, durch hohe Untersuchungsgebühren und andere Maßregeln derart erschwert, daß sie ungemein zurückgegangen ist. Demgegenüber ist die deutsche Land- wirchschaft trotz der lohnenden Preise nicht im Stande gewesen, den Ausfall zu decken. In den öffentlichenSchlacht- Hausern ist die Zahl der Schweineschlachtungen allent- halben geringer geworden. Um nur lvenige Beispiele hervorzuheben, betrug während der ersten sechs Monate des Jahres 1902 die Zahl der Schlachtungen in Berlin 34,408 Stück oder 8 pCt. weniger als in der gleichen Zeit des Vorjahres; in München innerhalb der nämlichen Zeit 12,545 Stück weniger. Auch die Fleischeinfuhr ist stark zurückgegangen. Noch im Jahre 1898 wurden aus Amerika über Hamburg 305,300 Doppel-Centner ge- räuchcrtes und gesalzenes Fleisch eingeführt, 1901 dagegen nur 128,800 Doppel-Centner.
So ist es nicht zu verwundern, wenn die Preise überall, im Groß- und Kleinhandel, in raschem Steigen begriffen find. So kosteten in Berlin Schweine 1. Qualität pro Doppel-Centner
1899 . . . 97,9 Mk.
1900 . . . 99,7 Mk.
1901 . . . 116,1 Mk.
Im Durchschnitt des ersten Vierteljahres 1902 dagegen schon 123 Mk., also über 25 pCt. mehr als 1899.
Ein Steigen der Preise birgt nun keine Gefahr in sich, wenn es in den Zeiten einer gutpn Konjunktur erfolgt und mit Lohnsteigerungen der Industriearbeiter Hand in Hand geht. Zwischen beiden Erscheinungen ist auch insofern wohl oft einZusammenhang möglich, als mit einem Steigen der Löhne der Fleischkonsum der unbemittelteren Klassen zunimmt und diese gesttegene Nachfrage höhere Preise nach sich zieht.
Aber von einer derartigen Sachlage sind wir heute so entfernt wie nur möglich. Ueberall herrscht große Arbeitslosigkeit, täglich liest man von Arbeiter entlass-
ungen und Lohnherabsetzungen. Kamen doch nach der Berichterstattung des „Arbeitsmarktes" im Juli d. I., also in der denkbar besten Jahreszeit, auf 100 offene Stellen 163,4 Arbeitsuchende. Nach dem neuesten Handelskammerbericht Ruhrort betrugen, um nur ein Beispiel hervorzuheben, in den dortigen Eisenhütten-,. Stahl- und Walzwerken die Durchschnittslöhnc im Jahre 1900 1440 Mk., 1901 dagegen nur 1386 Mk.
Die schlechte Lage des Arbeitsmarktes zeigt sich auch bereits in einer verstärkten Auswanderung. In den ersten 7 Monaten des Jahres 1902 sind 6421 oder 43,5 pCt. mehr Deutsche über Hamburg und Bremen ausgewandert als in dem gleichen Zeitraum des Vorjahres; gegen 1899 beträgt die Zunahme sogar nahezu 53 pCt.
Und in einer derartigen Zeit, wo auch ohne gesttegene Lebensmittelpreise die Lebenshaltung von Millionen im Sinken begriffen ist, kommt noch eine derartige Fleischtheuerung hinzu.
Mit niedrigeren Löhnen solleil die Arbeiter die höheren Preise bezahlen.
Aber hierin läge gar nicht die Hauptgefahr, die zu erwarten ist; denn man kann mit Bestimmtheit voraus- sagen, daß als Folge der Fleischtheuerung ein Rückgang des Fleischkonsums eintreten wird. Was dies aber bedeutet, wird dann klar, wenn man sich vor Augen hält, daß an uird für sich schon in weiten Kreisen unseres Volkes eine bedrohliche Unterernährung stattfindet. Neuere Untersuchungen haben an der Hand von zahlreichen Arbeiterbudgets gezeigt, daß der Fleischkonsum innerhalb der Arbeiterschaft ein ungemein geringer ist. So fand ein Volkswirth im Durchschnitt für 75 Arbeiterfamilien auf die erwachsene Person einen solchen von nur 55,3 Gramm täglich, und dies bei recht hochgclohnten Arbeitern, da das Durchschnittsseinkommen dieser Familien jährlich 1136 Mk. beträgt. Wie gering dieser Konsum ist, ergiebt sich allein schon daraus, daß die tägliche normale Merschratton in den heimischen Häfen für den deutschen Marinesoldaten 335 Gramm, also mehr als das Sechsfache beträgt. Auch l)r. weck. Grotjahn (Ueber Wandlungen in der Volksernährung, Leipzig, 1902) ist zu analogen Ergebnissen gelangt.
Man darf nicht glauben, daß die Belastung des Arbeiterbudgets durch die gesttegenen Lebensmittelpreise nur eine geringfügige sei. Nimmt man für eine fünf- köpfige Familie einen täglichen Konsum von V 2 Pf.Fleisch eit, so bedeutet bei einem Fleischpreise von 60 Pf. pro Pfund und einer 20-procentigen Preissteigerung dies eine jährliche Mehrbelastung von 21,90 Mk., d. h. wohl mehr als den Betrag einer monatlichen Wohmmgsmiethc.
Der einzige Ausweg ist — denn bei den heutigen Löhnen kann der Arbeiter an anderen Dingen kaum sparen — ein Rückgang des Fleischkonsums.
Bei dem hier gewählten Beispiel mußte der Konsum auf täglich 208 Gramm zurückgehen, wenn Mehraus
gaben vermieden werden sollten. Plan darf die Folgen einer derartigen Unterernährung nicht zu leicht nehmen-
Es sei hier nur auf die geringere Widerstandsfähigkeit eines schlcchtgenährten Körpers gegenüber Krankheiten hiugewicseu und auf den allbekannten, ntmerdings wieder nachgewiesenen Zusammenhang, der zwischen den Lebensprciseu und der Kriminalität besteht. Auch die Frage der Wehrfähigkeit der deutschen Bevölkerung spielt hier eine Rolle und auch die Konkurrenzfähigkeit unserer Industrie ist in sehr hohem Grade von der guten oder schlechten Ernährung der Arbeiterschaft abhängig, da ein gut und kräftig ernährter Körper die Grundbedingung für eine hohe Arbeitsintensität ist.
Um so mehr Beachtung muß man aber der jetzigen Fleischtheuerung schenken, als sie nur ein gelindes Vor- spiel dessen ist, was unser wartet, weiin einst die exorbi- tanken Sätze des Zolltarifentwurfs Geltung haben werden.
Ein Gutes können aber diese ungeheuerlichen Zu- stände doch bewirken, wenn sie zur Folge haben, daß das deutsche Bürgerthum aus seiner Lethargie aufgerüttelt wird und es an seinem eigenen Leibe erfährt, daß in solchen Zeiten Ruhe nicht mehr die erste Bürgerpflicht ist. Tenn weit hinein in alle Kreise unseres Volkes wird man diese Fleischtheurung auf das Empfindlichste verspüren. Es ist an derZeit, daß auch dieseKreise von den Agrariern lernen, daß man schreien, schreien und wieder schreien muß, wenn man es vermeiden will in diesen Zeiten scharfer wirthschaftlicher Interessengegensätze unter dis Räder zu kommen.
Deutsches Deich.
Rcdaktionswcchscl bei der „Offiziösen".
L. 58 e 1 1 i n , 15. September.
Der Personenwechsel in der Leitung der „N. A. Z.", von dem schon seit Wochen hier die Rede ist, hat nunmehr begonnen, vollzieht sich aber etwas schwerfällig. Der bisherige Chefredakteur des Regierungsblattes, Geheimer Hofrath Dr. Wilhelm Lauser, zeichnet nicht mehr ver- antwortlich. In der Nummer vom 13. September war zum letzten Mal sein Name zu lesen, in der Nummer vom 15. September zeichnet „in Verttetung" Graf Westarps Also Herr Lauser ist gegangen, aber Herr Hugo Jakobi, sein Nachfolger, ist noch nicht gekommen. Er dürste spätestens am 1. Oktober die Leftung der „N. A. Z." übernehmen. Das Ereigniß wird den Draußenstehenden überwiegend als ziemlich belanglos erscheinen, und es giebt ja auch wirklich wichtigere Dinge in der Welt, aber ganz bedeutungslos ist der Redaktionswechsel doch nicht. Wie man weiß, hat der neue Chefredakteur viele Jahre in naher Beziehung zum Hause Bismarck gestanden und die „Berliner Neuesten Nachrichten", deren Leiter er bis
In der Dunkelkammer.
Auch eine Kriminalgeschichte.
Bon Robert Kohlrausch.
(13. Fortsetzung.)
„Sehr diskret scheinen Sie nicht zu sein, Herr von Soratroy."
„Fräulein von Gebhardt!"
Sie stand vor ihm und funkelte ihn an mit zornigen Augssn. Ein herber Klang war in ihrer Sttmme, ein hochmüthiger Zug um ihren Mund. Xaver war aufge- sprungen; Schuldbewußtfein, Mißtrauen und plötzlich er- wachteEifersucht — sie als lebhaftestesGefuhl von allen — kämpften in feinem Herzen.
„Um Entschuldigung habe ich Sie allerdings zu bitten", sagte er nach einer kleinen Pause desSuchens nach Worten. „Ich thue das hiermit feierlichst und demüthtg- lichst. Und wenn in der Regel ein offen daliegendes Album auch keine Geheimnisse zu bergen vflegt, so war es doch indiskret von mir, dies Bild hier, das Sie verbergen wollten, ans Licht zu ziehen. Aber wenn ich ein Unrecht begangen habe — sagen Sie mir, gnädiges Fräulein, ist Ihn Gewissen völlig rem mir gegenüber?"
Einen Moment schien sie zu schwanken, was sie ihm antworten solle. Sie faßte nach einer der Chrysanthe- mumblüthen und richtete die Augen darauf, gedankenverloren, wohl ohne sie zu scheu. Dann warf sie den Kopf zurück; Energre und Stolz lagen in dieser Bewegung.
„Ich möchte jede weitere Erörterung über diese Angelegenheit vermieden wissen", sagte sie mit dem gleichen herben Tone wie zuvor.
„Soll das heißen — ja, machen Sie sich auch klar, was das heißt?"
„Vollkommen klar."
„Auch daß Sie vielleicht die Entdeckung eines Verbrechens hindern, indem Sie schweigen?"
„Ich weiß, was ich thue."
„Nein, lassen Sie mich's Ihnen wenigstens noch einmal klar machen. Alois Hirlinger ist verfchjvunden, man
vermuthet, daß er ermordet wurde. Unter seinen Sachen finde ich eine Photographie Ihrer Villa; ich komme hierher und frage Sie, oh Sie ihn kennen, ihn gekannt haben. Sie verneinen mir's, und jetzt ~ jetzt finde ich sein Bild in Ihrem Album! Bedenken Sie doch, daß Sie vielleicht die Einzige sind, die uns helfen kann, eine Spur des Verlorenen zu finden, ein Verbrechen ans Licht zu ziehen, das sonst im Dunkel bleibt!"
Eine rafche und überraschende Veränderung ging bei seinen pathettschen Worten mit ihr vor. Sie stellte sich ihm gegenüber hinter emen Stuhl, stützte ihre Hände auf die Lehne und matz Xaver, so ein wenig zu ihm hinübergebeugt, mtt einem feinem klugen, etwas malftiösen Lächeln.
„Sie interessiren sich ja mit einemmale ganz ungeheuer für den Verschwundenen", sagte sie leise, aber mit nach- drücklicher Betonung jedes Wortes. „Als Sie zuerst hier waren, fragte ich Sie, ob Sie sein Freund wären. Sie antworteten mir in ziemlich gleichgiltigem Tone: „Nein, ich bin nur sein Tischgenosse gewesen". Darf ich Sie auf die Differenz aufmerksam machen, die zwischen Ihrem damaligen und Ihrem jetzigen Verhalten besteht?"
Sie hatte ihn durchschaut, — er empfand es mit heißem Aerger. Nein, Alois Hirlingers Geschick war es wirklich nicht, was ihm das Blut erhitzte, das Herz klopfen ließ und ihn beredt machte weit über feine gewohnte Art hinaus. Die Eifersucht war es, die aus ihm sprach, ein beim Anblick des verborgenen Bildes in ihm erwachtes Gefühl, das er in solcher Stärke noch niemals gekannt hatte. Nicht die Entdeckung des möglichen Verbrechens lag ihm am Herzen, nein, nur die Beantwortung der Frage: „In welcher Beziehung hat der Verschwundene zu Marga von Gebhardt gestanden?" Aber daß sie mit dem scharfen Blick weiblicher Eitelkeit hinter all den'vorgeschobenen edlen Empfindungen seines Herzens das wahre, heiße, selbstsüchtige Gefühl herausgefunden hatte, das machte ihn wild und ließ ihn die Unwahrheit nur noch lebhafter verfechten.
„Und wenn er mir der gleichgültigste, fremdeste Mensch von der Welt wäre, wenn ich nichts von ihm wüßte, als seinen Namen, — ich wäre doch ein Barbar, wenn ich nicht
Alles daran setzte, die Sache aufzuklären, nachdem mir
der Zufall in so wunderbarer Weise den Weg dazu gewiesen hat."
,',Mir wäre es lieber, Sie blieben ein Barbar", sagte sie mit dem hübschen, malittösen Lächeln, das ihn zugleich entzückte und wüthend machte.
„Soll das bedeuten —"
„Ja, das soll bedeuten, daß wir auf ein ferneres Bei- sammensein verzichten müfsen, wenn Sie darauf bestehen, die Sache noch weiter zu erörtern. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich nicht mehr davon zu sprechen wünsche."
„Tann bleibt mir nichts Anderes übrig, als mich zu empfehlen."
„Ich bedauere das lebhaft, aber —." Ein Achselzucken, halb höflich, halb spötttsch, ergänzte ihre Worte, und Xaver wandte sich zum Gehen. Bis zur Thür kam er auch wirklich, dort machte er Halt. Ein Engel mit feurigem Schwerte stand nicht davor, aber trotzdem fühlte er sich wie der aus emem Paradiese Verbannte. Was galt ihm Alois Hirlinger, was die Entdeckung des Geheimnisses, was die Sühne eines immerhin nur mög- lichen Verbrechens, wenn er sich das Alles mit der Entfernung aus diesem Reiche der Schönheit und des Glückes erkaufen mußte! Für ein einziges Haar von Marga von Gebhardts Scheitel gab er den ganzen Alois Hirlinger und seine Tante aus Schwabmünchen dazu' Was hatte er sich überhaupt in diese Geschichte zu mischen, die ihn im Grunde nichts anging? Wenn Hirlinger so unvorsichtig gewesen war, sich umbringen zu lassen, warum hatte er sich nicht befser vorgesehen? Sollte er —- Xaver von Soratroy — für orese unverantwortliche Unvorsichtig, keit büßen, sich selbst verbannen von einer Stelle, die ihm schon jetzt wie eine altgewohnte, liebste Heimaths- ftätte erschien? Langsam wandte er sich wieder zu Marga um. „Gnädiges Fräulein?"
„Herr von Soratroy?"
„Nennen Sie mir Ihre Friedensbedingungen!"
„Ich habe sie bereits genannt."
„Also?"
„Alfa: wir können gute Freunde bleiben, oder, da Sie mit dem Worte „Freunde" so sparsam umgehen —",
