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Beilage zum Wiesbadener Tagklatt.

Uo. 427. Morgen-Ausgabe. Samstag, den 13. September. 50. Jahrgang. 1962.

ersten Ranges? Die entfaltet sich jetzt erst — aufblühende Rose im ersten Morgenthau." — „Danke schön", habe ich ihnen der Reihe nach erwidert, „der gute Kamerad, die Olly, kann's hören — die ist abgebrüht und über jeden Neid erhaben." „Na, aber selbstverständlich", hieß es dann, „was wir über Sie denken, das brauchen wir nicht mehr zu sagen, das wissen Sie." Schönes Kompliment, ich weiß es ganz genau, freilich — meine Schönheit ist „borg de concours", und im Uebrigen — im Stiche ließe mich Keiner, festen Handschlag und gute Kamerad­schaft. Prosit! Herr Oberstaatsanwalt — Herr Loki, wie ich Sie fortan nennen werde, brillant zutreffend."

Sie trank mit blitzenden Augen ein Glas Sekt nach dkm anderen und stieß munter mit Allen der Reihe nach an. Darin vermochte Irmgard es ihr nicht gleich zu thun, sie nippte nur an ihrem Glas, und Liconius lenkte ge­flissentlich die Aufmerksamkeit von ihr ab.

Ihre Blicke waren nur einmal in die Richtung ge­flogen, wo das meergrüne Gewand schimmerte. Ar Werner saß unmittelbar daneben. War es klug gewesen, daß sie hierher kam?

Die Paare reihten sich zum Tanz. Auch Irmgard war in den Tanzsaal getreten und wurde bald von Tänzern umringt. Beflissener denn sonst drängten sie sich zu ihr. Mit Kurt Theden schwebt sie zuerst durch die Reihen, die sorglose, glückliche Jugend leuchtete aus den Augen des bartlosen Jünglings, strahlend und stolz führte er sie durch den Wirbel, und sie kam sich so ge­spenstisch alt vor neben ihm.

Sie sah Alles um sich her wie durch einen Nebel — ihren Gatten mit der meergrünen Schlange im Arm, im rasenden Walzertempo-— es war ein Spuk.

Und auch sie drehte sich und wirbelte über den glatten Boden, dann mit Diesem, dann mit Jenem, lachte, schwatzte, und ihr war, als müßte sie endlich aufschreien und erwachen aus diesem tollen Traum. In ihren Schläfen hämmerte es, ihre Wangen glühten wie im Fieber.

In einer Pause stahl sie sich fort, sie konnte es nicht länger ertragen, sie mußte aus diesem Gewühl heraus. Wo war Werner? Flüchtig hatte er sie noch einmal vor dem Essen ausgesucht, um sich zu überzeugen, daß sie ver­sorgt sei, jetzt hatte sie schon eine Weile nach ihm gespäht, er war nicht im Saale.

Die Gräfin saß, von einem Herrentroß umringt, drüben auf dem Divan und fächelte sich mit ihrem weißen Maraboutfächer Kühlung.

Irmgard schritt zagend vorwärts durch den Raum, wo das Büffet aufgestellt gewesen war, und wo es wüst und widerwärtig aussah. Das hübsche, farbenreiche Ge­bilde zerstört, welke Blüthen und Blätter am Boden, ein widerlicher Geruch von Speisen, in den sich Wein- und Bierdünste mischten. Die Ordonnanzen waren geschäftig, Reste zu vertilgen, angebrochene Flaschen zu leeren, und wichen scheu zurück, als sie hastig an ihnen vorüberglitt.

Sie erinnerte sich nicht mehr genau der Lokalität von ihrem früheren Rundgang her, ihr Kopf war zu wüst und wirr; hier mußte irgendwo der Lesesaal sein, in dem sich sicher Niemand befand. Sie eilte wie gejagt vorwärts, vernahm hinter der nächsten Thür Stimmen, wandte sich angstvoll zurück und öffnete die gegenüberliegende Thür.

Gottlob, hier war es leer. Ein paar matt leuchtende Tulpen brannten an den Wänden; sie stand im Lesesaal, und dort war die Thür zum Balkon geöffnet. Die Frische der Augustnacht strömte herein, Kühlung, Sülle — das that wohl.

Sie hate, als sie den Saal verließ, den weißen, schwan­besetzten Kragen mit sich genommen, sie warf ihn um die Schultern und trat, tief Äthem schöpfend, auf den Altan hinaus. Das erfrischte. Wenn sie nur ihren Mann zu finden wüßte! Seine Obliegenheiten hier waren beendet, vielleicht war auch er müde, jedenfalls würde er ihrem Wunsche willfahren und mit ihr nach Hause gehen. Er hatte auch morgen einen anstrengenden Tag.

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(28. Fortsetzung.)

Versuchung.

Roman von Alexander Römer.

Liconius stand wie ein Bild von Stein. Nur seine düsterenAugen flammten in einem sonderbaren spöttischen Gefunkel, das selbst diese hartgesottene Weltdame aus dem Conzept brachte. Ihr mattes weißes Gesicht färbte sich.

„Sie thun mir vielChre an, Gnädigste", tönteLiconius' weittragendeSümme mit fast wiehernd höhnischemKlang, „aber neben dem Loki hätte die bleiche Hel gefehlt, und Ihnen lag die Sieglinde in Blut und Nerven. Erlauben Sie, daß auch ich Ihnen mein Kompliment mache."

Es wurde unheimlich still in der Runde. Irmgard zitterte am ganzen Leibe. Sie hatte die Rede der Bos­haften verstanden, sie fühlte die Unbill, die ihr persönlich angethan wurde, und ihre umflorten Augen suchten ihren Gatten. Sie konnte ihn nicht entdecken.

Stand er so entfernt, daß er nicht sah und hörte, wie sein Weib beleidigt wurde, wie ein Anderer es übernahm, sie zu schützen und zu rächen?

Me Gräfin hatte laut aufgelacht und war vorüber- geschritten: ihr meergrünes Gewand schimmerte zwischen einem Gewirr von Uniformen.

Kleine Tische waren hergerichtet; die Herren stürmten das Büffet, versorgten ihre Damen und sich selbst.

Liconius war an Irmgards Seite getreten.

„Wollen Sie mir eine Gnade gewähren?" raunte er.

Sie sah verstört zu ihm auf.

Seine Miene war die eines Biedermannes. Man würde ihn in diesem Augenblicke nicht mit Loki verglichen haben. Ein freundliches, heiteres Lächeln spielte um den so oft in beißendem Spott zuckenden Mund.

„Machen Sie ein recht vergnügtes Gesicht", bat er. „Seien wir doch fröhlich, der Stunde angemessen. Kennen Sie das niedliche Legendchen von Rudolf Baum­bach: „Me Englein auf der Teufelswiese"? Tie kleinen Teuflein verstehen es gar arüg, ihr Schwänzlein unter den Arm zu nehmen, wenn sie mit den Englein spielen wollen, und hier finden sich allerlei solche verborgene Schwänzchen. Gelegentlich nur, wenn sie sich mal ver­gessen, wie es da vorhin passirte, kommt es zum Vorschein, und dann zeigen sich gleich der Pferdefuß und der üble Geruch. Lassen Sie uns rasch aus dieser fatalen Luft kommen."

Er sagte es sehr launig, und sie lachte über seine hübsche Geschichte. Er führte sie an den rsservirten Tisch, wo Olly Haake, die Majorin Straub, Kurt Theden und noch ein paar Oberleutnants schon in ausgelassener Laune saßen.

Liconius wurde von Olly stürmisch begrüßt; sie be­handelte chn in ihrer burschikosen Weise, und er ging voll auf ihren Ton ein.

Irmgard, der es in dieser Gesellschaft leicht gemacht wurde, sich zu fassen, folgte dem Rath, den ihr Freund — denn so betrachtete sieLiconius mitüerweile ----- ihr ertbcilt hatte. Sie lachte und machte ein sehr vergnügtes Gesicht.

„Sie famoses kleines Frauchen", sagte Olly, „wenn Sie mal aufthauen, sind Sie zum Küssen. Ich habe Sie im Verdacht, daß Sie lange Zeit uns Allen nicht ttauten und darum wie ein kalter Eisberg unnahbar blieben. Heut sind Sie warm und so bildschön, daß die ganze Ge­sellschaft baff ist. Ich hab's wirklich gut gehabt, jeder Herr sagt mir: „Sicht die Frau v. Althoff nicht aus wie ein Märchen, entzückend, pyramidal, prächüg, eine Beautd

Sie fühlte sich sehr abgespannt, müde und elend, fl* wollte den bitteren, schweren Gedanken, die in ihr wühl­ten, nicht Raum geben, sie beschloß, zurückzugchen undi eine der Ordonnanzen nach ihrem Manne zu senden.

Da flüchtete sie erschreckt auf den Altan zurück, die Thür, durch die sie gekommen war, öffnete sich, und zwei Personen traten ein. Es zuckte wie ein elektrischer Schlag durch ihre Glieder — die Gräfin und ihr Werner!

Sie erkannte die Beiden deutlich in dem dämmernde» Licht, das den weiten Raum nur nothdürfttg erhellte.

Sie sprachen lebhaft, die Gräfin eilte rasch bis Altan, blieb aber einige Schritte vor demselben st> und lehnte die Thür au

„Ich Bin zu warm, um hinausgehen zu können, setzen wir uns hier, Werner. Also schwere Abschiedsstinrmung

— wir hoffen doch Beide, die Trennung dauert nrcht

lange." „ „ .

Jpmgard stand draußen an den Pfeiler gelehnt, un­fähig, sich zu rühren. Es tobte so wild und wahnsinmg in ihrem Hirn, daß sie nichts Klares zu denken vermochte.

Werner! Diese Frau nannte ihren Galten vertrau- lich beim Vornamen — was war dies Alles? Traum, wilder Spuk? Sie zitterte so, daß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte. Es flog ihr wirr durch den Kopf, daß sie hineingehen, ihre Anwesenheit kund geben müsse

— aber sie rührte sich nicht.

Die Beiden saßen da drinnen hinter der angelehnten Thür auf dem Divan unter dem Fenster. Das Brausen vor ihren Ohren übertönte die Worte, die gesprochen wur- den. Sie verstand nichts, und doch sprachen die da drrnnen laut, denn sie glaubten sich allein. ,

„Werner, seien Sie doch vernünftig, meme Hände schmerzen von Ihren Küssen. Wie Ihre Lippen brennen

— rufjtg Blut, sage ich. Seien Sie doch still, ich sorge schon dafür, daß Sie mir bald Nachkommen."

Die ihr von jeher so unsympathische Stimme der Gräfin traf ihr Ohr; sie hörte mit schneidender Deullich- kett und Klarheit.

„Wenn nur die Frau nicht wäre! Sagen Sie mir um Gottes willen, Mann, wie kamen Sie eigenllich zu dreser Frau? Am ersten Tage, da ich Sie beisammen sah, be- griff ich es nicht. Sie, der schneidige, gescherdte Mensch mit dem lebhaften Geiste, dem energischen Sieben, und dieses zahme Gänschen. Süll! Ich weiß es ja, Sre sterben vor Langeweile. Wer da in Berlin, da hemmt diese Frau Sie geradezu, da ist sie Ihnen ein Klotz am Bem, das sage ich Ihnen vorher." ,

Werner Althoff stöhnte, er sprang mit einer leiden, schaftlichen Geberde empor. „Ja, wenn man das wüßte, wie man zu solchen dummen Streichen kommt! Qualen Sie mich doch nicht noch mehr heute Wend, Pepi. Ich war verliebt damals in die knospenhafte Jugend-

Me Gräfin lachte hell auf. „Ja, richttg, das weiße Blatts Ihr maßlos eitlen Männer, ein Gott wollt Ihr sein, angebetet werden, schöpferisch eine Seele bilden — ich kenne das genau. Hernach langweilt Ihr Euch zu Tode bei der ewigen Anbetung, liegt aber an der Kette, die Ihr unzerreißbar Euch selbst schmiedet. Sagen Sie mir, ist das kleine Frauchen eigentlich heute noch harm­los? Sie sind wirklich unvorsichtig genug, aber sie hat kaum so viel Grips, um eifersüchtig sein zu kormen. Und dabei ein Liconius als Hausfreund." Sie lachte schrill auf. „Was der Undurchdringliche damit bezweckt, ist mir

einstweilen noch unklar." , , , .

„Pepi!" Der Ton kam dumpf, wie m unterdrückter Leidenschaft — ob Zorn, ob Liebe — von Werner Althoffs Lippen.

„Schatz, sachte, sachte! Ein brssel Nachdenken — die kleine interessante Avcntüre könnt' Sie am Ende frei machen." . „

Die Altanthür glitt auseinander, wie von Geister- Hand gerührt. Eine weiße Gestalt schritt vorüber an den Beiden, wie ein Gespenst anzuschauen in dem fahlen Licht.

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Er giebt leinen wirklich großen Mann, dxr nicht liberal ß wäre. Der Grad, in welchem er die Freiheit liebt, steht bei ^ Jedermann im Verhältniß zu der von ihm erreichten Stufe moralischer Erhebung. Cavour.