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febatowr iagblatt

so * Jahrgang»

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No. 426.

Redaktions-Fernsprecher N». 52.

Freitag» de« 12. September.

BerlagS-Fernsprechcr No. 2266.

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Abend-Ausgabe.

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Die Saison naht heran.

(Von unserem Berliner p-K orresponbenten.)

Berlin, den 11. September.

Vielleicht ist es eine Uebertreibung, wenn man dies­mal von einem Wiederbeginn der politischen Saison spricht, denn genau genommen hat die Saison in der Politik diesmal überhaupt nicht ausgehört. Offiziell freilich konnte man das Ende der politischen Saison auf den Tag verlegen, an dem die Mitglieder der Zolltarif- kommission nach beendigter erster Lesukig ihre Aktenbündel zusammenklappten und den ersten Zug nach der Heimath benutzten, _ erfüllt von jenem Gefühl, welches ein alter Dichter mit den Worten gekennzeichnet hat: Ist das Buch zu End' gebracht, der Schreiber einen Freudsprung macht!

Aber wenn auch nach denr ersten Drittel des August offiziell die politischen Ferien begannen, so traten sie doch offiziös noch nicht in die Erscheinung. Vielmehr erklärte die Politik sich in diesem Sommer gleichsam permanent, und die Kultur der sauren Gurke, welche sonst der saison- losen Hochsommerzeit ihren pikanten Beigeschmack giebt, konnte in diesem Sommer des politischen Mißvergnügens ebenso unterbleiben wie die Züchtung der berühmten See­schlange.

In der That wies diesmal sogar der August, in dem sonst die Politik ihren Sommerschlaf zu halten pflegt, eine Lebhaftigkeit auf, als ob wir uns mitten in der politischen Hochsaison befunden hätten. Da war auf dem Gebiet der inneren Politik der Kampf um den Zolltarif, der mit ungeschwächter Kraft fortgeführt wurde, der heftige Streit über die Fleischfrage, die scharfe Debatte über den Fall Löhning, und aus dem Gebiet der äußeren Politik ist es in dieser hochsommerlichen Zeit wenn mög­lich noch lebhafter hergegangen.

Hat somit die politische Saison diesmal genau ge­nommen eigentlich überhaupt kaum aufgehört, so kann man doch, wenn man ihr offizielles Ende auf den Schluß der Zolltarifkommissionsverhandlungen gesetzt hat, dem- entsprecheiid auch ihren Wiederbeginn auf den Tag des Wiederzusammentritts der Kommission verlegen, der be­reits binnen einer Woche erfolgt. Zur Zeit, gleichsam noch vor Thoresschicksalsschluß. hat sich in der That eine gewisse politische Ferienstimmung bemerkbar gemacht, da die Politiker für den bevorstehenden neuen Anlauf Athem schöpfen wollen. Der Kaiser wohnt zur Zeit den großen Manövern an der brandenburgisch-posen'schen Grenze Lei, der Reichskanzler Graf Bülow sammelt am Strands von Norderney Kräfte zu der großen Aktion, die ihm be- vorsteht, und auch die Minister und Staatssekretäre sind.

so weit sie nicht der Juristentag in Berlin festhält, noch fast durchweg in der Sommerfrische, in die der Kultus­minister vr. Studt und der Minister des Innern Freiherr v. Hammerstein sogar erst soeben abgereist sind.

Weht also zur Zeit ßi der Politik eine gewisse, wenn auch schwache Urlaubsluft, so wird es mit dieser in wenigen Tagen doch vorbei sein. Denn bereits am 18. September tritt die aus sieben Pditgliedern bestehende Subkommission der Zolltarifkommission zusammen, um zu bestimmen, was die Kommission in der zweiten Lesung bcrathen soll. Am 22. September tritt die Kommission selbst zusammen, um die zweite Lesung des Zolltarifs zu beginnen. Und bereits drei Wochen später, am 11. Ok­tober, nimmt auch der Reichstag seine Berathungen wieder auf, deren Kern- und Angelpunkt selbstverständlich die brennende Zolltariffrage bildet. Aber auch sonst wird die Politik sich im Oktober recht lebhaft gestalten, da bereits mehrere Parteitage für diesen Monat in Aussicht ge­nommen sind.

Was aus der brennendsten aller brennenden Fragen, der Zolltariffrage, werden wird, das ist jetzt, vor dem Be­ginn der zweiten Kommissionslesung, noch genau so un­klar, wie es vor dem Beginn der ersten Lesung war. Weder zwischen den verschiedenen Parteien, noch zwischen diesen und der Regierung hat irgend eine Annäherung in Bezug auf die streitigen Fragen stattgefundcn, sondern die Dinge stehen im Wesentlichen heute noch, wie sie zu Be­ginn der Zolltarifaktion standen. Ja, sowohl die Tonart wie die Stimmung ist auf Seiten der Agrarier schärfster Observanz noch schärfer geworden, sodatz sich zwischen der konservativen Partei und dem Bunde der Landwirthe bereits sehr wesentliche, allem Anschein nach im Wachsen begriffene Differenzen geltend .nachen.

Die Aussichten der Zolltarifvorlage sind jedenfalls um nichts günstiger geworden, als sie von vornherein waren, d. h. sie sind ganz außerordentlich ungünstig. Es liegt auf der Hand, daß eine Vorlage von fo ungeheurer Tragweite, wie es der Zolltarifentwurf ist, nur mit einer sehr starken Mehrheit zu Stande zu bringen ist. Wie und wo aber Angesichts der schroffen Gegensätze zwischen allen Parteien eine solche Mehrheit, für die vorläufig noch jede Basis fehlt, rekrutirt werden soll, das ist und bleibt bis auf Weiteres das Geheimniß der Regierung.

Deutsches Reich.

Die Eisenbahner.

Bei dem Ausstand der Rangircr in Cottbus muß man sich vor Allem darüber wundern, daß er überhaupt statt­finden konnte. Schon vor etwa Jahresfrist traf die Staatseisenbahnverwaltung strenge Anordnungen zur Verhütung der gewerkschafllichen Agitation unter den

Eisenbahnern. Jeder Angestellte, der stich einer gewerk­schaftlichen Organisation anschloß, wurde mit Entlassung bedroht, einzelne Direktionen verhängten diese Strafe so­gar schon für den bloßen Besuch gewerkschaftlicher Agitationsversammlungen. In anderen deutschen Staaten wurde das preußische Vorbild nachgeahmt. Wenn trotz­dem der Eisenbahnverband in Hamburg blüht und ge­deiht und seine Mitgliederzahl auf angeblich schon über 15,000 gebracht hat, so bedeutet das, daß die Maßregeln der Verwaltung dem angestrebten Zweck nicht entsprochen haben und wohl auch in Zukunft nicht entsprechen iverden. Es ist jedenfalls ein sehr bemerkenswerther Vorgang, daß sich hier ein Aktionscomitä der Berliner Eisenbahner bilden und mit einem Aufruf hervortreten konnte, worin es u. A. heißt, die nach Cottbus entsandten 75 Rangirer seien bewußt oder unbewußt ihren kämpfenden Kollegen in den Rücken gefallen. Solche Sprache und mehr noch die deutliche Vorbereitung einer umfassenden Organi­sation der Berliner Eisenbahner beweisen, daß die ange­messene Methode zur Verhinderung eines möglichen, un­absehbar unheilvollen Eisenbahnerstreiks erst noch gesucht werden muß. Es ist sehr beguem, Herrn Budde zuzu­rufen, wie das aus verschiedenen bürgerlichen Parteien, von links wie von rechts, geschieht, er möge den An­fängen widerstehen. Die Anfänge sind doch aber schon da, obwohl ihnen die Eisenbahnverwaltung gewiß mit dem ernstesten Willen widerstanden hat, und eine schon begonnene Bewegung dürfte schwerer einzudämmen sein als eine, die erst im Entsteh»: begriffen ist. Nun wird selbstverständlich weder morgen noch übermorgen ein Cisenbahnerausstand stattsinden, aber es kommt ja gar- nicht darauf an, die allerletzte, in dieser Entwickelung und in diesen Gegensätzen ruhende Möglichkeit mit der viel­berufenen eisernen Faust zu verhindern, sondern es kommt darauf an, friedliche und geordnete Zustände zu erhalten oder, wo sie fehlen, wiederherzustellen. Freilich handelt es sich hier um so schwerwiegendeProbleme, daß der mehr­fach gezogene Vergleich mit den Verhältnissen in der Post- Verwaltung nur sehr obenhin zutrifft. Die Macht, die streikende Postunterbeamte unter Umständen aufwendeu könnten, mag nicht gering sein, aber sie verschwindet gegenüber der Macht, die in den schwieligen Fäusten der Eisenbahner schlummert. Es könnte dies gewalsige Heer von Eisenbahnangestellten vielleicht einmal reizen, die un­geheure Wirkung auszukosten, die ihre Arbeitseinstellung auf das ganze Getriebe des wirthschaftlichen Lebens haben müßte. Weil die Verhältnisse Hier von ganz besonderer Art sind, darum wird die zweckmäßige Behandlung der bezüglichen Lohufragen immer als eine der heikelsten Aufgaben der Verwaltung betrachtet werden müssen, als eine Aufgabe, die viel Takt neben der allerdings unent­behrlichen Energie erfordert. Die kleine Flamme des Cottbuser Rangirerstreiks leuchtet trotz ihrer Geringfügig-

In der Dunkelkammer.

Auch eine Kriminalgeschicht c„

Won Robert Kohlrausch.

(10. Fortsetzung.)

Während Raver bei sich überlegte, in welcher Be­ziehung er selbst zu der großen Berliner Firma stehen möge, es aber wohlweislich vermied, durch irgend eine Antwort die offenbar klare Sachlage zu verwirren, be­trachtete er sich Herrn Gericke ein wenig genauer, der unterdessen' das Händeschütteln mit ermiidender Aus­dauer fortsetzte. Er hatte einen grauhaarigen Musiker­kopf, dessen Locken in noch ungeminderter Fülle von dem Mittelscheitel nach beiden Seiten niederfielen, die Ohren in wohlabgezirkeltem Halbkreis umgaben und unter ihnen so anmuthigen Spitzen iv-ieder hervorkamen. Das Ge­sicht war graugelb und faltig, oft von nervösem Muskel­spiel belebt; unter der scharfen und großen Nase hing ein grauer, langer Schnurrbart, der nach den Enden zu dicker wurde, so daß er hier in ein paar breite Büschel stuslief. Dieser Bart mit seiner martialischen Wirkung hob den friedlichen Eindruck der sanften Lockenfülle wieder auß und guch die grauen Augen konnten mitunter energisch, fast drohend blicken.

„O bitte, bitte!" sagte Raver jetzt, indem er seine Hand aus der Umklammerung des immer noch Schütteln­den frei machte. Er fürchtete, sein Arm möchte sonst in dessen Besitz bleiben und plötzlich für sich allein vor seinen Augen umhergeschlenkert werden. Herr Gericke ver­nichtete nicht ganz willig aus dies Vergnügen, tröstete sich 'jedoch, indem er ihm sechsmal hintereinander zunickte, 'und fragte dann: „Wollen Sie gleich die Maschinen be­sichtigen, oder wollen Sie sich erst ein wenig erfrischen? Nein, Sie sind zu Fuß gekommen, Sie sollen sich erst aus- äuhen und stärken. Entschuldigen Sie, wenn ich voran­gehe und Ihnen den Weg zeige; die Treppe ist ein wenig stteil, das erste Mal fällt man meistens herunter, aber man gewöhnt sich daran."

Cr ging eilig ins Haus voran, und während Raver sich anschickte, ihm bedächtiger zu folgen, trat Rebekka, die der Begrüßungsscene als stumme Zuschauerin beige-

wohnt hatte, nahe an ihn heran und flüsterte ihm zu: „Wenn er Ihnen Wasser anbietet, so trinken Sie es nicht. Es ist ungesund, — Typhus."

Weder die Aussicht auf die Treppe, die man beim ersten Male hinunterzufallen pflegte, noch die auf das Typhuswasser war sehr ermuthigend, Soratroys Neu­gierde auf die fernere Entwickelung der Dinge aber viel zu groß, als daß er sich dadurch hätte abschrecken lassen. So trat er kühn ins Haus, kniff die Augen erst ein wenig zu, um sie an das herrschende Dämmerlicht zu gewöhnen, und kam die sich ihm darbietende Hühnerleiter, deren Be­zeichnung als Treppe ein ungeheuerer Euphemismus war, glücklich hinauf.

Oben führte ihn Herr Gericke in ein kahles, weiß­gestrichenes, zweifenstriges Gemach, das sein Arbeits­zimmer vorzustellen schien. Ein Tisch mit Reißbrett stand vor einem der Fenster; eine Zeichnung, die aussah, als hätte ein dreijähriger Knabe sie mit schwarzer und rother Tinte zusammengekritzelt, war dort zu erblicken. Was sie darstellen sollte, vermochte Raver nicht zu ermitteln; ein paar Räder und Schrauben allein konnte er an­deutungsweise erkennen. Mit einer großen Anzahl ähn­licher kindlicher Zeichnungen waren die Wände bedeckt, an denen sie mit gelbblinkenden Reißnägeln sorgsam be­festigt waren; dazwischen aber war hier und da mit weit freierer Hand, sogar mit einer gewissen genialen Bosheit in Kohle eine Karikatur unmittelbar auf die Mauer ge­zeichnet. Unter einer fürchterlichen Fratze stand in schwarzen Riesenbuchstaben geschrieben: „Der Herr

Patentanwalt."

„Seit vierzehn Tagen warix ich nun auf Sie", sagte Herr Gericke und stürzte Raver durch diesen unerwarteten Sprung von sechsundzwanzig Jahren auf vierzehn Tage in erneute Verwirrung. Doch verließ er das Thema gleich wieder und wies einladend auf ein paar Stühle, die neben einem runden Tischchen standen, indem er 'hrn- zufügte: „Was darf ich Ihnen anbieten? Chateau Lafite oder Veuve Cliquot?"

Es waren liebliche Worte, die an Soratroys Ohr klangen, aber seine Augen erblickten auf dem Tische nichts als ein paar Gläser und zwei verschieden geschliffene, gefüllte Wasserflaschen. Rebekkas Warnung kam ihm in

den Sinn, und er beeilte sich, seinem gütigen Gastgeber mit großem Nachdruck zu erklären, daß er einen Tem- perenzler strengster Observanz vor sich habe. DieWirkung, die er damit erzielte, war jedoch sehr negativer Art; Gericke füllte zwei Gläser, bot ihm eins davon mit drohen­dem Augenfunkeln dar und sagte: Ein Glas müssen Sie unter allen Umständen trinken. Der Wein thut Ihnen nichts; er ist links herum abgelagert, es ist keine Spur von Alkohol darin."

Diese Behauptung erschien dem Aussehen der Flüssig­keit nach nicht unwahrscheinlich, dafür setzte Raver in Er­innerung an Rebekkas Worte das Glas mit der Em­pfindung an die Lippen, in eine Mörderhöhle gerathen zu sein, wo mit' allen Errungenschaften der modernen Bazillentheorie gearbeitet wurde. Vorsichtig vermied cr's einen Tropfen zu trinken, und näherte sich behutsam dem einen offenen Fenster, um den Inhalt des Glases hinauszugießen, während er Gerickes Aufmerksamkeit durch die Frage nach einer der Zeichnungen an der Wand ab^ulenken suchte. Ter aber warf nur einen flüchttgen Blick dorthin und sagte sehr ernsthaft: „Das kann ich Ihnen heute noch nicht erklären. Erst müssen wir zum Abschluß gekommen sein. Haben Sie den Vertrag mit­gebracht?"

Unter allerlei mühevollen Wendungen suchte Raver seine Verneinung in eine möglichst milde Form zu kleiden; bevor er damit jedoch zu Ende gekommen war, machte Gericke, der das Vorhergegangene scheinbar be» reits wieder vergessen hatte, ihn für ein paar Augen­blicke sprachlos durch die Frage: „Was macht Miguel?"

Soratroy war keineswegs so preußenfeindlich wie Karoline Sedlmayer aus Schwabmünchen, aber daß chm das Befinden des preußischen Finanzministers ganz be­sonders am Hsrzen lag, konnte er auch nicht behaupten. Trotzdem erwiderte er, nachdem ihm die Sprache zurück- gekehrt war, im Tone zuverlässigsten Wissens: „Danke, danke, er befindet sich ausgezeichnet."

Gericke nickte sehr befriedigt. „Das freut mich von Herzen. Er hat meine volle Hochachtung. Er ist ein Menschenfreund."

Von der neuen Sorge, in ein Examen über Miguels Menschenfreundlichkeit verivickelt zu werden, wurde Raver