Mage zum Wesbaüenrr Tagdlatt.
50. Jahrgang. 19057
Ko. 428. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag» den 11. September.
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ä® 6 ^ebt Landschaften, die man erst einmal im Dufte » der Ferne gesehen haben muß, um daun ihren traulich an- * heimelnden Reiz auch in der Nähe recht zu empfinden. Gicbt £ e> nicht auch solch, Menschen?" W. H. Riehl. ^
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(26. Fortsetzung.)
Versuchung.
Roman von Alexauber Römer.
Ale kttey S des Pastors Zimmer trat, war es noch dimkel drinnen. Tr saß in seinem Stuhl am Fenster und hielt den Kopf in die Hand gestützt. Ihren Eintritt beachtete er erst, als sie das Tablett klirrend auf den Tisch fetzte. Er blickte auf, erhob sich, zündete selbst die Lampe cm, und als er ihr zerstreut dankte, gewahrte sie, daß sein Gesicht finster war.
Sie wollte noch allerlei sagen, doch er schnitt ihre Rede ab. „Ich danke Ihnen, Kind, ich brauche nichts mehr."
Sie wäre gar zu gern noch geblieben, im Zimmer hin und her gehuscht, um dieses oder jenes ihm ganz Unge- wohntes und Entbehrliches für seine Bequemlichkeit zu thun, aber seine Miene war heute so streng und abweisend, daß sie es nicht wagte.
Sie schlich hinaus, und ihre Stimmung schlug plötzlich um. Die Wucht ihres Schicksals, die Trauer um die Mutter, um den Vater überkam sie. Agnes war an diese jähen Ausbrüche schon gewöhnt und setzte den Tbränen- strömen und leidenschaftlichen Klagen eine unermüdliche Geduld entgegen.
, Das Mädchen war ihr keine angenehme Gefährtin; ihre große Seele wurde durch die kleinen, berechneten Züge täglich verletzt; sie durchschaute das junge Geschöpf genau und sah in ihrer klaren Gerechtigkeitsliebe auch den noch unverdorbenen Kern. Wucherisches Gerank war's um eme nicht schlimme, nur alltägliche Natur; sie wollte versuchen, es auszurotten, vielleicht ließen sich bessere, noch schlummernde Keime wecken. Sie hatte sich gewöhnt, Geduld und Hoffnung zu behalten, auch unter erschweren- den Umständen.
Daß Johannes einen großen Eindruck auf die neu zum Leben Erwachende, der der Tod schon in so grausiger Gestalt genaht war, gemacht hatte, wunderte sie nicht Er nnt ferner liebreichen, milden Art hatte sie zuerst getröstet chr wieder Muth und Hoffnung eingeflößt. Vielleicht war er der erste junge Mann, der ihr so vertraulich nahe trat, sie zollte rhm vom ersten Tage an eine anbetende Der- rhrung.
Das mußte allmählich in die richtigen Schranken ein- gedämmt werden, ihres Bruders war sie ja sicher Sie hätte ja sehnlich gewünscht, daß Johannes eine Gefährtin finden möge, die zu ihm paßte. Viel Hoffnung dafür hegte sie nie, werl sie ja wußte, wie es in seinem Herzen iaussah; er vergaß nicht leicht. Dieses Mädchen konnte nie zu ihm gehören. Sie brachte Lilly in ihr Kämmer- chen und bettete die Weinende liebreich in ihre Kissen.
„ "N«n sei tapfer", sagte sie mit ihrer festen Stimme, „leg' all das Wrlde und Leidenschafüiche zur Ruhe und befiehl es dem Herrn. Der hat Dich gnädiglich genug errettet."
Lilly küßte Agnes" Hand, ihre Lippen waren heiß Dann richtete sie noch einmal das verweinte Gesicht aus den Kissen.
"Me Frau Hauptmann muß sehr schön gewesen sein, sie hat nach ern süßes Gesicht. Herr Pastor hat sie vor ihrer Verherrathung gekannt und gewiß schrecklich lieb gehabt.
Agnes schüttelte ärgerlich den Kopf. „Du sollst jetzt schlafen und nrcht über Dinge grübeln, die Dich nichts angehen. Du hast genug mit Dir selbst zu thun, Kind "
Sre streichelte die heißen Wangen des Mädchens,
löschte das Licht und verließ die Kammer.
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Die Einweihungsfeier des neuen Casinolokals, das mit großem Luxus auSgestattet worden war, sollte noch - Manöver stattfinden. Lustspiele sollten auf- geführt, lebende Bilder gestellt werden und sich dmn, ein Tanz anschließen.
Schon während Irmgards Abwesenheit waren die
Arrangements getroffen, die Rollen der Mitwirkendcn vertheilt worden, natürlich unter der Gräfin Mohrfeld Leitung.
Irmgard war wenig danach zu Muthe, ein Fest, noch dazu ein so buntes und lärmendes, mitzumachen. Werner aber war Mitwirkender und sehr in Anspruch genommen durch die Proben und allerlei Obliegenheiten, die ihm zugefallen waren.
Bei gelegentlichen Erörterungen fühlte Irmgard deutlich, daß ihr Gatte gar nicht auf eine Betheiligung ihrerseits'rechne, ja sie kaum wünsche.
„Du mußt Dich ja noch sehr schonen", meinte er, „es wird spät werden, und ich kann mich an dem Abend gar nicht um Mch kümmern. Also überleg Dir's, ob Du überhaupt mitthun willst."
Irmgard überlegte schwer. Ihr sagte eine innere Sttmme: „Du läßt Dich mehr und mehr aus Deiner berechtigten Stellung drängen. Du tauchst ttefer und tiefer in den Schatten. Du solltest auch hier kämpfen um jeden Fußbreit Boden, der Mr gehört."
Da ließ sich eines Abends in der Dämmerstunde, als Irmgard einsam an ihrem Fenster saß, in recht trübe Grübeleien verloren, Liconius melden. Er war schon seit einer guten Weile von seiner Reise heimgefihrt, hatte aber noch keinen Besuch gemacht, was beinahe verwunderlich war, so herzlich wie er sich in Gastein zu ihr gesellt hatte.
Sie empfing ihn freundlich. Sie hatte oft seiner gedacht, manche seiner Aussprüche klangen ihr noch im Ohr; die Bücher, die er ihr empfohlen, hatte sie gelesen.
Sie ließ Licht bringen, und er setzte sich vertraulich neben sie.
Er sah ihr forschend in die Augen; dabei überkam sie ein peinliches Gefühl. Las er, der fiele Mcuschm- kenner, etwa in ihrer Seele, was sie Niemand enthüllen durfte?
Um den Eindruck, den er vielleicht gehabt haben mochte, zu verwischen, sprach sie lebhafter als sonst, heuchelte eine Fröhlichkeit, die nicht in ihr war.
Er dagegen blieb merkwürdig schweigsam, seine Mene verrieth ihr, daß er ihr kleines Manööcr durchschaue.
Sie lenkte selbst das Gespräch auf da? bevorstehende Casinofest.
„Ich bin liebenswürdiger Weise eingeladen worden", sagte Liconius, „und freue mich. Sie dort zu treffen."
Irmgard fah sinnend vor sich hin. „Ich bin noch unschlüssig, ob ich es besuchen werde", warf sie hin.
„Aus welchem Grunde wollten Sie dort fehlen?"
„Ich finde meine Rechnung nicht in io großem Schwarm. Dazu kommt, daß Werner als Mitwttkender gar nicht für mich da sein kann."
„Nun, das macht bei dieser Gelegenheit doch nichts aus, wo Sie ja unter den Damen und Herren des Regiments wie zu Hause sind. Freilich", setzte er langsamer hinzu, „ich begreife, daß Sie sich in dem ganzen Kreise fremd fühlen: da ist Niemand, der zu Ihnen paßt. Es ist ein unter sich übereinstimmendes Genre da zusammengewürfelt, mit ausgesprochenem Gepräge — aber gleichviel, Sie müssen das Fest jedenfalls mifinachen."
Sie zuckte die Achseln. „Ich glaube, ich thue besser, zu Hause zu bleiben."
Er stand auf und nahm seinen Hut. „Wie Sie wollen", sagte er gelassen. „Wenn ich mich zum Rath- geber aufwerfen dürfte, würde ich sagen: es ist klüger, wenn Sie gehen."
Sie zuckte zusammen. Sah er so fies in ihr inneres, in ihr eheliches Leben, daß er dasselbe, was sie sich schon selbst gesagt hstte, erkannte und ihr als redlicher Freund rieth?
Er wartete ihre Antwort nicht ab; er empfahl sich unter ein paar leichten Redensarten, und vielleicht legte sie allein einen Schwerpunkt in den kurzen Satz.
Als er gegangen war, schritt sie erregt im Zimmer auf und ab. Die Gedanken wogten hin und her in ihrem armen Kopf; schließlich rang sie sich zu einem Entschluß durch. Sie wollte das Fest besuchen.
Mit Hochrothen Wangen, in einer fieberhaften Erregung musterte sic noch an demselben Abend ihre Garderobe und verfieste sich in Toilettensorgen.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Sie rüstete sich zum Kirchweg; sie wollte Johannes Flemming predigen
hören im Karolinensttfr, wo die klein« Stiftskirche jetzt, feit er hier war, stets bis auf den letzten Platz gefüllt war von Gläubigen auS allen Schichten der Bevölkerung. Sie hatte Johannes noch nie predigen hören.
Sie ging früh und schritt beklommen unter den dunklen Bäumen hin, die den Platz vor dem Eingang« der Kirche in tiefen Schatten legten. Die fühlte sich als eine von den Mühseligen und Beladenen, die der Herr zu erquicken verheißen.
Die .Kirche war noch fast leer; sie suchte sich eine Ecke, wo sie die Kanzel übersehen konnte, ohne selbst inS Auge zu fallen. Eine andachtsvolle Sfimmung, die all daS Weh, das Zweifeln und Sorgen zur Ruhe brachte, überkam sie; auch das Geräusch der Konrmenden, welche dis Stühle fMten, verscheuchte diese Stimmung nicht.
Jetzt trat die ihr so vertraut« Gestalt im priesterlichen Talar vor den Altar, ein Sonnensttahl vergoldete wieder seinen blonden Scheitel, weich und flangvoll tönte sein« Sttmme im liturgischen Gesang durch das kleine Gotteshaus.
Fand seine Seele unter all der Arbeit, unter allen Prüfungen des Lebens den Frieden? Ach, er stand abseits in der Stille, und die Stürme trafen ihn nicht.
Als er dann die Kanzel bestieg und zu reden begann, packte sie die Art seines Vorttags. Das war keine glänzende, schwungvolle Rhetorik, das war ein schlichtes, inniges Sprechen aus dem Herzen heraus, in die Herzen hinein. Sein Text war das Bibelwort aus dem Paulus- Brief: „Und wenn ich mit Menschen- und mitEngelzungen redete, und hätte die Liebe nicht —" und seine ganze Predigt war ein Hoheslied der Liebe, der duldenden, verzeihenden, barmherzigen, helfenden Liebe.
Mit siegender Allgewalt riß er die Geister seiner Zuhörer mit sich fort, in seiner Sttmme lag überzeugende Kraft.
Irmgard hatte Johannes unverwandt in das leuch- terrde Antlitz gestarrt; wie aus einem Traum erwachend athmete sie fies auf, als er das Schlußgebet sprach, als die Orgel dann einsetzte und das Scharren, Räuspern und Rühren um sie her sie in die Wirklichkeit zurückrief.
Wunderliche Gedanken tauchten auf in ihrer Deel« — wie verschieden waren die beiden Männer — Werner und Johannes, wie verschieden ihre Berufe! War doch ihr Gatte schon durch die äußeren Verhältnisse überall in den Kampf und Streit gestellt. Auch in diesen Friedenszeiten gab es in seiner Sphäre keine Muß« zu ruhigem Genießen.
„Wir stehen immer wie auf einem Vulkan", hatte et ihr wohl früher gesagt, „bei strengster Pflichterfüllung kann ein Zufall, ein Wechsel in der Person des Vorgesetzten uns aus unserer Karriere werfen, stets müssen wir auf scharfem Wachtposten sein."
Konnte in solcher Lage ein Mensch buchstäblich di« Vorschriften des Christenthums erfüllen, wie Johannes es that?
Johannes war ein Glücklicher, Begnadeter, und st« mußte ihrem Werner viel zu Gute halten, Geduld Wen in der Liebe, die duldet und trägt und nimmer erlischt.
In sehr gehobener, friedfertiger S fim m u ng kehrte sie in ihr Haus zurück.
Bei Tische th eilte sie ihrem Manne mit, daß sie sich entschlossen habe, nun doch zum Kasinofeste zu gehen.
„Ich werde mich Oberst Haake anschließen; Olly hat mir schon genug in den Ohren gelegen, und ich habe mich auch schon eingehend mit meiner Toflette beschäftigt, Meine Garderobenkasse ist hübsch gefüllt, und da leiste ich mir etwas Außergenwöhnliches. Ich fand da neulich einen entzückenden Weißen, dufttgen Stoff, der einen großartigen Effekt erzielen wird."
Sie sprach rasch und lebhaft, um ihr Herzklopfen zu übertäuben; ihr Gesicht hatte wieder den reizenden kindlichen Ausdruck, den es in jüngster Zeit ganz verloren hatte, und den er einst so sehr an ihr geliebt.
Heute achtete er nicht darauf; er aß seine Suppe zerstreut und horchte erst auf, als sie schon mitten m ihrer Rede war. Sein Gesicht drückte keine Freuds aus.
„So plötzlich — kurz vor Thorschluß besinnst Du Mch", meinte er. „Da hättest Du auch eher reden können. Ich habe schon aller Welt gesagt, meine Frau kommt nicht, ihre Gesundheit erlaubt es nicht."
(Fortsetzung folgt.)
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