Wiesbs-tmr Tsgblstl.
so. Jahrgang.
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No. 418. >,»„«» y>». ss. Montag, den 8. September. _ 1802.
Abend-Ausgabe.
fjoMet unD Krilc in der KiMlmle.
Unser Londoner n.-Korrespondent schreibt unter dem 6., September: Wenn man den sensationellen Telegrammen über die Vorgänge im Kapparlamente und die gesammte politische Lage m der Kolonie Glauben bei- niessen könnte, so wäre die Annahme berechtigt, daß man sich daselbst am Vorabende einer Revolution befindet. Merkwürdiger Weise lassen es sich aber. Finanzblätter, wie z. B. der „Statist", die im Dienste jener kosmapoliti- scheu Geldmänner stehen, die s. Zt. den Transvaalkrieg anzettelten, angelegen sein, jetzt für die Holländer der Kapkolonie gegen die Briten daselbst Partei zu ergreisen. Der Antagonismus, der von jeher zwischen den beiden bestand, wurde durch den Krieg noch gesteigert und ist zum nicht geringen Theile Üls das Werk jener gold- süchtigen Finanzmagnaten zu betrachten. Um ihn zu verschärfen, kaufte der verstorbene Cecil Rhodes ehedem unter Anderem sämmtliche Zeitungen Südafrikas auf und hetzte mit Hülfe derselben die beiden Rassen aufeinander. Nun, wo der Krieg beendet ist, vermag aber riur Ruhe und Friede den „Goldwanzen" den völligen Genuß ihrer großen Errungenschaften möglich zu machen, und da sie sehr genau wissen, daß das Hollänüerelement lediglich die Rolle des sprichwörtlichen Karnickels spielt, während der Brite die Hetze aus reiner Sportliebe fortfetzt, zögern die Finanzblätter auch nicht, dem Störenfried die Levtten zu lesen. Es wäre ihnen das erspart geblieben, hätte sich Mr. Chamberlain unlängst dazu verstanden, den Wunsch der Herren Eckstein, Beit, Kohn und Genossen zu gewähren, und die Konstitution der Kap- krlonie aufzuheben. In diesem Falle würden die Engländer mit den Kapholländern haben machen können, was sie wollten, ohne daß diese im Stande gewesen wären, sich zu wehren, und sich so sür das Eckstein'sche Geschäft störend zu erweisen. Wie der ^.Statist" sagt, der einer Aktien- gesellschast gehört, deren Hauptaktionär Herr Beit ist, wäre die Loyalität der Kapholländer über allen Zweifel erhaben, da dieselben sich sonst gewiß im Dezember 1899 erhoben haben würden, wo drei englische Armeen gleichzeitig schwere Niederlagen erlitten, und England einer allgemeinen Erhebung in der Kapkolonie gegenüber fast ohnmächtig gewesen wäre. „Daß sie ihren Gefühlen nach holländisch sind und ihre Holländernationalität aufrecht erhalten wollen",schreibt das Blatt, „beweist ebenso wenig, daß sie Rebellen sind, als des Schotten Stolz aus alles Schottische, daß er ein Feind des britischen Reiches ist." Schließlich verlangt das Blatt noch, die Engländer daheim sollten darüber wachen, daß am Kap Gerechttgkeit zwischen den beiden Rassen geübt wird. Es ist übrigens im höchsten Grade bezeichnend, daß Sir Gordon Sprigg, der Premierminister der Kapkolonie, der doch erst kürzlich hrer in London mü Mr. Chamberlain und den übrigen
Mitgliedern der Regierung ebenso wie mit den Premierministern der anderen Kolonieen konferirte, sich bei seiner Rückkehr auf die Seite des Bonds, also der Holländer stellte. Die Kapbrtten bemühen sich jetzt die Wähler zu beeinflussen, beziehungsweise gewisse Veränderungen in den Wahlbezirken herberzuführen, um sich eine überwiegende Majorität zu sichern und schließlich doch noch zu ihrem Ziele, der Unterdrückung ihrer Gegner zu gelangen. Daß sich die Regierung dieserhalb gewissermaßen von ihnen lossagte, betrachtet man hier vielfach als einen unklugen gesährlichen^Schritt, doch läßt sich dagegen, nach demBeispielc des „Starrst", einwenden, daß die Leute, die England selbst in einem Augenblick treu blieben, wo dasselbe bei einem allgemeinerr Aufstande fast hilflos gewesen wäre, in einer gerechten Sache unbedingt den Beistand des Staates verdienen.
Deutsches Reich.
Das Kaiserpaar in Frankfurt a. O.
Vom Paradefeld kehrte am Samstag die Kaiserin um 12 Uhr zu Wagen mit Eskorte durch das von Schulen und Vereinen gebildete Spalier in die Stadt zurück. Auf dem Wilhelmsplatze hatten die Stadtbehörden sich versammelt. Oberbürgermeister Adolph hielt eine Ansprache, die Tochter des Bürgermeisters Frantz sprach ein Gedicht und überreichte einen Blumenstrauß. Die Kaiserin dankte und sprach ihre Freude aus, daß sie die Stadt wieder habe besuchen können, wo sie als Braut geweilt. Die Kaiserin begab sich dann zum Frühstück zur Prinzessin Heinrich XXX. Reutz. Gegen 12% Uhr zog derKaise r mit dem Kronprinzen an der Spitze der Fahnen und Standarten in die Stadt ein. Der Kaiser hielt zu Pferde unter dem großen Baldachin auf dem Wilhelmsplatze. Der Oberbürgermeister hielt eine Begrüßungsansprache, während die Fahnenträger einen Halbkreis um den Kaiser bildeten.
In seiner Ansprache an den Kaiser wies der Oberbürgermeister darauf hin, was das Hohenzollernhaus in fast einem halben Jahrhundert auch an der alten Haupt- und Handelsstadt Frankfurt aethan. Die Stätte, auf welcher die Versammlung stehe, fei heilig. Von hier aus sei 1808 Joachim I. zur Gründung der alrna mater viadrina geschritten. Unweit liege Kunersdorf, wo Friedrich seinen Heldenkamps gekämpft habe. Redner wies ferner aus das gegenüber errichtete Kaiser Wilhelm-Denkmal hin, dankte sür die rastlose Fürsorge des Kaisers und bot den Ehren- trrnk dar.
Der Kaiser ergriff den für diesen Tag gestifteten silbernen Pokal und sprach vom Pferde aus etwa Folgendes:
„Auf meinem Wege zu meinen Grenadieren durchreite ich die Stadt Frankfurt und entbiete ihr meinen kaiserlichen Gruß. Ich danke der Stadt für den Empfang, den sie mir bereitete, ich Lanke der Stadt für die Gesinnungen, die mir aus den frohen Gesichtern der Bürger, Kinder und Vereine entgegenstrahlten. Ich danke der Stadt für die Treue, mit welcher sie an meinem Hause fest- gehalten und hoffe zu Gott, daß unter meiner Regierung und
unter derjenigen meiner Nachfolger die Stadt stch immer weiter und blühender entwickeln möge. Darauf leere ich diesen Becher."
Dann ritt der Kaiser weiter zum Frühstück beim Offiziercorps des Leib-Grenadier-Regiments in dessen Kasino. — Die Kaiserin besuchte die Luther-Stiftung. Um 8 Uhr Nachmittags reiste das Kaiserpaar mit dem Kronprinzen nach dem Neuen Palais ab, wo sie Sonntag und Montag Aufenthalt nehmen.
Landtagswahlfrago
Mit nicht sonderttcher Theilnahme begleitet man die Spintisirercien der Socialdemokraten über die Möglichkeit, bei den preußischen Landtagswahleil Mandate dadurch zu erringen, daß den Freisinnigen die Pistole auf die Brust gesetzt werden soll. Soweit die bisherigen Er- orterungen in den verschiedenen, in Betracht kommenden Parteitagen ein llrtheil über die Wirkung der socialdemokratischen Wahlbeiheiligung zulassen, läßt sich ver- muthen, daß überhaupt nichts dabei herauskommen wird. Wenigstens nicht für die Socialdemokratte. Denn die Erwartung von Arons und Genossen, daß ein genügend starker Druck auf die Freisinnigen hinreichen werde, um eine Mandatsvertheilung zu Gunsten der Socialdemokraten zu erwirken, dürste sich schon darum nicht erfüllen, weil die Einflußnahme auf die Wählerschaft bei den preußischen Landtagswahlen naturgemäß sehr viel geringer als bei den Reichstagswahlen ist. Andererseits aber müßte man es doch wohl erst abwarten, ob sich social- demokrattsche Wahlmänner im Ernstfälle enttch ließen möchten, freisinnigen Kandidaten ihre Sttmmen zu versagen und konservative oder Centrumskandidaten durchkommen zu lassen. Leben und Dokttin werden sich da wohl wieder einmal als zweierlei erweisen.
Arbeiter als Schöffen.
Aus mehreren Orten, Provinzen und Staaten wird berichtet, daß die Berufung von Arbettern als Schössen dort eine gewohnte Praxis sei. So sinden diese Be- rufungen in Rathenow statt, auch an einem Amtsgericht: in Westfalen, ferner in Mannheim und Pforzheim. Der Vorsitzende des mit Namen nicht genannten westfälischen Amtsgerichts berichtet in der „Kreuzzettung", er habe mtt den Arbettern hinsichtlich ihrer Intelligenz wie ihrer Unparteilichkeit die besten Erfahrungen gemacht. Im Badischen geschieht die Heranziehung von Arbeitern zu Schössen schon seit etwa fünfzehn Jahren, und zwar wer- den grundsätzlich Industriearbeiter ausgenommen. Das sind sehr erfreuliche Mittheilungen, von denen man nur wünschen kann, daß sie bald zahlreiche Nachfolge aus möglichst vielen deutschen Städten finden mögen. Aber die wohlwollendÄZerwunderung darüber, daß dieArbeitep als Schöffen ihre Obliegenheiten gelvissenhaft und verständig erfüllen, sollte man sich eigentlich sparen. Schon als Beisitzer der Gewerbegerichte haben die Arbeiter gezeigt, daß sie der ihnen gestellten Ausgabe durchaus gewachsen sind, und ein Unterschied zwischen ihnen und den bürgerlichen Schichten, aus denen zumeist die Schöffen entnommen werden, läßt sich in Bezug auf die Ansorde-
In der Dunkelkammer.
Auch eine Kriminalgeschichte.
Von Robert Kohlrausch.
(6. Fortsetzung.)
Am Stiglmayrplatz wurde es leer, der Unruhestifter war schon bei der Marsstraße entfernt worden. Xaver holte das gefundene Billet hervor und hielt es dem Schaffner hin. „Sagen Sie mir, bitte, wann und wo dieses Billet benutzt worden ist."
„Sehr gern. Lassen S' nur amal schaug'n. Dees is ja sogar von meiner Linie da, von der ersten. Und der Herr, wo dieses Billet benutzt hat, — oder war', vielleicht eine Dame? — der is Mittags zwischen zwölf und ein Uhr von Nymphenburg hereingefahren, is am Stiglmayrplatz oder an der Karlsstraße umg'snegen und mit der Ringlinie zum Hofgartenthor g'fahr'n."
„Von Nymphenburg herein? Vielleicht gar mit Ihnen?" .
„Nein, mit 'm neunten Wag'n, den fahrt der Huber VI, wenn S'n vielleicht kennen. So a G'schwoll- kopfeter is's, — so an dicken Schädl hat er halt aus und a roch's Gesicht: er mag halt gar koa Bier net, der Huber."
Ohne vjel mehr aus ihn zu hören, holte Xaver jetzt auch die Photographie der Billa hervor, die er beim Fortgehen feucht, wie sie noch war, in sein Nottzbuch ge- legt hatte. „Da wäre ja die größte Wahrscheinlichkeit", sagte er halb zu sich selbst, „daß die Villa da draußen m Nymphenburg steht."
„Die wenn S' suchen", ergänzte lachend der Schaffner, „oees hätten S' leichter haben können, nur frag'n hätten S' mi brauch'n. Die steht an der Romanstraß' drauß, dees hätt' ich Ihne leicht sag'n tonnen."
Im ersten Augenblick überwog bei Xaver das Miß- behagen, daß er einen so weitläufigen Apparat in Bewegung gesetzt hatte, um eine so einfache Ermittelung zu erreichen, die Freude über die Annäherung an sein Ziel.
In seiner Eigenschaft als freiwilliger Doppelgänger von Sherlock Holmes suhlte er sich ein wenig blamrrt und wäre infolgedessen beinahe gegen den Schaffner grob geworden zum Dank sür die Mittheilung. Aber die Erinnerung an den Mann, den er vor wenigen Minuten an der Marsstraße selbst aus dem Wagen hatte bugsiren Helsen, weil er sich der unlogischen Logik seiner Empfindungen allzu naiv hingegeben hatte, hielt ihn noch recht- zeittg davon zurück. So machte er nur erstaunte Augen und fragte: „Dann kommen wir wohl jetzt vorüber?"
„Dees glaub' ich", gab der Kondukteur lachend zur Antwort, und Soratroy begann nun den Eingang zum Perron an der »rechten Seite aufs Hartnäckigste zu ver- sperren, um jedes Haus mit Anstrengung zu mustern, obwohl die Nymphenburgerstraße noch lange nicht zu Ende war. Ohne sich umzuwenden, seKe er sein Fragen dabei fort. „Wer wohnt in der Villa?"
„An' einzelne Dam'."
„Wissen Sie, wie sie heißt?"
„Wie s' sich schreibt, kann i net sag'n: wir heißen f halt alleweil nur die Dame mit 'm Hund."
,)Mtt dem Hund?"
„Ja, weil f doch so a klein's Schooßhunderl hat von anderthalb Meter Läng'."
„Ist sie alt?"
„Äh na! Jung' is' und sauber aa, nur a bißl überspannt, wie mir's scheint. Wegen die Kostüm' mein ich, in dene sie daherkommt. Letzthin hat f an ganz'n Gottesacker auf'm Hut umeinand trag'n, und mit die Haar macht s' auch alleweil so g'spaßige G'schicht'n."
Jetzt bogen sie vom Grünwaldpark ab links um nach Nymphenburg zu, und Xaver beobachtete nun so gespannt, daß er nicht einmal mehr zum Fragen Zeit fand.
„Fall'n S' nur net 'raus", mußte der Schaffner ihn einmal ermahnen, und als er mit deutender Handbewegung gesagt hatte: „Dees is f", mußte er seinen Fahrgast mit aller Energie am Arm fassen, weil er Anstalten traf, von dem in voller Fahrt dahinjagenden
Wagen hinabzuspringen. Erst bei der nächsten Halte
stelle gab er ihn frei und antwortete dem sich hasttg, aber freundlich Verabschiedenden, der ihn auf dem leer gewordenen Wagen zurückließ: „B'hüt Ihne Gott! Jetzt mach ich grad' noch a klein's Mittagsschläferl." Und mit kühner Verachtung aller TraniLahnkontrolleure der Welt setzte er sich in eine Ecke des Wagens und schloß die Augen mit einem süßen Behagen.
Soratroy aber machte die letzte Sttecke des Weg^s in einem Dempo zurück, das er sich selbst kaum zugettaut hätte. Wenn er's an Scharfsinn seinem Ideal noch nicht gleich that, wollte er ihm an Energie wenigstens ebenbürtig sein, und so machte er all' ferne Sinne mit Eifer fertig zum Gefecht. Die Entfernung, die er vorhin mit elektrischer Schnelligkeit zurückgelegt hatte, kam ihm ausfallend groß vor, aber endlich war er doch am Ziel. Da stand sie vor ihm, die Villa, hell, zierlich, ein wenig kokett, von bunten Parterres mit Astern und Georginen umleuchtet, von den Bäumen desGartens mit einem seinen, halb schon kahlen, aber doch noch mit buntem Sterbe- schmuck behangenen Gitterwerk umwoben.
Eigentlich war's frech, einer Dame einen Besuch zu machen, von der er noch nicht einmal den Namen wußte, Las sagte Xaver sich selbst, während er zwischen den farbigen Blumenparterres hin dem Hauseingang zuschritt, der an der Seite im Garten lag. Wer hier mußte das' Ziel die Mittel heiligen, und ohne einen Moment des Zauderns drückte er auf den weißen Knopf der elektrischen Glocke an der Hausthür. Mit höflicher Schnelligkeit erschien ein Diener und öffnete, ein junger Mcmn von ungewöhnlicher, halb italienischer, halb deutscher Schönheit. Xaver hatte dafür bei Männern sonst wenig Auge, diesem Anblick aber konnte auch er sich nicht erttziehen. Nach einer kurzen Pause staunenden Schonens erst stellte er seine Frage: „Ist das gnädige Fräulein zu Hause?" und sandte ihr auf bejahende Antwort seine Karte hinein.
Rasch erschien auch jetzt der Diener wieder, nahm ihm den Mantel ab und führte ihn in einen kleinen, acht-
