Beilage jum Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 415. Msrgen-Ansgabe. Samstag, den 6. September._ 50. Jahrgang. 190&
Personen, die nicht da waren, wissen immer Alle» am besten. Theodor Fontane, Unwiederbringlich.
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(22. Fortsetzung.)
Versuchung.
Vornan von Alexander Römer.
Ms er endlich wieder auf der von Spielenden jetzt freien Wiese stand, athmete er tief auf und lockerte mit einem mechanischen Griff seine Halsbinde.
Was sollte nun werden? Er wollte diesen Fall nicht an die große Glocke gehängt sehen; bis jetzt kannte sie Niemand, und wenn sie in Privatpflege verschwand, so blieb es ihm überlassen, die bei der Polizei gemachten Angaben zu kontrolliren und zu berichtigen. Wohin nur mit ihr?
Ein paar Minuten versagte sogar in seinem erfinderischen Hirn der sonst so prompt fungirende Mechanismus. Dann blitzte es plötzlich in seinem düsteren Auge auf. Ein Schwanken, ein Zaudern malte sich noch in seinen Zügen, dann war sein Entschluß gefaßt. Er schritt eilig vorwärts, zur Rechten, querfeldein, durch kleine Pfade zwischen bebautem Gartenland, an den Rückseiten von Gärten und Häusern vorbei, bis er vor einer kleinen Pforte still stand.
Sie war unverschlossen und öffnete sich leicht bei seinem Griff. Er trat in einen Garten, in dem Obst- bäume und Gemüsebeete den größten Platz einnahmen. Vor dem kleinen Hause, das dazu gehöre und aus dem Licht schimmerte, blühten Reseda, bunter Flox und Rosen. Ein Fenster im Erdgeschoß war geöffnet, eine Lampe brannte auf dem Tisch, der vor den: Sopha stand. An dem Flügel, dem einzigen schönen und werthvollen Einrichtungsstück, saß eine Dame und spielte.
Es war eine Schumann'sche Sonate, und er kannte sie wohl. Er hatte sie oft vor langen, langen Fahren von denselben Händen spielen gehört.
Er blieb unbeweglich im Schatten des großen Ahorns, unter dem eine Bank und ein Holztisch standen, und horchte mit angehaltenem Athem.
Me Spielerin hielt den Kopf erhoben, sie hatte keine Noten vor sich und ihr Antlitz war im Schatten, nur ihr Haar, ihre Gestalt, ihr Nacken wurden vom Licht der Lampe beschienen.
Jetzt wendete sie ein wenig den Kopf und er sah deutlich ihre Züge. Schön, ruhig, stolz — voll Frieden.
Er starrte noch immer unbeweglich auf die ihm so vertraute Erscheinung. Die herrlichen Klänge der von Meisterhand gespielten Komposition schienen ihn zu be- rauschen, ihn Zeit und Ort und sein Vorhaben vergessen zu machen.
Me Sonate war zu Ende, die letzten Accorde verhall- ten in der träumerischen Stille, durch den Wipfel des Ahorns zog ein leises, geisterhaftes Rauschen — die Spielerin trat ans Fenster, eine schlanke und doch volle junonische Gestalt.
Liconius fuhr zusammen, er besann sich, sie wandte sich ins Zimmer zurück, raschen Schrittes durchmaß er die kleine Strecke bis zur Eingangsthür des Hauses und klinkte auch diese, die ebenfalls unverschlossen war, auf.
Er betrat den matt erleuchteten Flur, dessen rothe Steindiele frisch schimmerte, und wollte sich anschicken, an die rechts gelegene Zimmerthür zu klopfen, als Agnes Flemming sie von innen öffnete und auf die Schwelle trat.
Nach einer Trennung von langen Jahren standen diese beiden Menschen, die einst in Liebe für das Leben verbunden zu sein geglaubt hatten, sich wieder gegenüber.
„Agnes!" sagte Liconius langsam.
Sie hatte einen Moment erschrocken mit der Wimper gezuckt beim Anblick dieser hohen, dunklen Gestalt, aber sie hatte zu viel Beherrschung gelernt in diesen Prüfungsjahren, sie hielt auch starken Eindrücken Stand.
Wortlos wich sie zurück und lud ihn durch eine Geberde ein, einzutreten. Jetzt stand er neben ihr in dem kleinen, niedrigen Gemach, das seine breite Gestalt zu füllen schien. Mt einem sonderbaren Ausdruck auf seinem Gesicht blickte er um sich.
Dürftig, mehr als bescheiden — seine prunkvollen Ge- mächer zu Hause fielen ihm ein. Da auf dem Tische dufteten ein paar köstliche Rosen in einem hohen Kelchglase, an den Wänden die Kupferstiche — Rafaels Tapeten — waren werthvoll, die Bücher auf dem schlichten Regale dort, der kostbare Flügel und vor Allem die königlichst' Erscheinung der Bewohnerin machten die altmodische Einrichtung verschwinden und erhoben den schlichten Raum zu einer geweihten Stätte.
„Was'führt Dich zu mir, Heinrich?" sagte die Stimme der Frau, die er leidenschaftlich geliebt hatte, die er wohl noch liebte, wenn er überhaupt dem Gefühl, wie es unter der Liebe zum Weibe begriffen wird, Raum gab in seiner Seele.
Sie sprach völlig ruhig und kühl, auch nicht den leisesten Klang einer leidenschaftlichen Erregung erkannte sein geübtes Ohr, und sie nannte ihn unbefangen „Du" wie in alter Zeit, wie sie es seit ihren Kinderjahren ge than. Sein Thun hatte an der alten Gewohnheit kein Jota geändert, die Redeweise war ihr natürlich, und an ihr war nichts Erkünsteltes. Sie gab sich auch bei diesem Anlasse ganz als sie selbst, einfach und wahr.
Seine Brust arbeitete noch ungestüm, er war rasch gegangen, er mußte erst Athem schöpfen.
Sie bot ihm höflich einen SttlhI. Sie selbst stand an den Flügel gelehnt, wie eine ruhig Wartende.
„Du hast ein Recht, Dich über mein Eindringen hier
zu wundern", sagte er beklommen, „Du wirst es Dir
sagen, daß es etwas Ernstes sein muß, eine Bitte an Dich, die mich zu Mr führt."
„Du hast Recht, und wie Du siehst, sind unsere Thürm offen für Jedermann. Wir sind es gewohnt, daß Bittende, Hülfeheischende zu uns kommen", entgegnete sie
ruhig. „ . .,
„Freilich!" Er schwieg eine Weile. Es war todten- füll um sie her. „Dein Bruder ist nicht zu Hause? fragte er dann. „ , ..
„Nein, er ist bei einem Kranken, kommt vielleicht tr\t
spät heim." ftr r ,
„Und Du bist hier ganz allein Lei unverschlossenem Thüren in dem einsam gelegenen Hause?"
„Ich fürchte mich nicht."
Er sprang von dem Stuhle auf, auf den er sich mnen Moment niedergelassen hatte. _ „Du hast Recht , das ! es, nur wer sich nicht fürchtet, ist ganz frei, ist Herrsche über sich und Andere. Und das werßt Du wohl noch von früher, auch ich habe Furcht nie gekannt. Du — Meie Stunde — dieses Wiedersehen — brachten mir e&ert eine Anwandlung davon. Doch setzt.zu meinem Antiken. Willst Du — kannst Du eine Unglückliche, eure durch einen Schicksalsschlag Verstörte wollen wir sagen, die man vor einer Stunde da hinten beim Wasserfall aus dem Flusse zog, bei Dir aufnehmen? Ein armes, weltunerfahrenes
Müdchen, das augenblicklich in der weiten « kE
Menschen hat, zu dem es gehört. In meiner Rathlosig- fett dachte ich an dieses stille Haus, an diese Freistatt für alle Mühseligen und Beladenen." , r .
Sie hielt ihren Blick unverwandt auf seine Züge ge- richtet und antwortete nicht gleich. _ . ...
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Mundwinkel. „„ _ .. • , rr
Natürlich witterst auch Du überall nur drerem all- tägliche Geschichte: diesmal irrst Du, das Mädchen ist rein, hat noch nichts erlebt, die Schuld der Eltern Ureb sie in den Tod. Ein schwacher Vater, eine ertle Mutter, wenn solchen Menschen eine Versuchung naht, so
^H^Was ist mit dem Vater des Mädchens?" fragt» Agnes unbarmherzig weiter.
„Er sitzt im Zuchthaus."
„Was war sein Verbrechen?
Liconius zuckte die Achseln und lächelte. „Schade, daß Du kein Kriminalrichter geworden bist. Ich glauitte, <Fbr frommen Leute fragtet keinen Unglücklichen nach Herkunft und Vergangenheit. Indessen, wenn Du naue Angaben forderst — der Vater ist wegen Falschspiels
verurteilt. ^ ^ von Paul Drchl, Deinem ehe
maligen Schulkameraden", sagte sie.
(Fortsetzung folgt.)
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