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—*i Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr. r- ; q

Kr. 168._ Donnerstag, 22. Juli._ |j)15.

' lio. Sortsehung.! §rau Töchter. «Nachdruck verboten.)

Roman von Emma Hanshofer-Merk.

Felrcrtas konnte bei ihrem leichtbeweglichen Tempera- pwnt nicht verstohen» wie persönlich er ihre Klagen auf» (fofete, wie sehr sie sein Empfinden verletzte, wie un- Möglich es ihm war, sie zu trösten, weil sie durch ihre DgMnbilge Verdrossenheit seine Zärtlichkeit fort- fröstelte.

Sie fand ihn gleichgültig und kalt, und sein ruhiges Sostcht, sein „unerschütterliches Phlegma" — wie sie tzme Verschlossenheit nannte, brachten sie zur Ver- ' 'flung.

wuchs die Entfremdung zwischen ihnen.

f nach einiger Zeit wieder eine Einladung zu enerals kam und Felicitas wieder von einer Absage rach erklärte Walter ihr ziemlich schroff:

„Dann bleibt nichts übrig, als ein- für allemal zu behaupten, im gingst nicht in Gesellschaft — du warst Mrvös — du fühltest dich nicht wohl — was du willst. Aber ich warne dich noch einmal! Denn dann werden wir auch niemaud einladen können und wir werden auch bei andern absagen müssen."

«Warum. Das sebe ich nicht ein. In der ganzen Welt darf man sich seinen Verkehr auswählen."

„Ach kann nicht meinem obersten Vorgesetzten vor bon Kopf stoßen! Das muß dir doch klar sein, wenn du einen Augenblick Nachdenken willst!" rief er unge-

r fe Er sah in ihrer Weigerung eine LiMosigkeit, kränkende Unlust, ihm, seiner Stellung das ge­ringste Opfer zu bringen. Sie hätt; vielleicht nach, gegeben, wenn er st« mit einem freundlichen Gesicht, w einem scherzenden Tone gebeten hätte. Denn die Langeweile ging ihr schon so bis an den Hals, daß der Ärger■ über die Generalin fast wie eine Zlbwechs» krmig erschien. Aber dieser knappe Militärische Ton reizte sie zum Eigensinn.

„Ich esse nicht bei Leuten, die mir unausstehlich sind!" sagte sie mit einer sehr kalten Miene.

Da ging er schweigend aus dem Zimmer.

Ihre neue Freundin, die kleine, rothaarige Haupt- Mannsfrau, lachte sie aus, als sie ihr erzählte, sie habe juun ein- für allemal die Geselligkeit aibgeschüttelt.

„O, wie schade! Wir hätten uns ganz gut zu- sammen amüsiert! Warum eine solche Prinzipien- reilerei? Die Generalin freut sich nur, wenn sie ein Kuvert sparen kann, und wenn eine hübsche junge Frau weniger da ist!"

Felicitas merkte auch bald, daß sie sich vollständig tsoliert hatte. Die einen hielten sie für schrecklich hoch­mütig, manche erkundigten sich mitleidig nach ihrem Gesundheitszustand, als wäre sie wirklich gemütskrank oder nicht ganz klar im Kopf. Für schrullig und hmttdeblich galt sie allen; auch den Herren. Das sie wohl, wenn einmal Walter ein paar Kame-

_ zu einem zwanglosen Abendessen ohne viele

. oEereitungen mitbrachte. Denn eine wirkliche Ge­sellschaft durften sie nicht geben, und sie gingen Nirgends hin. Darauf bestand er unerbittlich, obwohl

sie nun freilich seine Weigerung wie eine Strafe ems» fand und zornig gegen den Zügel knirschte.

Wenn sie dann bei einem Besuch, bei einer Be­gegnung auf der Straße mit den Offiziersfrauen zu- sammentvaf, so wurde meist von Dingen gesprochen, von denen sie nichts gehört hatte, oder die sie nicht inter­essierten. Anspielungen auf kleine Vorkommnisse in der Gesellschaft, Dienstfragen, Versetzungen, Beförde­rungen —; die Damen wüßten vortrefflich Bescheid in militärischen Verhältnissen, die ihr immer noch gleichgültig waren, und konnten sich freuen und ein­ander beneiden, wenn ein anwesender General oder gar ein Prinz die eine oder die andere einer Ansprache ge­würdigt hatte.

Theater, Konzerte, Bilderausstelluingcn, die in einer Großstadt den Gesprächsstoff bilden, gab es nicht. So wußte Felicitas wenig zu reden und versteifte sich im­mer wahr in der Überzeugung, daß sie eine gparts Persönlichkeit sei, die sich in einem so wenig von fünft- lertschen Interessen bewegten Kreise immer fremd fühlen müßte.

„Es ist viel besser, daß ich nirgends hingehe. Ich passe ja doch nicht hierher!" sagte sie zu ihrem Mann mit der trotzigen, ein bißche» hochmütigen Miene, die Um immer aufs neue verletzte, uNd mit Vorliebe sang sia das Schubertche Lied:

Die Sonne dünkt mich hier so kalt.

Die Blüte wölk, das Leben alt.

Und was sie reden, leerer Schall.

Ich bin ein Fremdling überall!

Als das Frühjahr kam, sah sie blaß aus, klagte über Müdigkeit und lag vormittags lang auf Idem Ruhebett. Aber abends packte sie oft nach der langen Trauer und der Einförmigkeit des Winters eine tolle Lebenslust. Wenn sie in den Anlagen am Rheinufee spazieren ging und die Sonne goldig am blaßblauen Horizont versank, das erste Grün leuchtete und der Duft der grünenden Felder sie umwehte, dann fühlte sie plötzlich wie einen seligen Rausch ihre Jugend, und vme heiße Gewißheit überflutete sie, daß es so nicht weiter gehen könne, daß rmch etwas Großes, Freu- diges für ihr Leben kommen müsse, daß sie einmal wieder erwachen würde ans der Apathie, in die sie mrn versunken war.

Walter, der als Brigade-Adjutant den General bei den Tvuppenaushebungen zu begleiten hatte, war häufig fort auf Dienstreisen.

Nun war sie ganz allein — immer allein.

Ihr Mann hatte ihr den Vorschlag gemacht, sein« Eltern zu besuchen, die nun in Eltville am Rhein lebten. Sie bannte sie nur von dem kurzen Zusammen­sein bei der Hochzeit, und wenn sie auch damals sehr lieb zu ihr gewesen waren, wenn sie auch die freunio- lüchsten Briefe bekam, und die Schwiegermutter - ihr mühsame Handarbeiten zum Geburtstag schickte, — eS schauderte ibr doch bei dem Gedanken, wochenlang mit der altmodischen guten Frau zusammen zu sein, me