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Mittwoch, 21. Juli 1915.

5tbend-5tusgabe.

Nr. 334. ♦ 63. Jahrgang

Die russische Klemme.

Don drei Seiten dringen die Verbündeten gleich- zeitig gegen die russischen Hauptkräfte in der Weichfel­gegend vor: In der Front von Westen her die Armee des Generalobersten v. Woyrsch, vom Norden her die Verbände des Generakseldmarschalls v. Hinden- bürg, von Süden her die Armeen des Generat- seldmarschatls v. Mackensen und in der Mitte zwischen diesen siegreich vordringenden Heerestruppen der Verbündeten befinden sich die Hauptkräste der Russen in enger Versammlung dicht zusammen­gedrängt. Immer enger wird der Ring, den die Heere der Verbündeten um die russische Zentral­stellung gelegt haben. Immer drohender gestaltet sich die große, beide russische Flügel umfassende Angriffs­bewegung der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen. Es ist eine der größten st rategischen Umgehungs- und Umfass ungsbewegun- gen. die bisher in der Kriegsgeschichte über­haupt vorgekommen sind, sowohl nach der Größe der Zahl der dabei verwendeten Truppen wie nach der Ausdehnung der Räume. Der Angriff der Verbündeten richtet sich jetzt im Norden gegen die befestigte Narew-Linie, im Westen gegen die Weichsel, im Süden im Raume zwischen Bug und Weichsel gegen die Linie Lublin, C h o l m.

Der französische General Porro hat in einer Be­trachtung der allgemeinen Kriegslage im „Eclair" zum Schluß gesagt, daß im Falle einer russischen Niederlage zwischen Weichsel und Bug die ganzen Ver- teidigungsbedingungen für das russische Heer über den Hausen geworfen und dieses in eine sehr schwierige und ernste Lage kommen wird. Es sei die höchste Zeit, daß die russische Heeresleitung eine -Lösung aus dieser Klemme findet. Dieser Ansicht kann nur voll und ganz bergestimmt werden, der ausländische Militärkritiker hat die große Bedeutung richtig erkannt, die das Vorgehen der Armeen Mackensen für die weitere Gestaltung der Kriegslage besitzt. Es war daher auch vollkommen begreiflich, daß die Russen gerade an dieser Stelle ihre sämtlichen, noch verfügbaren Kräfte zu einer allgemeinen großen Gegenoffensive einsetzten Sie ist vollkommen gescheitert und nach ihrer Abwehr sind die Verbündeten selbst wieder zum An­griff überlangen, der bisher sehr erfolgreich verlaufen tfi. Die feindlichen Stellungen bei Krasno- ftaw und westlich davon wurden erobert. Nach denk letzten Tagesbericht folgen wir weiter dort zwischen Bug und Weichsel dem zurückweichenden Feind. Es half den Russen auch nichts, daß sie hier ein sibirisches Armeekorps frisch in den Kampf warfen, auch dieses wurde geworfen und in die Niederlage verwickelt. Diese Tatsache ist deshalb besonders wichtig, weil die sibirischen Truppen sich bisher schr tapfer geschlagen haben und den besten Teil des russischen Heeres dar- stellen, anscheinend aber auch die letzte Kerntruppe, über die die Missen noch verfügen. Die Niederlage dieses Korps muß deshalb auch von großem Einfluß auf die Fortsetzung des Widerstandes sein. Noch ist zwar die große Schlacht zwischen Bug und Weichsel nicht entschieden, sie steht aber io günstig für die Verbündeten, daß mit weiteren Erfolgen und ihrem glücklichen Ausgang gerechnet werden kann.

Wie die Armeen Mackensen her gegen die linke Flanke der ganzen russischen Weichselstellungen Vor­dringen, so höben die Armsen des Genevalfekdmarfchalls v. Hindenburg auch im Norden die Offensive er­griffen. Allerdings ist dessen Vorgehen sehr viel ichwieriger, weil er dm starkbesestigten Narew- a b s ch n i t t vor sich hat. Das Borgchen auf diesem Teile des Kriegsschauplatzes zerfällt in zwei Teile, zu­nächst mußten die russischen Stellungen, die sich noch nördlich des Narewflusses befanden, erobert und der Gegner gegen und über diesen Fluß zurückgeworfen werden. Das ist durch die letzten Kämpfe überall erfolgt. Aus der ganzen breiten Front von K o l n o bis an die Weichsel haben die deutschen Truppen die rusiischen, in mehreren Linien hintereinanderliegenden Stellungen erobert. Nach den letzten Nachrichten sind sie nur etwa noch 8 bis 10 Kilometer von Narew selbst entfernt. Nördlich der Skwamündung ist der Narew e'r r ei ch t und sind die auf dem westlichen Flußufer liegenden Befestigungen von Ostrolenka besetzt. Nunmehr komnft der zweite Teil der Operationen. Der Angriff gegen die russischen Höhen st ellungen am Südufer des Abschnittes, wo sich zahlreiche Festungs­werke befinden und die seit langer Zeit sehr stark aus- gebaut worden sind. Es sicht den deutschen Truppen also nach eine schwierige Aufgabe bevor. Sie wird aber ^dadurch erleichtert, daß sich in den Feld­stellungen und in den Werken nur geschlagene russische Truppen befinden, deren Widerstandskraft schon bedeutend herabgesetzt ist. Es ist auch wenig

wahrscheinlich, daß neue Kräfte und Verstärkungen zu- gasührt werden können, weil die Russen auch auf allen übrigen Teilen angegriffen wenden und deshalb nicht in der Lage sind, von irgend welchen Punkten Truppen wegzuziehen. Es ist auch schr wenig wahrscheinlich, daß sie noch über frische Reserven verfügen, ihre letzten Kräfte werden sie in der Schlacht bei Krasnik schon eingesetzt haben. Aus alledem kann man annehmen, daß es den Armeen des Generat­feldmarschalls v. Hindenburg auch gelingen wird, die Narewlinie zu e r o b er n und damit den Angriff gegen die rechte Flanke der russischen Weichselstellung in der­selben erfolgreichen Weise fortzuführen, wie -dies die Armeen Mackensen im Süden getan haben.

In der Front gegen die I l z a n k a stellmig südöstlich Jwangoroü haben die Truppen des General­obersten v. W o y r s ch in hartnäckigsnl und schwersin Kaurpfe dis russischen Stellungen in der Gegend süd­lich von Z w o l e n erobert und die Gegner gegen die Weichsel zurückgeworfen. Tie Jlzankastellung ist ge­nommen, 5000 neue Gefangene sielen dort in unsere Hand und die Bahn Jwang o rod-Rado m ist be­reits von unserer Kavallerie erreicht. Radom ist nach dem letzten österreichischen Bericht bereits besetzt und die Deutschen sind nur noch etwa 15 bis 20 Kilometer von Jwangorod und der Weichsel entfernt. Bis auf den unmittelbar von Jwangorod gelegenen Teil ist ganz Südpolen bis zur Eisenbahnlinie Jwangorod-Radom-Kielce vom Feinde gesäubert und im Besitz der Verbündeten. Diese ganzen Erfolge haben die Russen auch zu rückwärtigen Bewegungen in dein Gnbiete zwischen der P i l i c a und der untere n Weichsel veranlaßt, so daß die ganze westliche WeichsÄfront ins Wanken ge­kommen ist. Schon oft haben sich die Russen als Meister in der Ausführung von Rückzügen be­wiesen. Sie werden jetzt ihre ganze Kunst daran setzen müssen, um sich der schwierigen Lage, in der sie sich befinden, zu entziehen. Die weitere Entwicklung der Operationen wird sehr wesentlich davon abhängen, ob und wie lange die N a r ew b e s e st i g u n g e n den Angriffen der Armee Hindenburg Widerstand leisten können, und ob die Russen nochmals in der Lage sind, wn Süden, in der Gegend von Lublin, erneuten Widerstand zu leisten.

Eine bekannte Lehre der Kriegskunst besagt, daß, wer den Gegner umfaßt, selbst in -der Gefahr ist, wie­der umfaßt zu werden, weil er dsm Feinde eine seiner Flanken dardietet. Gerade bei den Russen lag eine solche Gefahr sehr nahe, -veil sie in der Regel, wenn-die Lage ihrer Hauptkräste sich ungünstig gestaltete, zu Gegenangriffen auf den äußersten Flügeln und selbst auf entlegene Teile des Kriegsschauplatzes übergegangen sind. Die Hseresleituug der .Verbünde­ten hat aber von Anfang an dafür gesorgt, daß ihre Flanken gegen solche Überraschungen geschützt wer­den. Diese Ausgabe fiel im N o r d e n der Armee des Generals v. B e l o w zu, die sie durch offensives Vor­gehen gelöst hat. Sie ist m -der Gegend östlich von K u r sch a n y, wo i&er Feind nach dem letzten Tages­bericht bereits wieder vor unserem Angriff weicht, und nördlich davon siegreich vorgggangen und hat durch die Besetzung von Windau, Tirkinn und weitere Zu- riickdrcmgung der Russen bei Groß-Schmarden, östlich Tukum, bei Gründorf und Ufingen den weitaus größten Teil Kurlands in unsere Hand gebracht. Die Verbindung zwischen diesen Llbteilungen und den Armeen Scholtz und Gallwitz, die gegen den Narew Vorgehen, bilden andere Abteilungen, die an der Dubissa, westlich Kowno, und ans der Linie Mariam- pol-Angustow stehen. Sie haben sich im allgemeinen defensiv Verhalten, und nur aus der Strecke Kalwaria, Suwolki in den letzten Tagen örtliche Teilerfolge er­zielt.

Im Süden ist die Flanke der Verbündeten durch die Armee Boehm-Ermolli und Lin- s in gen beschützt, die am Überlauf des Bug imd an der Zlota - Lipa sichen. Sie haben zwar in den letzten Tagen den Russen mehrere wichffgc Stützpunkte entrissen, haben sich aber im allgemeinen defensiv ver­halten. Ob dies auch in Zukunft der Fall sein wird, läßt sich noch nicht überschen. Weiter im Südosten sicht die Armee Pflanzer-Baltin noch immer in heftigem Kampfe am Dnjestr-Abschnitt. An zahl­reichen Stellen hat sie sich bereits den Flußübergang erkämpft und sucht sich auf der ganzen Front in Besitz des Nordufers zu setzen.

So dringen die Verbündeten von Norden, Westen und Süden gegen die russische Zentralstellung an der Weichsel siegreich vor, «in allgemeiner konzen­trischer Angriff, der schon schr bedeutende Er­folge ergchen hat. Mit jedem weiteren Siege und jeder weiteren Zurückdrängung der russischen Linie Iwird der Ring enger gezogen, der sich um die russischen

Hauptkräste gelegt hat. Ob es den Russen über­haupt -möglich sein wird, sich dieser schwierigen Lage zu entziehen, und ch die russische Heeresleitung, wie der französische General Porro, noch eine Lösung aus dieser Klemme finden wird, können erst die nächsten Tage zeigen.

Der vergebliche Russenansturm am vujeftr mtfc an der bessarabischen Grenzfront.

Rücksichtsloses, aber vergebliches Drsnsgaugerfm».

Berlin, 21. Juli. (Ktr. SStn.) Über vergeblich« russisch« Sturmangriff« am D n j e st r wird anS Tschernmoid tele­graphiert: Tie Russen hatten am unteren Dnjestr graste Ver­stärkungen heraugebolt und versuchten, den Unfrigen die am linken Dnjestrufer gewonnenen Positionen zu entreißen. Allo ihre Bemühungen blieben erfolglos. Unser« Truppen halten alle ihre Positionen fest. Die Russen haben anch schwere Artillerie herangeschafft. Die heftigsten Artillcrielämpfe haben sich entwickelt. An der bessarabischen Grenz.- front habet, die Russen in den letzten vier Nächten jheftigtz Sturmangriffe unternommen, die regelmäßig ven den Unsrigen abgcwiesen wnrden. Der Nachtangriff dom Ist. Juli dauerte sechs Stunden; nnaufhSrlich stürmte« die Russen. Manche Stellungen versuchten sie achtmal z« nehmen. Aber alle ihre Bemühungen waren vergebens.

Oie russischen Behörden verlassen Rig«.

Br. Petersburg, 21. Juli. (Eig> Drahtbericht. Ktr. SH*). Sämtliche behördlichen Archive Rigas, die G eld be­st ä n d e der dortigen Staatsbanffiliale «nd die Akten der Gerichte sind gestern nach Petersburg ab«e»»n^n. Mit der Räumung der I nt e n d a n t n r l a g e r ist be­gonnen. Die Staatsbeamten habe» die Weisung erhalte«, zur Abreise bereit zn sein. Im Laufe der jüngste» Woche haben über 10 v 0 0 Zivilpersonen Riga fluchtartig «er­lassen.

Der kluszug ans Warschau.

Wien, 21. IM. (Ktr. Mn.) Das „8-Nhr-Abenßbl«tt* meldet aus Kopenhagen: Petersburger Zeitungen ist »« ent­nehmen, daß die sür Rechnung des Staates arbeitenden War­schauer Falnikbetriebe nach Spedlez und Li tot» Sk ver­legt werden. Die russischen Gouvernementsbehörden in War­schau siedeln teilweise nach B l e l a über. Die Finanzver» «altnug des Gouvernements befindet sich bereits in Bleck«.

„Ein wahrhaft mongolisches System".

Das Niederbrcnnen der Dörfer, die Fortführung der ve- völkerung beim Rückzug.

Wien, 21. Juli. Mr. Mn.) Unter dieser. Spitzmarkr schreibt die Krakauer „Naprzod": Wie wir aus dem Gouver­nement Radom erfahren, haben dort tue Russen bei ihvern Rückzug 2 00 Dörfer aus militärischen Rücksichten völlig niedergebrannt. Ebenso sind auch zahlreiche Dörfer im Gouver­nement Lublin vollständig zerstört wordem Alle Jünglinge und Männer von 15 bis 50 Jahren, aber auch viele Mädchen haben die Russen vor sich hergetrieben und in die Gefangen­schaft abgeführt, zurückgeläffen haben di- Russen nmr Me Männer, Frauen, Kinder und Trümmerstätten, alles dies nvr, damit die vorrückenden deutschen und österreichischen Truppen nichts mehr vorfrnden.

Einberufung des ungedienten polnische« Landsturms.

Brbeitermangel in ganz Rußland.

VT. T.-B. Moskau, 21. Juli. ^Nichtamtlich.) Der „Ruskoje Slowo" meldet aus Warschau: In ganz Polen wurde der ungediente Sanbjtutm, die sogenannte Ratniki, 1. Klasse eingezogen. In Rußland'herrscht ein der- artiger Arbeitermangel, daß man über Charbtn 300 000 chinesische Kulis kommen ließ, die jetzt erwartet werden.

Der 1896er Jahrgang wird cingezogen.

W 1 . T.-B. Petersburg, 21. Juli. (Nichtamtlich.) Der „Rjetsch" meldet: Der Ministerrat beschloß, noch tm

Laufe des Jahres 1915 die im Jahre 1896 geborenen Wehr­pflichtigen, die nach der geltenden Bestimmung erst im Jahre 1917 zu dienen haben, einzuziehen.

Die Bedeutung des Rumpfes in Rutzland.

Urteil eines englischen Militärkritikers.

"W. T.-B- London, 21. Juli. (Nichtamtlich.) Der Mili­tärkritiker des „Daily Telegraaf" schreibt: Das Schicksal der englischen Armee in Flandern und des eng­lischen Volkes daheim ist eng mit den ungeheuren Kämpfen zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meere verknüpft Die endgültige Entscheidung, oie der einen oder anderen Partei Niederlage oder Sieg ver­leiht, dürfte auf dem östlichen Kriegsschauplatz fallen.

W- T.-B. London, 21. Juli. (Nichtamtlich.) Der mili­tärische Mitarbeiter der „Times" schreibt: Er würde keine Sorgen wegen des Ausgangs des Kampfes in Polen haben, wenn die Munitionsversorgung der Russen nicht einen so zweifelhaften Faktor bilde. Da sie aber gewisser­maßen Mangel leide, ist die Lage höchst unsicher.

Der Jahrestag des Scesieges von Lissa.

IV. T.-B. Wie», 20. IM. (Nichtamtlich.) Die Blätter feiern den 49. Jahrestag der Schlacht bet Lrssa und bornsüsep