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j|t04 382. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Montag» den 18. August.
Berlagö-Fernsprechcr No. 2266.
1902.
Abend-Ausgabe.
Zur Revolution in Venezuela.
Im Norden und Osten Venezuelas ist die Revolution so siegreich gewsen, daß die Tage des Präsidenten Castro thatsächlich gezählt erscheinen. Bor einiger Zeit schon hatte er alle östlichen Häfen von Venezuela aufgegeben und seine gesammten Streitkräfte in der Nähe von L a Victoria, westlich von Caracas, konzentrirt. Die Aufständischen erschienen wieder in der nächsten Umgebung von Caracas. Im Osten haben die Insurgenten Barcelona eingenommen und beherrschen nun das Land von dort bis zu den Orinoco-Mündungen. Das Gefecht, das zur Eroberung von Barcelona führte, begann am 3. d. M. Am 6. drangen die Aufständischen in die Stadt ein, unterhielten das Feuer Tag und Nacht und zerstörten die Gebäude, so weit sie vorgerückt waren. Am 7. d. M. hatten die Aufständischen zwei Drittel der Stadt in ihrem Besitz. Am 8. d. M. ergaben sich die Regierungstruppcn.
Unter den Gefangenen befinden sich der Präsident Marcano, der Führer der Regierungs- truppen, 8 Generale und 23 Obersten,' 167 Mann auf beiden Seiten sind gefallen. Die Häuser wurden geplündert. Harmlose Frauen und Kinder wurden mißhandelt und gctödtet.
Die Läden wurden ausgcraubt, insbesondere diejenigen der Fremden. Das französische Kabelamt wurde genommen. Das amerika- 'nische, italienische und holländische Konsulat wurden geplündert. Tie Konsuln verlangen Kriegsschiffe. Ein deutsches Konsulat giebt cs in Barcelona nicht. Dieser Ort ist die Hauptstadt der Provinz Bermudez, der drittgrößten Provinz der Republik. Die Stadt, die etwa 15,000 Einwohner zählt, war bis zum Jahre 1881 Hauptort der ihren Namen tragenden Landschaft Barcelona. Ein amerikanisches Kriegsschiff, der Kreuzer „Cincinnati", ist vor Barcelona cingetroffen. Inzwischen haben nun die Insurgenten auch den Hafenort Puerto C a b e l l o eingenommen, woselbst der deutsche Kreuzer „Falke" und vermuthlich auch bereits die „Gazelle" liegen. Die Stadt befindet sich, nach einer Meldung, welche der Kommandant des amerikanischen Kriegsschiffes „Topeca" nach Washington erstattet hat, in dem Besitz der Aufständischen. Ob ein Bombardement auf die Stadt, ein Kampf mit Regierungstruppen voraufgegangen, oder ob diese rechtzeitig das Feld geräumt haben, wird man wohl erst in einigen Tagen erfahren können. Die Lage in Caracas ist, den neuesten Meldungen zufolge, kritisch, die Insurgenten stehen dicht vor der Hauptstadt. Das amerikanische Staatsdepartement in Washington erfährt, daß die venezolanischen Insur
genten, die etwa 100 Meilen von Caracas stehen, alle ihre verfügbaren Streitkräfte für einen plötzlichen Angriff auf die Hauptstadt aufbieten. Sie verfügen über schwere Artillerie, und wenn sie zu einem Bombardement schreiten, dürfte dem fremden Eigenthum in der Stadt viel Schaden zugesügt werden. Man drang in Präsident Castro, Caracas den Rebellen preiszugeben, um nutzlose Verheerung zu verhindern. Der Präsident besteht indessen darauf, in der Hauptstadt zu bleiben, weil er wahrscheinlich glaubt, daß im letzten Augenblick die fremden Gesandten Seetruppen requiriren werden, um die Insurgenten zu verhindern, Schaden anzurichten. Die Einnahme von Caracas ist schon wiederholt als unmittelbar bevorstehend gemeldet. Wie es nach der Einnahme einer Stadt dort zugeht, sagt folgende Meldung über die Einnahme von Barcelona: Die Plünderung
von Barcelona dauert fort: viel werthvolles Eigenthum wird zerstört. Das amerikanische Kriegsschiff „Cincinnati" ist in Barcelona eingetroffen. Dessen Befehlshaber meldet: Die Aufständischen haben in Barcelona alle Mitglieder der Civil- und Militärbehörden gefangen gesetzt. 20 Geschäftshäuser, zumeist Ausländern gehörig, und 15 Wohnhäuser wurden geplündert.
ub. Washington, 17. August. Ein Telegramm aus Caracas meldet: Das deutsche Kriegsschiff bleibt vor Puerto Cabello, während das amerikanische Kriegsschiff nach Cura^ao geht, um Kohlen einzunehmen. In Barcelona ist Alles ruhig.
Deutsches Deich.
Ein abgeschlagener klerikaler Vorstoß.
Es giebt eine Gruppe antiklerikaler Schriftsteller, die ihren Feind mit Nadelstichen bearbeiten und ihn gerade durch solche schmerzhafte Kitzeleien mehr zur Wuth bringen, als es durch einen wuchtigen Frontangriff geschehen könnte. Zu diesen Tirailleuren im Kampfe gegen Jesuitismus, Vatikanismus, Beschränktheit und Heuchelet gehören namentlich Graßmann und Ferdinand Heigl, jener mit seiner Schrift über Alfons v. Liguori, dieser mit seinen kleinen, spitzen, bohrenden, sicher treffenden Schriften, von denen die eine sich ebenfalls mit Alfons v. Liguori beschäftigt, die andere eine Kritik des Cölibats enthält. Auch der Exjesuit Graf Hoensbroech wäre in die Reihe
dieser Schriftsteller cinzuordnen, er nimmt aber eine besondere Stellung insofern ein, als er denn doch von gründlicheren Studien ausgeht und meistens mehr Ellenbogenraum für seine scharfen Angriffe auf den Klerikalis- mus gebraucht. Die Gratzmann'sche Schrift, die, wie man sich erinnert, im letzten Winter iir den Verhandlungen des österreichischen Reichsraths eine Rolle gespielt hat, dürfte inzwischen wohl die 90. Auflage erreicht haben; wenigstens war sie schon im Sommer 1901 in schneller Aufeinanderfolge auf 83 Auflagen gekoininen. Wie das Buch zwar gewiß nicht wirken soll, aber wirken kann, mag inan aus einem bösen Witz in der Münchener „Jugend" erfahren, wo sich einmal folgende Notiz fand: Für Lebemänner! „Haben Sie den Boccaccio schon gelesen? —
Hymen.
Roman von Sophie Jnnghans.
(17. Fortsetzung.)
Lothar hatte sich nach Tisch eben eine Cigarre ange- fteckt und im Salon, in dem er sich noch allein befand, rm Vorübergehen nach einer wochenalten englischen Zeitung gegriffen, als einer voii der L-chiffsmannschast rasch eintrat mit der Meldung: „Wenn Sennor Conning die Insel besuchen wolle, so möge er rasch hinaufkommen, es habe sich eine Partie zusanunengefundcn, die Boote würden eben klar gemacht." Conning war überrascht; der Matrose war schon wieder verschwunden, che er mir eine Frage hatte thun können. So nahm der jnnge Mann denn mit einigen großen Sätzen die Treppe, um, oben angekommeu, zu sehen, wie die Brasilianer sich nach der Seite drängten, wo die Boot- herabgelassen wurden, alle mit ihren Jagdgewehren. Natürlich, das war die Honpt- fache! Lothar sprang zurück in seine Kajüte, ergriff die Büchse und versah sich mit Munition; Schachteln und Kapseln waren davoii noch vollgefüllt; er hatte ja jeit der Abreise aus Deutschland nur drei, vier Schrotpatronen verbraucht, als sie während der Ucbersahrt aus Langer- weile auf Geiermövcn geschossen hatten.
Malve war nicht Pier unten, also auf Deck, da wurde er sie benachrichtigen können. Richtig, dort stand sie bcr dem Knäiiel, drehte sich aber eben suchend um und nun gewahrte sie ihn und kam rasch ans ihn zu. „Da hast gehört ah", sie bemerkte das Gewehr. „Wir legen doch an der Insel an, einige von den Herren wollen hinüber,
aber viel Zeit wird, glaube ich, nicht sein." ■_
, Das werden wir gleich Horen', sagte Lothar und forschte mit den Augen nach dein Kapitän uinher. Der schritt eben, als gehe ihn die ganze Sache gar nichts an, nach dem Achterdeck zu: Lothar holte ihn mit einigen Schritten ein. Ter kleine alte Herr war höflich und seit- snm unausgicbig wie immer.; in allen Dingen das gerade
Gegentheil dessen, was ein Schiffsführer fein sollte und glücklicherweise in den meisten Fällen ist. Ob man also anlegen werde? Ja, er denke doch,, ja wohl, er habe, glaube, der zweite Offizier werde die Sache arrangiren.
Ja wohl, Barral, aus Gefälligkeit gegen die Herren, die ein paar Bögcl schießen wollten. Man bringe den kleinen Zeitverlust rasch wieder ein. Er war schon im Weitcrgehen, als Lothar ihn geradezu am Aermcl packte, da er keine Lust hatte, eine Vervollständigung dieser so mangelhaften Auskunft von Herrn Barrat verlangen zu müssen. „Wir sind natürlich zur Nacht wieder an Bord?"
„Zur Nacht?" Ter alte Herr sah ihn unsicher fragend an und dann irrten seine Blicke wie gewöhnlich wieder zur Seite. „Zur Stacht? Natürlich, ja, selbstverständlich. Aber Sic müssen eilen, wenn Sie m:t hinüber wollen." Die letzten Worte sprach er, ohne ihn anzuschen, un raschen Davongehen.
. Rasch hatte Lothar, in dem die Lust nach Unterbrechung des Schiffseinerteis hoch auf.schlug, die Gruppe an den Reelings, wo man zu dm Booten gelangte, erreicht. Die zwei Boote wurden herabgelassen für die kurze Ueberfahrt von etwa zweihundert Schritten; näher tonnle der „Omagua" an die Insel nicht heran. Ta fiel ihn: plötzlich seine Frau ein: von der mußte er sich doch beur- landen, er war sogar wenig höflich und ritterlich gewesen, daß er sich nicht der Form wegen den kleinen Urlaub von zwei Stunden etwa von ihr erbeten hatte, da man bei der bloßen Höflichkeit ja nun doch einmal angclangt war.
Er drehte sich rasch um: Malve stand dicht hinter ihm. Esivas in ihrem Gesicht ver-anlatzte ihn, sie näher anzn- sehen Sie >var in ihrem Reisekleid von einen: schmiegsamen. Hellen, leichten Wollgewebe; die runden, schön abfallenden Schultern, die runde Taille, schlank gegürtet, das Alles von vollendeter Anmuth wie immer. Darauf achtete er nun aber weiter nicht oder cs trat ihm wenigstens nicht ins Bewußtsein, wohl aber bemerkte er, daß sic eben aus ihrem Schaukelstuhl ein dickes schottisches
Wasd aufgegriffen haben mußte, wie es bei der empfindlich kühleren Temperatur Abends auf Teck nöthig war, und dieses über dem Arm trug. Auch ihr Matrosenhütchen hatte sic auf und sah ihren Mann eigenthünüich unverwandt an. Doch klangen die Worte noch ziemlich leicht hingeworfen, als sie sagte: „Wenn ich nun mit hinüberführe? Tu weißt ja, ich bin bei so etwas nicht hinderlich."
Lothar war überrascht und sein Gesicht verhehlte das nicht. Zunächst sagte er: „Verzeih', daß ich Dich noch
gar nicht gefragt hatte, ob es Dir nicht unangenehni wäre, wenn ich mich mit übersetzen ließe. Du bleibst nicht gern allein an Bord zurück, selbst für die kurze Zeit?"
„Ich würde Dich lieber begleiten", entgegnete seine Frau darauf. Wie sie so vor ihm stand, brachte sie ihm mit einem Male lebhaft das ganze Milieu der Heimath, auch der ihren, vor die Seele. Wie wichtig war sie doch da, nicht nur für ihre Eltern, auch für die seinen; ein Ding von Werth, eine Kostbarkeit, ihm anvertraut! , Und diesen Werth behielt sie für jene Alle, davon würde er ihnen Rechenschaft ablegen müssen trotz der Kluft, die sich indessen heimlich in der freilich von Anfang an verfehlten Ehe geöffnet hatte, so, daß eines von ihnen jetzt hüben, das andere drüben stand. Nein, er durfte sie vielleicht wirklich uicht auf diesem Schiffe allein lassen, nicht ein- nml für Stunden. Auf ku Besuch der Insel zu verzichten, hatte er aber auch keine Lust; was konnte ihr auch drüben, neben ihm, geschehen? Nichts wenigstens, dem er nicht auch ausgesetzt war. Eine Strapaze würde das Ganze kaum sein; die Brasilianer sahen uicht aus, als ob sie sich einer solchen aussetzen würden, hatten übrigens auch, wie Lothar Conning, so wie sie gingen und standen, nach ihren Flinten gegriffen, ohne jede weitere Vorbereitung.
„Ich würde Dich gern begleiten", hatte Malve gesagt. „Natürlich stehtDir das ganz frei, wcnnDu es wünschest", entgegnete er demnach jetzt.
„Werden sie denn auch eiue Dame mitnehmen, frage sic doch", drängte seine Frau. Lothar, den Arm leicht um
