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Verlag Lang gaffe 21

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vienstag, 20. Zu« 1918.

klbend-klusgabe.

Nr. 332. * 63. Jahrgang.

„Magister Churchill."

Das Problem «er Scheldemündung.

W- T.-B. Berlin, 20. Juli.

Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Denl Londoner Korrespondenten des „Nieuwe Rotter- öamsche Courant" hat W i n st o n Churchill inter­essante Mitteilungen gemacht. Der Bericht hierüber hatte ein eigentümliches Schicksal. Zehn Tage hielt ihn der englische Zensor zurück. War die Aufgccke so schwer und zeitraubend, für Churchills Weisheit eine zusagende Fassung zu finden? Ehe die Öffentlichkeit den, Inhalt erfuhr, bildete er den Gegenstand einer Anfrage im britischen Unterhaus, und A s q u i t h er­klärte die Übereinstimmung des Kabinetts mit der Auf­fassung Churchills. Das ist für diesen unzweifelhaft eine große Genugtuung, der nach der Kaltstellung als Marineminisrer auf dem ehrenvollen Ruheposten eines Kanzlers des Herzogtums Lancaster seinem Taten­drang unwillkommene Zügel anlegen mußte. Chur­chill fühlt sich als Spezialist für die Beurteilung englischer Verhältnisse, sicherlich mit dem gleichen Recht, wie Sir Edward Grey für die kontinentale Politik, der bekanntlich auch einmal in seinem Leben die britische Insel im vorigen Sommer für einige Tage verlassen hat. Der damalige Marineminister Churchill begleitete die famose Marine- brigade auf ihrem Hilfszug nach Antwerpen. Jetzt n mcht er von dom reichen Schatz der in Antwerpen ge­sammelten Erfahrungen Gebrauch, um Holland da­mit zu beschenken.

Das Problem der Scheldemündung er­schien, wie erinnerlich, vor einigen Jahren auf der Tagesordnung, als Holland sich anschickte, die Be­festigungen bei V l i s s i n g e n zu verstärken. Vergeblich mühte sich damals England, den Holländern in den Arm zu fallen. Auch Churchill bezeichnet die fetzige geographische Regelung der Scheldemündung als „unnatürlich". Denn hätte Antwerpen Transporte über den Fluß erhalten können, so wäre es nicht ge­fallen. Ob dem holländischen Leser die Lage ebenso „unnatürlich" erscheint, wie dem Engländer, der auch die Fortsetzung der Kanalküste nur als ein britisches Glacis anfieht, ist noch einigermaßen zweifelhaft. Über gewisse Demarchen Englands im Haag und in Brüssel, die sich auf die Scheldepassage be­zogen. sind wir nicht näher unterrichtet. Wir wissen nur, daß sie st a t t g e f u n d e n haben. Bedauerlicher­weise erfahren wir auch fetzt aus Churchills orakel­haften Äußerungen nichts Genaueres über die Pläne unserer Feinde bezüglich des Scheldeproblems, natür­lich für den Fall, daß sie in die Lage kommen sollten, es nach ihren Wünschen zu regeln. Vom Frieden sind wir noch weit entfernt, meint Churchill. Darum hat es keinen Sinn, sich den Kopf darWer zu zer­brechen, was er möglicherweise bringen werde. Wer eine Besorgnis möchte er zerstreuen, daß man Holland zumuten werde, seinen flandrischen Besitz gegen ein Stück Ost friesland zu tauschen. Es ist recht interessant, bei dieser Gelegenheit von solchem Plänen zu hören, die sich offenbar schon so weit ver­dichteten, daß man in den Niederlanden davon

Kenntnis erhielt. Daß England die ausschließliche Kontrolle der ganzen Küste von Calais bis zur Schelbemündung als sein hauptsächlichstes Kriegsziel betrachtet, liegt auf der Hand. Wir haben auch Grund zu der Annahme, daß es Calais nicht wieder zu räumen beabsichtigt, und schwerlich wird unter den Jungfrauen des heutigen Frankreich wieder eine Jeanne d'Arc erstehen.

Wer ist es für Holland und Belgien verführerisch, das Los zu teilen, das England dem geschwächten Frankreich zugedacht hat? Ihre Häfen und Fluß­mündungen nach britischen Wünschen einzurichten, ist doch gleichbedeutend mit 'der Bürde eines englischen Protektorats. Um dieses Ziel der britischen Politik zu verhüllen, greift Churchill nach dem recht plumpen Mittel, Holland vor dem deutschen Nach­bar zu warnen. Deutschland kann dazu -getrieben werden, Holland anzugreifen, seine Lage ist die der „Bestie im Käfig", die nach rechts und links wild um sich schlägt, je näher die Flammen heranrücken. Eine starke Zumutung ist dieses Bild für Neutrale, die sich aus ungefärbten Berichten über die wahre Kriegslage unterrichten können. Täglich lesen die Holländer, vielleicht haben sie es auch schon persönlich erfahren, daß der Vier Verb and im der ganzem Welt nach der Hilfe der Neutralen schreit, während die verbündeten Zentralmächte, ausschließlich auf die eigene Kraft bauend, von Erfolg zu Erfolg schreiten.

Auch die längst abgetane Legende, England und seine Bundesgenossen kämpften für die bedrohten kleineren Nationen, holl Churchill wieder aus der Rumpelkammer hervor. Aber er muß die Wfuhr von seiten des holländischen Blattes selber einstecken, das ihn an seine Liverpooler Rede erinnert, England habe dem Krieg begonnen, um Frankreichs Riöderstbge zu verhindern. Daß Churchill einen besseren Befähigungs­nachweis auf dem: Gebiet der äußeren Politik erbracht hat als auf dem der Marine, kann man nach diesen Leistungen eigentlich nicht behaupten. Ein Wort Churchills wollen wir uns auch aneignen, findet doch auch ein blindes Huhn manchmal ein Korn: Der Friede ist noch wett; es hat keinem Sinn, sich jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen, was er bringen werde. Deutschland achtet die holländische Neutrali­tät auf das Gewissenhafteste und hat damit Gleiches mit Gleichem vergolten. Denn im Gegensatz zu Belgien hat Holland dem englischen Verführer fein Ohr verschlossen, als er an es herantrat. Holland ist eben wirklich neutral gebliebem.

von den östlichen Kriegsschauplätzen.

Warschau in Erwartung der kommenden Ereignisse.

Wien, 20. Juli. <Ktr. Blu.) Warschauer Blättern ist zu entnehmen, daß die Bevölkerung in Erwartung kommender Ereiguiffe lebt. Warschau sei erschüttert dnrch Nach­richten, die riesige Veränderungen ankündigen. In sulch einem geschichtlichen Augenblick dürfe man keine Furcht v«r den kommenden Beränderungrn haben. Es sei eine ge­schichtliche Notwendigkeit, die nicht zu vermeiden sei. Man solle deshalb auf alles gefaßt sein.

Busk geräumt und in Flammen.

Wien, 20. Juli. (Ktr. Bln.) Die 50 Kilometer nord­westlich von Lemberg am Bug gelegene Stadt Busk wurde von den Nuffen geräumt und steht in Flammen. Zwei Ge­meinden find größtenteils vernichtet.

Ein Telegramm des Kaisers an Hiwdenburg.

Danzig, 20. Juli. (Ktr. Blm.) Der Kaiser sandte cnrS Anlaß der letzten großen Erfolge im Osten an Feldmarschall v. Hindenburg folgendes Telegramm: „Ew. Exzellenz, dem General v. Galltvih und den tapferen Truppen spreche ich für die bisher erreichten schönen Erfolge meinen D«r»k und meine Anerkennung aus."

Japanische Artillerieoffiziere zur Ausbildung der russischen Truppen.

W. T.-B. Paris, 20. Juli. (Nichtamtlich.) Der „Eclair" erfährt aus Petersburg, daß die Mission der japanischen! Artillerieoffiziere seit Mitte April die Ausbil­dung der russischen Artilleristen übernommen hat. Die japanischen Offiziere werden keinesfalls an die Front gehen, sondern höchstens die Aufmontiernng und Handhabung der japanischen Geschütze leiten. Die Aufgabe der Mission bestehe lediglich darin, die Reorganisation: der russischen Artillerie in die Wege zu leiten.

Oer Raub ver russischen Offiziere in Galizien!

Aus dem Brief eines höheren russischen Offiziers.

Br. Wien, 20. Juli (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Dem „Couryec Wlowski" zufolge wurde ein Brief anfgefrrnden, in dem ein höherer russischer Offizier dem General­stabschef der Südwestacmee unter dem 31. März ans Chyrow t.t Oftgalizien mitteilt, daß er Gelegenheit hatte, zu beobach­ten, wie russische Offiziere das in Galizien geplünderte Gut, Eguipagen, kostbare Speiseservice, Möbel usw., au ihre Familien nach Rußland transportieren ließen. ES fei dies ein schmähliches und nichtswürdizes Vorgehen, das mit der Offiziersehce und der Auffassung von Kulturmeiffchen nicht ir, Einklang gebracht werden könne. Das Armeekommando hätte die Pflicht, die Remission der Offizierssendungeu nach Rußland anzuregen.

Ein neuer österreichischer Statthalter für Galizien

W. T.-B. Wien, 19. Juli. (Nichtamtlich.) Die .Wiener Zeitung" teilt mit, daß der Statthalter von Galizien, Ritter v. Korytowski, auf sein Ansuchen seines Amtes ent­hoben und der General der Infanterie Hermann v. G o l l a rü zum Statthalter ernannt worden ist. Me Verfügung hängt mit der Wiederbesetzung des größten Teiles von Galizien zu­sammen. Der nenernannte Lcmdeschef verknüpft mit fernem! Amt keinerlei militärische Funktionen. Er tritt lediglich im den normalmäßigen Wirkungskreis seines Aurtsvorgängcrs -und ist dem Ministerium verantwortlich. Korytowski scheidet unter Beweisen Allerhöchster Gnade aus dem Amt. Der neue Lirndesches ist der Landessprachen kundig und mit den Ver­hältnissen des Landes vertraut. Er wird zunächst bei der Förderung aller auf die wirtschaftliche Wiederbelebung des Landes gerichteten Bestrebungen ein reiches Feld der Tätig­keit finden'.

Lin neutrales Urteil über die Lage im Osten.

W. T.-B. Bern, 20. Juli. (Ktr. Bln.) Zum Rückzug der Russen schreibt Stiigemann im „Bund": „Bereits ist Brest- L i t v w s k zum russischen Opcrattonszentrnm geworden und Warschau nur noch ein gefährdeter A u ß e n p o st e n. Steht die russische Hauptmacht hinter der peripherischen Ffftnugs- ftont Kowel-Warschau-Dubno und Brest-Litowsk versammelt» um dort die Gelegenheit zu suchen, aus dieser Rcduitstellnug

Kriegsbriese aus dem Osten.

Von unserm zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatter.

Der Vorflotz von Mlawa.

Während die Armeen Mackensens von Süden her mit starken Schlägen die Linie des vorgeschobenen Vierecks der russischen Stellung, in dessen Mittelpunkt etwa Warschau liegt, aufbrachen, setzte auch von Norden aus allgemeiner Richtung Mlawa eine Offensivbewegung der Armeen Hinden- burgs ein. Wieder an einer Stelle, an der die Russen eine deutsche Offensive für unmöglich hielten, weil sie unsere Kräfte im Süden gebunden hielten. Über Ausmaß und Ziele der Narew-Lffensive ist natürlich noch nichts zu sagen. Ich gebe hier nur ein paar Bilder aus den Aufmarschtagen und dem ersten Gefechtstag, in dem der Durchbruch durch die Russische Stellung erzwungen wurde.

*

Bei Praschnüsch und Demsk waren in den letzten Februar­tagen und im Anfang März heftige Gefechte. Die Felder hinter Demsk sind mit Granaten besät. Gegen tausend hagelten über das kleine weiße Gutshaus in die jungen Roggensaaten. Dann war Ruhe in Mlawa. Die Stadt wurde allmählich an Sauberkeit gewöhnt, sogar ein neuer Platz mit gärtnerischem Schmuck wurde angelegt Man verlor in den langen Monaten des Stellungskrieges auch hier den Humor nicht. Exzellenz Gallwitz erzählte mir, daß man ihn dicht hinter den Stellungen zu einem Platz geführt habe, der mir großen Buchstaben als „Rikolajewitsch-Platz" bezeichnet war.

Auf die Untersuchung dieser merkwürdigen Ehrung stellte es sich heraus, daß hier Röcke geklopft wurden und Wäsche auf- gehängt. Namentlich auf die letzte Tätigkeit soll man bei Auswahl des Namens besondere Rücksicht genommen haben.

Aus der Ruhe des Stellungskrieges kam der Zipfel Ost­preußens und die Gegend von Mlawa wieder in operative Bewegung. Es gibt kaum'einen Winkel in Mlawa, der nicht belegt gewesen wäre. Die Straßen waren grau von durch-, marschierenden Truppen, die Tage waren voll Spannung und Erwartung. Das Kommende hing in der Luft, man las es von allen Augen. Die Zufahrtsstraßen waren belegt von Kolonnen und Automobilen.

An einer Stelle traf ich einen Divisionsstab, den wir um Unterstützung bei einer Automobilpanne baten. Der Herzog von Koburg-Gotha war, wie es ja bei den deutschen Bundes- fürsten üblich ist, hier tn der Nähe seiner Truppen. Sehr frisch, Pfeife im Munde, liebenswürdig. Libau interes­sierte den Herzog sehr, ja und sein Regiment läge jetzt auf 150 Meter dem Feinde gegenüber, man könne bei Tage nicht mehr recht hin, morgen würde es wohl anders sein.

Truppen, Truppen und wieder Kolonnen kommen uns entgegen, es sind die Reserven, die einrücken. Ein starker Gewitterregen geht nieder, es geht im Schritt, der Weg fängt an, unergründlich zu werden. Sturm, die Zeltbahn über die Schultern, ziehen die Leute vorwärts. Sanitätswagen stampfen vorbei. Stroh, in feste Ballen gepreßt, wird nach vorn gebracht. Morgen spricht die Schlacht.

Die Russen sind ahnungslos. Gerüchten, die zu ihnen ■ kommen, haben sie, wie sich später herausstellt, keinen Glau- 1 bei beigemesseü. Die deutschen Batterien sind überall in

Stellung; sobald es hell wird, werden sie das erste Wort in

dem großen Ringen sagen, das in dieser Nacht beginnt.

*

Gegen 5 Uhr ist die Sonne wie eine dunkelrote klaffende Wunde am Himmelsrand. Die Wolken schieiern bald dichter und schwerer über den roten Schein, der Himmel wird dunkel. Als ich gegen 6 Uhr an dem Beobachtungspunkt des Artillerie-^ Kommandeurs in ver Nähe von Borowe ankomme,- ist eben» noch die zerschossene Kirche von Grudusk durch das Scheren­fernrohr zu erkennen. Davor liegen die starken Stellungen der Russen, die durchbrochen werden sollen. Die Artillerie — Kanonen, Mörser und Haubitzen —, die einen Augenblick geschwiegen hatten, setzten wieder ein. Die Riesenorgel der Schlacht spielt. Es ist mir — und mir nicht allein — feier­lich und beklommen wie in der Kirche als Junge bei diesem Orgelklang, der da braust und singt; ich fühle mehr, als daß ich es weiß, daß hier eine schwere und große Entscheidung einsetzt und ich denke immer, während ich in die Ferne sehe, wo Rauch aufsteigt und Schrapnellwolken flattern; wann spielt die andere Orgel den Schluß dieser heldenschönen und heldengroßen starken, deutschen Musik, den Schluß: „Nun

danket alle Gott . . ."

Die Ferne verhängt sich, noch ist Licht über Grudusk, aber schwere Fransen streichen schon darüber. Die Wolkeit ziehen wie wandernde Heere, wie schwarze wehende Fahnen flattert es über den russischen Linien. Dann zuckt es auf und in das Dröhnen der Geschütze wallt Vas Donnern eines schweren Gewitters, bis die Artillerie, der der dicke graue Regenschleier auch jeden Zielpunkt nimmt, vor dem himm­lischen Artillerielärm schweigt. Er war stärker.