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RedaktionS-Fernsprecher N». 52.

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Der Kulturkampf in Frankreich.

Unser Pariser Korrespondent schreibt:

Die Straßenkundgebungen gegen die Schließung der geistlichen Schulen dauern sort. Am L-onntag sahen der Konkordienplatz und die Champs-Elysees ungeheuere lärmende Volkshaufen, am Montag hörte der Saal der Reitbahn in der Rue d'Enghien die leidenschaftlichsten Reden. So wird es wohl noch eine ganze Weile fortgehen, nach Paris kommt die Provinz an die Reihe, bis endlich in die erregten Gemüther etwas Ruhe eingezogen sein ! ft>ir!). Die Anhänger der Ordensgemeinschaften werden zur Einsicht kommen, daß ihrer Sache mit Slraßen- demonstrationen sehr wenig gedient ist. Indem sie den Kampf auf die Straße verlegen, fordern sie Gegenkund­gebungen und heftige Zusammenstöße mit Nothwendig- keit heraus. Me Gewaltthätigkeiten schaden aber immer den Ideen. Wenn man die Agitation sät, darf man gewiß sein, den Aufruhr zu ernten, und Leute, die sich in der Rolle des Demagogen gefallen, sind, zumal in Frank­reich, immer im UÄerfluß vorhanden. Man kann die Pariser nur beglückwünschen, daß sich am Sonntag nicht schwere Unglücksfälle zugetragen haben. Der Dank ge­bührt dem energischen Polizeipräfekten und seinen Unter­gebenen. In einem Lande des allgemeinen Stimmrechts und besonders in einer Republik dürste bei Meinungsver­schiedenheiten. wie sie Frankreich gegenwärtig spalten, allein die Gesetzlichkeit als oberste Richterin angerufen werden und man überschreitet denRahmen derselben, wenn man die Diskussion auf die Straße trägt. Es giebt Ge­richtshöfe, an die man sich wenden kann, wenn man sich beeinträchtigt fühlt, und das Parlament ist dazu da, um die politischen Akte der Regierung zu beurtheilen, da es der gesetzmäßige Repräsentant des nationalen Willens ist. Der in den letzten aufgeregten Tagen wiederholt unter­nommene Versuch, sich direkt an den Präsidenten der Republik oder gar an Madame Loubet zu wenden, ver- räth eine vollständige Unkenniniß des republikanischen Regimes. Es ist eine Reminiscenz an die gestürzte Monarchie und an den überwundenen Cäsarismus, wenn man glaubt, daß das Staatsoberhaupt der allmächtige Meister Frankreichs ist und daß seine Frau irgendwie eine politische Rolle spielen kann. Etwas wie eine Erinnerung

Freit ag, den 1. August.

an die Zeiten der Pompadour muß den Geist der Frauen beschlichen haben, die sich kürzlich in das Elysse begaben, um die Präsidentin für ihre Sache zu gewinnen. tfrau Loubet erzieht ihre Kinder zwar christlich, aber für eine Einmischung in politische Fragen ist sie nicht zu haben. Das Amt des Präsidenten der Republik hat seine Rechte wie seine Pflichten. Sein Recht ist, die Minister, immer unter Berücksichtigung der jeweiligen parlamentarischen Mehrheit, zil wählen, die verantwortlich find, wahrend er es nicht ist. Seine Pflicht ist, diejenigen, denen er fern Vertrauen geschenkt hat, iiicht im Stiche zu lassen. Me Aufrechterhaltung der Ordnung ist die erste Ausgabe emeo Ministeriums, und die vernünftigen Politiker aller Par- teien sind sich darüber einig, daß so tiefgehende Mlßhellig- keiten wie die jetzigen nicht auf der Straße ausgetragen werden können. Die einsichtsvollen Politiker sind^ freilich in Frankreich dünn gesät. Die Veranstalter der^straßen- unruhen dürfen zu ihrer Entschuldigung anfuhren, wie selbst der „Temps" zugiebt. der sonst immer den Mantel nach dem von oben wehenden Winde hängt, daß ihr Still­schweigen und ihre Resignation von den Gegnern als Schwäche ausgetegt worden wäre und die Jakobiner daraus geschlossen hätten, daß ihnen schließlich Alles er- laubt sei Das Publikum war leider, meint das Blatt, zu gleichgiltig gegen die Machtüberschreitungen, der Regierenden und gegen die Attentdte aus die Freiheit ge­worden Daß Ministerpräsident Combes mit zu großer Rücksichtslosigkeit vorging, ist auch die Ansicht vieler deutscher und englischer, des Katholizismus keineswegs verdächtiger Zeitungen. Aber durch zu stürmische Stratzen- kundgebungen taufen die Katholiken Gefahr, daß, wie die Kammermajorität einmal beschaffen ist, gegen sie noch härtere Gesetze erlassen werden. Sie müßten immer bedenken, daß ein Artikel des Vereinsgesetzes der Regie­rung die Erlaubniß giebt, auch autorisirte Religionsgesell- sckaften aufzulösen. Waldeck-Rousseau ist bedauerlicher Weise — dieser Meinung begegnet man jetzt häufig und selbst in den Kreisen der ihm feindlich Gesinnten — in einem Augenblick von seinem.Pasten zurückgetreten, wo sein Verbleiben im Amte gerade dringend nothwendig war. Er hat die Pflicht, die Ausführung der von ihm geschaffenen Gesetze zu überwachen, hintangestellt und sie in den Händen von Leuten zurückgelassen, die weniger Klugbeit und Selbstbeherrschung besitzen als er. Die Lösung der schwebenden polittsch-religiösenSchwierigkeitev verlangt eine Summe von Takt und Diskretion, über die Combes nicht zu verfügen scheint.

Ae Schließung der Ordensschulen darf nicht allein vom Rechtsstandpunkt aus und von dem des Gefühls be- urtheilt werden, sondern auch rein praktischeGesichtspunkte treten in den Vordergrund. Was wird man mit den tausend und abertausend Kindern anfangen, die in den nunmehr geschlossenen Anstalten Unterricht empfingen? Wie viel wird die Uebernahme derselben aus die staatlichen Schulen dem öffentlichen Säckel kosten? Diese Fragen hat sich die Regierung etwas verspätet vorgelegt, wie das kürzliche Cirkular des Unterrichtsministers Chaumie be­weist, das er an die Akademie-Inspektoren richtete und in welchem er um Aufklärung bittet, über wie viel^freie Plätze in den Schulen und über welches Personal derstaat verfügt, um diese Kinder nach Schluß der großen Ferien unterznbringen und zu unterrichten. Nach dem stattstischen

Berlags-Fernsprecher No. 2266.

1902 .

Jabrbuch Frankreichs gab es im Jahre 1899 5,430,491' Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren, die m den Elemen­tarschulen unterrichtet werden. Davon entfielen 1,583,T/9 auf die unter geisüicher Leitung stehenden Schulen. Me Schließung von 2500 derselben verursacht dem Staate, so hat es wenigstens die „Mpublique" ausgerechnet, eine Mehrausgabe vou ca. 12 Mill. Frcs. Und wenn die Regierung nicht auf halbem Wege stehen bleibt, und auch die unter katholischem Einfluß stehenden Prwat- und Kommunalschulen schließt, so dürfte dies eine jährliche Steigerung der Ausgaben um 60 Millionen herbersühren. Angenehme Aussichten für den französischen Steuerzahler!

M Amerikaner Mr das denische KMiniMsen.

Der bekannte amerikanische Journalist P. Bigelow fällt in seinem Buche über die verschiedenen Methoden der Kolonialmächte ein vernichtendes Urtheil über die Koloni- sattonsweise des Deutschen Reiches.

Kolonieen werden zur Entwickelung und Müthe ge­bracht nicht durch Militär und Beamten, sondern durch Kaufleute, Pflanzer, Bergbau- und andere Industrielle. Militär und Beamten müssen nicht die Hauptsache sein, sondern eher als ein nothwcndiges Nebel betrachtet wer- den. Unter Umständen können sie sogar eine Gefahr für die Entwicklung einer Kolonie werden, sobald man beiden Kategorieen mehr Einfluß einräumt, als durchaus noth­wendig ist. Sie sollten nichts anderes und nicht mehr sein, als Hülfsmittel, welche in die Kolonieen geschickt werden, um den Kaufleuten, Pflanzern -c. die Ausübung ihres Berufes zu ermöglichen und zu erleichtern. Sobald aber Militär und Beamten mehr sind, hemmen sie die Entwicklung der Kolonie. Meses aber sehen die Deut­schen leider nicht ein, wie P. Bigelow auseinandersetzt.

Auf seiner Reise nach Ostasien in 1898 traf er auf dem deutschen Dampfer 17 deutsche Kaufleute, von denen nur zwei nach Kiautschou reisten. Me Anderen erklärten, daß sie keine Lust hätten, sich da niederzulassen, wo die deutsche Flagge wehte, in englischen oder niederländischen Kolo- nieen hätten sie es viel besser. Auch die zwei für Kiautschou bestimmten Herren zogen sich bald von dort zurück, weil ihnen von den dortigen deutschen Beamten das Leben zu sauer gemacht werde.

Von einem deutschen Pflanzer, der große Unternehm­ungen auf Sumatra besitzt und in Berlin wohlbekannt ist als ein reicher Mann mit offenen Augen für allgemeine Interessen, bekam Bigelow auf seine Frage, weshalb er leinen Antheil nehme an der Entwicklung von Deutsch- Ostafrika, zur Antwort: „Ich habe Versuche gemacht, mich dort niederzulassen, schien aber nicht willkommen zu sein. Ueberall, wohin ich sah, Uniformen. Man betrachtete mich nicht als Jemand, der selbst Verständniß besaß und wußte, was ihm frommte, sondern als einen Menschen, den man durch Beamten leiten lasse müsse —, so ungefähr, wie einen Rekruten, der exerciren lernen soll."

Von den obengenanten 17 deutschen Kaufleuten gingen verschiedene nach Hongkong. Einer von ihnen sagte zu Bigelow: „Warum sollte ich nach Kiautschou gehen? Ick) habe in Hongkong unter englischer Flagge viel mehr per­sönliche und politische Freiheit, als unter deutscher Flagge. In Hongkong nehme ich eine gewisse Stellung ein., in Kiautschou bin ich nur „ein gewöhnlicher Civilist"."

Feuilleton.

Auf der Kordlundfahrt.

Spitzbergen, an Bord des Dampfers „Ojhonna".

12. Juli 1902.

Sehr geehrter Herr Redakteur! Es dürfte den Lesern des „Wiesbadener Tagblatts" nicht ganz uninteressant sein, von einem Wiesbadener etwas aus dem Polarmeer zu erfahren. Ich will daher versuchen, selbst Erlebtes und Gesehenes in Wort und Schrift in gedrängter Form

wiederzugeben. . . . ., .

Am 3. Juli fuhren wir, meine Frau und ich, m aus­erlesener Reisegesellschaft mit dem rühmlichst bekannten Polarsahrer Herrn Kapitän W. Bade (wohnhaft in Wismar in Mecklenburg) an Bord des ebenso kräftig gebauten, wie elegant eingerichteten Dampfers „Orhonna" von Kiel ab, durchquerten die Ostsee, und schlängelten uns hinter den schützenden Schären Norwegens bis Merok, Tromsö und Hammerfest, gingen jeweils vor Anker und machten größere oder kleinere Landausflüge, überall die prächttge Natur bewundernd.

Von Hammerfest abfahrend, besuchten wir dieWalfisch- statton des Walfischfängers Jngebrrgsen im Troldfjord. Ein Wal lag verankert, seiner Zerlegung harrend. Zwei Stunden lang amüsirten wir uns an dem Ufer mit Suchen von Resten und Raritäten großer Seeungethüme, besttegen dann unser braves Schiff wieder und dampften hinaus ins Polarmeer. Am Ausgang des Troldsjords begegnete uns ein vom Fang heimkehrender Walflschdampfer, ein mächttges Thier im Schlepptau führend. Eine halbe

Stunde später kreuzten wir einen zweiten Dampfer Inge» brigsens mit fünf Walen im Schlepptau. Dieser eine Walfischjäger hatte demnach das seltene Glück, an einem Tage sechs solcher Kolosse zu erlegen, welche natürlich einen sehr hohen Werth repräsenttren. Wir dagegen hatten das seltene Glück, der Einbringung dieser Beute Zeugen zu sein, was tausenden von Nordlandsreisenden nicht vergönnt ist.

Unser Kurs richtete sich nun nach dem Vogetberg, wo durch einige Kanonenschläge die tausend und abertausend dort nistenden Vögel aufgeschreckt wurden, welche, einer Wolke gleich, mit lautem Geschrei aufflogen, um hinter uns ihre Nistplätze wieder aufzusuchen. Von hier gelangten wir nach zweistündigerFahrt ans Nordkap, welches sogleich bestiegen wurde. Im Glanze der Mitternachtssonne wurde bei einem Glase deutschen Sektes ein Gruß in die Heimath gesandt. Nun liefert uns Herr Kapitän Bade einen Be­weis von der trefflichen Bauart und Stärke unseres Schisses, indem er ca. 10 Kilometer weit durch schweres, zuweilen bis 600 Cmtr. dickes Eis fuhr — ein wunder­bares Schauspiel, an dem wir uns Alle ergötzten. Wir waren mitten im Eismeer; eine Unmenge Robben und Seehunde lagerten auf dem Eise oder trieben in einer Oeffnung ihr munteres Spiel. Ein Boot wurde aus­gesetzt und unsere Nimrode, darunter deutsche und öster­reichische Offiziere, versuchten ihre Treffsicherheit. Aus Spitzbergen erlegte ein Haupttnann mit sechs Schuß vier große und kleine Möven, darunter schöne Exemplare. Auch wurde ein Polarfuchs zur Strecke gebracht. Heute, ein Sonntag hell und klar, kamen drei Walfische in Sicht, wodurch die Aufmerksamkeit der ganzen Reisegesellschafi aufs Höchsts gespannt wurde. Ein Gottesdienst wurde

auf Deck abgehalten, bei welchem einer der Passagiere, ein Pfarrer aus dem Sachsenlande, celebrirte; eine erhebende Feier. Nun wurden Boote ausgesetzt, an Land gefahren und eine Gletscherpartte unternommen, welche herrlich verlief. Wenn ich nun sagen soll, welchen Eindruck diese arktische Welt „Spitzbergen" auf den Beschauer macht — einen großartigen, überwältigenden! Es ist, als wäre ein mächttges Hochgebirge von unabsehbarer Ausdehnung bis zur Schneegrenze ins Meer gesunken, die Schluchten mit gewaltigen Gletschern von wunderbarer Pracht füllend. In den Thälern wuchert eine reiche, wenn auch niedere Flora. Das Rennthier und der Polarfuchs, sowie der Eisbär, das Walroß, Robbe und Seehund haben hier ihre Heiinstätte.

Jedem, der gewillt ist, eine Nordlandreise zu machen, dehne dieselbe bis hierher aus, und vertraue sich der sicheren Führung des bewährten Herrn Kapitäns Bade an.. Dieser ebenso treffliche wie liebenswürdige Mann unter-r nimmt am 3. August dieses Jahres ab Kiel eine zweite Nordlandreise, welche nicht dringend genug empfohlen werden kann. Des Weiteren verweise ich auf den be­treffenden Reiseprospekt, in der Buchhandlung von Feller und Gecks, sow> bei Herrn Kapitän Bade in Wismar erhältlich.

Die Verpflegung an Bord ist vortrefflich und kon- kurrirt mit der feinsten Küche erster Hotels. ®et Ge­sundheitszustand unserer mehr denn fünfzigköpfigen Reisegesellschaft ist ein ausgezeichneter. Ueberdies sind Arzt und Apotheke an Bord. Soll ich nun noch hervor­heben, welch' wohlthätigen Einfluß eine solche Seereise auf die Gesundheit von Körper und Geist übt? — ich glaube, es ist hinlänglich bekannt. vr. fl.