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Wiesbadener Tanblaü.

so* Jahrgang.

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Ameisen - An« l» I» 1 »e sür die Abend-Slusgabe bi, 12 Uhr Mittags, für die Morgen-AuSaade bi, 8 Uhr Nachmittags. - Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur g*-" nächsterschei nenden Ausgabe wird keine Gewähr übern ommen, ledoch nach Möglichkeit Sorge getragen. ____

Uo B52. Redaktions-Fernsprecher No. 52. Donnerstag» den 31. Juli. _ Berlags-Fernsprecher No. 2266. 190%.

Abend-Ausgabe.

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Der rulhenijche LeldarKeilerausjiand.

Der in Galizien um sich greifende Ausstand der ruthenischen Feldarbeiter nimmt immer mehr den Charakter einer gegen die übermiithige dortige polnische Schlachta gerichteten Bewegung an. Die in jenem un­glücklichen Kronlande allein herrschende klerikal-aristo­kratische Polenpartei vergewaltigt in wahrhaft brutaler Weise die ganze ruthenische Bevölkerung. Wie es mit dieser sogenannten polnischen Verwaltung in Galizien steht, darüber belehrt uns Herr Sembrotowicz in der Wiener Zeitschrift „Das freie Wort". Man höre:

„Es muß hervorgehoben werden, daß die Parallele zwischen den galizischen und preußischen Zuständen jeder Berechtigung entbehrt. Galizien ist nicht nur kein pol- nischerStaat, sondern auch kein polnisches Land, wie das schon die ruthenische Benennung „Galizien" zeigt und der Name der Landeshauptstadt Lemberg, den diese Stadt nach dem ruthenischen Fürsten Leo demGroßen führt. Das heutige Galizien ist bekanntlich ein aus zwei weder historisch noch ethnographisch zusammenhängenden Ge­bieten künstlich zusammengeflicktes Land. Der wesüiche Theil (mit Krakau) gehörte ursprünglich zu Polen, der östliche Theil (mit Lemberg) zum Ruthenenreiche. Trotz­dem die Lage der Ruthenen in Galizien dem Buchstaben des Gesetzes nach viel günstiger sein sollte als die derPolen in Preußen — ist in Wirklichkeit das Gegentheil davon der Fall. Durch wirthschaftliche, politische und nationale Schikanen zwingt man die Ruthenen, ihr Vaterland zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. An ihre Stelle werden polnische Bauern hierher geschickt. Außer­dem werden von den bankrottirten Großgrundbesitzern Landgüter angekauft und polnische Bauern aus denselben angesiedelt. Zu diesem Zwecke wurde eine Ansiedelungs­kommission, betitelt „Bank Parceläcyjny", gegründet. In letzterer Zeit wurden 23 ParzelliruNgen in sieben Bezirken Ostgaliziens vorgenommen und an polnische Ansiedler vergeben. Die ruthenischen Bauern werden zum Ankauf von solchen Grundstücken, selbst wenn sie mehr bieten, meistens einfach nicht zugelassen. Anfangs Juni d. I. ist es sogar zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen den ruthenischen Bauern und den polnischen An­siedlern in Kaltwasser bei Lemberg gekommen. Bei dieser Gelegenheit kam ein polnischer Ansiedler ums Leben, ein anderer wurde schwer verwundet. Die Direkfton der „Parzellirungsbank" nimmt nun die Kolonisation -Ost­galiziens bei Assistenz der Gendarmen vor. Um diese er­sprießliche Thätigkeit der polnischen Ansiedelungskom­mission zu fördern und den polnischen Bauern den Ankauf der Landgüter in Ostgalizien zu erleichtern, hat vor einem Jahre der galizische Landtag zwei Gesetzentwürfe ange­

nommen: 1. „Ueber die Bildung der Rentengüter in Galizien". 2. „Ueber die zeitweise Unthellbarkeit der mittleren, mit Hülfe des Rentenkredits gebildeten land. wirthschaftlichen Güter". Durch die Annahme dieser Vor- lagen von der polnischen Mehrheit sahen sich die ruthe- nischen Abgeordneten veranlaßt, den Landtag zu verlassen. Auf diese Weise — sowie mittels anderer Polonisirungs­künste — hat es die galizische Landesregierung zu Wege gebracht, daß die Polen in Ostgalizien sich im letzten Jahr­zehnt um 20pCt. vermehrt haben, während der allgemeine Bevölkerungszuwachs in Ostgalizien (in derselben Zeit) blos 11,5 pCt., im polnischeii Westgalizien nur 8,5 pCt. beträgt. Wir haben es hier also mit einem polnischen Drang nach Osten par excellence zu thun. Während aber die Galizien regierendenFaktoren planmäßig bestrebt sind, dem ganzen Lande ein polnisches Gepräge zu geben, verschärfen sie den Gegensatz zwischen den beiden Thellen desselben durch die traditionelle Ausbeutung Qstgaliziens zu Gunsten Westgaliziens. Ostgalizien wird bei Melw- rationen aller Art, Herstellung der Straßen und so weiter gewissenlos zu Gunsten Westgaliziens exploitirt. Ern Beispiel: Bis zum Jahre 1888 hat man in Galizien 2807 Kilometer Wege gebaut, in Ostgalizien 647, inWest- galizien 2160, bei einer viel geringeren Steuerleistung als Ostgalizien. Noch viel ärger geht es bei den Melio- rationen aller Art und vor allem bei der Regulirung der Flüsse zu. Ostgalizien weist somit gegen alle ökonomischen, hygienischen und biologischen Gesetze — da es gesundes Küma, viel üppigen Boden und dünnere Bevölkerung als Westgalizien besitzt — im Vergleiche mit dem west­lichen Landestheile eine sehr starke Mortalität auf. Das sind die Folgen der polnischen Devastationspolitik in diesem Landestheile."

Den zerdrückten Ruthenen scheint wieder einmal die Geduld reißen zu wollen. Sie scheinen sich auf den passiven Widerstand zu verlegen; das heißt, sic vereinigen sich zu Arbeiterausständen auf dem Lande, oder sie wandern aus. Was sagen die Herren v. Czarlinski, v. Jagdziewski und all' die üb rigen polnischen Herren bei uns zu diesen Zuständen in GMZisrst'chiv-'ftt als vorbild­liche füx unsere polnischen Staatsbürger auszugeben den wenig beneidenswerthen Muth haben?

Sur Lage in Südafrika.

Einem Johannesburger Brief, den die Londoner „Deutsche Korresp." veröffentlicht, sei Folgendes ent­nommen :

. . . Das frühere Leben hat sich noch nicht wieder eingestellt. „Zwischen den Ketten" vor der Börse, wo immer die „Speku­lation" in Gruppen und Haufen zusammengcdrängt stand, ist es so gut wie leer, und was sich da von der internationalen Gesell­schaft zusammenfindet, erinnert in seinem Aussehen stark an den „begossenen Pudel". Die meisten Geschäfte sind wieder geöfsuet, das Geschäft ist aber, wie sich ein Landsmann ausdrückte, „unter

aller Kanone". Leute genug sind da, aber „arm am Beutel" und

Johannesburg hat noch nie so viele Arbeitslose gesehen, wie gegenwärtig. Uebcrall sicht man sic herumlungern und, was das Schlimmste ist, die Lebensmittel sind wieder unerschwinglich thcuer geworden und die Haus- und Wohnungsmicthe gleichfalls — Alles meist doppelt so hoch, wie in den letzten zwei Jahren vor dem Kriege. Die „guten Zeiten" sind für die „goldene Stadt" vorüber — für lange hinaus wenigstens und, wenn nicht alle An­zeichen trügen, so sind sic sür die weiße und schwarze Arbeiter- bevölkerung sür immer vorüber, was selbstverständlich auf da» Geschäft in der Stadt und in der Umgebung, ivv die „Kafsern- Stores" florirten, nachtyeiltg znrückwirkt. In dieser Beziehung scheint die Prophezeiung des Präsidenten Krüger wahr werden zu wollen, der den Arbeitern, als sie mit der Südafrikanischen Liga gemeinsame Sache machten, warnend zurief: „Ihr bindet Euch eine eigene Ruthe! Mit unserer Herrschaft kommen auch Eure guten Zetten zu Ende! Ich habe danach geschaut, daß Weiße und Schwarze gute Löhne erhalten — das wird aufhören. Man wird Euch den höheren Dividenden opfern!" — Die Sache sieht oer-

zweifelt danach aus.Tausende find arbeitslos und werden

cs noch lange bleiben, denn es fehlt an Kaffern, um die Gruben in vollen Betrieb zu setzen und der Lohn von etwa einem Schilling für den Tag hat sür die Schwarzen keine genügende Anziehungs­kraft, um sie zum Verlassen ihrer heimathlichen Kraals zu be­wegen. Die gekommen sind, erklären unter falschen Vorspiege- langen herbetgelockt worden zu sein und auf den Gruben gährt es darum unter den Kaffern. Biele desertiren und die anderen sind unwillig und unzufrieden. Unter den Weißen ist auch nichts von Zufriedenheit zu merken. Ein tiefer Zug der Verstimmung geht so durch die ganzen breiten Massen der Bevölkerung. — Unter allen Umständen ist jetzt die „Goldstadt" und mit ihr Pre­toria und Transvaal überhaupt, in einem garstigen Uebergangs- staüium. Wenn Südafrika nunmehr wirklich der dauernde Friede bcschieden ist, was alle hoffen und wenige glauben, dann kann sich noch Alles zum Besten wenden. Für die breiten Massen der Be­völkerung aber werden wohl niemals die Zeiten glänzenden Er­werbs wiederkehrcn, die sie unter dem alten Regime genoffen haben.

Diese Ansichten finden ihre Bestätigung in den Be­richten der Mitarbeiter der großen Londoner Blätter: So wird dem „Standard" aus Pretoria geschrieben:

„Können wir glauben, daß die Holländer, die uns an Zahl in Südafrika zweifach übertreffen, bereit sind, die Herrschaft König Eduards mit voller Loyalität anzunehmen? Was tief im Herzen sitzt, ist schwer ju entwurzel». Dies gilt ganz besonders von den Buren, deren gebildete Klassen ebenso klug wie weitsehend sind, und die von ihrer Kindheit an in dem Haffe gegen die britische Herrschaft auserzogen wurden. Klar und einfach: Es handelt sich um eine Blutfehde, die zum größten Theile, wenn nicht ganz, dem Boden der Unvernunft entsprossen ist. Die Kolo­nisten kennen dies Alles ans den früher gesammelten Er­fahrungen. Sie sehen jetzt schon wieder die Anfänge einer genial «-.-.gelegten, neuen separatistischen Bewegung und fragen sich, ob eö nicht selbstmörderisch Seitens der kaiserlichen Regierung, und ein verbrecherischer Kehler Seitens der Beamten in Südafrika wäre, wenn man als ausgemacht annähme, daß der Bur über Iiacht seinen geradezu unausrottbaren Charakter abgelegt habe und zu einem aufrichtigen und treuen britische» Staatsbürger geworden sei. Die Kundgebung, die Schalk Burger als eine Art der Entschuldigung sür die Unterzeichnung des Fricdensprotokolls erließ, machte besondere Erwähnung von der großen Sterblichkeit

Hymen.

Roman von Sophie Junghans.

(2. Fortsetzung.)

Es waren hier mehrere Häuser und Gärten entstanden, seit Lothar Conning zuletzt dagewesen war, und er wunderte sich flüchtig über den raschen Wuchs dieser An­lagen und auch darüber, wie doch die Besitzungen der Wohlhabenden einer gewissen Klasse sich überall ährllich sehen. Sein Weg führte mr ihnen allen vorbei. Nach einer Straßenkreuzung kam dann noch einmal ein großes Gartengrundstück mit einem Hause hinter schon ziemlich hohen Bäumen. Dies war, wie man deutlich sah, dre allererste Ansiedelung eines Rastower Einwohners hier draußen gewesen, der erste kühne Versuch einer Villa mst Garten und sie mußte damals, bei ihremEntstehen, gerade­zu im freien Felde gelegen haben, durch emen werten Zwischenraum von den Häusern des Städtchens getrennt. Jetzt war Alles schon tüchtig zugewachsen, jo sogar was den Garten betraf, ziemlich ins Kraut geschossen. Man erkannte noch die erste, so zu sagen elegante Anlage, aber jene kostspielige Ordnung und Säubertest der Wege und Rasenparterres war später nicht mehr aufrecht erhalten worden und ein Zustand nräßiger Verwilderung einge­treten' immer noch aber war Alles stattlich, schon durch die Ausdehnung des Gartens. Lothar Connmg stellte sich außen am Gitter auf, hatte sogar zu diesem Zwecke den grasigen Straßengraben übersprungen und emen Platz neben einer großen Schwarzpappel gefunden, von der ihn das Gitter trennte; von hier aus konnte er durch Lücken im Buschwerk einen Theil des Gartens und den Parterrestock des Hauses übersehen Von einer überdeck­ten Veranda führten Stufen in den Gartenbaus der Veranda stand, wie er bemerken konnte, em^rsch mst weißem Tischtuch und Weinflaschen und Glasern; auch weibliche Handarbeiten lagen umher, stlle^ war ur­sprünglich sehr behaglich eingerichtet gewesen sodaß man das häusliche Leben ungemrt m den Garten hinein fort- setzen konnte. Und das geschah auch offenbar )etzt noch.

Conning hatte eine Weile horchend und mit den Augen suchend gestanden. Daß man immer noch Nie­mand von den Bewohnern sah, noch mehr aber, daß man nichts hörte, kam ihm, der ihre Gewohnheiten so gut kannte, sonderbar vor. Da endlich! Es war Jemand aus einem Zimmer auf. die Veranda getreten; er sah eine helle Damenblouse. Und nun trat das Mädchen oder wer es war an den Tisch und machte sich da zu schaffen; jetzt hob sie ein Weinglas zum Munde, sie hatte nicht da vorübergehen können, ohne sich noch einmal einzuschenken. LotharsMundwinkel zuckten spöttisch; es kam auch weiter so, wie er erwartet hatte: der Helle Aermel griff über den Tisch, es schien da Obst in einer Schale zu stehen; sie nahm davon und schob es in den Mund. Dann kam sie nach vorn, es war die jüngere Schwester, eine kleine nichts­sagende Figur und ein ebensolches blondes Gesicht, und mit noch vollem Mund rief sie in den Garten: „Mina, wo steckt ihr denn eigentlich?"

Noch gewiß dreißig Sekunden Schweigen. Dann ant­wortete es lebhaft, von einer Männer- und Frauen­stimme: „Hier, hier, wir sind an der Schaukel".; und

dann, nach einem eigenthümlichen Laut, einem unter­drückten Schnalzen des Uebermuthes oder Lachen, die Frauensstmme allein: „Komm und bring die Birnen mit."

Und nun war der Bann gebrochen. Von hinter einer- dichten Baumgruppe her kam Lachen, Kichern, die Männerstimme, schrille Rufe der weiblichen, das Knarren der Pfosten, wenn dieSchaukel hin und her flog, Knirschen von Schritten auf dem Kies, das Alles so lebhaft, daß die vorhergehende Stille dem Beobachter an der Schwarz­pappel jetzt dadurch als etwas ziemlich Auffallendes ins Bewußtsein trat. Das heißt: nicht als etwas Unerklär­liches. Er begriff sie rm Gegentheil jetzt erst recht und wieder verzog er den Mund. Es hatte nun keinen Zweck mehr, auf dem Lauscherpostm zu verweilen. Lothar Conning sprang wieder auf die Chaussee zurück und ging um die Ecke des Gartens herum gelassen dem Haupt­eingang zu.

Ter Platz, auf dem die Schaukel stand, war mit wenigen Schritten erreicht, aber der Weg dahin wand sich

um hohes Gesträuch, das vom Eingang aus den Blick in den Garten verhindert. Niemand hatte ihn kommen schm und sie machten jetzt so viel Lärm, daß sie auch seine Schritte nicht hörten, die Beiden, bei ihrer eigen­thümlichen Belustigung, die eigentlich einem ganz anderen Lebensalter als dem des Herrn dort mit angehender Be­leibtheit gemäß war.

Er trug einen hellgrauen Anzug, Alles fein und nobel, wie er selbst es bezeichnet haben würde; das strotzmde Gesicht, die frühe Kahlheit des Vorderkopfes, auf dem der Schweiß perlte, Alles sprach von Wohlleben und Neigun­gen, zu denen seine jetzige körperliche Anstrengung — denn er hielt mit Macht die etwas plumpe Schaukel mit dem darin befindlichen Mädchen im Gange — in ziem­lich starkem Widerspruche stand. Mer heute mußte er doch seine Rechnung dabei findm. Lothar Conning stand unbeweglich und sah den Beiden zu, mit jenem spöttischen Munde von vorhin, mit reinem cynischen Auskosten der Situation, ja des Ekels, den sie in ihm erregte. Die Spitze dieser Ernpfindung aber war nicht gegen üaS kreischende und lachende Mädchen da vor ihm, noch gegen dm in Schweiß gebadeten Courmacher, sondern gegen sich selber gerichtet.

Sie saß auf ihrem luftigen Sitze in derselben hellen Blouse, wie sie die Schwester tmg, und einem leichten Fähnchen, das ihr jetzt bei dem sausenden in die Höhe- fliegcn weit von den steifausgestreckten Füßen fort­wehte und dann beim Niedergehen sich fest um ihre Glieder wickelte und der Mann unten setzte trotz ihres lachenden, athemlosen Widerspmches die Schaukel in immer stärkere Bewegung.

Wie lange er noch so gestanden haben würde, abge­stoßen und gefesselt zugleich durch die Neugierde, wie weit sie es treiben würden, wußte Lothar selber nicht. Me Scene änderte sich mit einem Male. Es ssteß Jemand einen jähen Ruf der Ueberraschung, fast des Schreckens aus, der sich alsbald von einer anderen Sstmme wieder­holte. Me Schaukel kam zum Stehen; der Dicke machte ein erstauntes, unbehagliches Gesicht, in das aber, wie er nur erst den Anlaß der Unterbrechung seines Vergnügens