Vikslickkner UmM
so. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BezngS-PreiS: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
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Abend-Ausgabe.
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August unö September
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
jU obonniren, findet sich Gelegenheit
im Uertag Langgasse 87, der den AusgabesteUrn, den Zwrig - Gxprdrtioirrn
der Nachbarorte,
und b»i sämurilichcn deutschen Reichspostanstalten.
Milk!» Cschlils, die FeldmevMoW.
Vor einigen Monaten erregte die Mittheilung begreifliches Aufsehen, daß der Geheime Qberfinanzrath und Provinzialsteuerdirektor Löhning in Posen genöthigt worden sei, seinen Abschied nachzusuchen, wert er sich nicht „standesgemäß" verlobt habe. Er hatte das Versehen und Vergehen begangen, zu seiner Lebensgefährtin eine junge Dame zu wählen, die zwar nach ihren Geistes- und Charaktereigenschaften, nach ihrem Takt und ihrer Erscheinung jedem Anspruch genügen kann, die aber „nur" die Tochter eines Regierungssekretärs ist, eines Mannes überdies, der es vormals in der militärischen Laufbahn nur bis zum einfachen Feldwebel gebracht hatte. Die betreffenden Mittheilungen werden jetzt durch den Pro- vinzial-Steuerdirektor a. D. Löhning selber in einem gedruckten Cirkular bestätigt, das er für seine Freunde verfaßt hat, und das in aller Ausführlichkeit erzählt, wie seltsam es dem Gemaßregelten ergangen ist. Herr Löhning theilt hier u. a. mit, daß der Finanzminister v. Rheinbaben persönlich ihn veranlaßt habe, um seinen Abschied einzukommen. Nach der in der höheren Büreaukratie bei dieser Gelegenheit zu Tage getretenen Auffassung ging es nicht an, daß ein so hoher Beamter eine Frau habe, die weder im Oberpräsidium noch im Generalkommando empfangen werden könne. Das Gesuch Löhnings, ihn dann wenigstens nach einer der westlichen Provinzen zu versetzen, wo ein weniger beengter Kastengeist herrsche, wurde abschlägig beschieden. Er solle um seine Pensionirung einkonunen, etwas Anderes könne ihm nicht eröffnet wer- den. Und so kam denn der Geheime Oberfinanzrath und Provinzial-Steuerdirektor Löhning wirklich um seine Pensionirung ein und kann jetzt als freier Mann berichten, was ihm geschehen ist! Was soll man dazu sagen? Viel- mehr, was braucht man dazu zu sagen? Es kann keinen
verständig urtheilenden Menschen geben, der nicht mit, den
bittersten Empfindungen vernähme, auf wce ungewöhnliche Weise im Osten danach gestrebt wird, für den bureau- kratischen Geist Sympathieen zu erwerben Vor etwa zwei Jahren veröffentlichte das Staatsmrmsterrum einen Erlaß, der die deutschen Beamten m Posenund West- preußen awvies, sich im Verkehr mit der Bevölkerung und auch im Verkehr mit den unteren Beamten größtmöglicher Zebenswürdigkeit zu befleißigen. Die Beamten sollten stets eingedenk sein, welche wichtige Aufgabe ihnen gestellt sei, und daß sie sie auch durch ihr gesellschas Uchcs Verhalten zu lösen versuchen mutzten. Nicht der Wortlaut des Erlasses ist hier wiedergegeben, aber dem «inne nach hat er so gelautet. Und nun frage man sich, we ein Vorkommniß gleich dem, das den Geheimrath. Lohnmg betroffen hat, auf die Stimmung in Stadt und Provinz Posen wirken muß! Und damit nicht genug, das ganze gut bürgerliche Empfinden im ganzen Reich ist durch dich Angelegenheit auf das Schwerste beleidigt. Wohl gemerkt, es handelt sich nicht um eine sogenannte „Mesalliance" Löhmngs, sondern seine Frau würde jeden „Salon" der guten Stadt Posen zieren, und ihr fleckenreiner Ruf enthebt Herrn Lohnmg der Nothwendigkeit, sie und sich nach dieser Richtung hin zu decken. Was Löhning sonst noch über seme Stellung zur herrschenden Polenpolitik erzählt, ist zwar gewiß auch von Interesse, und seine abweichende Meinung hat offenbar den seltsamen Konflikt verschärft, aber entscheidend können diese Dinge nicht gewesen sein, und wenn er sich nicht mit Fräulein Cocchius verlobt hätte, wäre er heute noch im Amte. Jetzt ist er auf Kosten der Steuerzahler pensionirt, weil er die Tochter eines kleinen Beamten geheiratet hat. *
Nachstehend das Wesentlichste aus dem Cirkular des Herrn Löhning:
Meine jetzige Frau — jo beginnt Herr Geheimrath Löhning seine Darstellung — ist eine Tochter des hiesigen Regierungssekretärs Cocchius. Ich habe sie im vorigen Herbst im Taubert'schen Lokal bei Gelegenheit einer Festlichkeit des Vereins der deutschen Katholiken gekennen gelernt. Unsere Verlobung sand am 17. Februar d. I. statt. Als ich nach stattgehabter Verlobung Abends nach Hause kam, sand ich einen Bries vor, ein anonymes Schreiben, worin ich gewarnt wurde, der Familie Cocchius näher zu treten; ich werde darauf ausmerksam gemacht, daß der Vater Feldwebel gewesen sei. Ich ging am nächsten Morgen zu dem mir bekannten, mit der Familie Cocchius in einem Kegelklub verkehrenden Präbcudar Klinke von der katholischen deutschen Franziskanerkirchc. Dieser bestätigte, daß der Vater meiner Braut früher Feldwebel gewesen. Die Familie Cocchius sei durchaus ehrenhast, die Tochter, meine Braut, ein sehr seines, liebenswürdiges und tugendhaftes Mädchen. „Er fürchte allerdings, daß die Publikation meiner Verlobung Aufsehen erregen werde, da in Posen der Kastengeist nach seiner
Kcnntnib der Verhältnisse in seltener Blüthe stehe. Die Publi- kation der Verlobung erfolgte am 21. Februar in den Posen» Zeitungen mit der Ueberschrist: Statt besonderer Anzeige. Von allen Spitzen und deren Frauen — mit Ausnahme des Obcr- präsidcnten und des Polizeipräsidenten, sowie der Generalität - erhielt ich Gratulationskarten oder Schreiben zugesandt. Einige kamen mit ihren Frauen in meine Wohnung, um mir Gluck zu wünschen. Die Beamten der Direktion erschienen am -rage nach der Publikation in meinem Arbeitszimmer, Ober-Regicrungsrath Gesch zusammen mit Kn Mitgliedern. Da Niemand von meinem vorherigen Verkehr mit meiner Braut Kenntniß gehabt hatte, nahm ich die Gelegenheit wahr, den letzteren die Geschichte meiner Annäherung an sie zu erzählen. Sodann »sreute ich mich des ungetrübten Besitzes meiner Braut bis zum 2. Marz d. F. .in diesem Tage wendete sich die Sache. Ich bekam ein Schreiben des Personaldczerncnten im Ministerium, des Geheimen Ob». Finanzrathcs Enke, vom 1. März: „er habe mir eine amtliche Mittheilung zu bringen und ersuche mich, Montag (3.) Mittag ,m Bureau zu sein." . . . Mittags um 12 Uhr erschien der pp. Enke. Er sagte, daß der M i n i st e r s e h r e r z ü r n t s e i. Es seien verschiedene anonyme Briefe an den Minister gelangt, er (Jnte _ vermuthe, das; einzelne davon aus der hiesigen Direktion siammten. Der Minister wolle, daß ich meine Pensionirung nach- suche, er — Enke — rathe mir dazu, ich sei dann ein freier Mann, ich geriethe ja dadurch, da ich vermögend sei, in keine Sorgen. Auch zog er einen Zettel hervor und sagte, der Finauzminister sei ungehalten, daß ich ihm von meiner beabsichtigten Verlobung nicht vorher Mittheilung gemacht hätte. Ich habe geäußert, ich könne nicht zur Disposition gestellt werden; der Minister könne mich nur versetzen. Ferner habe ich mich wiederholt den Mitgliedern gegenüber abfällig über die Polenpolitik der Regierung ausgesprochen; auch sragtc er mich nach einer Stadtverordnetenwahl-Angelegenheit des Steuereinnehmers Michalski in Fraustadt, welcher für einen Polen gestimmt und trotz des Antrages des dortigen Landrathes nicht entsprechend von mir zurecht- gcwiesen wäre. Ich erroiderte, daß ich mir meine Erklärung auf die Eröffnung Vorbehalten müsse. Enke setzte noch hinzu, er und der Generaldirektor würden es bei dem Minister durchzusetzen suchen, daß mir beim Abschiede der Rothe Adlerordcn 2. Klasse verliehen werde. Im Lause des Gesprächs erwähnte er auch, daß er bereits Bormittags eine Unterredung mit dem Oberpräsidenten gehabt. Am nächsten Tage gegen Mittag begab ich mich zum Oberpräsidenten. Er äußerte sich wie folgt: „Sie haben sich mit der Tochter des Regierungssekretärs Cocchius verlobt. Gegen d i e P e r s ö n l i ch k e i t JhrerBraut i st nach den e i n g e z o g e n e n E r k u n d'i 8 u n g c n nichts cinzu- w enden. Aber Sie können als Provinzial- Steuerdirektor nicht die Tochter eines ehemaligen Feldwebels h c i r a t h e n , ebenso wenig, wie ein Oberst die Tochter eines Feldwebels heirathen kann. Diese Ansicht theilt auch der kommandirende General nach wiederholter Rücksprache. Die mir Seitens des Geheimen Raths Enke mit- getheilten, vom Ober-Regierungsrath Gesch bekundeten Aeußc- rungen zur Polenpolitik können Ihnen — wörtlich — „den Hals nicht brechen". Betreffs Ihrer Verlobung haben Sie aber in Ihrer Stellung mit den bei uns nun einmal vorhandenen Anschauungen zu rechnen. Sie haben das nicht gethan, müssen daher die Konsequenzen Ihres Thuns tragen." Als mich demnächst der Ministerialkommissar Enke fragte, ob ich mir die Sache überlegt
Hymen.
Roman von Sophie Junghans.
(1. Fortsetzung.)
Rastow ist eine kleine, aber lebhafte Industriestadt, und wenn die Freifrau sich wundert, daß der junge Conning, ihr Sohn, alljährlich ein oder mehrere Male hinfährt, so hat sie wohl vergessen, daß das HausConmng dort eine Niederlage von Artikeln der Rastower In- dustrieen hat, die von hier weithin, besonders aber nach Südamerika, versandt werden. Es werden also wohl Geschäfte sein, die ihn von Zeit zu Zeit dorthin fuhren. Die Lebensader von Rastow ist ein kräftiges Flüßchen, das, direkt oder in Dampf verwandelt, die Sägemühlen für die Holzwaarenfabrikation treibt. Der ganze Ort riecht nach frisch gesägtem Holz und die Fabrikarbeit, die Handarbeit, das Kaufmännische greisen unmittelbar ineinander. Em Comptoir hier, das ist etwas Aiideres, als ein Comptoir in einer großen Stadt, Treppen hinauf und hinter vielen Thüren. Hier befindet es sich zum Beispiel wie ein Pilz aus der Erde gewachsen, mitten auf einem großen Zimmerplatz, ein einstöckiges Gebäude von Fachwerk, in dessen Stuben man unmittelbar von draußen tritt, von dem Sägmehlboden hinweg; und die Vegetation,, die ehe- mals vielleicht auf diesem Platze das Reich allem hatte, als er noch Garten oder Feld war, die bricht allenthalben als Unkraut wieder mächtig durch: gewaltige Klettenstauden wachsen an der Hauswand heraus, aber auch ein Hollunderbusch, der sich selber gesät und einstweilen stehen gelassen wird, ebenso wie im Hochsommer die Büschel von leuchtendem Mohn, hier und da neben den ausgeschichteten Bretterhaufen. . _ . r
In dem niedrigen, langen Hause — lang, weil hier der Grund und Boden noch wenig kostet und man dw Räume der Beguemlichkeit wegen nebeneinander anstatt übereinander gelegt hat ist Wand an Wand mit dem eigentlichen Comptoir, in, dem die jungen Leute über dm Geschäftsbüchern sitzen,, eine,Art Pnvatzimmer Einfach, aber recht anständig eingerichtet; mit hellpolrrten H^z- möbeln, Mes neu,. säuberlich. bestndm sich zwei Herrm darin, ein kleiner, älterer, das ist Herr Gasterstedt, der Direktor hier, und Lothar Conning. Aus dem großen
mittleren Tische liegen die Geschäftsbücher aufgeschlagen;
Stöße von Briefm, auf ihre Messingklammern gespießt, hat Herr Gasterstedt auch herbeigeholt und er macht eben, in Ermangelung eines Besseren, ein etwas leeres Gesicht, während er vornüber gebmgt sitzt und die kurzen Hände auf den Knieen reibt.
„Also wirklich, so ungünstig hat sich die Sache innerhalb der letzten 4 Jahre gestaltet. Merkwürdig, dieser Rückgang! Um wie viel im letzten Geschäftsjahr?"
„Im letzten Jahr allerdings nur um fünf Brille, Herr Conning. Aber wenn man den Durchschnitt der 4 Jahre zieht, beläuft es sich auf bedeutend mehr. Hier haben wir ja die Aufstellung."
„Ja, ja. lassen Sie nur, ich weiß schon."
„Schwankungen von Jahr zu Jahr, wie das nicht anders möglich ist, aber im Ganzen doch em stetiger Rückgang", sagt Herr Gasterstedt zum Ueberfluß noch einmal. „Die Sache erklärt sich ja zum Th eil natürlich genug aus den dortigen unsicheren Zuständen. Alle Augenblicke eine Revolution, ein Putsch, ja, wo soll denn da die geschäftliche Unternehmung bleiben? Sie hält sich zurück, beschränkt sich aus das Nothwendigste mit ihren Bestellungen."
„Das erklärt aber doch dm Rückgang unseres Exportgeschäfts nur zum Theil, wie Sie eben richtig bemerkten", meinte der junge Conning, der die Angelegenheit sehr gleichmüthig nahm, „die Konkurrenz hat hier eingesetzt, wie ich merke, wir haben ihnen den Weg gezeigt und nun drängeln sie uns allmählich heraus."
„Das ist es ja!" Klatschmd ließ Herr Gasterstedt beide Hände aus die Knie fallen und fuhr so heftig mit den Wortm heraus, daß der junge Conning ihn m kühlem Erstaunen ansah. „Entschuldigen Sie, Herr Conning, aber die Sache ist doch kein Spaß."
Lothar Conning zog wieder die Augenbrauen in die Höhe, unnachahmlich blasirt und abweisend aussehend. „Sie ist aber auch nicht weiter tragisch aufzufassen", bemerkte er. „Wir haben mit dem Export dieser Rastower Artikel einen Versuch gemacht, weil, nun, weil es uns so paßte, man hatte den Ort hier kennen gelernt."
„Aha, und deshalb, ist das der Kern der Säche! Angenehme Aussichten", dachte Herr Gasterstedt, in dem nun schon Aerger und Unbehagen aufstiegen; aber er durfte
sich gegenüber dem Manne, der sein Schicksal in Händen hielt, nichts merken lassen.
„Wir sehen es eine Weile mit an und merken wir dann, daß sich kein vorkheilhaftes Geschäft entwickelt, so ziehen wir uns aus der Affaire wieder heraus."
„Räuinen der Konkurrenz das Feld! Herr Conning."
„Schneiden aus eine Weise ab, die den Verlust für uns auf ein Minimum beschränkt: verkaufen an die Konkurrenz selber, mein lieber Gasterstedt. Und ich mache mich verbindlich, auf eine Summe abzuschließen, über die Sie staunen sollen."
Herr Gasterstedt hatte sich verfärbt, aber er sprach nicht gleich. „Und ich, was giebt es mit mir?" hätte er am liebsten laut gerufen. Aber was hätte das geholfen, diesem kaltherzigen Menschen gegenüber, der zur Antwort wahrscheinlich nur wieder die Schultern und die Augenbrauen in die Höhe gezogen hätte. Daß der junge Conning, obwohl der vornehme Lebensgenuß seine Haupt- angelegenheit war, auch einmal ein gutes Geschäft ab- schlietzen könne, wenn er wolle, daran zweifelte Gasterstedt gar nicht; dabei mußte ihm ja diese riesige Kaltblütigkeit, die gegen den Anderen eigentlich immer ein Vortheil war, zu Statten konimen.
„An die Konkurrenz verkaufen, das wäre aber doch das letzte", sagte er jetzt. Die Worte blieben ihm beinahe in der Kehle stecken. „Denken Sie an alle die Leute hier, Herr Conning, die von Ihnen leben. Die dürfen Sie doch nicht ohne Weiteres brodlos machen."
„Die würden eben mit übernommen vom Käufer oder doch wenigstens der größere Theil", sagte Conning leicht- hin. „Und für Sie würde sich auch schon etwas finden, Gasterstedt, denn an sich denken Sie doch in erster Linie." Er stand aus. „Aber soweit sind wir ja noch nicht. Ich komme nachher noch einmal herein. Haben Sie mir noch etwas vorzulegen, so halten Sie es bereit."
Gasterstedt verneigte sich schwerfällig und folgte zur Thür. „Werden Sie mit dem Abendzuge abreisen, Herr Conning?"
Der junge schlanke Mann drehte sich scharf herum. „Warum fragen Sie?" Er hatte noch auf dem Gesicht des Anderen den Ausdruck ertappt, der diese brüske Gegenfrage vielleicht rechtfertigte, während es die anscheinend harmlosen Worte: „Werden Sie mit dem Abendzug ab.»
