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Wiesbadener TsgblsÜ.

äo. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-Preis: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. su Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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“ ** »»»»UEtstNr nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, ledoch nach Möglichkeit Sorge getragen . . ... — —

M». 346. S„.52. «*■■■*-- R-.2W6. 1902.

Abend-Ausgabe.

§tür August unö September:

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

ZU abonniren, findet sich Gelegenheit

im Uerlag Langgasse 27, bei den Ausgabestellen, den Zweig - Expeditionen

der Nachbarorte,

und bei sämmtlichen deutschen Rrichspostanstatten.

Die IFortbilöHnfisröiulen str Miidlheii.

Wir haben in einem früheren Artikel den Stand des Fortbildungsschulwescns in Deutschland dargelegt und dabei zum Schluß die Frage der Fortbildungsschulen für die weibliche Jugend berührt. Aus unseren damaligen Ausführungen wollen wir hier noch kurz wiederholen, daß von den ca. 15,100 Fortbildungs- und Fachschulen mit ca. 650,000 Schülern rund 12,500 Schulen mit

544.000 Schülern auf die tnännliche Jugend und nur ca. 2600 mit ca. 106,000 Schülerinnen auf die weibliche Jugend kommen. Von diesen 106,000 Schülerinnen ent­fallen, tvie wir noch hervorhüben, ungefähr 68,000 allein auf Württemberg und Baden, sodaß mithin nur circa

38.000 für das ganze übrige Deutschland bleiben.

Diese Ziffern lassen schon erkennen, wie schwach cs

in Deutschland mit den Fortbildmigsschulen für die weibliche Jugend bestellt ist. In Bezug auf das Fort- bildungsschulwesen für Mädchen kann mau bei den deut­schen Bundesstaaten 3 Gruppen unterscheiden: 1. solche, welche den Fortbildungsschulzwang für Mädchen einge- -sührt haben; 2. solche, welche den Gemeinden durch Gesetz die Ermächtigung gegeben haben, Mädchenfortbildungs­schulen unk Schulzwang einzurichten, und 3. solche, welche das Fortbildungsschulwesen für Mädchen überhaupt noch nicht gesetzlich geregelt haben.

Zur Gruppe 1, in der die obligatorische Fortbildungs­schule für Mädchen bestehr, gehören lediglich Württem­berg und Baden, die also in diesem Punkt in Deutschland an der Spitze der Civilisation marschiren. Daher kommt denn auch das geradezu verblüffende Ergebnis;, daß von den 106,000 Fortbildungsschülerinnen in Deutschland nahezu zwei Drittel allein auf Württemberg und Baden kommen. Die ungeheueren Verschiedenheiten in dem Stand des Fortbildungsschulwesens für Mädchen treten noch deutlicher in die Erscheinung, wenn wir, wie wir dies nt unserem vorigen Artikel in Bezug auf die Fort­bildungsschiller gethan haben, die Verthcilung der Fort- bildungsschülerinnen im Verhältniß zur Bevölkerung feststellen. Berechnet man dies Verhältniß, so ergicbt

_ Montag» den 28. Juli.

sich, daß in Württemberg auf 10,000 Einwohner 250 und in Baden 137 Fortbildungsschülerinnen kommen.

Es ist ein ungeheuerer Sprung von diesen Zittern bis zu denen der zweiten und dritten Gruppe. Die zweite Grtippe, welche den Gemeinden das Recht emgeraumt hat, obligatorische Mädchenfortbildungsschulen cmzu- richtcn, liefert den Beweis, wie wenig auf diesem Wege der freiwilligen Errichtuirg von Schulen zu ^n^wen tst. Von den Staaten dieser Gruppe kommen auf 10,000 Enr- wohner in Coburg-Gotha io ^ortbiidung^chlllennlren, im Königreich Sachsen 10, in Bayern 8, in ^chwarzbiirg- Sondershausen 2 und in Hessen und Sachsen-Weimar je eine Fortbildungsschülerin. , , , .

Es ist charakteristisch, daß es m den Staaten der drittelt Grtippe, welche das MädcheltfortbildungMvesen überhaupt noch nicht geregelt haben, nicht sehr viel schlimmer aussieht, als in bcneit der zweiten Gruppe, tuid es bestätigt dies abermals die Erkenntmß, daß, so lange die Errichtung von Fortbildungsschulen tn das Ermessen der Gemeinden gestellt wird, damit wenig mehr als nicht» erreicht werden wird. In den Staaten der dritten Gruppe kommen auf 10,000 Einwohner tn Reutz j. L. 13, in Hamburg und Braunschweig 7, in Pretlßen 4, tn Elsaß-Lothringen und Schwarzburg-Rudolstadt 2, in Altenburg und Mecklenburg-Schwerin ca. drei Viertel und in Oldenburg ca. zwei Drittel Fortbtldungsschule- rinnen. In Mecklenburg-Strelitz. Anhalt., den beiden lippischen Fürstenthümern und Waldeck giebt es über­haupt keilte Fortbildungsschulen für Mädchen.

Der größte Bundesstaat Preußeit steht mithin tu Be­zug auf die Fortbildungsschulen für Mädchen erst an 12. Stelle, während er in Bezug auf das Fortbildungs- schulwesen iiberhaupt, wie wir in uiiserem vorigen Artikel betonteii, gar erst an der 10. Stelle steht. Die Gesammt- zahl der Fortbilduitgsschüleriunen in Preußen beträgt rund 14,400, von denen 7270 allein auf Derliii ent­fallen, daS also immerhin Mehr für die FortbildungS- schule gethan hat, als alle preußischen Provinzen zu­sammen, obwohl die Stadt Berlin kAnc Spur von,rund hat, auf ihre recht miserablen Leistungen in dieser Be­ziehung stolz zu sein.

Daß in den meistert deutschen Bundesstaaten und ins­besondere in Preußen Seitens der Regieruirgen dem Fortbildungsschulweseit ein so schwächliches Interesse cnt- gegcnqebracht wird, kamt Wunder ltchmen, da schoit in einer im Jahre 1801 vom preußischen Handelsmütistc- rilmt herausgegebenen Denkschrift das Urtheil gefällt wurde: „Die Fortbildungsschule ist nicht allein für

Hillidcrttanscnde der Ort, an dem sic außerhalb der Werk­statt technische Fertigkeiten und Keniltnisse sich erwerben, sondern .... fast die einzige Stelle, wo sie iiach dem Verlassen der Volksschule neben der Kirche zu allem Guten, zu christlichen und bürgerlichert Tugenden er­mahnt, zur Qrdnuilg tlnd zur Zucht ailgeleitel werden." Zu dieser vor 11 Jahren zum Ausdruck gebrachten Er- kenntniß steht der heutige Staiid de» Fortbildungsschul- wesens in schreiendem Kontrast.

BcrlagS-Fernsprechcr Ro. 2266.

Die Gefahr des Mormonenlhums.

Eine überraschende Belehrung werden Alle, die zu der Ansicht gekoutmeu waren, daß das Mormonenthum im Ausstcrben bcgrisscn oder harmlos geworden ist, durch das bei Maemillan in London erschienene Buch „Die Geschichte der Mormonen" von Linn erfahren. Linn zeigt nämlich, daß die Kirche der Propheten Josef Smith und Brigham Young heute politisch mächtiger denn je ist, von einem Geist strenger Disziplin beherrscht wiro, sich stetig in der Zahl vermehrt und immer noch im Ge­heimen die Polygamie übt! In diesem Jahre ist der Mormone Heber M. Wells Gouverneur des Staates Utah. Die Gesetzgebung dieses Staates wird von den Mormonen beaufsichtigt und beherrscht; und auch der politische Einfluß des Mormonenthums in allen an Utah angrenzenden Staaten und Territorien ist schon groß, und geht in einigen Fällen bis zu thatsächlichen Vor­schriften. In Idaho, Arizona und Wyoming ziehen die „Heiligen der letzten Tage" die Fäden, nach denen dte Parteileiter tanzen, und ihr Einfluß wird sich in Zu- lunst noch vergrößern. Durch die „Cooperative Insti­tution", die in der Hauptsache in Utah das Geschäft macht, kann die Kirche die östlichen Geschäftsleute beein­flussen, und sie hat auch einen geheimen Einfluß auf die „Union Pacific Railroad", in deren Ausschuß ein Mormone sitzt. Seine Missionsarbeit hat das Mormonen- thuln keineswegs anfgegeben. „Die Zahl der im Oktober 1601 thätigen Missionare ist mir," schreibt Linn, „von kirchlichen Beamten auf 1400 bis 1900 angegeben wordeit. Das Proselytenmacher! in den östlichen atlantischen Staaten wird jetzt thätiger betrieben. Die Mormonen haben in Brooklyn und New-York ihre Hauptquartiere, und ihre Missionare gehen in alle Theile Groß-New- Uorks. . . Sie bemühen sich, mit ihrer Litteratur und ihren Beweisgründen besonders an Dienstmädchen her­anzukommen, und es wird von einem Mormonen- Missionar erzählt, daß er sich in einer Stelle als Hans- Hofmeister so unentbehrlich machte, daß sein Herr ihm das Engagement aller Diensthpten überließ. Durch sein Versprechen, sie sollten bei ihrer Ankunft in Utah einen Mann und ein eigenes Heim haben, hat dieser Mann 60 Mädchen zur Auswanderung trach Utah verleitet." An­dererseits ist die Kirche in Europa weniger mächtig als vor 50 Jahren. Aber sie hat fraglos einen gefährlichen Einfluß in Utah und strebt schließlich danach, „die Ver­einigten Staaten zu beherrschen". Sic braucht alle ihre geheimen Einflüsse, das vom Kongreß 1882 angenommene Verbot der Polygamie abzuschaffen. Im Jahre 1899 wählte die Kirche einen Polygamistcn, der aus der Thai­sache kein Geheimniß machte, zum Kongreß, im Jahre 1901 nahm die gesetzgebende Körperschaft Utahs einen Antrag an, der Verfolgung wegen Ehebruch verbot. Die polygamistischen Beziehungen werden in vielen Fällen fortgesetzt, und gerade d i e F r a u e n Utahs hängen der Vielweiberei fanatisch an! Aber die Mormonen sinv schlau genug, jede Aufmerksamkeit von ihrem Vorgehen abzulcnken. Verfolgungen wegen Polygamie haben auf-

Ein HM der Straße.

Skizze aus dem Großstadtlcbcn.

Von Herma«« v. Bcquignolles.

(Schluß.)

„Wenn ich mich nicht täusche, meine Liebste", fährt >er Friseur in süßlichem Tone fort, „so, haben Sie dem xroben Gesellen den Laufpaß gegeben. Das war recht, ch wünsche Jhiten Glück, daß Sie ihn los^ sind. Aber Sie sind erregt, schöne Frau; was wollen Sie den Nach- >arn ein Schauspiel abgeben, treten Sie lieber in mein labinett, es ist augenblicklich Niemand da von der Kund- chaft und wir können ganz ungestört plaudern."

Er zieht Barbara hinein in das kleine, halbdunkle, 301 t allen möglichen Wohlgerüchen durchströmte Lokal md nimmt an ihrer Seite auf dem schmalen Ledcrsopha Platz.

„Sehen Sie mal, gar nicht übel das", sagt er und leutet mit Selbstgefälligkeit auf den vis-ä-vis befind- ichen Frisirspiegel, der das durch den Platzmangel eng ineinander gedrängte Paar aus seiner goldenen 11m- cahmung reflektirt. „Als Verlobte empfehlen sich! Sehr gut! Na, aber Scherz bei Seite, Liebste? Sie sehen nun wohl, daß ich Ihr wahrer Freund war, als ich Sie davor warnte, sich mit solch brutalem Menschen einzulassen. S i e sind zu was Besserem geboren, sollt ich meinen. Ihnen fehlt nichts als die richtige Leitung, dann macht sich ja Alles wie von selbst. Vertrauen Sie nur mir, ich kenne ja doch den Rummel. Was wollen Sie sich mit der Wäscherei plagen. Reiner Selbstmord! Jammerschade lim diese niedlichen Händchen. Sollte sich nicht ein vor- urtheilsfreier Mann finden, der Ihnen die Hand bietet, aus dem Hungerleben herauszukommen. Ha, ich selbst, auf Ehre, würde stolz darauf sein, dabei em wenig mit­zuhelfen. „Arrangiren" heißt das auf Französisch. Ich unterhalte nämlich, schon des Geschäftes wegen, Be­

ziehungen zu den feinsten Kreisen, und ein reicher Gönner ist bald gefunden, wenn man jung und schöit ist. Nein, nein, ohne Schmeichelei eine chice Coiffure, ein paar anständige Toiletten, und Ihre Karriere ist gemacht."

Barbara hört dem Geschwätz des Friseurs heute mit offenerem Ohre zu als sonst, und als sie nach längerer Unterredung das wohlduftende Kabinett verläßt, um in ihr trostloses viertes Stockwerk emporzuklettern, haben ihre Züge eilten seltsam nachdenklichen Ausdruck. Auch der Friseur scheint vom Erfolge seiner Bemühungen hoch befriedigt. Schmunzelnd sich die Hände reibend, murmelt er: „Nichts konnte mir erwünschter kommen als dieser Krach. Mein Weizen blüht! Jetzt wünschte ich nur noch eins, diesem unausstehlichen Menschen, dem Hauser, was einbrocken zu können. Wäre ein Hauptspaß das!" — —

Am folgenden Tage fährt Hauser zum ersten Male mit dem Motorwagen. Da heißt's aufpassen, den Kopf zusammennehmen. Das Publikum in diesem Stadttheil ist noch nicht gewöhnt an den elektrischen Betrieb, der mit Blitzesschnelle daherrollende Wagen stößt überall auf Hindernisse, und der Führer bedarf der größten Be­sonnenheit und Kaltblütigkeit, um Zusammenstöße und Unglücksfälle zu vermeiden. Bald versperrt ein schwerer Lastwagen den Weg, bald drängt sich das Menschengewühl unvorsichtig über das Gleise, bald kreuzen Radfahrer oder Schulkinder den Fahrdamm. Welche Verantwortmig für den Führer, der das Gefährt durch all diese Hinder­nisse hindurchbringell soll, ohne Leben und Sicherheit der Fahrgäste und Passanten zu gefährden.

„Vorsichtig fahren und dabei doch das Tempo ein- halten, welches die neue Triebkraft ermöglicht", so lautet die Instruktion. Zu solchem Geschäft gehört natürlich ein ganzer Mann, nüchtern und voll Pflichtgefühl, ruhigen Blutes allen Fährnissen die Spitze bietend, die das wogende 'Straßenleben in immer wechselnden und nieist unvorhergesehenen Situationen kaleidojcopischcn Wirrwarrs erzeugt.

Ihr, die ihr aus festlich geschmückten Theatern und

Konzertsälen, wohligen Salons und behaglichen Kneipen kommend, in den.bercitstehendcn Wagen schlüpft und dort wohlgeborgen vor den Unbilden der Witterung die weite Strecke bis zur schlitzenden Behausung mit Blitzesschnelle durchfliegt, denkt ihr auch wohl einmal .dabei jenes Mannes, der da draußen steht auf der von scharfen Zug- winden gepeitschten Plattform, der, ohne ein Wort mit den Mitfahrenden wechseln zu dürfen, unermüdlich die Strecke beobachtet, Bremse und Warnungssignal versorgt und mit Anspannung aller Kräfte dariiber wacht, daß der Fahrgast, von unsichtbarer Kraft beflügelt, sicher und wohlbehalten das Ziel erreicht? Er ist. freilich nur ein einfacher Mann, einer von den vielen Namenlosen, deren Dienste der Gesellschaft keiner besonderenBeachtung Werth erscheinen, obwohl voll dem Maße seiner Pflichterfüllung Leben und Sicherheit eben dieser Gesellschaft nur zu oft abhängen.

Wenn solch ein Mann, früh gealtert und verbraucht durch den schweren Dienst, seinen' gewohnten Platz ver­läßt, Niemand fragt nach ihm, kein Ehrenzeichen schmückt seineBrust, kein Lobredner preist seinLcbenswerk, dennoch aber ist er ein Held, wenn auch nur ein Held der Straße.

Hans Hauser ist sich seines verantwortlichen Postens wohl bewußt. Seinem scharfen Auge entgeht nichts von alle dem, was sich auf der Strecke vor ihm bcgiebt, vor­sichtig nimmt er jede Biegung und fast unaufhörlich er­tönt an gefährlichen Uebergängen und Kreuzungen das lvarnende Signal seiner Glocke.

So kommt der Abend heran. Er hat sich wacker gehalten, aber er fiihlt auch, daß seine Kräfte in Folge der ungewohnten Anstrengung Nachlassen. Die Nerveit erschlaffen, das Auge beginnt zu flimmern, zu thränen. Wie gut, daß er nun bald abgelöst wird, wie sehnt er sich nach der wohlverdienten Ruhe. Eben fährt er seine letzte Tour für heute. Glücklich hat er die scharfe Kurve hinter sich, welche in die Vorstadt mündet, in der sich die End-