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It0< Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Fzkeilim. den 25. Intt.

Berlaas-FernsPrccher No. 2266.

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Der internationale Kongreß ;nr MimOns des Mdlhenhandels.

Unser Pariser Korrespondent schreibt uns: Die Arbeiten des Kongresses für die Unterdrückung desWeißen Sklavenhandels", der gegenwärtig in Paris tagt, schreiten rüstig vorwärts. Seine verschiedenen Kommissionen, namentlich die Gesetzgebungs- und die Perwaltungskommission, haben dem Kongreß, der in der französischen Hauptstadt allgemeinen Sympathieen be­gegnet, ihre Berichte eingereicht, und es wurde beschlossen, ein Spezialcomite zu ernennen, welches den Entwurf einer Konvention zwischen den civilisirten Staaten aller Welttheile vorbereiten soll. Tie Ausgabe, die zu lösen der Kongreß sich vorgenommen hat, ist eine außer­ordentlich wichtige und darf der Mitwirkung aller Men­schenfreunde gewiß sein. Hoffentlich begnügt sich der Kongreß nicht damit, platonische Wünsche zu sormuliren, sondern versteht es, auf die öffentlichen Gewalten einen heilsamen Druck auszuüben, damit der Mädchenhandel, dieser Schandfleck der modernen Kultur, wenn auch nicht gänzlich unterdrückt das ist wohl ein Ding der Un­möglichkeit aber doch wenigstens in seinen schlimmsten Auswüchsen eingedämmt nürd. Man hat im Namen der Menschlichkeit den Sklavenhandel und die Leibeigenschaft aus der Welt geschasst, der Handel mit weiblichem Fleisch blüht, weil die öffentliche Meinung demselben noch recht gleichgültig gegenübersteht nach wie vor in allen großen Städten und nicht zum Mindesten in Paris. Noch garzz kürzlich brachte eine Verhandlung vor dem Zuchtpolizei­gericht sensationelle Enthüllungen über zwei Kuppler, die ihreWaare" nach Südafrika verkauft hatten. Die Angälagten wurden zu hohen Strafen verurtheilt. Aber diese Lektion wird die Menschenhändler in nichts bessern. Sie wissen, daß mit ihrem schimpflichen Handwerk stets ein gewisses Risiko verbunden ist und ertragen auch die schwersten Strafen mit Geduld, um, wenn sie aus dem

Gefängniß entlassen sind, sofort von Neuem zu beginnen. Denn ihr Gewerbe ist ein äußerst gewinnbringendes. Ge- legentliche harte Strafen beseitigen also das Uebel keines- Wegs und eine internationale Verständigung, dre der jetzige Kongreß anbahnen will, ist dringend von Nöthen. Es gilt, über alle Staaten einNetz auszuspannen, m dessen Maschen die nichtswürdigen Kuppler gefangen werden.

Es handelt sich nicht darum, die Prostitution, dieses nach der einstimmigen Meinung aller Sociologen noth- wendige Uebel, das so alt ist wie die Welt, mit der Wurzel auszurotten. Die Prostituirtcn lassen sich in zwei Klassen theilen. Die Einen ergeben sich freiwillig und von keiner Roth getrieben dem Laster. Mit diesen braucht man kein besonderes Mitleid zu haben, obwohl in solchen Fällen pathologische Einflüsse oft eine große Rolle spielen. Die Anderen werden durch die bittersteMiscre dazu ge­zwungen, den Weg der Sünde zu beschreiten. Namentlich die Dienstmädchen ohneStellung und die unverheiratheten Mütter stellen das Hauptkontingent zu der stets wachsen- den Armee der käuflichen Frauen. Die Kuppler, di» den Mädchenhandel meist im Großen betreiben, verfügen über ein wahres Arsenal von Kunstgriffen, um die bedauerns- werthen Opfer anzulocken. Gewöhnlich exportirt man sie unter der Vorspiegelung, daß ein glänzendes Leben ihrer harre, nach überseeischen Ländern. Wenn em Mädchen sich nicht gleich willig zeigt, den Einflüsterungen der schamlosen Händler zu folgen, so wird es durch Geld­vorschüsse, prächtige Kleider und die aufmerksamste Be­handlung geködert. Ist es einmal in fremdem Lande angekommen, dessen Sprache es meistentheils nicht ver­steht, so ist jede Hoffnung, dem traurigen Schicksal zu entrinnen, verloren. Me Unglückliche befindet sich fortan in einem Bagno, über dessen Pforte geschrieben stehst Lasciate ogni speranza! Ter internationale Kongreß wird in der Bewältigung seiner Aufgabe auf viele Schwierigkeiten stoßen. Aber der gute Wille der meisten Regierungen und aller Philanthropen steht ihm zurSeite. Er wird namentlich von der Pariser Gesellschaft zur Be­kämpfung des Mädchenhandels kräftig unterstützt, in deren kürzlich stattgehabter Versammlung die Bestreb­ungen der Konferenz das lebhafteste Echo fanden. Tie meisten Kongreßmitglieder wohnten der vom Senator Bsrenger geleiteten Zusammenkunft bei, in welcher dieser in socialen Fragen aller Art vollbewanderte und für die Hebung der Volksmoral unermüdlich thätige Mann die Sache des Kongresses geistreich und scharfsinnig verfocht. Fast alle Pariser Zeitungen nehmen sich derselben gleich­falls mit Wärme und Eifer cm, an der Spitze das femi­nistische BlattLa Fronde". Hoffentlich gelangt der Kongreß zu besseren und greifbareren Ergebnissen, als die zu gleichem Zweck im Jahre 1899 in London veranstaltete Konferenz.

*

Die Konferenz gegen den Mädchenhandel genehmigte die Grundzüge eines internationalen Uebereinkommens, welches bezweckt, das Verfahren der Heimsendung der Opfer wesentlich abzukürzen, das Verbrechen des Mädchenhandels in strengerem Sinne auszulegen und

die bestehenden Bestimmungen in den Auslieferungs- vertragen entsprechend zu verschärfen. Der zur end­gültigen Fassung dieses Abkommens eingesetzte Ausschuß wird seine Arbeiten möglichst schnell beendigen, die Kon ferenz dürfte somit zu greifbaren Ergebnissen führen.

Deutsches Reich.

Indiskretionen?

L. » e x l i « , 24. Juli.

Me Enthüllungen über das frühere Verhältnitz Italiens zu beu anderen Dreibundmächtcn fangen an, mehr zu befremden als zu befriedigen. Man kann ja an sich dankbar dafür sein, daß die militärischen Ver­pflichtungen eines der Bundesgenossen, diesmal also Italiens, veröffentlicht werden, wie es denn überhaupt immer dantenswerth fein wird, wenn an die Stelle un­durchsichtiger Gerüchte die deutlich umschriebene Wahrheit der Thatsachen tritt. Aber die unerläßliche Voraus­setzung dabei 'wird immer die sein müssen, daß die be­treffenden Veröffentlichungen von einer zuständigen uno unbedingt zuverlässigen Seite kommen. Mit der jüngsten Mittheilung über angebliche frühere, jetzt hinfällig ge­wordene Verbindlichkeiten gegenüber Oesterreich-Ungarn scheint es so gut nicht zu stehen. Mit Erstaunen nimmt man in hiesigen politischen Kreisen Akt von der Redselig­keit einer vermeintlich offiziösen Wiener Stelle, die sich beeilt hat, der Welt kund zu thun, daß der ältere Drei- bundvertrag u. A. die Verpflichtung Italiens enthalten habe, im Falle eines russischen Angriffs auf die Donau­monarchie ein Armeecorps durch Ungarn nach Rumänien zu schicken, und daß dies Kontingent zusammen mit der rumänischen Armee und mit den in Siebenbürgen stehen­den österreichischen Truppen dem Oberbefehl des Königs Karol unterstellt werden sollte. Die Angabe kann nicht zutreffen, da solche oder ähnliche Vereinbarungen nicht im Bündnißvertrage selber Platz gefunden haben, eine Thatsache, die hier bestimmt versichert wird. Hat es sich aber um besondere, neben dem Bündnißvertrage selbst- ständig einhergehende militärische Abmachungen ge­bandelt, so bedeutet das jetzige Preisgeben dieses Ge­heimnisses eine Indiskretion, von der man einstweilen nicht weiß, wer sie verschuldet hat und wem sie nützen soll. Dagegen ist es klar, daß sie nach manchen Rich­tungen hin nur Schaden süsten kann. Sind die er­wähnten Mittheilungen wahr, so wird durch sie die öffentliche Denunziation verbreitet, daß Rumänien sehr intime Verbindlichkeiten gegenüber Oesterreich-Ungarn und somit auch gegenüber den anderen Dreibundmächten eingegangen war. Haben diese Verbindlichkeiten gleich­zeitig mrt der nicht mehr geltenden militärischen Ver­pflichtung Italiens zur Entsendung eines Armeecorps an die russische Grenze ausaehört, so ist es also weiter vom Uebel, daß die intcressirten Mächte außerhalb des Dreibunds davon erfahren, und so versetzt die Veröffent- lichung Rumänien selber (und nicht bloß Rumänien) in Verlegenheiten, die von jedem Standpunkte aus zu be­

Ur. 113.

Roman von Lothar Brenkcndorf.

(Schluß.)

Die brüderliche Umarmung, auf die der Rechtsanwalt Sieveking vorhin vergeblich gehofft hatte, jetzt wurde sie chm mit so leidenschaftlicher Wärme zu Theil, daß ihn einen Augenblick die Besorgniß anwandelte, zu ersticken. Der Worte aber wurden nun nicht mehr viele gewechselt. Die Uebersülle seines Glückes machte Walter Gernsdorfs schweigsam wie ihn einst das Uebermaß des Jammers schweigsam machte. Mit festem Federzug Unterzeichnete er das von Sieveking entworfene Gesuch, und eine Viertelstunde später drückten sich die Freunde zum Ab­schied die Hand.

Auf Wiederschen im Gerichtssaal!" sagte der Rechts­anwalt.Ich freue mich darauf, wie ich nnch seit meiner Kindheit auf nichts mehr gefreut habe. Und ein wenig Eigennutz ist trotz aller Freundschaft auch dabei, das kannst Du Dir wohl denken. Sorge nur, daß Du an dem großen Tage ein wenig reputirlich aussichst, mein Junge, aber nicht zu sehr, denn ich versichere Dir, daß Du ohnchin mit Liebesbriefen überschüttet werden wirst. Na, ich muß fort, um meinen Zug nicht zu versäumen. Und ein paar Minuten möchte ich gern noch übrig behalten, um den Herrn Zuchchausdirektor ein wenig zu ärgern. Was der wohl für Augen machen wird, wenn er dahinter kommt, auf welche Art seine Tochter das Honorar für Deine ärztlichen Bemühungen gezahlt hat! Aber es geschieht ihm schon recht, warum ist er Dir's schuldig ge- blieben!"

XIX.

Mesmal war es der große, sonst für Schwurgerichts- berhandlungen bestimmte Saal des Justizpalastes, in welchem die erneute Verhandlung der Gernsdorfs'schen

Sache stattfand. Aber der Zuschauerraum erwies sich trotzdem als viel zu klein für den Andrang der Menge, die dieser sensationellen Verhandlung beizuwohnen wünschte. Me Zeitungen hatten ja bereits lange Berichte über den interessanten, in den Annalen der Kriminal­justiz geradezu einzig dastebenden Fall einer bis zum höchsten Opfermuth gesteigerten Sohnesliebe_ gebracht und als Walter Gernsdorfs in Begleitung seines Ver- theidigers vor dem Gerichtsgebäude vorfuhr, trotz seines veränderten Aussehens von Einigen aus dem zahlreich angesammelten Publikum erkannt, hatte er sich nur mit Mühe den stürmischen Ovationen entziehen können, die ihm schon jetzt vor dem Urtheilsspruch von der leicht enthusiasmirten Menge zugedacht waren.

Erst nachdem die Richter, der Protokollführer und der Staatsanwalt ihre Plätze eingenommen hatten, öffnete sich die kleine, hinter dem abgeschlossenen Raum der An­klagebank befindliche Thür und in fester aufrechter Haltung erschien der mrt Spannung erwartete Held des Tages, sich höflich gegen den Richtertisch verneigend und den Zuschauern zu ihrer schmerzlichen Enttäuschung so­gleich den Rücken wendend.

Auch sonst gestaltete sich der Verlauf der Dinge gar nicht so dramatisch, wie die Meisten es erwartet und ge­hofft haben mochten. Der Präsident erössnete die Ver­handlung im nüchternsten, geschäftsmäßigen Tone, und die Erledigung der durch das Gesetz vorgeschriebenen Formalitäten nahm eine für die Ungeduld der Harren­den schier übermäßig lange Zeit in Anspruch.

Me größte und schmerzlichste Ueberraschung aber wurde dem Publikum zu Theil, als sich ohne jede vorher­gegangene Beweisaufnahme nach der einfachen Erklärung Gernsdorffs, daß er nicht schuldig sei, der Staatsanwalt erhob, um sein Plaidoyer zu beginnen:

Nachdem der von dem Verurtheilten und von der Staatsanwaltschaft gestellte Antrag aus Wiederaufnahme des Verfahrens vom Gericht für zulässig erachtet worden

ist, und da durch die eidliche Vernehmung von Zeugen und Sachverständigen die zur Begründung vorgebrachten Beweise als erwiesen und gerichtskundig angesehen wer­den dürfen, beantrage ich auf Grund des Paragraphen 411 der Strafprozeßordnung das zu Unrecht ergangene Urtheil mit all seinen Folgen ohne weitere Verhandlung aufzuheben und den Doktor Walter Gernsdorfs freizu­sprechen. Ich beantrage ferner, das Erkenntniß auf Kosten der Staatskasse imReichsanzeiger" wie in sämmtlichcn Zeitungen dieser Stadt zu veröffentlichen. Die Haftentlassung des Angeklagten sei bereits vor einigen Tagen erfolgt. Eines besonderen Antrages nach dieser Richtung hin bedarf es also nicht."

Eine Bewegung wie dumpfes Meeresrauschen ging durch den Saal; aber es wurde wieder mäuschenstill, als sich der Vertheidiger erhob. Von ihm wenigstens er­wartete man einen feurigen Lobeshymnus auf den Mann, der mit heroischer Selbstüberwindung ein so furchtbares Schicksal auf sich genommen hatte, um die Ehre eines un­würdigen Vaters zu retten. Aber man sah sich auch in dieser Zuversicht betrogen.

Ich schließe mich dem Antrag des Herrn Staats- anwalts an. Nur möchte ich auf den ausdrücklichen Wunsch meines Klienten bitten, von einer Veröffent­lichung des freisprcchendcn Erkenntnisses abzusehen."

Das war Alles; und Walter Gernsdorfs antwortete vollends nur durch eine stumme ablehnende Verbeugung auf die Frage des Präsidenten, ob er der Erklärung seines Vertheidigers noch etwas hinzuzufügen habe.

Das Geflüster zwischen dem Vorsitzenden und den übrigen Richtern des Kollegiums, die ihre Plätze gar nicht erst verließen, währte kaum länger als eine Minute. Dann bedeckte der Präsident sein Haupt mit dem Barett und verkündete unter lautlosem Schweigen aller im Saale Anwesenden das Erkenntniß.

Es lautete, wie zu erwarten gewesen war, auf Auf­hebung des ersten Urtheils und Freisprechung des Ange-