so. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis durch den Verlag So Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
18,CM>0 Abonnenten.
Anzeigen-PreiS r
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg.. für answärlige Anzeigen 25 Psa. — Reklamen die Petitzelle für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 1 Mk.
für die Abend-Rnsgabe bis 12 Uhr Mittags, für die Morgen-Ausgabe bi» 8 Uhr Nachmittag». — Für die Aufnahme später eingcreichter Anzeigen zur eVlljtlB»«“ (fVlimil) Illl nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. _
328* Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Abend*Ausgabe<
Reife - Abonnements
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
;föniu. .. Urglittz begonnen werden und kosten wöchentlich bei freier Zustellung in's Haus
nach Orlen m DeutschlM und Werreich-UiMN 60 Wg.
.. .. iin AiiÄWd.. . 90 „
Lestellungen beliebe mau genaue tvohnunzsadresse beizufügen.
Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.
Deutsches Deich.
Podbielski.
Der preußische Landwirthschaftsminister v. Podbielski hielt, wie dem „Bert. Lagebl." nachträglich berichtet wird, auf seiner Reise zur Besichtigung der Moor-Kulturen und des kleinbäuerlichen Besitzes bei deni ihm zu Ehren veranstalteten Festessen in Stolp am 24. Juni eine Rede, in welcher er erklärte, er habe die Moor-Kulturen noch sehr im Argen gesunde::. Es seien noch Millionen vergraben. Etwas sei schon geschehen, aber noch lange nicht genug, um Alles nutzbar zu machen. Die Landstraßen seien vielsach verwahrlost und befänden sich in traurigem Zustande. „Solange Sie", sagte der Minister zu den Landwirthen, „am alten Zopfe festhalten, können Sie nicht verlangen, daß Sie vorwärts kommen. Sie sollen nicht immer nach dem Staate schreien. Die anderthalb Mark Zoll über die Regierungs-Vorlage hinaus, auf die Sie und der Bund der Landwirthe sich besonders kapri- ziren und die Difserentirung des Spiritus werden Ihnen wahrlich nichts nutzen. Arbeiten Sie zunächst an der Ausbesserung aller Wege und halten Sie nicht an dem alten Zopfe fest. Hüten Sie sich in die Fußtapfcn der Socialdemokratie zu treten. Halten Sie treu zu Kaiser und Reich, wie Ihre Vorfahren es gethan, und wenn Sie glauben, daß die Regierung Ihnen nicht Alles nach Wunsch macht, bilden Sie sich nicht ein. daß die Regierung auch nur einen Pfifferling nachgiebt." Die anfängliche Begeisterung |itr den Minister machte, so fügt das „Berl. Tagebl." hinzu", im Verlaufe der Rede allmählich einer kühleren Stimmung Platz und man konnte die Aeutzerung hören: Das ist kein Minister für uns. Diese Tischrede des Herrn v. Podbielski, in der den Bündlern so ungewöhnlich scharfe Rügen ertheilt
Donnerstag» den 17. Irüi.
worden sein sollen, ist schon iiber drei Wochen alt. Denn am 24. Juni fand das Festessen statt. Es muß ein wenig mißtrauisch machen, daß diese auffallend scharfe Rede erst nach so langer Zeit bekannt geworden fein soll. Der LandnnrthschaftSminister wird es so bös wohl weder gemeint noch gesagt haben; dazu sind er und die Bündler viel zu gute Freunde. Aber in aller Ge- müthlichkeit wird er den Herren schon auseinandergesetzt haben, daß sie umsonst hoffen. Auf den Ilmwegen durch mündliches Weitertragen mag dann im Laufe der Wochen der Trinkspruch die Gestalt bekommen haben, in der man ihn jetzt gedruckt lesen kann. Da die Verhältnisse unerbittlicher Weise so sind, wie der Minister sie geschildert haben soll, ist cs auch gleichgültig, ob er sie wirklich so geschildert hat.
Tic Seemlinnsordnmlg.
'Tie neue Seemannsordnung, das Schlutzergebniß 'langjähriger Mühe und Arbeit, tmrd in dem soeben erschienenen „Nauticus" für 1902, dem bekannten, von: Mittler'schen Verlage herausgegebenen Jahrbuch für Deutschlands Seeinteressen, ebenso ausführlich wie mit anerkennenswerther Objektivität besprochen. Der Verfasser würdigt u. A. das socialpolitische Moment, das bei den Vorbereitungen unv der Berathung der Seemannsordnung mitsprach. In: Laufe des letzten Menfchen- alters habe auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens die Doktrin ihren siegreichen Einzug gehalten, daß der Staat die Pflicht habe, die schwächeren Gesellfchaftsschichten zu schützen und zu bessere:: Daseinsbedingungen empor- zuheben, weil es in seinem eigenen Nutzen liege, eine körperlich leistungsfähige, sittlich und geistig hochstehende Bevölkerung zu haben. Der deutsche Seemann jeder Kategorie sei in aller Welt geschätzt. Zutreffend wird dann ausgeführt: „Bei dem Aufschwung der Seeschifffahrt, der internationalen Konkurrenz und dem Mangel an tüchtigem Personal hat die deutsche Handelsflotte selbst den Gewinn davon, daß gute Löhne und angemessene Arbeitsbedingungen den deutschen Seemann an unsere Schiffahrt fesseln. Und bei den: regen Zusammenhang der Personalverhältnisse der Handelsschiffe mit denen unserer Kriegsmarine zieht auch unsere Wehrfähigkeit zur See den größten Nutzen aus einer Hebung des materiellen, sittlichen und geistigen Standes der deutschen Seemannsbevölkerung." Die neue Seemannsordnung wäre im Uebrigen eine wunderbare Ausnahme von der Regel, wenn sie allen Forderungen der Interessenten, die sich hier ja wie überall aus sehr verschiedenen Lagern rekrutiren, gleicher Weise gerecht würde. Tie Rheder behaupten, sie bürde ihnen zu große Lasten auf. Die Schiffsleute sagen, sie bringe ihnen nur einen Theil der Vortheile und Rechte, die sie beanspruchen könnten. Ob in allen Punkten wirklich das Richtige getroffen worden ist, muß sich erst erproben. Nauticus, dem man wohl ein sachverständiges Urtheil Zutrauen darf, erwartet,
Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1902.
daß das Werk trotz einiger Mängel seine Aufgabe erfüllen werde. Bei aller Wahrung und Förderung der Rechte der Schiffsleute in Bezug auf den Arbeitsverträg und ihre Person bleibe die Mannszucht au Bord unangetastet, und die Leistungsfähigkeit unserer deutschen Handelsflotte, deren Aufschwung in den letzten Jahrzehnten eines der bedeutsamsten Momente in unseren: nationalen Wirthschaftsleben bilde, werde nicht eingeschränkt. Das ist ein Urtheil, das man jedenfalls mit Befriedigung vernehmen darf.
**•
* Hoi- uui> Personal-Nachrichten. Der K a ls c r setzte Dienstag seine Nordlandsreise ans der „Hohenzoltern" von Bergen nach Gndwangen fort, wo er Abends anlangte.
Die Ernennung des neuen Nuntius für München wird nunmehr offiziell bekannt gegeben. Der „Münch. Allg. Ztg." und den „Münch. N. Nachr." wird von der Nuntiatur mitgetheilt, batz Monsignore Giuseppe M a c ch i zum Nuntius in München ernannt ist und Anfang Oktober diesen Posten übernimmt. Der bisherige Geschäftsträger, Monsignore N t c o t r a , tritt im Oktober den ihm 1901 verliehenen Posten des ersten Uditore der Wiener Nuntiatur an.
* Berlin, 17. Juli, lieber die Frage der Aufhebung der G e r i ch t s f e r i e n hat, nach einem Berliner Lokalblatt, der preußische Justizminister von den Präsidenten der preußischen Gerichtshöfe Gutachten eingefordert.
Der „Vorwärts" bezeichnet die Meldung eines parlamentarischen Berichterstatters als von Anfang bis zu Ende erfunden, daß zwischen Mitgliedern der Mehrheit der Zolltarif-Kommission und den socialdemokratischen Mitgliedern ein Gedanken-Austausch ohne Verbindlichkeit über die Frage der Einführung einer neuen Geschäftsordnung stattgefnnden habe, dessen Erged- niß war, daß es vorläufig zur Einführung von Aende- rungen in der Geschäftsordnung nicht kommen werde, weil man hoffe, daß die socialdemokratischen Abgeordneten ihre Redelust etwas eindämmen werden, und daß man das Mittel der Obstruktion erst im Plenum anwenden wolle, um den Tarif zu stürzen.
Nachdem die englische Regierung die Abreise der in K r i e g s g e f a n a e n schaft befindlichen Deut- s ch e n aus den Gefangenenlagern genehmigt und der deutsche Vuren-Hülfsbund für den Transport der mittellosen Gefangenen die Summe von 60,000 Mk. bereit gestellt hat, sind, nach der „Nordd. Allg. Ztg.", vom Auswärtigen Amt Vereinbarungen mit deutschen Rhede- reien getroffen worden, um eine möglichst baldige und billige Beförderung zu erwirken. So weit die Gefangenen mittellos sind, erhalten sie auf der Heimfahrt neben freier Verpflegung ein tägliches Zehrgeld und bei etwaiger Ausschiffung in einem fremden Hafen im Be- dürfnißfalle eine weitere Geldunterstüyung.
Der „Tägl. R." zufolge meldet ein Berichterstatter, daß bei den letzten Kontroll-Versammlungen und Gestellungen zur Ableistung einer Reserve- und Landwehr- Uebung von verschiedenen Personen beim Namensaufruf
Ur. 113.
Roman von Lothar Brenkendorf.
(23. Fortsetzung.)
„Sie hätten das Tuch nicht entfernen sollen. Aber da es einmal geschehen ist, so haben Sie die Güte, mir zu sagen, ob Sie die Gegenstände in Ihrer Umgebung deut- lich erkennen können?"
„Ja, ich sehe sie ganz deutlich."
Er trat um einige Schritte zurück und erhob die Hand.
„Wieviel Finaer sind es, die ich hier in die Höhe halte?"
Else antwori e nicht. Der fremde, lieblose Klang seiner Stimme schnitt ihr zu schmerzlich ins Herz und die heiß aufsteigenden Thränen verdunkelten ihren Blick.
„Nun? sagte er nach kurzem Warten. „Sind Sie nicht im Stande, es anzugeben?" . . . Und dann, mit einer Empfindung, als ob er sich selbst ein zweischneidiges Messer in die Brust stieße, fügte er hinzu: „Freilich, wie sollten Sie das auch können, da Sie beharrlich in mein Gesicht sehen, statt auf meine Hand."
Sie mußte alles weiblichen Stolzes bar fein, wenn nicht schon diese schroffeZurechtweisung jenevermeintlichen Illusionen zerstörte, von denen Doktor Krüdener gefaselt hatte. Aber die Wirkung war eine ganz andere, als Gernsdorfs sie beabsichtigt und erwartet, denn ohne die Augen von seinem Antlitz abzuwenden, erhob sich Else von ihrem Sessel und ging auf ihn zu.
„Ja so thue ich, Herr Doktor, und ich lasse mir's auch nicht verbieten. Denn ich freue mich, daß ich Ihr Gesichi wiedersehe, und es ist mir ganz gleichgültig, ob ich daneben noch etwas Anderes unterscheiden kann oder nicht."
Er hätte vor ihr auf die Kniee sinken mögen, um den Saum ihres Kleides zu küssen; aber er war ja gekommen, um eine besümmte Aufgabe zu erfüllen, und nichts in der Welt sollte im Stande sein, ihn dieser Aufgabe untreu ,zu machen.
„Dann bin ich allerdings überflüssig, denn ich habe
lediglich den bestimmten Auftrag, Ihre Augen zu untersuchen."
So nahe stand sie vor ihm, daß sie den ungestümen Schlag feines Herzens vernehmen mußte. Er verdammte die Schwäche, die ihn bestimmt hatte, den Wunsch des Doktors zu erfüllen; aber der Kampf in feinem Innern machte den Ausdruck seiner Züge nur noch feindseliger und düsterer.
„Warum sind Sie so unfreundlich gegen mich?" klang cs ihm bittend an das Ohr. „So hatte ich mir unser Wiedersehen nicht vorgestellt. Woher soll ich denn jetzt den Muth nehmen, Ihnen zu danken für —"
„Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich mir herausnehme, Sie zu unterbrechen. Ich habe keinen Anspruch auf Tank. Wenn Sie nur aber durchaus eine Erkenntlichkeit an den Tag legen wollen, so thun Sie es, indem Lue die Vergangenheit, soweit es sich um unsere einstige Bekanntschaft handelt, als etwas nie Gewesenes ansehen. Der Doktor Gernsdorfs, dem Sie vor so und so viel Monaten irgendwo begegnet sind, ist todt. Vor Ihnen steht ein Strafgefangener, der weder Titel noch Namen, sondern einzig eine Zellennummer hat — ein Sträfling, dem man wahrscheinlich schon viel zu viel Ehre erwies, indem man ihm für einen bestimmten Fall gestattete, feinen einstigen Beruf auszuüben. Es ist unnöthige Grausamkeit, einen Bettler an die Zeiten feines Reichthums, einen hoffnungslos Kranken an die Tage seiner Gesundheit zu erinnern.
Elfes Lippen öffneten sich, als wollten sie lebhaft etwas erwidern, aber die finstere Miene des Mannes, der ihr herzliches Entgegenkommen so schroff zurückgewiesen, mochte ihr die Lippen verschließen.
Erst nach einer unsäglich peinvollen Pause sagte sie:
„Wenn Sie also die Untersuchung vornehmen wollen — ich bin zu Ihrer Verfügung."
Leise zwar, doch mit fester Stimme und ohne jedes Zaudern anwortete sie ihm auf die Fragen, die den Grad ihres Sehvermögens feststellen sollten. Dann deutete Gernsdorfs mit einer Handbewegung auf den Stuhl, den sie vorhin verlassen.
„Nun eine Beobachtung mit dem Augenspiel noch — und wir sind zu Ende."
Sie fetzte sich gehorsam nieder, aber in dem Moment, da die Art der Untersuchung ihn nöthigte, sich ganz dicht zu ihr zu neigen, fragte sie:
„Wenn die Vergangenheit mit Allem, was sie Ihnen und mir bedeutete, für Sie nicht mehr existirt, weshalb waren Sie dann neulich so vorsichtig darauf bedacht, mich über Ihre Person zu täuschen oder doch in Ungewißheit zu erhalten? Mußte es Ihnen da nicht ebenso gleichgültig sein wie heute, ob ich Sie erkannte?"
„Nicht so ganz. Damals hing von einen: raschen Eingreifen sehr viel für Sie ab, und wenn Sie meinen Beistand-abgelehnt hätten, wäre es kaum möglich gewesen, noch rechtzeitig einen anderen Arzt zur Stelle zu schaffen. Aber auch in: Falle Ihrer Einwilligung hätte der Abscheu, den — wie ich voraussetzte — meine Annäherung in Ihnen Hervorrufen nmßte, leicht nachtheilig auf den Verlauf der Operation und des ganzen Krankheitsprozesses einwirken können. Sie sehen, der scheinbare Widerspruch löst sich einfach genug."
„Und wie kamen Sie dazu, eineAblehnung zu fürchten oder irgend welchen Abscheu bei mir vorauszusetzen? Fühlen Sie denn nicht, Herr Doktor, wie weh Sie mir thun, indem Sie solche Worte sprechen?"
„Nein! Denn mich dünkt, daß solche Empfindungen nur natürlich gewesen wären. Es ist doch wahrhaftig nicht Jedermanns Sache, sich von einem Zuchthäusler behandeln zu lassen."
„Welche Bedeutung hat es für mich, was Ihr Wille und die Thorheit der Menschen aus Ihnen gemacht haben? Was kümmert mich das Märchen von Ihrer Schuld? Ich weiß, daß Sie an diesem angeblichen Verbrechen so wenig Theil haben, wie ich selbst."
Gernsdorfs mußte die Hand mit dem Spiegel sinken lassen. In einem eisigen Erschauern war sein Körper erzittert, und nun strömte ihm siedend heiß alles Blut zum Herzen.
„Fräulein Elfe! Ich beschwöre Sie: Was wissen SieH
»
