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eilage mm Wiesbadener Tagblalt.

Ko. 323. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch» de« 16. Juli.

60. Jahrgang. 1902.

*

Es kann fein, daß nicht Alle» wahr ist, was ei» Menfch » dafür hält (denn er kann irren): aber iu Allem, was er sagt, m»ß er wahrhaft sein (er soll nicht täuschen).

Kaut.

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01. Fortsetzung.)

Der ItlülioHÖv

«»>!> sei« alischreckende» Krispiel.

Bayrische Gcbirgs-Humoreske von 5karl Schnltcs»

„Wird halt af die Post g'wartet hab'n, die um Viere kimmtl Aber schau' Fra Muatw", sagte Lenz, der nach dem Hofe hinab Ausguck gehalten hatte. „Wann ma' den Teuffi nennt, kimmt er g'renntl"

»Du grober Lack'l, das Wort paßt sich da net! Hat sie ein Brieferl?" fragte Frau Anna, die sich rasch er­hoben hatte.

„Jawohl! Na, i geh'; denn wann Enker (Engerl) kimmt, dann bin i z'vüll!" entgegnete Lenz, nahm sein Buch und ging der Heraufeilenden entgegen.

„Was guat's Neuch's (Neues)?" fragte er die Afra.

„O, Du mein God, die allergrößt'« Dummheit'«!" flüsterte Afra im Vorübereilen.

„Grüaß God, Mutterl!" rief Afra der Frau Rein- feldner entgegen, „derSePp is g'sund und die Andern a!"

Frau Anna küßte Afra recht herzlich, dann erst sagte sie: „God sei Dank! — Weißt Du, mei' Goldschatz, mir is scho' den ganzen Tag net guat p'wes'n; denn i Hab' in der vergangenen Nacht an schlecht'« Traum g'habt!"

„Was hast Du denn träumt, Mutterl Anna?" fragte Afra neugierig, nachdem Frau Reinfeldner sich auf ihr Sitzkissen, die Holzbank war ihr doch zu hart, nieder­gelassen und Afra sich ihr gegenüber hingesetzt hatte, einen sehr dicke« Brief vor sich auf den Tisch hinlegend.

„Dumm's Zeug, liab's Kind! Dei' Vattern hat den starken Hansl niederg'schlag'n, der meinen Sepp in einen Morast neing'stoß'n hat, und der Biermaier is da- g'stand'n, und er und der Sepp san lachat (lachend) davon g'schwummen!"

„Ja, das war aba a Morast?"

„Hietz war's in an Augenblick a großes Wasser!"

„War das Wasser hell?" fragte die kleine Traum­deuterin.

„Ganz kloar bis auf'n Grund, und schön grean (grün), wie da drunten unsa schnella Inn!"

„Na, God sei Dank, nachher is ja Alles guat!" er­widerte Afra mit einem erleichternden Aufseufzen.

„He, is ebba (etwa z' Münken was passirt? G'schwind thu' das Brieferl raus. und les' es mir vor. Die Häana- füaß (Hühnerfüße) vom Assessor kannst nur Du les'n, die scho' drauf studirt is."

„Ja, aba heunt is Alles so in der G'schwindigkeit hin- g'haut, daß mei' Vatter und i uns fast blind dran g'Ies'ir

hab'n, bis uns Alles klar word'n is, und dessentwegen kimm i so spat rauf zu Dir."

„Mach' ka Umstand' und sang an. Es kribbit und krabbit (kribbelt und krabbelt) Alles an mir vor Neugier; denn Schlecht's ivird's net sein, da der Sepp g'sund isl"

„Ja, g'sund is er, aba . . ." der Schelm hatte die große Brille der Frau Anna aufgesetzt und las nsit Aus­druck die Adresse: „An die wohlgeborene Fra» Anna

Reinfeldner auf dem Burgleitenhof. Abzugeben bei dem Schneidermeister Toni Spcidler in Andorf, Oberbayern."

„So, das können mir auswendi, und hietz brauch'« mir kaue Brüll'n mehr, simdcrn recht scharfe Aug'n!" sagte Afra, die Brille abnehmend und den Brief, der aus mehreren großen Bogen bestand, bedächtig entfaltend.

„Na, hietz Paß' aba auf, Fra Muatterl!"

Es war merkwürdig, daß Afra, welche doch so sehr in den Sepp drang „Hochdeitsch" zu lernen, hier heroben in der freien Bergluft sofort den lieben, heimischen Dialekt anschlug. — Ja, wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über, und die Seele des Volkes kann sich nur in dem geliebten Heimathdie.lekte enthüllen, wie unser Größter der Großen offenbarte!

„Also mirk' (merke) auf! — Geehrte Frau Nein­feld ne r! Schönste Grüße an Sie, den Speidl-Toni und die Afra!" Es war das eine kleine Lüge des schönen Mädchens; denn ihr Name stand groß vor dem ihres Vaters. „Der Sepp und ich hoffen, daß sie alle Drei so g'sund sind wie wir! Ich habe nun dem Sepp Alles ge­zeigt, was in deni schönen München nur immer zu sehen ist, aber er findet nach gerade Alles langweilig und nieint: Auf mein'm Burgleitenhof is doch Alles schöner!" Auch da hatte sich Afra eine kleine Lüge zurecht gelegt, denn es hietz: „In dem lieb'n, lieb'nAudorf und dann auf meinem Burgleitenhof is Alles von der Afra bis zu meiner Fra Muatter, Alles viel schöner . . . und i halt's hier nimm« aus! — Wissen Sie, gute Frau Anna, Sie haben ganz Recht gehabt, daß Sepp's Erfindung mit dem — ab­schreckenden Beispiel — für das er den Hans aussuchte, eine große Dummheit war! Der Kerl is ja von Herzen gut und ehrlich, aber mit Verlaub doch nur ein Viechkerl, der uns in zienlliche llngelegenheiten gebracht hat! Wir sind jetzt froh, daß er auf ein Paar Tage kalt gestellt ist!"

„Jesses, was is hietz des . . . kalt gestellt?" rief Frau Anna mit Erschrecken aus. „Hab'ns ihn in a Kalt- wassa-Anstalt geb'n müass'n, wie da drunten ain Inn eine is, weil er übers Geld verrückt word'n is?"

„Ah na, Muatterl, das ist schlima; denn mei' Vattern sagt, so sag'« die jungen Studenten, wann Einer ein- g'spirrt (eingesperrt) is von . . . der Polizei!"

„Heilige Schutzpatronin! Hat der Bär leicht Oan niederg'schlag'n?"

„So arg is es net! Wart's nur ab, Mutterl! Also weiter: „Der Blasi, was dem Hans sein Bärenführer ist, hat dem maskirten Holzknecht sinnier vorgeredet, daß fein Mensch ihm glauben würde, er sei in München gewesen, wann er nicht in dem Hoftheater war!"

„Das is wohl so a G'spüll wie bei uns, wann dieTirola

drcnten (drüben) in Erl a Kommedi mach'n? Ah, das st Dir schön, mei' Herzblatt'!! I Hab' da amal die Saue Genovefa g'seh'n! Du wohl noch net?"

„Na, mir ham's Geld net dazua, und mei' Vatter. der ja z' Münken dabei war, der will nix dervon wiss'nt Es sei da Alles nur Lug und Trug!"

„Das mag in der Stadt sei'! — In der Genovefa war Alles godsölli (gottselig) bis . . . auf die Watsch n, die damcilcn die Genovefa zum Gaudi (Gaudium) von uns Allen ihrein Siegfried hing'langt hat, weil er sie mit Gewalt hat abbusseln ivoll'n, und das brave Maol, das die Genovefa g'macht hat, hat si' des von dem Lummi (Lümmel) net g'fall'n lass'«, weil sie eine ehrbare Braut

ivar!" ,, .

„I hätt'n umbracht!" sagteAfra, indem sie ihre kleinen Fäuste ballte. — Also weiter: „Da kommt der Hmw emeS schönen Tages mit zwei Eintrittskarten, die er von einem Billethändler um 30 Mark erstanden hatte, liistig nach ^DQltfc "

„30 Mark für zwei Plätz? Heilige Mutter A«M dafür kann in Erl halb Audorf ins Tiata geh n. Na, ich hoff', daß der Sepp eahm a Paar (Ohrfeigen) runter g'haut hat!" warf Frau Reinfeldner ein.

„Wcita hör'n, Muatterl! „Natürlich war cv der erste Platz, den man „Gallerie nobel" heißt. — Da will also der Hansl auch seinen Dienstinaiiii^Blasi Mitnehmern Das ging mir aber, und auch dem Sepp, als ul) e» ihm erklärt hatte, gegen den Strich ! Da mm der Sepp nicht mitgehen wollte, mußte ich mich dazu entschließen, werl der Gewaltkerl nicht nachgab, mit ihm das Theater zu be­suchen, um irgend einen Skandal zu verhüten. ,lls ich aber in der Zeitung nachschaute, was gegeben wurde, ergriff mich ein — panischer Schrecken!"

„Was is das?" fragte Frau Anna.

„Ja, mein Vatter! meinte, das sei a Verschreiben vosi dem Herr von Biermaier, uiid es müßt' lautena damischer (dämlicher) Schreck'«; denn das Stuck „Di- Walküre" sei eine große, langweilige Oper."

„Des versteh' i Alles net, liab s Schatzkasterl! Hat denn davo' Dei' Vattern nix g'wußt?" , .

,Ja! Er sagt, da wird Alles «'jungen und g schrieen, und a Menge Musikanten spiel'« dazua auf. Aba grad des Stück sei eahm dos liebste g'wen; denn daber habil seine Chorherrn nix z' thun g'habt-!" , ^ ... , _

„Is das menschenmögli', auf so einem Hofsiatet spüll'n auch Chorherrn (hohe Geistliche) mit?"

Na, na Muatterl! Das sei,, die geringeren Herren vom Tiater, die allesammt immer z'sanimasingen, sagt der Vatter, und die er in die schönen G'wand'ln hat stecken müss'n. die er zuvor gsinacht hat!" ,

„Des scheint mir a narrisch Ding z' fein, so a groß Tiata! — Weita les'n!"

„Also: „Ich stellte dem Hans vor, daß das gar nichts für ihn wäre, weil er sich qottsträflich langweilen würde. ES half aber Alles nichts bei dem Dickschädel, und ich er« reichte nur, daß ich statt des Blasi mitgehe,i konnte, weil der Sepp von der Dummheit nichts wissen wollte!"

(Fortsetzung folgt.)

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