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Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagblatts. ) ■.—

m 5 fei tag„ 16.3uli~ 1915.

(5. Fortsetzung.) irEÖCJS ^Nachdruck verboten.)

Roman von Emma Hanshofer-Merk.

Es war ihr eigentlich am wohlsten, wenn sie recht em>>ig schaffen mutzte, und sie freute sich, daß eS nun bald wieder laut und lebhaft zugehen würde. Über ihre Gnädige ärgerte sie sich zwar häufig, weil diese gar keinen Begriff von der Arbeit hatte und ihr manch­mal Unmögliches zunruten wollte. Aber doch besser als diese Stille, in der sie zu leicht ins Nachgrübeln ver- fiel — das konnte sie gar nicht vertragen I Wenn sie über das bittere Erlebnis ihrer Jugend nachsann, .dann packte sie eine solche Wut, daß sie ganz gelb im Gesicht wurde, mit dunklen Ringen unter den Augen und tage­lang nichts essen konnte. Siebzehn Jahre war es nun her, seit sie so erbärmlich betrogen worden war. Wer die Zeit hatte die Erinnerung nicht gemildert. Im Gegenteil. Die Erbitterung war stachelig und brennen­der geworden, hatte sich eingebohrt in ihr Herz, war förmlich gewachsen in ihr und von allen Gefühlen ihrer Jugend war nur mehr der Groll ihr geblieben wie ein düsterer Schatz!

Die alte Geschichte! Das ewig-gleiche Mädchen- schicksal!

Als blutjunges Ding war sie in die Stadt in einen Dienst gekommen, hatte schwer arbeiten müssen und niemand gehabt, der sich ihrer annahm. Keine Ab­wechslung; nur der eintönige Kreislauf der Pflichten: kochen, abspülen, waschen, putzen! Heute dasselbe wie morgen! Einanal war doch auch in ihr eine Ungeduld wach geworden, ein Verbürgen nach eigenen: Leben. Sie war zum Tanzen gegangen! Und da hatte sie zum erstenmal liebe, freundliche Worte gehört. Es hatte ihr einer gesagt, daß sie hübsch sei. Das gefiol ihr doch sehr. — Damit ging es an und endete — wie bei un- zähligen anderen. Eine kurze Weile heimlich er- stohlenes Glück — dann Angst. Kummer, Tränen, Neue und die zu späte Erkenntnis, daß >der Geliebte ein schlechter Mensch sei, der sich abwendcte, so bald er hörte, das arme Ding sollte Mutter werden. Wie unzählige andere hatte auch Fanny den Versicherungen Glauben geschenkt, daß er sie heiraten würde. Aber sie war noch schlimmer betrogen als die meisten, denn als sie in ihrer Verzweiflung über sein plötzliches Fernbleiben, über sein Schweigen, dom Mann nachforschte, dem sie so blind vertraut hatte, mußte sic erfahren, daß er schon verheiratet war und die eigene Familie darben ließ. Der elende Mensch war bald -darauf fort nach Amerika und sie hatte ihn nie wieder gesohen.

Allein hatte sie für Ähre Tochter gesorgt, die bei Verwandten in ihrer Heimat untcrgebracht war und die sie niemals sah, weil ihr die Reise eine zu große Ausgabe schien, vielleicht auch, weil sie sich schönste, Wieder in ihrem Geburtsort aufzntauchen. Sie hatte sich ihren Fehltritt nie verziehen, und je älter sie wurde, desto mehr wuchs der Männerhaß in ihr und desto unerbittlicher verurteilte sie den Leichtsinn der Jugend.

Nie mehr wgr sie zum Tanzen gegangen: jeden Versuch einer Annäherung hatte sie mit schroffer Ent­

rüstung zurückgewiesen. Seit Jahren wagte schon keiner mehr ein vertrauliches Wort, und die jungen Dienst­mädchen fürchteten sich, ihr zu begegnen, wenn sie beim Bierholen ihren Schatz trafen.

Fanny stand eben auf der Staffelet, um die Vor­hänge aufznmachen, als es draußen klingelte. Sie glättete ihr Haar, band eine andere Schürze nn: und öffnete. Vor >der Tür stand ein sehr großes, aber noch sehr junges Mädchen in einfachem Anzug mit einem bescheidenen Reisetäschchen in der Hand. Sie sah recht schüchtern mrd verlegen aus, aber nach einem Blick aus Fanny ging ein freundliches Lächeln über ihre hübschen Züge und sie sagte treuherzig: „Grüß Gott!"

Es war etwas Vertrauliches, Erwartungsvolles in dem Ton und Fanny fühlte eine sonderbare Beklem­mung. Aber sie fvug nsit ihrer harten, verdrossenen Stiinlne: „Was wollen Sie? Ich kenn' Sie nicht!"

Da traten in die blauen scheuen Augen rasche Tränen. Das junge Mädchen stellte den Handkoffer auf den Boden, nahm ihr Tüchlein heraus, hielt es vor das Gesicht und schluchzte:

„Das ist schon ein schreckliches Unglück, wenn man keinen Vater nicht hat uird die eigene Mutter dann auch noch sagt, sie kennt einem nicht —"

Fanny toar einen Moment wie gelähmt vor Schrecken.

Gleich darauf aber packte sie den Koffer und zog mit der andern Hand das junge Mädchen über die Schwelle, zog sie den Flur entlang bis ihn ihre Kam­mer. Hier war das einzige Fleckchen, das ihr gehörte und hier wagte sie erst, ihre Augen zu dem verweinten jungen Gesicht zu erheben.

„Du, du, du bist mein Kind! So ein großes Mädel!" staimnelte sie, ganz verstört und an allen Gliedern zitternd.

Für sie war die Tochter, die sie seit der Geburt nicht gesohen, immer noch das kleine Kind gewesen, und wenn sie auch rechnete und die Jahre Milte, zu der klaren Vorstellung, daß ihre Anna nun ettnachsen sein müsse — eine blühende Jungfrau, war sie doch nie gelaugt. Und nun stand dieses große, schlanke Geschöpf vor ihr, wahrhaftig, in Fleisch und Blut, und sie fühlte erst, daß es bisher ein Schattenwesen für sie geblieben, — nur der dunkle Fleck in ihrem Leben ohne bestimmte Züge. Zugleich aber beklemmte sie die Angst über die großgewordene Schande, die sich nun nicht mehr ver­leugnen, nicht mehr vevheimlichen ließ; vor all den höhnenden Blicken in der Nachbarschaft, wenn es ruch­bar wurde, daß sie, die Strenge, die so scharf über an- dere urteilte, ein Kind habe und diese Angst war stärker als jedes inütterliche Empfinden. Sie konnte das Kind nicht lieb haben, das sie nie um sich gehabt, das ihr so völlig ireind geblieben ivar.

„Warum bist du fort von der Bas? Warum kommst du so plötzlich daher, ohne daß man ein Sterbenswort weiß? Den Tod- könnt man haben von