W irsbailf iut
so. Jahrgang.
Erscheint in zwei BnSgnLe». — BezugS.PrriS: durch dm Verlag SO Pfa. monatlich, durch die Post » Mk. so Pfg. vierteljährlich für bclde AuSgabcu zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
L8.OOO Abonnenten.
Anzeigen-PkeiS r Die einspaltige Petit,eile für locale Anzeigen !5 Psg.. für auswärtige Anzeige» 25 Psg. — »ieclamcn di- Pctitzeile für WieSdadcn 50 Pjg.. für AnSivärtS 1 Atk.
12 Uhr Mittags für die Morgen-Ausgabe bi» 8 Uhr Nachmittag». - Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur
318. NedaktionS-Fernsprechcr No. 52.
Freitag» den 11. Juli.
Abend-Ausgabe.
Reife - Abonnements
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
können täglich begonnen werden und kosten wöchentlich bei freier Zustellung in's 6aus
nadj ©itra in Deniftzlanü unü ©Eftcrrcldj-Itnsarn 60 M.
.. „ im Ansillud ....... 00 „
Bestellungen beliebe man genaue lvohnungsadrcffe beizufügen.
Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.
Die AiMMkN des MW M Wieil.
„Etwas Neues wird aus solchen Begegnungen nie ge- schaffen, es wird nur der bestehende Zustand besiegelt." DiesesUrtheil, welches der Altreichskanzler FürstBismarck vor mehr als zwei Jahrzehnten über die Dreikaiser- zusammenkunst von Skierniewice gefällt hat, gilt mit noch weit mehr Recht auch von den Antrittsvisiten, welche der König Victor Emanucl III. von Italien zu machen sich anschickt, denn einerseits reicht die Bedeutung dieser Visiten bei Weitem nicht an die. jener Dreikaiser- Zusammenkunft heran, und andererseits hat die Politik seit jener Zeit ihren Verwandlungsprozeß von einer Politik der Kabinette in eine Politik der politischen und wirthschaftlichen Interessen der'Völker noch weiter fort gesetzt. . .
König Victor Emanuel hat am 31. Juli 1900 den Thron Italiens bestiegen, er hat mithin fast zwei Jahre verstreichen lassen, bis er sich zur Absolvirung der unter befreundeten Fürstenhäusern üblichen Antrittsvisiten entschloß. Victor Emanuel stattet die erste dieser Visiten am Hofe des Czarcn ab, bei dem er Sonntag Vormittag einzutreffen gedenkt. Tie Thatsache, daß der König von Italien seinen ersten Besuch nicht am deutschen, sondern am russischen Kaiserhofe abstattet, hat insbesondere der ' französischen Presse Stoff zu politisch-philosophischen Be- Pachtungen gegeben, die darin gipfeln, daß doch irgend .etwas faul im Staate Dänemark", das heißt in diesem Falle im Dreibund, sem müsse, weiin der König von Italien nicht feine ersten Besuche deii beiden anderen Dreibundmonarchen abstattet. Und diese Reflektionen werden durch die Hervorhebung des Umstandes gestützt.
daß Viktor Emanuel sich am Wiener Kaiserhofe überhaupt
nicht vorstellen werde. , ir
Auf diese Darlegungen trifft das Goethe sche Wort zu: Viel Jrrthum und ein Fünkchen Wahrheit! Tie ge- chichtliche Wahrheit — wenn diesen Besuchen überhaupt eine geschichtliche Bedeutung zugeschricbcn werden soll —- ist die, daß König Viktor Emanuel seinen ersten Antritts- besuch dem deutschen Kaiser abzustatten beabsichtigte, daß er aber airf Wunsch Kaiser Wilhelms und niit Ruckficht auf dessen Nordlandsreise. von der der Kaiser erst iin August zurückkehrt, seine Reise nach Berlin verschob. xer Besuch in Petersburg hatte aber Elle, da Ezar Nikolaus im August neue Vaterfreuden erwartet. Aus diesem Grund sieht sich der König von Italien gezwungen, seinen ersten Besuch am Czarenhofe abzustatten. Im klebrigen wüßten wir wirklich nicht, was uns gleichgültiger wäre als der Umstand, ob Victor Emanuel zuerst dorthin und dann hierhin, oder zuerst hierhin und dann dorthin reist.
Einen etwas reelleren Hintergrund hat dagegen der Hinweis darauf, daß der König von Italien seme Karte nicht am Wiener Hofe adgeben wird. Es ist eure bedauerliche, aber anscheinend unabänderliche Thatsache, dafz das politische Bündnitz zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien nicht von einem freundschaftlichen Verkehr der beiden Höfe begleitet wird. Seit dem Besuche, den iin Oktober des Jahres 1881 das italienische Königspaar m Wien abstattete, hat ein persönlicher Verkehr zwischen den beiden Höfen nicht stattgefunden, und jener Besuch ist nie erwidert worden. Tie Gegenvisite scheiterte daran, daß man in Italien darauf bestand, daß Kaiser Frairz Joseph den Gegenbesuch in Rom abstatte, wahrend dieser mit Rücksicht auf den Papst die Anwesenheit in Rom vermeiden wollte. Kaiser Franz Joseph wollte in Rom nicht den Quirinal besuchen, ohne gleichzeitig rm Vatikan vorzusprechen, während man in Italien angesichts des permanenten Konfliktes :nit dem Papste den BcsuchKaiser Frairz Josephs im Vatikan selbstverständlich sehr übel aufgenommcn hätte. Vielleicht hätte sich doch noch eure Zusammenkunft auf neutralem Boden ermöglichen lafsen, wenn nicht der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand vor einigen Monaten Rom passirt hätte, ohne im Quirinal vorzusprcchen. Infolge dieses politischen Fehlers dürfte für absehbare Zeit die Möglichkeit eines persönlichen Verkehrs zwischen den beiden Höfen ausgeschlossen sein, aber daß das politische Bund- niß zwischen den beiden Staaten dadurch iiicht berührt wird, zeigt ja am besten und am einwandsfreiesten die unlängst erfolgte Verlängerung des Dreibundvertrage" auf weitere zwölf Jahre.
Die Politik der Staaten wird eben heute nicht mehr durch die persönlichen Beziehungen der Herrscherhäuser, sondern durch die Lebensintcressen der Nationeii be
stimmt. Und das ist iiicht etwa eine neue Wendung der politischen Dinge, sondern wir könueu diese Erscheinung chon das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch vor- olgen. Auf dem Fürstentage von Erfurt im ^ayre 180» agen sich Napoleoii I. uiid Ezar Alexander I. in den Armen und iin Kriege vvii 1812 in den Haaren. Ein Jahr vor dem Kriege von 1866 fand die-Zusammenkunft zwischen Kaiser Franz Joseph iliid König Wilhelm I. m Gastein statt, drei Jahre vor dem Kriege von 18i0/<1 war der König voii Preußen Gast des Kaisers der Franzosen Ter Dreikaiserbegegnung von 1872 in Berlin folgte fast unmitclbar die deutsch-feindliche panslavistrsche Strömung in Rußlaiid, und der Dreikaiserbegegnung in Skierniewice folgte — die Annäherung Rußlands an Frankreich. Endlich haben die engen freundschaftlichen Beziehungen zmischeii d-eni deutschen und dem englischen Hofe ernstliche Verstimmungen zwischen den berdwi Nationen nicht verhindern können. Man ersieht daraus, daß der KArswerth der Fürstenbesuche wesentlich gesunken ist. _ -
Deutsches Deich.
Unsere Kolonicen.
Eine Veräußerung voii Teutsch-Ostafrika an England ist unseres Wissens zuerst und jedeiifalls am eifrigsten (man wird es nicht errathcn) von dem freikonservativen Abgeordneten Freiherrn v. Zedlitz empfohlen worden. Ein Berliner unpolitisches Blatt stellte sich dem genannten Herrn arglos zur Verfügung, uiid so konnte man mit heiterem Staunen jüngst lesen, welche Vorthelle es bringen werde und müsse, wenn Afrika vom Kap bls zur Nilmündung englisch sein werde, und zwar dies mrt deutscher Hülfe. An der Geschichte ist nichts werter rnter- essant, als eben das, daß sic sich ereigneir korurte. Indessen ist das nicht jo wenig. Es will immerhin etwas besagen, wenir ein konservativer Mann, der im Kampfe firr die „nationalen Güter" voransteht, soviel Unbefangenheit besitzt, um eine Frage zu erörtern, die in seiner Welt lonst tabu ist, die man also rricht berühren kann, ohne der allerschimpflichsten Vaterlandslosigkeit bezichtigt zu wer-' den Herrn v. Zedlitz hat denn auch die rächende strafe schnell genug ereilt. Voll tiefsten Schmerzes wendet sich die „Post", mit der er doch so lange brüderlich verbunden war, gegen den vorr ihm empfohlenen Gedanken, und kern Wort scheint dem Blatte tönend und stolz genug zu sein, um die Wichtigkeit von Teutsch-Ostafrika zu bewerfen und an dieser Wichtigkeit erst recht ermessen zu lassen, wie maßlos verkehrt die Anregung des Herrn v. Zedlitz ist. Ernsthaft über bie Tache zu reden, verlohnt sich nicht. Auch wer der deutschen Kolonialpolitik kritisch gegenüber- steht, thut wohl daran, derartige ^pintisirereien ber Seite
Zlr. 118.
Roman von Lothar Brenkcndorf.
(18. Fortsetzung.)
„Nun, das verstehst Tu vielleicht besser. Wer die Verantwortung fällt auf Dich, wenn durch dre verzögerte ärztliche Hülfe etwas Schlimmes daraus entstehen sollte." .
Am Nachmittag kam jedoch Doktor Krudener urige- rufen in die Villa, und obwohl Frau Holthoff auch ihm nur von einem Migräneanfall und von dem Ruhe- bedürfniß ihrer Tochter sprach, machte er bei ihren Mrt- Heilungen bin sehr ernstes Gesicht uird verlangte dre Patientin zu sehen. Als er in Beglertung der Mutter das Schlafzimmer des jungen Mädchens betrat, lag Else, die sich am Morgen vollständig angeklerdet hatte, lerse stöhnend auf dem Sopha, das Gesicht in dre Hände gedrückt und von Zeit zu Zeit wie von einem Fieberschauer oder von einem furchtbaren körperlichen Schmerz gc-
schullelt-t öie ^tlich theilnehmende Frage
des Arztes erhob sie den Kopf
„Meine Augen! O, meme Augen!" klagte sie. „Gebt mir etwas, daß ich sterben muß — nur befreit mich von dieser unerträglichen Qual!" ,
Nun, ich denke, mein Lieblrng, wrr werden Drch um einen geringeren Preis von Leinen Schmerzen befreren", tröstete der Doktor; aber seine Stimme klang nicht so fest und zuversichllich wie sonst, und während er zum Fenster ging, um die verdunkelnden Vorhänge zuruckzu- ziehen, raunte er der bestürzten Frau Holthoff mit bitterbösem Ausdruck zu: ....
"tzshalb zum Henker ließen Sie mich nicht früher »Sieht das aus wie eine Dttgräne?" llig erhob sich Else auf sein sanftes Zureden, um ae Untersuchung ihrer Augen zu gestatten. Ob 5 ihm für eine sichere Diagnose an dem unent ,en Spiegel fehlte, glaubte er die Natur der feit doch zu erkennen: aber die Wahrnehmung, die juji pne erste Befürchtung bestätigte, war nicht darnach n, ihn in eine bessere Laune zu versetzen.
Eine Regenbogenhautentzündung", dachte er, „uiid noch dazu auf beiden Augen. Das arme, arme Kind! Welch ein Martyrium, das ihr bevorsteht! Und meine Wissenschaft vermag so wenig, es minder grausam zu
"^Laut freilich sprach er sich viel tröstlicher und hoffnungsfreudiger aus, indem er der Patientin eine baldige Linderung ihrer Leiden verhieß.
.Ein wenig Geduld müssen wir freilich haben, kleine Else", fügte er hinzu, „denn wegblasen läßt sich dergleichen nun einmal iiicht. Es dauert m der Regel acht Tage oder so herum, und davon kann ferne Maus etwas abbeißen. Ich gehe jetzt zunächst in die Apotheke, um die Tinktur bereiten zu lassen, die wir allstundlich einmal einträufeln müssen. Danil eile ich m meine Wohnung, den Augenspiegel zu holen, damit wir uns die ärgerliche Sache einmal recht gründlich ansehen können, uiid so schnell mich meine alten Beine tragen, bin ich wieder hier. Auf die Nacht giebt's ein unschuldiges kleines Schlafmittelchen, und es müßte doch wunderbar zugehen, wenn wir's nicht auf solche Art fertig brachten, den bösen Feind in die Flucht zu schlagen."
Else versuchte, ihm mit einem Lächeln zu danken, aber die furchtbaren Schmerzen tomen stärker als ihr tapferer Wille, und mit steifem Aechzen vergrub sie den Kopf wieder in die Sophapolster. _ , „ r m ....
Doktor Krüdener winkte der m äußerster Bestürzung dastehenden Frau Holthoff, ihm in das Nebenzimmer zu
folgen. „ , ~ rrrj.
„Eine verwünschte Geschichte!" sagte er. „selbst wenn Alles gut verläuft, was im Voraus nur der Himmel wissen kann, wird das arme, unschuldige Geschöpfchen ein Paar Wochen lang die schrecklichsten Leiden zu er- dulden haben. Könnte ich die Hälfte davon auf mich nehmen — Gott weiß, wie gern ich's thäte!"
„Doktor, Sie zerreißen mir das Herz!" jammerte die trostlose Mutter. „Giebt es denn nichts — gar nichts, die Schmerzen zu lindern?"
„Wir werden es natürlich mit allem Möglichen versuchen; aber gerade in diesem Falle müssen wir mit dem einzigen wirksamen Linderungsmittel, dem Morphium, s sehr vorsichtig sein. Es muß unsere letzte Zuflucht
bleiben, und ich darf jedenfalls iiicht gleich heute damit anfangcn, zumal ja erst die Untersuchuiig mit dem Augenspiegel eine ganz zuverlässige Erkenntiiitz des Leidens gestattet. Bereiten Sie jetzt einen Kamillenabsiid und machen Sie dann lauwarme Kompressen. Das wird zwar nicht viel helfen; aber vielleicht Abt es doch eine gewisse beruhigende Wirkung. Und lassen Sie das Kind so wenig wie möglich allein. Ich habe meine guten Gründe, Ihnen das besonders ans Herz zu legen. Mit Ihrem Manne werde ich sogleich selber reden. — Adieu!"
Er rannte, so schnell seine alten Beine es ihm gestatten wollten, davoii; aber cs war, als ob sich heute Alles verschworen hätte, um ihn zur Verzweiflung zu bringen. „
Auf dem ersten Hof res Zuchthauses kam ihm bereits ein Schließer entgegen, der beauftragt worden war, ihn zu suchen. Ein in der Schuhmacherwcrkstatt beschäftigter Sträfling hatte soeben ciiien Selbstmordversuch gemacht, indeni er sich vor den Augen der Mitgefangenen und des aufsichtführenden Beamten mehrere tiefe Stiche mit einem Messer beigebracht, uiid nun war der Mann nach der Angabe des Schließers in höchster Gefahr, zu ver- bluten. ^ , .
Da giebt es für den Anstaltsarzt natürlich kein Zaudern und Ueberlegen. Keuchend kletterte Doktor Krüdener die freilm eisernen Treppen nach dem zweiten Stockwerk empor, in dem sich der Verletzte befand, und mit wahrer Hingebung bot er all sein Können auf. um den Unglücklichen, der sich noch immer wie ein Rasender geberdete, bis ihn der Blutverlust ohnmächtig werden ließ, zil retten. . .
Er durfte mit dem Erfolge seiner Bemühungen einigermaßen zufrieden sein; aber es waren beinahe zwei Stunden vergangeii und es dunkelte bereits, als er endlich, ganz erschöpft, sich mit seinen Instrumenten in der Wohnung des Direktors einfand.
Mit 'verzweifeltem Gesicht kam ihm Frau Holthoff entgegen.
„Helfen Sie, Doktor! Um Alles m der Welt be- schwöre ich Sie: Helfen Sie meinem armen Kinde vo,i seinen Schmerzen! Ich sehe ja, wie übermenschlich Else sich bemüht, die Größe ihrer Leiden vor mir zu verbergen.
