Beilage rum Wiesbadener Tagblalt.
Uo. 315. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag, de« 10. Juli.
SO. Jahrgang. 100Ä.
Wie die Pulsschläge sich nach der Beschaffenheit de« Leibes richten, so richtet sich die Glückseligkeit des Lebens nach dem Mag der Liebe: so viel Liebe, so viel Glück.
Tamnlisch.
(6. Fortsetzung.)
Der Millionär
nnb sein abschreckendes Beispiel.
Bayrische Gebirgs-Humoreske von Karl Schuttes.
„Was?!" fragte Sepp, welcher wie geistesabwesend Aufschaute.
„Es scheint doch, als ob die Million einige Vor- wirrung in Ihrem Kopfe herorgernfen hätte, Herr Josef Reinfeldner."
„Wetzwegen?"
„Ich meine. Sie haben gar nicht verstanden, was ich seit einer Stunde Ihnen vortrug."
„Wohl, wohl!" erwiderte Sepp, indem er nach dem ersten Papiere griff, das Herr von Biermaier vor ihn hingelegt hatte.
„Aha, das is die Erbschaftssteuer, die ich zahl'n mutz."
„Und hier ist Ihre Erklärung, daß Sie bereit sind, tu 14 Tagen die Summe durch mich bezahlen zu lassen."
„Ein Bisserl viel is, aber — Du lieber Gott ■—- die Herrn Beamten wollen halt auch leb'n! Unterschreiben mir's (wir es) I"
„Hier, meine Bestallung als Ihr Mandatar."
„Reden's deutsch!"
„Als Ihr Beauftragter oder Bevollmächtigter."
„Der Speidl-Toni hat g'sagt, daß Sie ein ehrlicher Kerl sin — also unterschreiben."
„Die anderen Papieren betreffen unsereir gestern festgesetzten Vertrag."
„Alles richtig! Ta sin nieine Unterschriften."
„Nun bitte ich um den Check, damit ich die Summe oon dem Hause Rothschild in Frankfurt am Main erheben und auf die bayrische Hypotheken- und Wechselbank ln München überschreiben lassen kann."
„Donnerwetter! I soll Ihnen den Scheck'n geb'n? Ja, wann Sie aber damit durchbrennen?"
„Dann ist die Million futsch, und ich riskire nichts, als . . . daß ich infam aus dem Staatsdienst ausgestoßen werde, und so ein 8 Jahrl'n ins Zuchthaus komm'!"
„Ja . . . wann Sie aber den Scheck'n net auf München, sundern auf . . Amerika umschreiben lass'n?"
„Allerhand Achtung vor Ihrer Schlauheit, aber ich frage Sie als Bayer: Giebt's da ein unverfälschtes Hofbräu — Spatenbräu — Salvatorbräu und im Mai einen Bock', und heiß' ich net Biermaier?"
Das schlug mehr ein, als hätte sein Bevollmächtigter einen Eid vor Gericht geleistet, und Sepp griff nach lei nein neben ihm liegenden Hute, dem er den Check entnahm und ruhig Biermaier auslieferte, ' em er seufzend sagte: „Hietz bin i wirkli' das, was d Zensi, der Toni und die Afra g'sagt hab'n, und worüber i die ganze Nacht nachdenkt Hab' I"
„Was haben denn die drei braven Menschen zu Ihnen gesagt?"
„Nix als armer Kerl!"
„Der Besitzer des Burgleit'nhofes ist auch ohne diese Million kein armer Kerl, und die Drei haben das auch nicht inBezug auf das Geld gemeint, sondern ein Jedes in einer anderen moralischen Bedeutung."
„Was heitzt das?"
„Die Zensi hat g'meint, daß Ihr Leben verpfuscht ist, weil Sie jetzt ein dummstolzer Urprotz werden. Der Toni dachte sich: Jetzt geht es bei dem Sepp so toll zu, daß er bald mit dem Köstlichsten abgewirthschaftet hat, was der Mensch besitzt, mit ferner Gesundheit, und die . . . Afra ..."
„Da bin i g'spannt darauf."
„Was sich die Afra gedacht hat, das Hab' ich ^gestern Abend noch von der Zensi erfahren, und Sie mögen es sich selber gestehen. Ich aber sage Ihnen, leider aus eigener Erfahrung: Der Mensch, welcher kein treues Herz hat, das nur für ihn lebt und schlägt in Freud und Leid, der ist nicht nur ein armer, sondern der ärmste Kerl auf der Welt!"
„Biermaier, giebt mir Deine Hand, Du hast das Rechte troff'n. Wir woll'n Bruder sein auf Tod und Leb'n, ohne daß wir dabei sauf'n! Hietz gieb die andern Papierln her, i unterschreib's ung'seh'n. So g'scheh'n is! Sixt es (sieht Du es), dort auf der Kommode steh'n kleine Bücheln, da sin die schönen Liedln drinn druckt, die der gute Baron Franz! g'macht hat, die i vom viel'n Les'n fast auswendi' kann. Da heißt Oans (Eines) davo: „Im Boarnland" (im Bayernland), und er
singt da:
„Frei woll'n ma sei', und aber a treu,
Und laß'n uns drum net schelt'n.
Wo ka' Glaub'n und Treu', is a Lumperei,
„A Mann a Wort" muß gett'n!"
Sepp gab alle Papiere an Biermaier zurück, sah ruhig zu, wie dieser den Check in seine Geldtasche versenkte, l.chnte sich tiefaufathmend in seinen Stuhl zurück und sagte mit gutmüthiger Verschmitztheit: „Glaubst Du, daß ich einen dicken Bauernschädel Hab'?"
„G'witz net, mein lieber Sepp!"
„Da bist Du aber g'waltig betrog'n; denn ich will doch das Leben von einem richtigen Urprotzcn kennen lernen!" Sepp sprach möglichst hochdeutsch.
„Thu's net, es steht zu viel für Dich auf dem Spiel!"
„Als Du mir vorhin die drei Sach'n klarg'macht hast, weswegen ich ein armer Kerl sein oder werd'n soll, da is mir was durch meinen Schädel g'fahr'n! I führ' das aus, und es soll der letzte dumme Streich von dem übermüthi- gen Sepp Reinfeldnec sein, und es soll mir da auf ein zehn- bis zwölftausend Mark net ankommen!"
„Wann's lufti', bin i allweil d'rbei (dabei)!" sagte Biermaier in den geliebten Heimathdialekt verfallend.
„Weißt Du, wer i jetzt auf ein' Zeit lang bin?"
„A urlustig's Bürscherl?"
„Das scho' a, aber i bin, wann i mi' erscht mit dem Faulenzer verständigt Hab', von dem Augenblick an, wo's Geld z' Münken is und Du dort Alles abg'macht hast, der .... Hans Kristaller und er is der Sepp Rein- feldner, bis i sag': Halt, Bruderl, hietz is es aus mit dem Geldnausschmeißcn! Und wann er Tag und Nacht auf-
damt (Dummheiten macht), schad'n wird's ihm an seine« G'sundheit nix; denn er is a Bär!"
„Er hat richtig gestern die 6 Flaschen Würzburgey Champagner allein b'zwungen!"
„Ja, und heunt um 6 Uhr in der Früh hat er uni Bier brüllt, weil ihm jed's oaschichtige (einzelne) Haar weh than hat!" . .
„Also Du willst Dir ein abschreckendes Beispiel w dem Hans vor Augen stellen, und er soll gleichsam der Glücks-Prügelknabe für Dich sein?!"
„Haha, für's glückliche Prügeln laß' ich den Hans sorgen. Du mußt aber an den Speidl-Tekk» schreiben, daß Alles, was dem Hansl Passirt, auf meine Kapp« kommt!"
„Aha, Du möchtest da wohl eine Probe machen, ob hier sich die . . . na, fügen wir, die ... gutenMenlchen nicht von Dir abwenden, wenn Du den größten Halloder (Nichtsnutz) vorstellst." .
„Ahm, und gieb mir einen guten Rath, wie ich dem Speidl-Toni seine .... Tochter in der Zeit, daß wir von hier fort sind, recht oft zu mein'm Mutterl auf deck Burgleit'nhof da herauf bring'. - Haalt! ^esses, Maria und ein Bisserl einen heiligen Schutzpatron, da fallt die ganze G'schicht' gleich in den Brunnen; denn i Hab' ja ganz vergess'n, daß mir der Toni bös is, wegen dem . . . na, daß er mir halt bös is von vorn und von — hinten!"
„O, den will ich schon gilt machen."
„Ich zahl" ihm die 21 Mark'ln, die ich ihm noch schuldig bin, auf einem Brett aus!"
„Und laßt ihm mit einem schönen Gruß von mi« 12 Flasch'n Förster Traminer durch den Peterl bringen als Dank für die . . . hinterlistige Aufklärung. Er wird, das schon versteh'n!" . . , r ,-
„Schön, dann ist alles Andere ganz einfach: Ich meid« dem Toni gleich von München, daß Du zu wenig Zeit hast an Deine Mutter zu schreiben, und er soll ihr alle mein« Briefe, die ich ihm schicken werde. Deiner Mutter vor« lesen "
„Ja, der kann aber von seiner Arbeit net immer fort: kommen, denn Du mußt oft an ihn schreib n.
„Haha, Deine G'scheidigkeit, lieber Sepp, is da net weit her; denn da muß er die Afra da naufschicken . . ,
„O, Du Schlaucherl, das is das Rechte!"
„Aha, ich merk' schon, wir sind halt em Bisserl eisen süchtig und woll'n das schöne, brave Dirndl net auv den
Klauen lassen!" .
Dummheit! Aber der Mutter schick'n wir schon« Sachen: G'schmuck, seidig's Zeug und Allerhand, was halt die ..."
„M a d e ln gern haben!'
Fehla'schoß'n! Was halt ein Mutter gern hat, und wann sie ihrem Herzbünkerl (Herzliebchen) Afra was da- von schenk'n will, so is das — ihre Sach iind geht mi
9CU App, Du bist so schlau, daß es gar mt zu sagen ist!"
„Mirkst (merkst) Ti, das hietz erst? Pack aber etzunter (jetzt) Alles ein, und wann erscht die Frau Mutter uns was Gut's zum Fruhmahl vorg setzt hat, dann kannst Du drunten in Audorf gleich mit dem Tom Alles abmachen, und heunt Abend dampsit Du zum Geld- juden " (Fortsetzung folfit.)
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