so. Jahrgang.
Erschein! tn jttci Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag SO Pf«. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährllch für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
18,000 Abonnenten.
Anzeigcn-Preis r
Die einspaltige Pctitzeilc für locale Anzeigen 15 Pfg.. für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Psg., für Auswärts 1 Mk.
~ 7 7 . für die Abcnd-AuSgaVe bi, 12 Uhr Mittag», für die Morgen-AuSgad« bi« 8 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zui
Anzeigen - Ammljine nächsterscheinenden Ausgabe wird kein« Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen._—-—--
|tö. 316. Redaktions-Fernsprechcr No. 52.
Donnerstag, den 10. Juli.
Berlags-Fernsprechcr No. 2268.
1902.
Abend-Ausgabe.
Helfe - Abonnements
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
können täglich begonnen werden und kosten wöchentlich hei freier Zustellung in's Laus
Nlllti Orten in DeuWM Mil Oeflerreily-UlMil 60 Mg.
.. .. im Alisilliiö ....... 90 ..
öestellungen beliebe man genaue lvohnungsadreffe beizufügen.
Der verleg des Wiesbadener Tagblatts.
Pie MWMlimiriW der KetziMrigm.
In Bayern ist neuerdings die früher auch in Preußen angeschnittene Frage erörtert worden, ob es nicht angebracht ser, die Universitätsprofessoren bei Vollendung des siebzigsten Lebensjahres zwangsweise in den Ruhestand zu versetzen. Es ist bekannt, daß insbesondere der bayrische Kultusminister, Herr v. Landmann, für diese Maßnahme sehr eingenommen ist, aber freilich wird Herr v. Landmann jedenfalls als Minister nicht die erste Zwangspenfionirung eines Siebzigjährigen erleben, denn seit dem Konflikt mit der Würzburger Universität können die Ministertage des Herrn v. Landmann als gezählt gelten.
Im Uebrigen wollen wir hoffen, daß man den Plan einer zwangsweisen Pcnsionirung der siebzigjährigen Professoren in Bayern ebenso ad acta legen wird, wie man dies in Preußen mit den gleichen Plänen in Bezug auf die Professoren und auch auf die Richter-yethan hat, deren Zwangspenfionirung bei Vollendung des siebzigsten Lebensjahres auch schon einmal angeregt worden ist. Ohne Beispiel steht diese Maßnahme allerdings keineswegs da. Der Plan der Zwangspenfionirung der siebzigjährigen Professoren ist nach österreichischem Muster gearbeitet. In Oesterreich, und übrigens auch in Holland, werden die Universitätsprofessoren mit der Vollendung des siebzigsten Lebensjahres pensionirt. Sie mögen die Bedeutung eines Virchow oder Mommsen haben: ganz gleich, „der Bien' muß!"
Die beiden Namen, welche wir soeben genannt haben, kennzeichnen am deutlichsten den Widersinn, der in der Gleichmacherei der Zwangspenfionirung liegt. Virchow
llx. 113.
Roman von Lothar Brenkendorf.
(17. Fortsetzung.)
„So — io! Etwas Rauch? Ja, das kann sein. Und weshalb Du weinen solltest, vermöchte ich in der That beim beftenWillen nicht zu errathen. Aber sieh' mich doch einmal an. Nein, nicht so! Ganz groß und offen, wie Du mich früher immer unsahst, wenn Du fragtest: Onkel Krüdner, wann fahren wir wieder zusammen mit dem Schimmel? — Du erinnerst Dich doch noch an ihn, gelt? An den guten alten, lahmen Schimmel, den wir Beide so lieb hatten, obwohl er zuletzt nur noch eine lebendige Musterkarte aller möglichen und unmöglichen Pferde- krankheiten war. Na, er ist ja nun auch längst schlafen gegangen, und heute wird meiner kleinen Else der Sinn wohl nach ganz anderen Dingen stehen, als nach alten Schimmeln! Hm! Sage mal, Kind, das mit dem Rauch, ist es wirklich wahr?"
„Und warum solle es nicht wahr sein? Findest Du denn etwas Besonderes in meinen Augen?"
„Was Besonderes gerade nicht! Aber sie haben mir allerdings sonst viel besser gefallen. Du spürst doch keine Schmerzen darin?"
„Sie thun mir in der letzten Zeit manchmal ein bischen weh, aber es ist jetzt gar nicht der Rede Werth."
„Nicht? Und man vergießt nicht etwa in der Stille des Kämmerleins heimliche Thränen, von denen kein Mensch etwas wissen soll, nicht einmal der alte Onkel Krüdener, der doch gewiß keine Klatschbase und Kaffee- schwester ist? Kind, Kind, es gab eine Zeit, da Du mehr Vertrauen zu mir hattest."
„Aber ich habe ja Vertrauen zu Dir und ich würde Dir gewiß Alles sagen, wenn es überhaupt etwas zu gestehen oder anzuvertrauen gäbe. Willst Du denn nun auch anfangen, mich zu quälen?"
„Ich Dich quälen? Nein, mein Liebling, das wäre tn aller Welt das Letzte, worauf ich verfallen könnte. Wer ich will Dir was aufschreiben, das drüben m der Apotheke des grauen Hauses gemacht werden soll, eine Harmlose Flüssigkeit, von der die Mutter des Wends und
ist am 13. Oktober 182 l geboren und mithin beinahe 81 Jahre alt. Mommsen ist gar am 30. November 1817 geboren und hat mithin schon vor nahezu 15 Jahren die Grenze des siebzigsten Lebensjahres überschritten. Welcher Verlust fiir die Wissenschaft wäre es gewesen, wenn Virchow vor elf und Mommsen vor fünfzehn Jahren zwangsweise pensionirt worden wären. Professor Kußmaul, der berühmte Mediziner, ist unlängst im Alter von 80 Jahren gestorben, das Zwangspensionsgesetz hatte der Wissenschaft und der Ausbildung zum ärztlichen Be- ruf zehn Jahre von Kußmauls hervorragender Thatrg- keit genommen.
Man könnte, wenn das wirklich nöthig wäre, eure stattliche Liste solcher Professoren aufstellen, die heute noch eine erfolgreiche und rühmenswerthe Thätigkeit ausüben, obwohl sie die kritische Grenze des vollendeten sieb- zigsten Lebensjahres überschritten haben. Wen sollte das auch Wunder nehmen, da wir ja auch in zahlreichen anderen Berufen, die zum Theil noch aufreibender sind, Männer thätig sahen und sehen, welche das biblische Alter längst überschritten haben. Der Gedanke der Zwangspenfionirung der Richter ist in Preußen bald fallen gelassen worden, und in der That, es gab gegen diesen Vorschlag keinen besseren Einwand, als das Alter des berühmtesten Richters, der zwölf Jahre hindurch dre erste Richterstelle in Deutschland mne gehabt hat. Eduard v. Simson. der langjährige Reichstagspräsident, wurde 1879 mit 69 Jahren Präsident des Reichsgerichts und legte dieses verantwortungsvolle Amt erst mit 80 Jahren nieder, um sich dann noch acht Jahre lang eines genußreichen Lebensabends zu erfreuen.
Und wie ist es in anderen Berufen, die als noch wesentlich aufreibender gelten, im politisch-diplomatischen und im militärischen Beruf? Fürst Bismarck hat noch ein halbes Jahrzehnt nach der kritischen Altersgrenze seines Amtes gewaltet, und daß seine geistige Schärfe und Frische auch danach nicht abgenommen hatte, dafür haben wir Beweise genug. Fürst Hohenlohe wurde erst im Alter von mehr als 75 Jahren deutscher Reichskanzler. Crispi trat mit 76 Jahren von seinem Posten als Ministerpräsident zurück, nicht wegen Mtersschwäche, sondern wegen der berüchtigten Bankaffaire. Der englische Premierminister Salisbury ist 72 Jahre alt, Glad- stone war bis zum 84. Lebensjahre der Leiter der englischen Politik. Sehr groß ist die Anzahl der Heerführer, welche noch lange nach Vollendung des siebzigsten Lebens- jahres ihre Thaten in die Blätter der Weltgeschichte ein- zeichneten, wir erinnern nur an Blücher, Radetzky und Suwarow. Wenn der größte Stratege des verflossenen Jahrhunderts, Moltke, mit dem 70. Lebensjahre der Zwangspenfionirung verfallen wäre, so hätte er bedauerlicher Weise mitten im französischen Kriege seine unent-
Morgens ein Tröpfchen in die Guckerln da träufeln soll, damit sie wieder blank und klar werden, wie sich's für eme richtige Hauselfe geziemt. Und keine Lektüre beim Lampenlicht — das bitt' ich mir aus! Keine kunstvollen Handarbeiten! Vor Allem und ganz besonders aber keine Thränen!" ^
Jetzt erst nahm er das Glas aus ihrer Hand, aber nach seiner Gewohnheit nippte er nur ein wenig davon und stellte es wieder auf den Tisch.
„Muß heute leider noch nach Lindow hinüber, die alte Mutter Kossak liegt an einem Beinbruch und ich bin seit vier Tagen nicht dagewesen. Man wird nachgerade bequem, und der Teufel weiß, daß auch gerade die ärmsten Leute die unvernünftigsten Krankheiten haben müssen.
Ja, wenn es noch ein reicher Rittergutsbesitzer wäre, da solltest Du nur sehen, wie ich alle Tage pflichtschuldigst meine Aufwartung machte —- blos wegen des fetten Honorars! — Uebrigens — für das halbe Hühnchen da giebt es hier bei Euch wohl keine rechte Verwendung mehr, und ich habe so ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend. Du könntest mir's einwickeln, für den Fall, daß mich unterwegs ein Heißhunger ankommt. Da sehe ich auch noch ein paar gesottene Eier, die augenscheinlich ihren Beruf verfehlt haben — und wenn Du doch schon 'mal beim Aufräumen bist — ein Pfündlein Schinken mehr oder weniger macht einen Nabob, wie Deinen Vater, wohl nicht gleich zum Bettler!"
Else war schon geschäftig, die gesammten Ueberreste des Frühstücks, das die Familie Holthoff heute kaum berührt hatte, säuberlich in einen großen Papierbogen einzuschlagen.
Ein Anflug von ihrer alten neckischen Laune war in ihrer Stimme, als sie lächelnd sagte:
„Wer Onkel Krüdener, das Alles willst Du unterwegs aufessen? Und bis Lindow fährst Du doch kaum eine halbe Stunde."
„Still, kleiner Naseweis! Ich verbitte mir alle indiskreten Bemerkungen. Da — dies wohlgetroffene Bildniß unseres theuren Landesherrn kannst Du der Vollständigkeit halber auch noch beifügen. Man weiß nie, wozu es gut ist."
Er hatte einen Thaler aus der Westentasche genommen und warf ihn ihr zu.
behrliche Thätigkeit einstellen müssen. Glücklicher Werse
geschah das nicht, sondern er blieb bis zu seinem 88. Lebensjahre Chef des Generalstabs und wurde dann noch Vorsitzender der Landesvertheidigungs-Kommission.
Wir glauben, daß die angeführten Beispiele hin- reichen, um zu zeigen, wie verwerflich eine solche schab- lonisirende Maßregel wäre und wie nöthig wir dre Siebzigjährigen haben. Wenn in Frankreich die Generale sogar schon im 65. Lebensjahre pensionirt werden, so entspringt diese Maßnahme politischen Erwägungen, der Furcht vor dem politischen Einfluß der Generale. Aber diese Sitte ist ebenso wenig empfehlenswerth, wie die etwas eigenthümliche Art der Zwangspenfionirung bei einigen Jndianerstämmen, wo es als Pflicht des Sohnes gilt, den Vater, wenn er das siebzigste Lebensjahr vollendet hat, todtzufchlagen!
NeichshaushallskontroUe.
Die Kontrolle des Haushalts des Deutschen Reichs von W Thrän, Geh. Oberregierungsrath und Vortragender Rath bei dem Rechnungshof des Deutschen Reichs in Potsdam. Das 7. Heft des 35. Jahrganges (1902) der „Annalen des Deutschen Reichs für Gesetzgebung, Verwaltung und Voliswirthschaft" (I. Schweitzer Verlag — Arthur Sellier — in München) enthält aus anerkannt berufener Feder eine Abhandlung über die oben bezeichnet!, in mehrfacher Hinsicht schwierige Frage des deutschen Reichsstaatsrechts, die in nicht allzuferner Zeit m Verbindung mit der sogen. „Komptabilität" — ein späterer Artikel wird diesen Gegenstand erörtern — zur Lösung gelangen durfte. Die Materie gewinnt erhöhte Bedeutung dadurch, daß es stck, gegenwärtig auch in verschiedenen anderen Staaten (Württemberg, Sachsen rc.) darum handelt, die Kontrolle des öffentlichen Haushalts im Zusammenhang mit Etatsgesetzen rc. rc. zu ändern oder neu zu gestalten. . .„
Da der Satz, daß das Bestehende völlig verständlich nur dann ist, wenn man deffen Werden kennt, hier ganz besonders zutrifft, giebt der Verfasser in Abschnitt I zunächst die Entwickelung des jetzigen Zustandes; er führt aus, wie die Lücke der Verfassung des Norddeutschen Bundes und des Deutschen Reichs hinsichtlich der Form der Rechnungslegung und der Behörde für die Prüfung und Feststellung der Rechnungen gesetzlich je durch provisorische Uebertragung der von der Bundes- und, Reichsrevisionsbehörde zu erfüllenden Aufgabe an die Preußische Oberrechnungskammer nothdürftig ausgefüllt wurde, schildert sodann die in den Jahren 1872/77 gemachten erfolglosen Versuche, hier durch ein Reichsgesetz über die Einrichtung und die Befugnifle des Rechnungshofes einen dauernden Zustand zu schaffen, sowie die Fortsetzung der provisorischen jährlichen Kontrollgesetze unter Ausdehnung der Kontrollthätigkeit der Preußischen Oberrechnungskammer auf den Landeshaushalt für Elsaß-Lothringen, die Rechnungen der Reichsbank und den Haushalt der Schutzgebiete, und schließt mit dem Nachweis, wie
Mit einem Blick voll herzlicher Verehrung sah Else zu ihm auf.
„Du bist eben ganz unverbesserlich, Onkel Krüdener! Es wäre wahrlich nicht gut, wenn Du der alten Mutter Kossak alle Tage Krankenvisite machtest."
Der Doktor brummte etwas Unverständliches und suchte nach seinem Hut, den er niemals finden konnte, auch wenn er ihn schon lange in der Hand hielt. Wer wie ihm dann Else das fertige Päckchen überreichte, sah er's auf den ersten Blick, daß sie noch etwas auf dem ijatte.
„9la, nur heraus mit der Sprache! Wenn Du anfängst, Dich vor mir zu geniren, komme ich überhaupt nicht wieder und lasse Euch ohne ärztliche Hülfe hundert Jahre alt werden."
Sie sah vorsichtig nach der Thür, ob auch nicht etwa inzwischen unbemerkt Jemand eingetreten wäre, und dann sagte sie, dicht zu ihm herantretend, leise:
„Du kennst den Doktor Gernsdorfs, nicht wahr, Onkel Krüdener?"
„Meinst Du den da drüben im grauen Hause, «Nummer 113, wenn ich nicht irre?"
Else nickte, und ihr Gesichtchen war schon wieder so weiß wie ein Linnen.
„Seine Schwester ist meine beste Freundin und sie hat mir vor acht Tagen geschrieben, ich möchte ihr doch recht ausführliche Nachricht über ihres Bruders Befinden geben, und wie — wie er das Schreckliche erträgt. Sie glaubt wohl, es sei für mich ein Leichtes, das Alles zu erfahren. Du aber weißt, daß ich den Vater nicht darum befragen darf, und da hoffte ich, daß Du ■—"
„Na, es ist gut, Kind, daß Du doch endlich einmal an mich gedacht hast. Ich möchte nur wünschen, daß es aus einem anderen Anlaß geschehen wäre; denn über den armen Kollegen, nach dem Du fragst, vermag auch ich Dir verwünscht wenig zu sagen. Ich habe ihn seit seiner Einlieferung nur zweimal gesehen; das eine Mal bei der vorgeschriebenen Aufnahmeuntersuchung, und das zweite Mal ganz zufällig, als er eben in die Kirche geführt wurde. Seine Gesundheit, denke ich, wird also wohl nichts zu wünschen übrig lassen."
Die Auskunft war in ihrer Dürftigkeit offenbar weit hinter dew Erwartungen Else's zurückgeblieben.
