Wiesbadener Tagblatt.
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Dir Lage der deutschen Arbeit.
Nach langer Dürre knüpft der Landmann an jedes ton Himmel aufsteigende Wölkchen seine Hoffnungen. Äehnlich ist es heute im deutschen WirthschaftSleben. Jede Mittheilung über eine bessere Beschäftigung irgend eines Urbeitszweiges ruft weitgehende Erwartungen hervor. Man glaubt leicht, was matt wünscht, und so tst man bald überzeugt, daß die Krise überwunden sei und eine ge- segnetere Zeit sich unmittelbar an das Elend der Arbeitslosigkeit anschlietze. Zu derartigeit Erwartungen hat rnan leider wenig Grund. Auch die Beendigung des südafrikanischen Krieges wird sich zunächst für uns wirth- schastlich nur wenig bemerkbar machen. Alle Zeichen deuten unverkennbar auf eine weitere Dauer der gegenwärtigen Verhältnisse hin. Man darf sich durch die in ewigen Jndustrieen herrschende bessereBeschäftigung nicht täuschen lassen. D i e h a u p t s ä ch l i ch st e n d e u t * scheu Erwerbszweige liegen schwer darnieder und die Zeit ist nicht abzusehen, in der sie sich e r y o l e n werden.
Zu dieser Ueberzeugung gelangt man auch, wenn man die Gesammtlage der deutschen Eisenindustrie betrachtet. Vor einigen Monaten wurden mehr Aufträge als heute ertheilt. Man hoffte auf anhaltende Besserung, hat sich jedoch getäuscht. Viele Werke müssen noch immer mit Verlust arbeiten, wenn sie den Betrieb nicht einstellen wollen. Ohne eine bedeutende Ausfuhr würden sie trotzdem zum Stillstand gezwungen sein. Eüna der dritte Theil der gesummten Erzeugung unserer Hüttenwerke tzeht gegenwärtig in das Ausland; bei manchen Werken beträgt die Ausfuhr heute selbst die Hälfte ihrer Erzeugung. Wenn man die Erzeugung allein der rheinisch- westfälischen Eisenindustrie auf 6 Millioneit Toitnen das Jahr annimmt, so kann man rechnen, daß in diesem Jahre tnindestens zwei Millioiten Tonnett in das Aus
land gehen, wenn dasGeschäst nach> dort wie bisher^anhält. Abnehmer sind namentlich Ostasien, England, Holland, besonders aber die Vereinigten Staaten. Wie sich dte wirthschaftlichen Verhältnisse in den letzteren, in nächster Zukunft gestalten, wird für die deutsche Eisenindustrie, und nicht nur für sie, entscheidend sein. Hat jenes Land auch ferner einen so außergewöhnlich starken Bedarf wie augenblicklich, so wird unsere Eisenindustrie von einet neuen .Katastrophe sicher vcrsckont bleiben, bricht der himmelhohe Bau der amerikanischen Spekulation jedoch zusammen, so wird die Erschütterung sich auch nach Deutschland fortpflanzen und hier manches Wert zum Schwanken bringen. Bis heute steht man dort noch Alles in rosiger Entwickelung. Aber das war ja auch vor zwei Jahren in Deutschland der Fall. Plötzlich erfolgten einige harte Gewitterschläge, das leuchtende Bild und tausend glänzende Hoffnungen wurden erbarmungslos zerrissen. Die Vereinigten Staaten sind das Land der plötzlichen wirthschaftlichen Umschläge., Kluge,Leute rechnen bereits heute damit und suchen sich zu sichern. Es würde natürlich nicht nur unsere Ausfuhr nach dort aushören, sondern die in der letzten Zeit in das Riesenhafte gesteigerte Leistungskraft der Vereinigten Staaten würde auch schwer aus dem Weltmarkt lasten. Die Roheisenerzeugung derselben wird für dieses Jahr auf 17 bis 18 Millionen Tonnen geschätzt, die deutsche beträgt nicht ganz 8 Millionen Tonnen; man sieht schon aus diesen Zahlen, welche Kräfte unter Umständen miteinander in Wettbewerb treten würden.
Ter Kohlenbergbau ist natürlich gleichfalls von der Krise noch stark beeinflußt. Fast alle Gruben haben starke Vorräthe. Immerhin hat sich der Absatz um em Geringes gebessert. Die von dem rheinisch-westfälischen Kohlensyndikat für Mat ftstgesetzte Fördereinschränkung von 24 Prozent brauchte nicht voll innegebalten zu werden. Die Verhältnisse sind trotzdem noch übel genug, um die Abwanderung der fremden Bergleute sortdauern zu lassen. Auch in Niederschlesien herrscht ein Ueberfluß von Bergarbeitern. Die meisten dortigen Gruben sind zu Arbeiterenttassungen genöthigt; Feierschichten sind fast überall üblich geworden. Die Arbeitslöhne sind gesunken und die Entlassenen finden selbst außerhalb ihres Berufs nur sehr schwer wieder Beschäftigung. Aehnliche Klagen hört man aus den sächsischen Bergbaubezirken.
Die Maschinenindustrie hat noch immer sehr wenig zu thun. Eigentlich haben nur einzelne Werke wirklich ausreichende und lohnende Aufträge. Meistens herrscht beschränkte Arbeitszeit und die Unternehmer haben große Mühe, ihren Betrieb, oft mit empfindlichen Verlusten, ausrecht zu erhalten. Die Zahl der unbeschäftigten Arbeiter gerade der Maschinenindustrie ist auch beute noch sehr groß. Fast noch übler liegen die Verhältnisse in der noch vor wenigen Jahren sich ttn gewaltigen Siegeslauf entwickelnden elektrischen Industrie. Welcher Gegensatz zu den am Schluß des Jahrhunderts bestehenden stolzen Hoffnungen! Die meisten elektrischen Unternehmungen
Feuilleton.
Londoner Brief.
London, 5. Juli.
Von dem ganzen glanzvollen Programme von Festlich- fEeiint, die uns für die letzten vierzehn Tage in Aussicht gestellt waren, ist infolge der Erkrankung des Königs eigentlich nur eine jeinzige zur Ausführung gekommen. Das ist die Speisung einer halben Million Armen, die heute in mancherlei öffentlichen Gebäuden, in Parken und Gärten stattfand. Einer halben Million Menschen ein Mahl zu verabreichen, erfordert MAirr schon einen erklecklichen Aufwand von Lebensmitteln, feto m di- Speisenden aber — wie hier wohl die Mehrzahl dieser ^Gäfir des Königs" — seit Langem sich nicht satt gegessen und MN Dinge vorgesetzi bekommen, die sie seit noch längerer Zeit, manche auch wohl niemals, gekostet haben, so wird man deshalb eben nicht weniger Eß-Material herangeschleift haben, 'ofailijÜje Festlichkeiten waren aber auch überall in den Provinzen veranstaltet. Das Menü bestand aus */ Kilo Fleisch für jede Person, y 2 Kilo Kartoffeln, Vrod nach Belieben und Vs Kilo Plum-Pudding. Spirituosen wurden nicht verabreicht, wohl ober stand Jedem etwa ein halbes Liier Bier, Limonade und Kaffee zu Gebote. Und so wollen wir nur hoffen, daß die Be- wirthrtcn nach dem ungewohnten Mahle — wenigstens nicht schlechter sich befinden als vorher. Jeder derselben erhielt auch einen besonderen Becher mit dem Bildniß des Königs — mit der Krone ans dem Haupt — und der Königin, aus dem sie ans das Wohl Sr. Majestät tranken und den sie dann zum Andenken mitnehmen konnten, während den Männern auch Tabak verabreicht ward. Dazu wurde der Gesellschaft nach aufgehobener Tafel auch ein geistiger Genuß gewährt, indem ungefähr 2000 berufene Künstler — und andere — an 476 verschiedenen Stätten Londons sie durch musikalische und andere Vorträge unterhielten. Und nun befanden sich wohl Alle in der wünschens- tyexthen Stimmung, den verschiedenen Mitgliedern des Königshauses, welche, die Einen hierhin, di- Anderen dorthin, Rundfahrten nach den hauptsächlichsten Festplätzen unternommen, rtnen b-geistetten Empfang zu bereiten.
Damit soll aber in keiner Weise angedeutet sein, daß es erst künstlicher Mittel bedürfe, die Loyalität der Eng-- länder für ihr Königshaus zu wecken, wenn ein solches Gelage auch naturgemäß die momentane Stimmung der Verehrung für den Gastgeber nur erhöhen konnte. Jndesien, wenn auch ein englischer Souverän nur ein figure head, nur äußerlich das Haupt des Staates sein und in die hohe Politik gar nicht d'rein reden soll, so läßt sich doch nicht leugnen, daß die Verehrung des Volkes für denselben dennoch, oder vielleicht eben deshalb, eine umso tiefer empfundene ist. Bei der großen Zurückhaltung, in der sich die Königin Viktoria in den letzten vierzig Jahren gehalten, war die Loyalität wohl zeitweise etwas eingeschlummert, brach aber bei ihren zwei Herrscher-Jubiläen und ähnlichen Anläßen und vollends bei ihrem Tode wieder kräftig durch und wurde dann womöglich noch in erhöhtem Grade auf König Eduard übertragen, der es sich auch angelegen sein ließ, bei voller Wahrung der Würde seiner hohen Stellung durch sein joviales Auftreten und mancherlei volksthümliche Akte sich persönlich beliebt zu machen. In welchem Maße ihm dies gelungen, bewiesen die Vorbereitungen zu seiner Krönungsfeier und noch deutlicher die Aufnahme von der Kunde seiner Erkrankung, wie lebhaft auch die Enttäuschung, ja und wie empfindlich auch vielfach die Verluste waren, die so Vielen aus der dadurch hervorgerufenen Verschiebung der Krönung erwachsen mußten. Mit hingebender Theilnahme hat die ganze Nation im Geiste am Krankenbett des Königs ausgeharrt, und statt ein allgemeines großes Freudenfest zu feiern, an wenig Anderes gedacht, als das letzte Bulletin über den Zustand des hohen Patienten zu erhaschen und die Chancen einer Genesung abzuwägen.
Diese haben sich ja mit jedem Tage günstiger gestaltet. Jndesien, wenn auch die offiziellen Nachrichten über den Verlauf des Leidens — und alle anderen sollten wir mit noch größerer Vorsicht aufnehmen — dasselbe sicherlich nicht ungünstiger dar- gestellt haben werden, als der Thatsache entspricht, so wißen wir selbst aus diesen, daß die Krankheit eine sehr ernstliche und langwierig- ist, und es ist anzunehmen, daß der König niemals seine völlige Gesundheit wieder erlangen wird. Schreitet er in der bisherigen Weise auf der Bahn der Befferung fort, so dürste er
rechnen heute kaum noch mit einem Nutzen. Sre nehmen die Beschäftigung, wo sie solche erjagen können. Der Wettbewerb ist geradezu unerhört rücksichtslos. Dick meisten dieser Unternehmungen würden unter lhm zw Grunde gehen, wenn sie nicht von starken Kapitalisten- gruppen gehalten würden, die aus baldige bessere Zeit fest rechnen. .
Auch die chemische Industrie befindet sich m tiblet Lage. Der Bedarf ihrer Erzetlgnisse in der deutschen Industrie ist sehr wesetttlich durch die allgemeine Krise geschmälert und auch der Absatz einzelner Zweige in das Ausland ist geringer geworden. Auch aus diesem sonst so srnchtbareil Gebiet unseres Wirthschaftslebens baben sich daher Arbeiterentlassungen und_ Betnebsein- scbränknngen notbwendig gemacht. Wie die Eisenbahnen über durch die Geschäftsstockung verminderten Transport klageir, so hat aus denselben Gründen auch die See- und Flußschifffahrt zu leiden. Die Frachtpreise find bei dem großen Umsange des leeren Schiffsraumes erheblich ge- funken, und zwar auf fast allen schiffbaren deutschen Flüssen so tief, daß sie kaum noch eitlen Nutzen lassen. Gegenwärtig ist man bemüht, durch bestimmte Abmachungen die Frachtpreise zu heben und auf emer bestimmten Höhe festzuhalten. Auch die Werften haben für die deutsche Handelsmarine weniger zu thun. Bet der gesteigerten Leistungsfähigkeit unserer Werften fallt das viel mehr als früher ins Gewicht. Im Jahre 1870 beschäftigten die deutschen Werften 2800 Arbeiter und ibr Anlagekapital betrug noch nicht 5 Millionen Mark, 1900 beschäftigten sie jedoch fast 58,000 Arbeiter und es waren in ihnen mehr als 66 Millionen Mark angelegt. Das Baugewerbe ist in einigen Städten lebhaft be- schäftigt. 'Namentlich soll seine Thätigkcit in Berlin größer als je zuvor sein. Man führt das darauf zuruck, daß wegen der ungewöhnlich hohen Preise der Rohstoffe und wegen der hohen Arbeitslöhne in den letzten Jahren mancher Bauplan verschoben ist und jetzt zur Ausführung gelangt. Jedenfalls ist es Thatsache, daß gegenwärtig für das solide Baugeschäft Geld, und zwar mtt Recht, leichter als vor einigen Jahren zu haben ist, wo das Kapital der Industrie zuströmte. Es wird heute jedenfalls in den meisten Gegenden etwas mehr als im vorigen Sommer gebaut, aber von einer wirklichen Gesundung ist das Baugewerbe noch sehr wett entfernt, obwohl zahllose faule Unternehmer durch die Krise in den letzten Jahren aus diesem Beruf entfernt sind. Die schwierige Lage der Cementindustrie beweist ebenfalls, daß die Be- schästigung im Baugewerbe noch eine beschränkte ist. Der Absatz hat enorm nachgelasseti. Das Nordwest-Mttel- deutsche Cementsyndikat hoffte auf einen Absatz von 6 bis 6i/o Millionen Faß, derselbe betrug jedoch nur 5 Millionen. Auch die Ausfuhr hat sich außerordentlich verringert; allein tiach den Vereinigten Staaten ist sie um mehr als die Hälfte znrückgegangen. Diese Industrie ist in der guten Zeit stark in das Gründerfahrtnasser geraden; sie leidet an einer derartigen Uebererzeugnng,
vielleicht schon in wenigen Wochen an die See gebracht werden
und möglicher Weise auf seiner Pacht im Solent am besten zu Kräften kommen. Aber es dürsten immerhin zwei bis drei Monate vergehen, ehe er auch im günstigsten Falle als einigermaßen genesen betrachtet werden könnte. Alle Nachrichten von einer bald geplanten Krönung sind daher gewiß als völlig unbegründet zu bezeichnen. Dazu kommt auch noch, daß selbst, wenn der König etwa im August wohl 'genug wäre, eine solche vorzunehmen, schon die Rücksicht auf seine Unterthanen ihn davon abhalten würden. Denn die ganze vornehme Welt ist dann fort. London ist dann in noch viel ausgedehnterem Maße als die Hauptstädte des Kontinents völlig „leer". Und eine Krönung bleibt doch immerhin ein Ereigniß, dem beizuwohnen Tausende der hervorragendsten Persönlichkeiten verpflichtet und viele Hunderttausende sich nicht nehmen lassen würden. Ganz unverbürgt sind jedenfalls auch die Gerüchte, daß der König sich demnächst in aller Stille krönen lassen werde. Das würde doch sicherlich nur ein offenes Geständniß sein, daß er selbst, wie auch seine ärztlichen Rathgeber, nicht mehr an eine Genesung glauben. Und so konnte auch ein hoher Hofbeamter, der in solchen Dingen wohl weiß, was vorgeht, mich gestern noch versichern: „Entweder in der Abtei oder gar nicht!"
Der f r ü h e st e Zeitpunkt, der im allergünstigsten. Falle für eine Krönung ins Auge gefaßt werden könnte, wäre also Ende September. Auch dann würde der ganze Vorgang gewiß wesentlich vereinfacht werden. ES würden vor Allem nicht so viele Gäste aus allen Theilen der Welt und insbesondere nicht die zahlreichen Vertreter aus den fernen und fernsten Gebieten des britischen Reiches, deren Hiersein jetzt in so erheblicher Weise zu einer Verherrlichung des Festes beigetragen hätte, wieder erwartet werden können. Auch würde das Krönungs- Ceremoniell an sich, dessen genaue Durchführung mehrere Stunden in Anspruch nimmt und einen kräftigen König erheischt, gewiß wesentliche gekürzt werden, ohne deshalb von seiner „hohen Bedeutung" etwas einzubüßen. Aber das sind Alles nur Muthmaßungen. Es ist darüber bei dem gegenwärtigen Zustande des Königs noch nichts ernstlich ins Auge gefaßt, und zwar schon aus dem einfachen Grunde, weil der König selbst, was auch sonst seine Herrscherpflichten sein mögen, in solche»
