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Silber, China und die Mächte.
Unser Londoner u-Korrespondent schreibt uns unter dem 5. Juli:
Einem Verstorbenen gleich, der m seinem Testamente den Erben einen Possen spielt, veranlaßt jetzt das langst umgebrachte Silber unter den Brächten eure nicht geringe Erregung. Tie Ursache bildet die Weigerung Chinas, fernere Zahlungen im Zusammenhänge mit der Kriegs- entschädigung zu einem niedrigeren Kurse als drei Schilling für den Hai-Kuan-Tael zu leisten, inzwischen ist aber jener Tael infolge der ferneren Entwerthung des Silbers auf 2 sh. 7 d. gefallen, zu welchem Kurse berechnet die gesammte Kriegsentschädigung von 450.000.000 Taels um 90,000.000 Taels erhöht werden würde. China ist dadurch in eine schwierigere Lage denn je gerathen. und wie in den Vereinigten Staaten, so sympathisirt man daher jetzt mit ihm auch m der englischen Bevölkerung, ja sogar in politischen Kreisen rat höchsten Grade. Der englische Handelsstand hat die finanzielle Last, welche man dem himmlischen Reiche nach der Beendigung des Krieges auflud. stets init ungünstigen Augen betrachtet, und zivar. weil er von der Ansicht ausging, daß dieselbe, wenn nicht den wirthschaftlichen Rum Chinas veranlassen, so doch seine ökonomische Weiter- entwickclung für unabsehbare Zeiten unmöglich machen würde. Die Agitation zu Gunsten der Chinesen, die aus Anlaß der bewußten Weigerung hier in Scene gesetzt wurde, nahm einen solchen llmfang an, daß man sogar soeben die Regierung im Parlamente bezüglich desGegen standes interpellirtc. Dieselbe verhielt sich jeöoch durchs aus ablehnend und erklärte, daß Chinas Verbindlich leiten vertragsmäßig in Gold zu erfiillen irLrcn und die Mächte auf Erfüllung des Vertrages unbedingt bestehen würden. Nicht nur die gesammte liberale. sonikwn sogar ein Theil der unionistischen imb konservativen Presse ist nun über diese Haltung der Regierung im höchsten Grade aufgebracht und man setzt alle Hebel in Bewegung, um §sie zu einer anderen Stellungnahme zu veranlassen. Was man vori ihr verlangt, ist. sich mit den Vereinigten Staaten iiiS Einvernehmeii zil setzen, die der Regierung 'in Peking bereits mittheilten, daß sie die Billigkeit der chinesischen Weigerung vollständig anerkannten, aber nicht allein in der Sache zu handeln vermöchten. Ja. man soll, wie die hiesige Presse wissen will, ebenfalls geneigt sein, China entgegenzukommen, und wie der Londoner -„Statist" soeben bemerkte, wäre es die Pflicht der englischen Regierung, sich endlich aufzuraffen, kontinentalen Einflüssen Widerstand entgegeiiziisetzeii und m Gemeinschaft mit Japan und den Vereinigten Staaten zu handeln. Tie kontinentalen Mächte wiirden es nach An
sicht des Blattes nicht wagen, auf der Durchführung ihrer blutsangerischen Politik zu bestehen., und das aus den Häiiden dieser Shylocks gerettete China durfte sich als- dann als ewiger Schuldner Englands fühlen. Die ganze Geschichte läuft also darauf hinaus, daß man den L>ahnen des himmlischen Reiches aus dem wohlgespickten englischen Geldbeutel ein Geschenk zil machen wu,ischt. und zwar um sich auf diese Weise kommerzielle und sonstige Vortheile auf Kosten Anderer zu sichern. Ganz besondere amüsant ist es dabei aber, in welcher Welse der „Statist jetzt über Silber spricht, nachdem er s.^Zt. nicht wenig dazu beigetragen, demselben gewissermaßen den Garaus zu machen. Nachdem er nämlich bemerkt hatte, daß Silber noch viel bedeutender als bisher fallen würde, wenn Eng- land den kontinentalen Mächten, die es allem auf den Ruin Chinas absähen, ferner behülflich wäre, schrieb er. „Auf diese Weise schädigte man nicht nur alle fremden Silber-Länder, sondern auch jenen Theil des britischen Reiches, in dem Silber noch das Unilaufsmittel bildet. Unser Handel mit China aber dürfte dadurch vollständig lahmgelegt werden, da das Weichen des Kurses selbstredend die Vertheuerung ausländischer Waaren in China bedeutet und gleichzeitig die Kaufkraft des chinesischen Volkes untergräbt." — Als s.Zt. Silber von 5 «h. auf 3 sh. herabging, und zwar weil es hauptiachlich auf Ver- anlassungEnglands demonetisirt wurde, war der „Statist stets ganz besonders eifrig. Diejenigen lächerlich zu machen, die vor den schlimmen Folgen m allen Silber- ländern warnten.
}n MOiW der MiftiM MWcn.
Viel Beachtung findet in militärischen Kreisen Frank- rcichs ein anonym erschienener Artikel über die Lehren des südafrikanischeii Krieges in der „Revue des Teux Mondes", als dessen Verfasser die Fachpresse den General de Ndgrier bezeichnet. Ter General be handelt ausführlich die Revolution, die durch die moderne Kriegstechnik in der Taktik hervorgerufen worden ist, und spricht dann in einem besonders interessanten Abschnitt von den psychischeii Triebkräften, die unter den neuen Bedingungen in zukünftigen Schlachten in Wirksamkeit treten müssen. „Tie Dauer des Kampfes unter den neuen Bedingungen", schreibt er, „führt ber den Truppen eine beträchtliche Physische Erschöpfung herbei, die sich in der nervösen Abspannung äußert. So erklärt sich die Ohnmacht Mancher am Tage nach schlappen und selbst nach Erfolgen. Mit umso größerein Recht haben sie am Schlüsse des Kampfes nicht verfolgen können. Man wird einwenden, daß dies von feher so^ gewesen ist. Gewiß, .aber die nervöse Erschöpfung ist in ungeahnten Verhalt- nissen gewachsen, in demselben Maße, wie der Gegner unsichtbar wurde. Tie Unsichtbarkeit wirkt dierckt auf den moralischen Zustand des Mannes, auf die eigentlichen
Quellen seiner Energie und seines Muthes. Ter Kämpfer, der feinen Feind nicht vor Augen hat, ist versucht, ihn überall zu sehen. Vo,i diesem Eindruck bis zur Unsicherheit uiid daiin zur Furcht ist nur ein Schritt. iDiäsTruPpen sind nicht Tage lang bei Maggerssontara^ Colcnso, Paardebcrg. oft mehr als 800 Meter vom gerade entfernt. durch ihre Verluste unbeweglich gemacht worden, sondern durch die moralische Depression, die m der Zone, in der das Gewehrfeuer wirksam wird, hervorgerufen wird. Eine andere Thatsache, die jetzt den Nahtampf be- herrscht, ist noch wichtiger, die Unmöglichkeit für den Befehlshaber, seinen Einfluß auf die Limen, die ernsthaft im Feuer sind, geltend zu machen. Die Thatigkest der Offiziere, die mit diesen Linien marschiren, ist gleichfalls beschränkt. Sie können kaum auf die drei oder vier Mann zu ihren Seiten einwirkeii. Der Kamps uegt m den Händen jedes Kämpfers und zu keiner Zeit hat der individuelle Werth des Soldateii mehr Bedeutung gehabt. Wie gut auch iminer das Wissen des Oberbefehlshabers, das Geheimniß seiner strategischen .Kombinationen, die Präcision seiner Zusammenziehüngen der Kräfte, die numerische Ueberlegenheit, die er sich zu verschaffen gewußt hat, fein mögen, der Sieg Ivird ihm nicht zufallen, wenn der Soldat nicht selbst handelt, ohne daß er es ilöthig hat. überwacht zu werden, und wenn er nicht persönlich von dem Entschlüsse beseelt ist, zu siegen oder zu sterben. Er braucht eine viel größere Summe von Energie als jemals früher. Er hat dabei nicht den leichten Raiisch zur llnterstützung wie es bei den alten Masseangriffen der Fall war. Früher ließ ihn die Angst des Wartens den Gewaltstoß herbeiwnnschen. der gefährlich. aber bald vorüber war. Jetzt müssen lange Stunden hindurch alle seine niorälischen und physischen Kräfte rat Spiele sein, und bei einer solchen Prüfung wird ihm nur die Festigkeit seines Herzens helfen. Tie heutigen Waffen bringen deii Tirailleurkampf in einer neuen . ö« zu seinem Höhepunkt, wobei jeder soldat individuell rat vollen Besitz seines.freien Willens nnd seiner Unab- hängigkeit handeln muß, um auf den Feind zu treffen und ihn zu vernichten .... Eine raffinirte Cwtlsiatton, die mit einer skeptischen Stimmung verbunden ist. die die Waffen zu verachten geneigt ist, um sich den militärischen Pflichten zu entziehen, macht einen beträchtlichen Theil der gebildeten Klassen für diese Aufgaben nicht mehr be- sonders geeignet. China ist durch diese Neigungen zu Fall gekommen. So hat es trotz seiner ungeheuren Armeen und der besten Waffen einer Handvoll Europäer nicht widerstehe können. Ist etwa der Chinese so feige! Keineswegs. Er fürchtet ben passiven Tod nicht und weiß ihm ins Antlitz zu schauen, ohne ;u seufzen. Aber er ist unfähig, ihvi zu trotzen, wenn es vorher marichrren heißt, ohne daß die Beine schwach worden iind der Blick sich verwirrt. Es ist nicht selten, daß Soldaten sich tödten, um nicht in den Kampf zu inüssen. Tie Furcht ist eine Krankheit, wie die andent, sie hat ihre Prophylaxe, die ra
Ur. 113.
Roman von Lothar Brenkcndorf.
(15. Fortsetzung.)
War es denn überhaupt der Mühe werth. in die Gemeinschaft der Menschen zurückzukehren, die ihn so leichten Herzens als' einen Verworfenen von sich abge- than? Lohnte es wirklich, noch einmal Freud' und Leid mit jenem undankbaren, fühllosen Haufen zu theilen, aus dem sich auch nicht ein Einziger erhoben hatte um zu rufen: Haltet ein! Verdammt ihn nicht! Denn er ist der Verbrecher nicht, für den er sich ausgiebt. Er kann es nicht sein, ob er sich auch hundert Mal selbst bezichtigen mag. Wir — wir bürgen für ihn. Wir kennen ihn besser, denn er war unser Freund! Er hat unzählige Male Lebert und Gesundheit eingesetzt im Dienste der Menschheit. Er hat freudig seine geringe Habe mit den Darbenden getheilt. Er ist Deneii, die er lieb hatte, mehr denn ein Bruder gewesen, und Denen, die er haßte, ein offener, ehrlicher, gerechter Feind. Nie haben wir eraen Makel an ihm gefunden. Darum vcrdamnst ihn nicht, denn er kann nimmermehr ein gemeiner Verbrecher sera!
Keiner war aufgestanden, also zu rilfcn. Die Guten mrd Wohlwollenden, sie hatten wohl nach Entschuldigungen und Milderungsgründen gesucht; aber Niemand hatte an ihn geglaubt. Nein, es lohnte wahrhaftig nicht, ein rührendes Schauspiel aufzusühren, nur um vor diesem Haufen groß und gereinigt dazustehen — vor diesem Haufen, der heute auf bloßen Schein hm Hosianna! und morgen aus keinem besseren Grunde sera „Steinigt ihn!"^rief. ^ , r
Hatte er die zwei Jahre Zuchthaus, zu denen man ihn -erurtheilt hatte. Überstunden, so würde sich wohl irgend- wo ein Winkel finden, in dem er das beschauliche Dasein fortsetzen konnte, an das man ihn hier gewöhnt hatte. Mochten ihn die Menschen dann immerhin verachten und seine Nähe meiden. Es war umso besser, wenn sie es thaten. Denn er würde fürwahr auch seinerseits kein allzu großes Verlängert nach ihrer Gesellschaft empfinden.
Und seltsam, von dem Tage an. da seine Gedanken bis auf diesen Punkt augelangt waren, verlor der entsetzliche Aufenthalt im Kerker für ihn einen großen Thetl seiner Schrecken. Seine müde, gebrochene Haltung wurde wieder straff und gerade; sein stumpf verlöschender Blick gcwamt wieder Glanz und Leben. Das Bewußtsein, sich über sein Schicksal gestellt zu haben, gab ihm den alten Stolz und die alte Kraft zurück.
Es kostete ihm keine Ueberwindiing mehr, sich den schimpflicheii Bestimmungen des Gcfängniß-Reglemcnts zu fügen, das ihn auf dieselbe Stufe stellte mit Ein- brechern und Mördern. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, konnte er all die zahllosen, stündlich erneuten Demüthigungen des Kerkerlebens über sich ergehen lasseii. Und je schwerer die ungewohnten Entbehrungen auf seinem Körper lasteten, zu desto freiereit und stolzeren Höhen schwang sich sein ungebeugter Geist entpor.
So hatte es in seiner Seele ausgesehen, als er heute von einem Gefängnißwärter in das Amtszimmer des Direktors geführt worden war. Er hatte sich gefestigt und gepanzert geglaubt gegen jede Versuchung, und nun hatte er plötzlich die Erfahrung machen müssen, daß er doch noch immer nur ein schwacher Mensch sei. mit menschlichem Hoffen und Sehnen und Verlangen. Durch das Fenster neben Holthoffs Schreibtisch schweifte sein Blick hinaus in die freie, weite, herrliche Gotteswelt urtd sein Herz erbebte in der Vorstellung, daß sie auch wieder seine Welt sein würde, wenn er jetzt das Wort sprach, das den bethörten, kurzsichtigen Menschen die Wahrheit offenbarte über seine verineintliche Schuld.
Und Anderes ging ihm mit süßer, fast unwiderstehlicher Lockung durch den Sinn. Er dachte daran, daß derselbe Mann, der jetzt mit dem strengsten Ernst des Kerkermeisters zu ihm sprach, der Vater eines holden, geliebten Wesens war, dessen Besitz einst den Gegenstand seiner heißesten Wünsche ausgemacht hatte. Waren diese Wünsche denn in der That so ganz unerfüllbar geworden? Konnte der Weg. der ihn in die Freiheit führte, nicht auch ein Weg werden zu jenem Glück das seit undenklichen Zeiten den Sterblichen als die höchste und ersehnens-
,ertbeste aller irdischen Seligkeit gegolten? In all seiner estrickenden Anmuth und Liebenswürdigkeit ftarrd Else wlthoffs Bild ihm greifbar deutlich vor Augen, und ur einen Moment war es ihm. als müsse er um thret- stllen laut Hinausrufen: „Ja. ich habe etwas zu sagen, ich verlange, daß Ihr mich noch einmal vor den Richter lellt. ' Denn ich habe ja gelogen. Nicht rch trat _ der rchuldige gewesen, sondern Jener war es, der gestern eine Augen zum ewigen Schlummer geschlossen. Bis leute habe ich für ihn gelitten — nun aber ist es genug, ich will meine Freiheit wieder haben und mein Anrecht mf Glück."
Doch nur für einen Augenblick befand er sich m Ge- ahr. der lockenden Versuchung zu unterliegen. Als der Iefängnißdirektor ihm nach längerem Schwetgen sern Besicht ivieder zukehrte, mit fragendem Blrck und eraer steinen Falte der Ungeduld zwischen den Brauen, da war )er verführerische Spuk wieder in nichts zerstoben, und :r antwortete mit fester Stimme: „Nein. Herr Direktor, ch habe nichts zu erbitten, ich bin mit meinem Loose voll- kommen zufrieden."
Holthoff vermochte seine Ueberraschung kaum zu ver- bergen. „So? Nun. es soll mich uni Ihretwillen freuen, wenn es wahr ist. Da Sie sich übrigens bis heute gut ge- führt haben, kann Ihnen, wenn Sie es wünschen, eine andere Beschäftigung zitgewiesen wcrdeit. Sic dürfen von morgen an als Schreiber in der Kanzlei arbeiten. Das ist estre besondere Vergünstigung, die selbstverständlich nur ,j lange gewährt wird, als Sie sich in jeder Be- ziehung würdig erweisen."
„Ich danke gehorsamst, Herr Direktor, aber —"
„Nun, was für ein Aber kann es da noch für Sie geben?"
„Ter Herr Direktor sagten soeben, daß die Veränderung auf meinen Wunsch eintreten solle."
„Freilich! Und ich denke. Sie hätten alle Ursache, einen solchen Wunsch zu hegen."
„Mit Ihrer Erlaubniß — nein. Herr Direktor! Ich möchte vielmehr bitten, cs bei dem jetzigen Zustand bewenden zu lassen."
