Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, f
Nr. 162. Donnerstag, 18. Juli. ldis.
14 . Fortsetzung.) 5?QU ftÖQS tIÖd)4Ct. «Nachdruck verboten.,
Roman von Emma Hanshvfer-Merk.
„Mama, wir haben uns verlobt I Papa hat einge» tvillrgt i" sagten Walter und Felicitas am nächsten Tage und standen lachend. Arm in Arm, vor Frau Ada.
Ihr konnte die Nachricht nicht ganz überraschend fotnmett, aber die schöne Gelegenheit zu einer kleinen dramatischen Szene ließ sie sich nicht entgehen.
„Kinder!" rief sie und schloß wie bewußtlos die Augen. Der Oberleutnant rief erschrocken um kölnisches Wasser, Olly und Bruno stürzten herbei. Wer zunr Glück ward ihr die Ohnmacht bald langweilig. Sie erholte sich wieder, umarmte die Tochter, küßte Walter und beschwor ihn feierlich, sie „Ada" zu nennen, nur um Gotteswillen nicht „Schwiegermutter"!
Dann mußte gleich ein kleines Fest in Szene gesetzt werden.
„Blumen! Blumen!" rief sie. „Man soll den Garten plündern! Du kleidest dich in Weiß, Fe! Ich will auch ein lichteres Gewand haben!"
Wenn Walter auch schüchtern einzuwenden suchte, &>r. Robertus wolle die Verlobung erst in der Stadt Feiern, ihre Stimme klang doch wie ein Alanmruf durch bas Haus. Bruno mußte zum Fischer radeln, Dörnberg wurde um Tannenzweige fortgeschickt. Die Jungfer sprang treppauf, treppab. Die Köchin glühte. Aber schließlich kam doch ein Festdiner zustande, bei dem Ada eine anmutige Rode hielt und ein paar Tvänlein zer- brückte. Es waren nur schöne Theatertränen! —
Dr. Dornbergs Augen glühten voll Sehnsucht und Erregung und Neid, wenn sein Blick auf die beiden Glücklichen, die Verlobten, fiel. Mit heißem Flehen umwarben seine Augen die Schwester. Wer Olly schaute in übermütiger Laune über ihn hinweg. Sie fand es zu komisch, wie das Brautpaar, das so gerne allein gewesen -wäre, immer wieder von den stürmischen Vorbereitungen ihm zu Ehren aufgejagt wurde.
Den ganzen Tag war den beiden kaum ein Augenblick zu einem heimlichen, zärtlichen Kuß, nicht eine friedliche Viertelstunde vergönnt, um sich ausznsprechen, sich, nach dem Zweifeln und Bangen der letzten Zeit, dem seligen Bewußtsein der Klarheit, der Sicherheit hinzugeben.
Mama Wa fing gleich zu packen an. Sie machte Plane für das Verlobungsfest und wollte sofort die Listen schreiben für die Anzeigen. Und ihre Unruhe brachte das ganze Haus in Aufruhr.
„Schatz!" hatte Walter seiner Braut beim Abschied zugeflüstert. „Wirst du dich nicht langweilen in ruhigem Glück?"
„Ich sehne mich doch so danach!" beteuerte sie zärtlich.
Sie war so bezaubernd hübsch mit ihren blitzenden Augen und dem lächelnden roten Mund.
Hingerissen, berauscht blickte er sie an und glaubte an die Zukunft, glaubte an ihre Liebe, an den Ernst in ihrer Seele.
Ein grauer Nebeltag, ein kalter Wind erleichterten der Familie den Aufbruch von der Villa. Nur Dr. Dörnberg war in trauriger Abschiedsstimmung. Er hatte Olly geholfen, die letzten Blumen im Garten abzuschneiden und stand neben ihr in der Laube, in der sie die Sträuße zusammenband, die sie in die Stadt mit- nehmen wollte. Sie hatte sich ein rotes Tuch umgehängt und sah aus wie eine Spanierin. Immer wußte sie sich mit einem besonderen malerischen Reiz zu tlei- den. Auch die eigenartige Frisur, die sie trug, eine Art Schnecke von dichten Zöpfen über den Ohren, stand ihr vortrefflich.
„Haben Sie gehört, daß Ihr Vater mir eine Assistcntenstelle verschafft hat, gnädiges Fräulein?" fragte er mit leidenschaftlichem Blick.
„So, das freut mich! Das ist nett von Papa", sagte sie gleichmütig.
„Wer ich muß fort — fort nach Hamburg!"
„Hamburg ist doch wunderhübsch. Ich beneide Sie darum!" bemerkte sie mit einer Ruhe, mit einer Gleich.- gültigkeit, die ihn rasend machte.
„Was liegt mir an der Stadt, in der ich wohne? Und wäre es ein Paradies — ich müßte mich doch verzehren vor Sehnsucht!"
Sie ordnete behaglich ihre Blumen, wenigstens gab sie sich den Anschein, als verstünde sie nicht, -was er sogen wollte und als habe seine Sehnsucht sie nicht zu kümmern.
„Fräulein, Fräulein Olly! Seien Sie nicht grau- sam! Nur ein Wort', nur ein einziges barmherziges Wort. Sie wissen ja, daß ich den Verstand um Sie verloren habe, daß ich nichts mehr denke, nichts mehr sehe als Sie, immer nur Sie! Ich will ja Geduld haben! Ich muß Geduld haben, denn ich bin nichts; bin nur ein armer Teufel, der sich erst seinen Platz in der Welt erkämpfen muß. Wer ich begehre ja auch nichts als ein Versprechen, daß Sie auf mich toartert werden!"
Sie hob die kühlen Augen empor und sah ihn an.
„Warten! Wie so? Wie meinen Sie das?" frug sie spöttisch.
„Olly!" sichte er mit erstickter, zitternder Stimme. „Einmal muß der Tag kommen — und ich weiß, daß ich dieses heißersehnte Ziel bald erreiche, — der Tag, an dem ich mit mehr Recht als heute die einzige Frage, an Sie richten kann, die für mich alle Seligkeit der Welt in sich schließt: Ob Sie meine Frau werden wollen!"
Sie lachte. „Ich! Ich soll Sie heiraten? Eine; komische Idee!"
Er zuckte zusamnien wie unter einem Schlag, un§ dann näher zu ihr hintretend, zischte er ihr heiser, totenbleich, in das Gesicht:
„Haben Sie es nicht gesehen, seit Wochen, daß ich' Sie begehre, mit allen Fibern beehre, haben Sie mcht mit Ihren übermütigen Augen diese wahnsinnige Eit geschürt, und mm, nun lachen Siel Nun finden Sie
