Einzelbild herunterladen
 

Wiesbadener T

so. Jahrgang.

Erscheint in zwei Anöaaden. - Bezngs-PreiS: durch den Verlag ,«» Pffl. monatlich, durch die Post » Mk. L» Pfg. vierter,ahrlich für beide Ausgaben zusammeil.

Verlag: Langgasse 27.

Abonnenten.

Anzcigen-Preis r Die einspaltige Petit,eile siir locale Anzeigen 1b Psg.. sür auswärtige Anzeige» 25 Pstz. — Reclamen die Petit,eile sür Wiesbaden 50 sür Auswärts 1 Mk.

Reise - Aboimemenlr

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

können täglich begonnen werden und kosten wöchentlich bei freier Zustellung in's 6aus

nach Orten iu MuMmd uttü Gettireilii-Unglllll 60 W.

.. im AÜstalid.90 ..

Bestellungen beliebe man genaue lvobnungsadreffe beizufiigen.

Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.

Die..Entschuldung".

Als die preltßische Regierung im Jahre 1894 dem Landtage die Vorlage über die Landwirthschaftskammern -»stellte, da sprach sie in der Begründung zu jener Vor­lage einen Gedanken aus. für dessen Verwirklichung der preußische Landwirthschaftsmintster Herr v. Podbrelskr anscheinend die Zeit jetzt als gekommen erachtet, aber auch wohl nur anscheinend! Die Regierung führte damals in der Begründung zu dem Gesetzentwurf Folgendes aus: Eine besondere Erschwerung für das Gedeihen der Landwirtschaft liege in der Form der kündbaren Hypo- theken, da doch der Grundbesitz seiner Natur nach nur aus sich selbst Renten liefern könne und deshalb nur mrt so chen, und zwar unkündbaren und sich amortiftrenden belastet werden sollte. Die Staatsregierung habe die Verpflichtung, Maßregeln der Gesetzgebung und Der- waltung gegen diese Uebelstände vorzubereiten und durch zusühren, wobei zugleich einer übermäßigen Verschuldung entgegenzutreten sein würde; dazu sollten die Land­wirthschaftskammern helfen . . ..

Ein Vergleich dieses Programms vom Fahre 1894 mit der Denkschrift, die im preußischen Landwirthschafts- Ministerium im Verein mit der Kreditkommission der Landwirthschaftskammern ausgearbeitet und soeben an die Oberpräsidenten zur Begutachtung versandt worden ist, läßt erkennen, daß es sich bei den Podbielskr'schen An- regungen lediglich um eine Weiterausspmnung des 1894er Programms handelt. Aber wir sagten schon vorhin, daß Herr v. Podbielski nur anscheinend dre Zeit für die Ausführung dieses Programms als gekommen erachte. Wenn man die Denkschrift genauer studrrt, dann erkennt man nämlich, daß dieser Schein trugt An jede Anregung und an jeden Vorschlag der Denkschrift

sind so viel Wenn und Aber geknüpft, daß die Denk)chrift m Grunde genommen fast mehr den Eindruck einer Be­weisführung inacht, daß sich die ländliche Verschuldnng-'- ftage nicht befriedigend lösen lasse, als den Eindruck einer Darlegung, daA dies vielleicht doch möglich lei.

Der Kernpunkt der in der ihrer Form nach ganz un­verbindlichen Denkschrift enthaltenen Anregungen ist die Ablösung der hinter den landwirthschastlichen Be- leihungsgrenze eingetragenen Hypotheken, der Nach­hypotheken und ihre mit Hülse der Landschaften nutz der öffentlichen Kreditinstitute vorzunehmende Umwandlung in Amortisationshypotheken. Was diesen Kernpunkt der Anregungen betrifft, so kann zugegeben werden, daß aus diesem Wege für manche Grundbesitzer, die noch nicht übermäßig verschuldet sind, eine Sanirung zu erreichen wäre Aber die Möglichkeit, solche Amortrsaftons- Hypotheken aufzunehmen, ist für den, der dre damit vkw- bundenen höheren Zinszahlungen auf sich nehmm will, schon heute gegeben. Da liegt aber der Hase im Pfeffer, daß die Amortisation zu den Maßregeln gehört, die zwar „theoretisch richtig", aber nur zu oft „praktlich nicht durchführbar" sind. Die schlesische Landschaft beisPiÄ»- weise amortisirt seit anderthalb Jahrhunderten, ihre Be- leihungen haben fidj aber thatsächlich um das Vielfache vergrößert. Die Neigung der Besitzer, mäßige Schulden zu amortisiren, wenn sie dadurch noch allerlei er- schwerende Bedingungen aus sich nehmm sollen, durfte schwerlich groß sein; bei einer übermäßigen Verschuldung aber erweist sich eine Amortisation als praktisch undurch­führbar.

Diejenigen Schulden, welche am meisten drucken, sind aber gerade die übermäßigen, und diesen gegenüber ver­fangen eben alle in der Denkschrift angeregten Vorschläge nicht, wie dies ja auch in der Denkschrift m mehr oder ininder deutlichen Worten zugegeben wird. Daß die Fest­stellung einer obligatorischen Verschuldungsgrenze Nicht in Frage kommen kann, da sie sür die meisten Landwrrthe eine Abschneidung des Kredits bedeuten würde, erkennt die Denkschrift rückhaltslos an. Die Erhöhung der Be­leihungsgrenze von zwei Drittel auf fünf Sechstel wird in der Denkschrift ebenfalls mit „nicht von der Hand zu weisenden Bedenken" begleitet. Was sonst in der Denk- schrift vorgeschlagen wird, wird durch die nachfolgenden Wenn und Aber mehr als aufgehoben. Es bleibt somit an erwägungswertheil Gedanken wenig übrig, und wenn nach der vorgesehenen Frist von sechs Monaten die Ant­wort der Oberpräsidenten eingelaufen sem wird, dann dürfte von der ganzen Denkschrift vielleicht garmchts mehr übrig geblieben sein.

In der zu Anfang unseres Artikels erwähnten Be gründung zum Landwirthschaftskammergesetz ist die Schuld an der überhand nehmenden Verschuldung mit Recht vor Allem der Kreditirung von Restkaufgeldern zugeschrieben worden. Der Kern des llebels liegt eben

darin, daß zahlreiche Landwirthe mit zu geringem Kapital ein Gut bewirthschaften, das sie bei Veräußerung eines Theiles der Besitzfläche mit geringeren Schulden und mit mehr Betriebskapital weit besser bewirthschaften tönmeii, oder daß sie von vornherein mit zu geringer! Mitteln einen zu großen Besitz erwerben. Es geht mft dem Kredit wie mit einem Rausch. Was gestern Raujch hieß, heißt heute Katzenjanimer, und, was gestern Kredit hieß, heißt heute Verschuldung. Ein llniversalmittel gegen den Katzenjammer und die Verschuldung wird so wenig gefunden werden wie die Lösung der Quadratur des Cirkels. .

Deutsches Deich.

Zur Kanalfragc.

I,. B c r l i n, 2. Juli.

Die Mittheilung eines schlesischen Mattes, wonach die Kanalvorlage schon in der Wintersesfion des Landtags wieder zu erwarten sei, inuß mit Vorsicht ausgenommen werden. Mali kann nur oft Gesagtes wiederholen: Es ist schwerlich schon ein endgültiger Entschluß gefaßt wor- den, und für den Zeitpunkt der Einbringung dursten vor Allem taktische Momente bestimmend sein. Ob aber die Regierung glaubt, daß bereits der ilächste Winter die ge­eignete Zeit für die Erneuerung der Kanalkämpse sei, darf aus verschiedenen Gründen einstweilen bezweifelt werden. Nur unter einer einzigen Bedingung konnte man sich es eher als sonst wohl vorstellen, daß der Kamps möglichst früh heraufbeschworen werden soll. Kommt Graf Bülow zu der Ueberzeugung, daß er m der Zoll- tariffrage auf keine Verständigung mit dm Konserv^wen rechnen darf, daß er also die Handelsverträge im Wider- spruch mit den Agrariern macheii und sie gegen das Agrarierthum durchzusetzen suchen nmß, so , konnte er allerdings vielleicht meinen, daß es besser sei, von vorn.- herein glatten Tisch auch in Bezug auf die Kanalfrage zu machen. Mit anderen Worten: Sollen die nächsten Reichstagswahlen unter antikonservativer Parole ausge- fochten werden, so könnte die Regierung finden, daß sie für die ungefähr gleichzeitigen Landtagswahlen nnen tragsähigen Boden erhalten würde, wenn sie rhp Der- hältniß zu den Konservativen auch hier von sedem Zweifel befreite. Zu diesem Zweck würde eine noch­malige Verwerfung der Wasftrstraßenvorlage vielleicht nützlicher sein, als wenn die Neuwahlen zum Landtag siattsinden, ohne daß zuvor die Kanalfrage abermals zur Entscheidung gestanden hätte. Mrd der Entwurs setzt schon eingebracht, so ist es äußerst unwahrscheinlich, daß er ein besseres Schicksal als bisher haben wird. Wollte es die Regierung trotzdem zum-dritten Mal in derselben Legislaturperiode versuchen, so müßte sie die erneute Verwerfung der Kanalpläne vorweg in ihre Rechnung einstellen, und dies könnte zu einem bestimmten taktischen

Nr. UZ.

Roman von Lothar Brenkendorf.

(11. Fortsetzung.)

„In einigen Wochen! Ach, Kind, ich fürchte, so lange läßt mich der Knochenmann nicht mehr auf ihn warten."

„Du bist heute in schlechter Laune, Vater! Soll ich Dir etwas vorlesen, etwas Heiteres, das Dich auf andere Gedanken bringt?" .

Er machte eine Geberde der Verneinung. „Auch das Zuhören ist jetzt schon zu anstrengend für mich. Mein Kopf ist so wirr. Ich bin nicht mehr im Stande zu folgen. Es geht mir immer gleich Alles durcheinander. Ach Käthe, was für eine jammervolle, armselige Kreatur die Krankheit doch aus einem Menschen machen kann. Ich wollte wahrhaftig, es wäre erst vorbei. Aber ich möchte doch nicht sterben, ohne ihn zuvor noch emmat gesehen zu haben. Ich habe ja so Wichüges mit ihm zu

sprechen." t _ .

Wenn Du Walter meinst — und wenn es zu Deiner Beruhigung dienen kann, soll ich ihm dann vielleicht nach Deinen Angaben schreiben, was Du ihm so Wichtiges mit»

Mtheilen hast?" , .. .

„Nein, nein, mein Kind, das ist unmöglich. Es sind Dinge, die sich nur von Angesicht zu Angesicht unter vier Augen abmachen lassen. Wer wo ist denn meine ^rau !

Die Mutter wollte ein wenig ruhen, um nachher die Pflegerin abzulösen. Soll ich sie rufen?"

Nicht doch! Niemand soll sie stören. Es war mir, als 'hätte ich Deine Mutter schon lange nicht mehr ge­sehen — als käme sie überhaupt selten zu mir — fast zu

selten, Käthe!" . , _ « r .

Du thust ihr Unrecht mit solchen Gedanken, liebster Pater' Sieh, es liegt jetzt so viel auf ihren Schultern."

,Ja, ja", erwiderte er. „Ich bin wohl ein recht un- geduldiger Kranker und ich quäle Euch gewiß mit meinen Launen Es ist ein Wunder, daß Du es noch immer bei mir aushalten magst. Aber es wird ja nun nicht lange mehr dcurern."

Käthe kniete neben seinem Sessel nieder, und da sie die Thränen nicht länger zurückzuhalten vermochte, barg sie ihr Gesicht in den Falten der seidenen Decke, die ihn

„Warum thust Du mir w weh? Ich weiß nichts von Launen, die mich gequält haben sollten, und ich brn nur unglücklich, wenn ich sehe, daß Du Dich ohne Noth diesen schwarzen Vorstellungen hingiebst."

• Er legte seine kraftlose, abgezehrte Hand_ auf ihren Kopf und streichelte sanft den glänzenden Scheitel. -

„Gott segne Dich sür Deine Liebe, mein theures Kind' Was sollte ich denn auch ansangen ohne Dich! Vergieb', wenn ich Dich gekränkt habe, und sage, daß Du mich nicht verlassen wirst, bis — nun, bis ich von Euch qghc."

,',Jch werde bei Dir bleiben, lieber Vater, bis Du meiner nicht mehr bedarfst."

Leise öffnete sich in diesem Augenblicke die Thür und Frau Charlotte Gernsdorfs sagte mit gedämpfter Stimme: „Komme aus einen Moment heraus, Käthe, da ist Jemand, der Dich zu sprechen wünscht."

Die junge Frau errieth sofort, wer dieser Jemand sei, und erhob sich rasch. „Ich komme gleich wieder zuruck, Väterchen — und die Mutter wird unterdessen bei Dir

bleiben." .

Sie trat in das Nebenzimmer hinaus und schickte sich an, auf ihren Gatten zuzueilen, der im Ucberrock, den Hut in der Hand, mitten in dem Gemache stand. Wer der Regierungsassessor von Lingen erhob abwehrend die Rechte und sagt mit eisiger Kälte: „Keine Scene, wenn ich bitten darf! Ich habe meinen Widerwillen gegeii das Betreten dieses HauseS wahrlich nicht überwunden, nur um von Dir mit Zärtlichkeiten begnadet zu werden. Du weißt, weshalb ich komme."

Käthe war leichenblaß geworden. Ihre Arme sanken schlaff herab und mit gesenktem Kopf blieb sie stehen.

Nein", erwiderte sie leise, „wenn es nicht geschah, um mir eine Freude zu machen, Dich zu sehen, so weiß ich es nicht Meinen Brief hast Du doch gewiß erhalten?"

Ja, ich habe ihn erhalten, und darum bin ich hier. Du wirst hoffentlich nicht im Ernst erwartet haben, daß ich mir diese unwürdige Behandlung länger gefallen lassen werde."

Er hatte seine Stimme zu gebieterischem, fast drohen- dem Klange erhoben, und angstvoll flehend ftcl Käthe ihm in die Rede: .

„Laß uns in ein anderes Zimmer gehen — ich bitte Dich! Wenn Du so laut sprichst, muß Dich ja der Vater

hören!" . r t r ,

„Nun, und was weiter? Mag er mich doch Horen! Ich denke, der überzarten Rücksichtnahme war es nach­gerade mehr als genug. Habe ich mich etwa verheirathet, um meine Frau im ersten Jahr unserer Ehe als Kranken- Pflegerin an andere Leute abzutreten? Sieh doch ge- fälligst einmal in den Spiegel! Und dann gieb Dir selbst Antwort auf die Frage, ob ich mich über die Der- änderung freuen soll, die diese deplacirten Samariter- dienste schon jetzt in Deinem Aeußeren hervorgebracht

haben." _ r ,

Demüthig wie ein gescholtenes Kind erhob die arme junge Frau die gefalteten Hände. „Sei nicht so hart gegen mich, Herbert! Habe ich denn nicht schon grausam genug zu leiden? Du kannst doch unmöglich eifersüchtig sein auf meinen unglücklichen todtkranken Vater!"

Die Lippen des Regierungsassessors verzog«! sich zu einem höhnischen Lächeln. „Nein, meine Liebe. Von Eifersucht weiß ich mich allerdings vollkommen frei. Aber ich habe keine Lust, in noch höheren! Maße zu einem Gegenstand allgemeiner Geringschätzung und belerdigen- den Mitleids zu werden, als ich es bisher schon durch Deine chrenwerthe Familie geworden bin." föcrbctt

''jftun? Was beliebt? Habe ich Dich vielleicht schon wieder in Deinen heiligen Empfindungen verletzt, wie durch den Brief, in welchem ich Dich aufforderte, unver- züglich zu mir zurückzukehren? Es sollte mir leid thun, doch Du mußt Dich eben damit abfindeu, daß ich auf solche überspannten Sentimeutalitäten nicht länger Rück- sicht nehmen kann."