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so. Jahrgang. _

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§(*, 300. Redaktions-Fernsprecher N». 52.

Abendausgabe.

Der Panama-Kanal.

Die Todten stehen aus den Gräbern aus. Der Panama-Kanal, zu deni die Vorarbeiten am 1. Februar 1881 begonnen hatten, um ini März 1899, nachdem das Kanalunternehmen oder richtiger gesagt der Kanal­schwindel 1172 Millionen Francs verschlungen hatte, wieder eingestellt zu werden, soll doch noch zur That wer­den. Ter amerikanische Kongreß hat die Bill ange­nommen, welche 130 Millionen Dollars für den Bau des Panama-Kanals und 40 Millionen für den Ankauf der Bestände und Rechte der Panama-Kanal-Gesellschaft be- lvilligt, und an diesein Sonntag hat Präsident Roosevelt die Bill unterzeichnet und ihr damit Gesetzeskraft ver­liehen.

Mit schmerzlichen Empfindungen wird diese Nachricht

I m Frankreich begrüßt werden. Nicht nur, weil sie das Land an den ungeheureil Panama-Schwindel gemahnen wird, der Frankreich und leider auch einen großen Theil i der französischen Politiker auf dem Gipfel der Korruption zeigte und zahllose Vermögen und Existenzen vernichtete, sondern auch, Iveil Frankreich hierdurch an einen bedeut- ' samen politisch-wirthschaftlichen Mißerfolg erinnert wird. Als im Jahre 1889 die französische Regierung Steigung zeigte, das bankerotte Unternehmen als staatliches fort- zusetzen, hat die Union unter Berufung ans die Monroe- Doktrin dagegen in sehr entschiedener Form Einspruch er- hoben. Jetzt'will die amerikanische Regierung selbst aus- führen, was den Franzosen mißglückt ist.

Nachdem cs ein Jahrzehnt lang ziemlich still von dem verkrachten Panama-Unternehmen geworden war und, was an den: Kanal bereits gearbeitet worden war, all- mählich verfiel, die Kanalrinne zugeschwemmt wurde, die ungeheuer kostspieligen Maschinen verrosteten, begann vor einigen Jahren der Wettkampf um die beiden mit­einander konkurrirenden Kanallinien, den Nicaragua- Kanal und den Panama-Kanal. Im Jahre 1899 wurde in Jersey eine neuePanama-Gesellschaft mit 30 Millionen u Dollars begründet, welche die Rechte der alten Gesell- \ schaft übernahm. Aber bis vor Kurzem standen die \ Chancen der Nicaragua-Kanal-Jnteressenten erheblich \ günstiger, so günstig, daß die Panama-Gesellschaft die j Hoffnung auf die Durchführung ihres Planes aufgab I und der amerikanischen Regierung ihre Aktiva und Rechte 1 für die Summe von 40 Millionen Dollars zum Kauf an- r bot. Diesen Kaufvertrag hat die amerikanische Regie­rung setzt acceptirt, und sie will nunmehr das Kanal- i unternehmen auf eigene Faust ausführen.

Der entscheidende Grund. welcher zum Schluß für die Wahl der Panama-Linie den Ausschlag gegeben hat, ist der vulkanische Charakter des Bodens in Nicaragua, der ja gerade iit jüngster Zeit verschiedentlich so furchtbar in die Erscheinung getreten ist. Die wiederholten Erdbeben

Dienstag» den 1. Inli.

und vulkanischen Ausbrüche in Nicaragua mußten in der That die Ausführung der Nicaragua-Linie als höchst be­denklich erscheinen lassen, denn es giebt für einen Schleusenkanal nichts Gefährlicheres. Eine kleine Ver­schiebung des Bodens kann den Betrieb der Schleuse ver­nichten, die Schleusenthore sestlegen und die in dem Kanal befindlichen Schiffe in schwere Gefahr bringen. Daß bei der Bevorzugung der Panama-Linie noch andere Gründe, vor Allem die sehr gewichtigen. Gründe des „rollenden" Dollars mitsprachen, soll nicht bestritten werden.

Gefahren wie die vorhin erwähnten kommen bei der Panama-Linie nicht in Betracht, doch sind hier andere schwere Bedenken vorhanden, so vor Allem die Sorge vor dem Wassermangel im Kanal, und die Ileberwindung einer Höhe von 37 Metern Wer dem Meeresspiegel. Die Kosten für die Ausführung der 73 Kilometer langen Linie werden, wie erwähnt, außer den 40 Millionen Tellars für den Ankauf der Panama-Gesellschaft auf 130 Millionen Dollars geschätzt, während die Nicaragua- Linie auf 190 Millionen Dollars taxirt worden war. Es ist aber schon jetzt ganz außer Zweifel, daß die Kosten der Panama-Linie den Voranschlag ganz beträchtlich übersteigen werden, wie das freilich bei solchen Unter­nehmungen ja meist der Fall ist. Gegen die Panama- Linie war endlich auch noch ein politisches Moment geltend gemacht worden, nämlich die ständigen Wirren in der Republik Columbia, durch die die Panama-Linie geht. Aber die Vereinigten Staaten von Amerika fühlen sich stark genug, die Landenge von Panama jeder Zeit zu schützen. Ja, bei den panamerikanischen Politikern dürfte sogar die Erwägung, auf diese Weise gelegentlich einen Vorwand zur Einmischung in die columbischen Verhält- nisse zu erhalten, mitgesprochen haben.

Das Unternehmen des Panama-Kanals ist ein Riesenunternehmen, welches der: Amerikanern noch ein- mal große wirthschaftliche Vortheile.bringen dürfte, wenn es auch eine zweite Frage ist, ob diese Vortheile im Ver- hältniß zu den Kosten des Kanals stehen werden, denn die Schwierigkeiten und thatsächlichen Kosten des Unter­nehmens lassen sich heute auch noch nicht annähernd be- urtheilen. Auf der Hand liegt die weltwirthschaftliche Bedeutung der Verbindung zwischen dem Atlantischen und dem'Stillen Ocean; ihre Bedeutung auch für den Handel Europas wird am besten dadurch gekennzeichnet, daß die Route Liverpool-San Francisco dadurch um 9527 Kilometer abgekürzt werden wird.

Deutsches Deich.

* Berlin, 1. Juli. Es ist nun endgültig festgesetzt, daß der „Deutsche K o l o n i a l - K o n g r e ß 1902" am 10. und 11. Oktober im Reichstagsgebäude in Berlin stattfindet. Zahlreiche bedeutende Gelehrte und VolkSwirthschaftslehrer und im praktischen Leben stehende Herren, wie Vorsteher von industriellen Unternehmungen und Schiffahrts-Gesellschaften, haben bereits Vorträge angemeldet. Mit dem Kongreß wird

VerlagS-Fernsprechcr No. 2266. 1902*

eine Ausstellung verbunden sein, und zwar eine kartographische und wirthschaftliche Ausstellung.

Wie mehrere Blätter melden, ist die Mittheilung, betreffeno die Errichtung einer päpstlichen Nuntiatur in Berlin, unbegründet.' Es sei an eine solche nicht ge­dacht und auch nicht darüber verhandelt worden.

Zu dem in englischer Sprache geführten neuesten Depeschen­wechsel zwischen Kaiser Wilhelm und König Eduard bemerken die „Berl. Neuest. Nachr.": Es muß energisch die Hoff­nung ausgesprochen werden, daß die Ausschließung der deutschen Sprache beim Wechsel von Kundgebungen zwischen dem deut­schen Kaiser und ausländischen Staatshäuptern nicht Hebung wird, wie dies allmählich zu ganz entschiedenem Mißvergnügen keineswegs nörgelsüchtiger Patrioten einzureißen scheint.

Die Rede des Generalobersten v. Los, in welcher dieser (wie mitgetheilt) vorgestern in Bonn über seinen Empfang beim Papste und über dessen Auffastung der staatlichen und kirchlichen Verhältnisse in Preußen sich ausgesprochen und dabei die Aachener Rede des Kaisers kommentirt und erweitert hat, wird von den meisten Berliner Blättern zunächst^ ohne bemerkenswerthe kritische Betrachtungen abgedruckt. L>oweit solche in kurzen Bemerkungen hervortreten, scheinen sie von der Voraussetzung auszugehen, daß durch diese Aktion dem Centrum der Wind aus den Segeln genommen werden könne.

* Der 9. internationale Schiffahrts-Kongresi wurde gestern, wie schon kurz gemeldet, in Düsseldorf durch den Kronprinzen eröffnet. Gegen 2000 Personen nahmen an dem­selben Theil. Das Ausland, auch Asien, Amerika und Austra­lien sind stark vertreten. Ministerial-Direktor Schultz brachte das Kaiserhoch aus. Er gedachte des Abschluffes der jahrzehnte­langen Berathungen des Hochwasser-Ausschusses und hob die Be­deutung einer einheitlichen Organisation der Wafferbau-Verwal- tung, sowie einer einheitlichen Cotification des Wasserrechts hervor. Die nächste Ausgabe sei der Ausbau mancher zurück­gebliebener Seehäfen. Hoffentsich werde es gelingen, den Land­tag auch zur Annähme dieser'hochbedeutsarncn Vorlage zu be­stimmen. Hierauf gab der Kronprinz, dem „Lok.-Anz." zufolg-, den Gefühlen hohen Stolzes Ausdruck, der Protektor einer s« ansehnlichen und wichtigen Versammlung sein zu dürfen. Er sei stolz, hervorragende Männer aus aller Welt an der Arbeit zu sehen. Es sei dieser Kongreß nicht nur ein wichtiger Meilen­stein auf dem Wege der Entwickelung der L-chiffahrt, sondern einer jener Berührungspunkte, wo sich alle Nationen d'.e Hand reichen und neidlos 'ihre gegenseitigen Vorzüge anerkennen. Staatssekretär Graf Posadowsky begrüßte sodann den Kongreß im Namen des Reiches und der neue Eisenbahnminister Budde hielt als Vertreter des preußischen Staatsministeriums seine Jungfernrede als Minister. Die verschiedenen Verkehrsmittel, so führte er aus, müssen sich ergänzen, fördern und unterstützen. Keine Konkurrenz bestehe zwischen Landstraße, Eisenbahn und Wasserweg, sondern ein edler nothwendiger Streit im Dienste der Kultur, der sieb friedlich erledigen laste. Praktische Männer müßten einig sein in der Beseitigung von Schwierigkeiten, in der Anerkennung aller Verkehrsmittel. Dies sei ein großes volkswirthschaftliches Ziel. Hierauf folgten Begrüßungsreden des Oberbürgermeisters, sowie von Vertretern der rheinisch-west­fälischen Handelskammern, des Verbandes der Industriellen, sowie Delegirten der ausländischen Regierungen.

steht Zuchthaus — nicht wahr? — ich kenne die Gesetze nicht so genau." ,,

„Wenn keine mildernden Umstände vorliegen — ja.

„Ich dachte es mir wohl. Und es ist auch ganz gleichgültig — so oder so! Aber sage mir doch eins, Sieveking: Womit täuschen Sie meineir Vater, wenn er — wenn er nach mir fragt? Es muß ihn doch längst befremdet haben, daß ich ihn gar nicht besuche."

„Sie sagten ihm, daß Du zum Zwecke Wissenschaft- licher Untersuchungen irgend wo hingeschickt worden seiest. Deine Schwester liest ihm sogar in gewissen Zwischen­räumen fingirte Briefe vor, die von Dir herrühren sollen." .. .

„Gott segne sie dafür! Und dann -— das rst das letzte — ihre Freundin Else Holthosf — ich weiß nicht, ob Du sie kennst —"

„Fräulein Holthoff? Die Tochter des Zuchthaus­direktors in Sonnenwalde? Ich kenne sie Wohl. Die Verwandten, bei denen sie sich hier aufhielt, zählen zu meinen näheren Freunden. Noch am Tage vor ihrer Abreise bin ich ihr begegnet."

„Sie ist also fort? Und warum — warum reiste sie so viel früher, als es ursprünglich in ihrer Absicht gelegen hatte?"

„Es geschah, wie ich hörte, auf den dringenden Wunsch ihrer Eltern. Die Gesundheit der jungen Dame soll in der letzten Zeit etwas erschüttert gewesen sein, und bei unserer letzten Begegnung sah sic in der That sehr an- gegriffen aus — ich hätte sie kaum erkannt. — Aber sollen wir nicht nun endlich in eine Besprechung Deiner Angelegenheit eintreten, Gernsdorfs? Meine Zeit ist leider bemessen."

Der Gefangene erhob abwehrend die Hand.

Nicht heute, Sieveking, nicht heute! Tu erübrigst wohl noch einmal eine Stunde für mich, llnd könnte es nicht sein, so wäre das eben auch kein Unglück."

„Ich soll also wirklich nichts für Dich thun können, Gernsdorfs — nichts — gar nichts?" ,

Kr. 113.

^roman von Lothar Brenkendorf.

(9. Fortsetzung.)

»Nein, für so thöricht halte ich Dich nicht. Ich dachte nur daran, daß Du Dich in Bezug auf das Vorliegen einer Nothwendigkeit vielleicht im Jrrthum. befinden i könntest. Auch damals glaubtest Du sicherlich, nicht anders handeln zu dürfen, und wenn —"

„Aber so laß doch endlich diese alten Geschichten! Wahrhaftig ich hätte besser gethan, einen Vertheidiger zu wählen, den keine freundschaftlichen Empfindungen gehindert hätten, mich von vornherein für einen Schurken zu halten."

„Gut! Lassen wir also diese freundschaftlichen Em­pfindungen bei Seite. Wenn ich aber selbst annehmen will, daß Du in Deinem Brief an Professor Bardow wie bei Deinem Verhör vor dem Untersuchungsrichter nur die lautere Wahrheit gesagt hast, wäre mir doch das Zeugniß Deines Vaters von äußerster Wichtigkeit; leider aber konnte der bisher noch nicht befragt werden. Seine finanzielle Lage ist mir, wie vielen anderen Leuten hier in der Stadt, kein Geheimniß, und daraus schließe ich, daß Du, um ihm aus der Verlegenheit zu helfen, in einem Augenblick geistiger Unzurechnungsfähigkeit den Wechsel gefälscht, wenn Du es überhaupt gethan hast; er allein war es, der von Deiner That einen Vortheil hatte, und —"

Er konnte nicht vollenden, denn der Gefangene hatte ihm beide Hände auf die Schulter gelegt und sagte, ihn unterbrechend, mit nachdrücklicher, fast feierlicher Be­tonung: „Daß wir uns ein für allemal verstehen, Sieve­king! Tn wirst mir hier auf der Stelle Dein Ehrenwort geben, meinen Vater hier aus dem Spiele zu lassen — unbedingt, ohne Einschränkung und Vorbehalt! Ob das Geld für ihn bestimmt war oder für mich — an der That, die ich eingestanden habe, wird dadurch doch nicht

das Mindeste geändert. Und er hat in seinem Leben genug gekämpft und gelitten! Ich will, daß er wenig­stens in Frieden sterbe! Den werde ich fortan für meinen Todfeind ansehen, der ihn daran hindert."

Es war etwas in ferner Stimme, das den Freund bis ins innerste Herz erschütterte.

„Ich ehre Deine kindlichen Empfindungen Gerns­dorfs; aber Du weißt vielleicht nicht, wieviel diese hoch­sinnige Pietät Dich möglicher Weise kosten könnte. Es ist ein gar gewaltiger Unterschied, ob man Dir mildernde Umstände zubilligt oder —"

„Mildernde Umstände? — Ach, was ist mir daran gelegen! Wenn ich doch einmal aus den Listen der ehr­lichen Leute gestrichen und mit dem Brandmal der Schande ausgestoßen werden soll aus der menschlichen Gesellschaft, was können mir dann noch Deine „mildernde Umstände" bedeuten? Nein, je härter das Urtheil fällt, desto besser wird es für mich sein. Keine größere Wohl- that kann mir auf Erden mehr erwiesen werden, als daß man mir vergönnt, den ganzen Rest meines kläglich ver­pfuschten Daseins hinter Kerkermauern zu verbringen. Alles — Alles kann ich ertragen, nun nicht die entsetzliche Vorstellung, als ein entlassener Sträfling wieder zu den Menschen zurückkehren zu müssen.

Eine lange Stille folgte diesem leidenschaftlichen Gefühlsausbr'uch, bis der Gefangene in verändertem Ton, doch nicht weniger eindringlich, denn zuvor, wreder- holte:

„Du wirst also meinen Vater bei dieser sogenannten Vertheidignng aus dem Spiel lassen, Sieveking! Willst Du mir das versprechen?"

„Da Du es so verlangst — ja!"

„Dein Wort darauf?"

„Mein Wort darauf, Gernsdorfs!"

Der unglückliche Arzt athmete auf, als sei eine schwere Last von seiner Brust gcnommeir worden. Er strich sich das dunkle Haar aus seiner Stirn, und dann fragte er mit leiserer Stimme: „Auf Wechselfälschung