Einzelbild herunterladen
 

Wiesbadener Tsgblstt.

s« Jahrgang

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

I8,OOO Abonnenten.

Anzeigen-Preisr Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg.. für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklame» die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg.. sür Auswärts 1 Mk.

Anzrisrn - Annahme !LK«ZSS»SL'L - »« °»

U». 880. ». 52 . Mittwoch, de» 25. Inni.

Verlags-Fernsprecher No. 2266.

1902.

Abend-Ausgabe.

Iüv öcrs 3. GuervtaL 1902

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

IW- Bezugspreis 1 Mk. 50 Pf. vierteljährlich '*** ju abonniren, findet sich Gelegenheit

im Verlag Langgaffe 27, hei den Ansgahrstrlle», den Zmeig-Erpeditioue»

der Nachbarorte,

and zum Bezugspreis von 2 Mk. 50 Pf. vierteljährlich

bei fämmtlichen deutschen Rrichspostanstalte».

Das Desittt im franjöslscheu Budget.

Unser Pariser iv-Korrespondent schreibt uns unterm 23. Juni:

Finanzminister Rouvier hat darum gebeten, den Staatshaushaltsplan erst beim Herbstzusammentritt der Kammern, also im Monat Oktober, einbringen zu dürfen. Er ist nicht zu tadeln, daß er um einen derartigen Auf­schub nachsuchte. Allzuviel Zeit wird er auch dann nicht vor sich haben, wenn er die verworrene Lage der franzö­sischen Finanzen genau studiren und die Praktischesten Mittel zur Abhülfe fiuden will. Sogar in der Erklärung, die das Ministerium bei seinem Anltsantritt abgab, wur­den dieSchwierigkeiten, die seit mehreren Jahren bestehen, zwar nicht in ihrem vollen Umfang zugegeben, aber doch angedeutet.

Betrachten wir die französische Finanzlage einmal etwas näher. Am 1. Juni betrug das seit Beginn des Finanzjahres 1902 bereits aufgelaufene Defizit 122 Millionen Francs, wovon 61 Millionen aus der durch das Finanzgesetz beschlossenen Anleihe herrührten, die das Gleichgewicht des Budgets von 1902 wenigstens auf dem Papier herstellte, und 58 Millionen aus den Minder­einnahmen. welche die indirekten Steuern im Vergleich mit dem Voranschlag in den fünf ersten Monaten dieses Jahres ergeben. Diese Zahlen erlauben ungefähr voraus- zuberechnen, wie hoch der Ausfall am Schluß des Jahres sein wird. Zn diesem Behufe müssen wir natürlich auch auf das Defizit des Vorjahres zurückgreifen. Ohne die sogenannte China-Anleihe zu rechnen, schloß das ordent­liche Budget von 1901 mit einen: Ausfall von 175 Millionen, nämlich 110 Millionen Mindereinnahmen aus den indirekten Steuern und 65 Millionen bewilligte Ergänzungskredite (crödits suppldmentaires, Nach­forderungen). Diese 176 Millionen bilden nur das Deficit des ordentlichen Budgets. Hinzuzurcchnen sind

M » > — . « i .. . .. m , i ,,

Dr. 113.

Roman von Lothar Brenkcndorf.

(4. Fortsetzung.)

Zweimal hatte Walter vergeblich versucht, die unge­stüm hervorgesprudelte Rede des Regierungsrathes zu unterbrechen; erst als dem Sprechenden plötzlich der Athen: _ versagte — anscheinend infolge eines heftigen körperlichen Schmerzes, da er aufstöhnend mit beiden Händen nach der Gegend des Herzens fuhr — war es seinem Sohne möglich, ihm zu antworte::.

„Laß es genug sein mit diesen Uebcrredungsversuchen, Vater! Sie vermehren nutzlos Deine Qual wie die meinige. Morgen, wem: diese erste Erregung vorüber ist, wirst Du selbst einsehen, daß Du Unmögliches von mir verlangtest."

„Morgen? Es gicbt kein Morgei: mehr für mich, wenn ich so von Dir gehen muß. Den Verdacht wenigstens, daß ich Dir hier eineComödie vorgespielt hätte, wirst Du mir in Deinem Herzen abzubitten haben."

Doktor Gernsdorfs schwieg.

., Der Rcgierungsrath wäre durch nichts mehr ge­hindert gewesen; aber er machte doch nur zwei zögernde Schritte nach der Thür hin und blieb dann stehen.

„Ich weiß, daß es ein verlorenes Bemühen wäre, an Dein Mitleid für ineine Frau zu appelliren; Du hast ja von jeher nur Haß gegen die Stiefmutter empfunden. Aber vielleicht kam: Dich das Schicksal Deiner armen, schuldlosen Schwester rühren. Ich brauche Dir nicht zu sagen, was es in ihrer gesellschaftlichen Stellung bedeutet, die Tochter eines Selbstmörders zu heißen. Und ich lebte bisher in dem Glauben, daß Du sie aufrichtig lieb hättest."

„Die Folgen der wahnwitzigen Handlung zu bedenken, mit der Du mir drohst, ist Deine Sache, Vater, nicht die meine. Gerade die Rücksicht auf Frair und Tochter sollte Dich zu der Erkenntniß führen, daß Du im Begriff bist,

die anßcrbndgetmäßigen Ausgaben, die der General- berichterstatter der Budgctkomniijsioi: in: Senat in seinen: am 14. März erstattete!: Bericht ans ca. 90 Millionen schätzte. Im Ganzen endete also das Jahr 1901 mit einen: Ausfall von 265 Millionen.

Vergleichen wir jetzt das Jahr 1902 mit 1901, indem wir uns bemühen, uns bei den L-chätzungen immer i:nter der Wahrscheullichkeit zir halten. Am 1. Juni 1902 be­trugen die Mndereinnahmen aus deir indirektenSteuern, wie oben gesagt, schon 68 Millionen und waren um 26 Millionen höher als am gleichen Datum des Vor­jahres. Stellen wir nun einmal die höchst kühne Hypo­these auf, daß in den kommenden 7 Monaten die Ver­mehrung der Mindereinnahmen nicht fortdauert, sondern dieselbe bleibt wie im Vorjahr, so ist für Ende 1902 ein Minimalausfall von 136 Millionen aus den indirekten Steuern mit Sicherheit vorauszusagen. Dieser Ausfall würde sich zusammensetzen aus den 110 Millionen, die im vorigen Jahre festgestellt wurden, und aus dem eben­erwähnten Plus der Mindereinnahmen in der Höhe von 26 Millionen. Hinzu kommen sodann die Ergänzungs­kredite, _ deren Durchschnitt in den letzten Jahren 61 Millionen war. Wir nehmen auch für dieses Jahr diese Ziffer an, obwohl sie entschieden viel höher sein wird, weil verschiedene höchst nothwendige Ausgaben zu sehr gekürzt wurden, um das Budget für 1902 ins Gleich­gewicht zu bringen. Folgen die Ausgaben außerhalb des Budgets, die auf 75 Millionen geschätzt.werden. Die obenerwähnte, durch das Finanzgesetz autorisirte Anleihe im Betrag von 61 Millionen mitgerechnet, so ergiebt sich zu Ende des lausenden Jahres ein Gesammtdefizit von 339 Millionen oder in den 2 Jahren 1901 und 1902 von 600 Millionen.

So ungefähr, wein: nicht viel ungünstiger wird der Finanzminister seinen Kollegen im Ministerrath die pekuniäre Lage Frankreichs anseinandergesetzt haben, indein er sie gleichzeitig dringend aufforderte, in ihren Ressorts die peinlichste L-Parsamkcit walten zu lassen. Und die Maßnahmen Rouviers zur Besserung der Situation? Man kennt sie noch nicht in ihren Einzel­heiten. Rouvier kennt sie selber wohl noch nicht genau, sonst würde er nicht uni Aufschub nachgesucht haben. Zur Konversion der 3^ ^H-Reirte in eine zu 3^ wird cs jedenfalls kommen, nachdem im Februar der Termin ab­gelaufen ist, bis zir welchen: die Inhaber der betreffenden Schuldscheine gegen jede Konversioi: geschützt waren. Aber eine Konversion ist immer eine heikele und schwierige Operation, zumal wenn cs sich um ca. 237 Millionen Rente:: zu 3% handelt, was ein Kapital von beinahe 7 Billiarden darstellt. Hierzu wird sich ferner gesellen die Emission einer Anleihe im Betrag von 1200Millionen zu 3, vielleicht sogar — was bisher noch, nicht dagewesei: ist — zu 2% oder 2% %■ Tic bedauernswertsten kleinen Rentner! .Kommen Anleihe und Konversion zu Stande, so sind auch dies lediglich Palliativmittel, aber keine

aus Deiner vielleicht noch verzeihliche,: Verirrung ein un­verzeihliches Verbrechen werden zu lassen."

Nun mußte Ludwig Gernsdorfs wohl endlich er­kennen, daß es hier keine Hoffnung mehr für ihn gab, und mit einem Male gab er die Haltung des demüthig Bittenden auf.

Mit zuckenden Lippen und geballten Fäusten trat er vor den Anderen hin.

„Wagst Du es, so zu mir zir reden? Glaubst Du in Deinem herzlosen Tugenddünkel den eigenen Vater in den Staub treten zu dürfen — Du, der doch allein die ganze Last der Verantwortung dafür zu tragen hat, daß es dahin kommen konnte — Du, ohne dessen Verschulden ich niemals zum Verbrecher geworden wäre?"

„Das sind unsinnige Airklagen, Vater, und sie können mich nicht berühren. Was ich vor zwei Monaten gethan habe, und was ich jetzt thue, würde ich in derselben Lage immer wieder thnn müssen. Es giebt eben gar keine andere Möglichkeit für mich."

„Ah, ich spreche nicht davon, wem: ich Dich deir Ur- Heber meiner Schuld und meines Unglückes nenne. Der Tag, an dem Du mir zum Verhängniß wurdest, liegt viel weiter zurück. Aber ich glaub' Dir's wohl, daß Du Dich in Deinem Rcdlichkeitshochmuth seiner heute nicht mehr gern erinnerst."

Es war unverkennbar, daß diese letzten Worte einen starken Eindruck auf den jungen Arzt gemacht hatten.

„Was soll das heißen, Vater?" fragte er. „Es gicbt nur ein einziges Ereigniß in meinem Leben, an das Du dabei denken konntest, und ich habe meines Wissens nie­mals versucht, die Erbärmlichkeit zu beschönigen, deren ich niich damals schuldig gemacht."

„Aber es sind beinahe acht Jahre seitdem vergangen; in welchem Zusammenhang also könnte es mit den jetzigen Vorkommnissen stehen?"

„In dem engsten, der sich denken läßt — in dem Zu­sammenhänge von Ursache und Wirkung. Dem: ohne die That, zu der ich damals durch Dich gezwungen wurde, wäre auch alles Weitere nicht geschehen."

radikalen Maßnahmen. Auch problematische Ersparnisse werdei: das drohende Gespenst des Bankerottes nicht bannen. Auf vielei: Gebiete,: sind die bisherigen Aus­gaben unvermeidlich und auf anderci: können sie nur unwesentlich eingeschränkt werden. Die Hauptsache wird immer bleiben, daß sich die Erträgnisse der indirekten Steuern wieder heben, sonst wird man schon binnen Kurzem zu ,:encn Anleihen und Steuern seine Zuflucht nehmen müssen, wenn der französische Staatskarrei:, der sich schon jetzt nur sehr mühsam weiter schleppt, nicht plötzlich in: Sumpfe stecken bleiben soll.

Deutsches Deich.

Zum Ministcrwcchsel.

Es ist wohl nur eine voreilig in die Form einer Nach­richt gekleidete Vermuthung, daß die Entlastung des neuen Verkehrsministers durch die Abtrennung der Bau- abtheilung von seinen: Ressort und durch deren Zu­weisung ai: das Handelsministerium bewirkt werden soll. Besonders groß wäre die Entlastung kann,, da der weit­aus überwiegende Theil der Bauabtheilung, nämlich der aus die Eisenbahnhochbauten und auf die Wasserbauten bezügliche, selbstverständlich beim Verkehrsministerium bleiben müßte. Was alsdann noch übrig bliebe, das von der Hauptmasse des Bauressorts zu trennen, würde sich nicht recht verlohnen. Man möchte bis auf Weiteres an- nehmen, daß die Pläne betreffs einer anderweiten Ab­grenzung der Ressortzuständigkeiten verschoben worden sind. , Jedenfalls aber (und dies ist von entscheidender Wichtigkeit) bleibei: Staatseisenbahnwesen und Wasser­bauwesen zusammen ii: der Hand des Verkehrs Ministers, Herr Budde würde sein Amt auch gewiß nicht über­nommen haben, wenn man ihm in dieser Hinsicht Zu- muthungen gestellt hätte, die von vornherein eine wesent­liche Einschränkung der Bedeutung dieses Fach- ministeriums mit sich gebracht hätten.

Das großmüthigc England.

Reden, die von officiellei: Personen bei Festlichkeiten und dergleichen geschwungen werden, finden naturgemäß alsbald ihre Verbreitung durch die Presse, doch hat es sich der Leser, der „denkende" wenigstens, längst abge­wöhnt, ihnen eine besondere Bedeutung beizulegen. Es ivird geredet und über das Geredete wieder geredet und dann versinkt die Sache schleunigst im Strom der Ver­gessenheit. So wird es auch mit den offenbar sehr höf­liche,: Worten sei,:, die der GeneralWaldersee jüngst bet dem Festessei: des Lords Roberts aus diesen und das englische Heer hielt. Im Wortlaut liegt die Rede bis sitzt zwar nicht vor. Immerhin hat man das Gefühl, daß da ein wenig über das durchaus nothwendige Maß von Artigkeit hinausgegangci: wurde. Aber schließlich ist Graf Waldersee für das, was er den Engländern als Vertreter des Kaisers sagt, nur diesem verantwortlich.

„Das kann ich nicht verstehen. Was für eine That :st es, von der Du sprichst? Ich hatte einen leichtfertigen Streich begangei:, nein, mehr als das: eine Schlechtigkeit. Tenn ich habe es nie sür eine Entschuldigung gehalten, daß ich zum erstell und einzigen Male in meinem Leben beinahe sinnlos betrunken ivar, als ich mich verleiten ließ, mich an den Spieltisch zu setzen und eine Summe zu ver­spielen. die ich nicht bezahlen konnte, da ich ja nur ein Student ohne alle eigenen Mittel und ganz auf Deine Unterstützung angewiesen ivar. Ich habe infolge meines schmachvollen Zustandes keine Erinnerung an die Vor­gänge in jener Nacht behalten; aber der Zettel, den man mir am nächsten Tage vorwies und ans dem ich mich mit meinen: Ehrenwort verpflichtet hatte, meine Spielschuld innerhalb-, eines Zeitraumes voir zweimal vierundzwanzig Stunden zu entrichten, trug unverkennbar meine Schrift­zuge.

Damals hatte mich ich mit der Versuchung schwer zu ringen, die ii: der Vorstellung eines erlösenden Pistolen­schusses lag, und ich wiederhole, daß cs einzig eine Folge Deiner Erziehung war, wenn ich als Sieger aus dem Kampfe hervorging. Ich legte Dir eine reumüthige Beichte ctb und erflärte mich bereit, die Tvolcicit meiner ehrlosen Handlung zu tragen."

^ „Indem Du sic einfach auf mich abwälztest. In der That, es bedurfte dazu keines sonderlichen Muthes Deim was blieb mir Anderes übrig, als für Dich einzutreten und Deinen Ehrenschein auszulösen? Ich war König- licher Beamter und ich chand überdies an einem befottbet# exponirten Platze in: politischen Parteitampfe. Meine Gegner wurden ohne allen Zweifel Deine Schuld gegen mich ausgenutzt haben, wenn icl, Dich Deinem Schicksal hätte überlassen wollen, wie Tn es vielleicht nicht weniger verdientest, als ich es heute verdiene. Darum blieb mir keine Wähl. Die Summe mußte unter allen Umständen bezahlt werden, und da ich sie nicht besaß, auch bei den wenigen Freunden, denen ich mich anvertranei: durfte, vergebens anklopfte, so entnahm ich sie der öffentlichen Kasse, die man dainals meiner Verwaltung anvertiunt