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Wiesbadener Tagblatt (Abend-Ausgabe). Verlag: Lauggasse 27.

No. 288. 50. Jahrgang«

wenig einheitliche Ausbildung des ärztlichen Hülfs-

personals an und erblickt in einer staatlichen Prüfung und in der hiernach möglichen Verleihung eines amtlichen Befähigungszeugnisses das beste Mittel zur vollständigen Beseitigung der erwähnten Mißstände. Andererseits hebt Verfasser hervor, daß es schon jetzt eine große Anzahl tüchtiger und zuverlässiger Pflegekräste giebt, welche den Anforderungen des Arztes nach jeder Richtung hin bestens genügt. Hierbei seien besonders die Mitglieder einer neuen großen Organisation, welche erst vor einigen Jahren entstand, aber schon jetzt einen Stamm von über 400 Mitgliedern aufweist, zu nennen. Diese Ver­einigung, welche sich Bund der Standesvereine der Deutschen Krankenpfleger, Masseure, Heilgehülfen (-innen) nennt, hat in den Städten: Berlin, Dresden, Breslau, Hannover, Charlottenburg und Wiesbaden Zweigsitze. Da die Aufnahme neuer Mitglieder in diese Organisation nur nach genauer Information Seitens der Vorstände über berufliche Tüchtigkeit und Vorleben er­folgt, so ist die Thatsache der Zugehörigkeit zu diesem Bunde schon an sich eine Empfehlung des Einzelnen. Auch verpflichteten sich die Mitglieder des Bundes zur An­erkennung^ und Befolgung der vom Geh. Medizinalrath vr. Dietxich aufgesetzten Standesordnung. Ist es durch diese Bestrebungen den Vorständen der einzelnen dem Bunde angehörenden Standesvereine möglich, den Aerzten wirklich gute Gehülfen zu stellen, der leidenden Menschheit ein ausgezeichnetes Pflegepersonal zu geben, sorgt der Bund andererseits auch in materieller Hinsicht für seine Mitglieder, so verdient vor Allem auch noch hervorgehoben.zu werden, daß er auf die berufliche Fort­bildung seiner Mitglieder ein großes Gewicht legt. Für die Fortbildung sorgen die einzelnen Standesvereine in der Hauptsache durch allgemeine Einführung und Ver­breitung der als sehr gediegen allerseits anerkannten: Deutschen Krankenpflege-Zeitung" (Berlin W., Elwin Staude) als Bundesorgan, welche, herausgegeben von einer Reihe hervorragender deutscher Aerzte, über alle Gebiete der Krankenpflege in vorzüglicher Form berichtet. Aber auch den besten Vertretern des ärztlichen Hülfs- personals kommt die Einführung einer staatlichen Prüfung zu gute, denn nur eine solche wird bewirken, daß die bestehenden Vorurtheile in der Aerztewclt gegen das heutige Hülfsperson^l abnehmen. St.

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* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser hat, wie dieNational-Zcitung" erfährt, gestern Vormittag den bisherigen Minister der öffentlichen Arbeiten, v. Thielen, empfangen und das Abschiedsgesuch desselben unter Bekundung der lebhaften Anerkennung für die Amtsführung des Ministers genehmigt. Der Kaiser überreichte Herrn v. Thielen den Schwarzen Adlerordcn und theilte ihm zugleich mit, daß Generalmajor a. D. B u d d e zu seinem Nachfolger bestimmt sei. Herr v. Thielen nahm darauf an der kaiserlichen Frllhstückstafel Theil. Das Kaiserpaar ist gestern Nachmittag 3Y 2 Uhr zu den Beisetzungsfeierlichkeiten nach Dresden abgereist. Abends 10^ Uhr tritt der Kaiser von Dresden aus die Weiterreise nach Cuxhaven an, während sich die Kaiserin zur selben Zeit zum Besuche der Prinzen nach Plön und im Anschluß hieran nach Kiel begeben wird.

* Berlin, 24. Juni. Ein Verband der Berliner P o l e n - V e r e i n e ist an Stelle des bisherigen Vereins- Ausschusses ins Leben gerufen worden. Gleichzeitig ist auch ein unentgeltliches Jnformationsbüreau für alle polnischen Ange­legenheiten in Berlin geschaffen worden.

DerReichs-Anzeiger" veröffenUicht das Gesetz, betreffend die Aufhebung des Diktatur-Paragraphen in Elsaß-Lothringen vom 18. Juni, und das Abkommen zwischen dem Deutschen Reiche und dem Großherzogthum Luxernburg wegen Begründung einer Gemeinschaft der Schaum­weinsteuer vom 10. Mai.

Auf Einladung des Staatssekretärs des Reichs- marineamtes, v. Tirpitz, hat sich gestern eine größere Anzahl von Mitgliedern des Reichstags nach Kiel begeben, um dort die Kaiserliche Werft und die verschiedenen Schiffstypen der kaiserlichen Marine zu besichtigen. Außerdem sind Kreuzer-

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führten und Torpedobootfahrten in der Ostsee in Aussicht ge- iwmmen. Bon Kiel aus werden sich die geladenen Abgeordneten am 26. d. M. mit dem SchnelldampferAuguste Viktoria" nach Southampton begeben, um der am 28. d. M. stattfindenden Parade der englischen Kriegsflotte beizuwohnen.

* Keine Centrale für die kommunalen Sparkassen. Der Minister des Innern hat an den Vorstand des deutschen Sparkaffenverbandes die Verfügung gerichtet, daß er nach ein­gehender Prüfung der Anregung keine Folge geben könne, ein Central-Jnstitut für die kommunalen Sparkassen in Preußen zu gründen. In der Begründung des Entscheides heißt es: Es fehle das Vedürfniß dafür, ja, von einem solchen Institut be­fürchte man die Hemmung der gesunden Fortentwickelung im preußischen Sparkassenwesen. Die Hauptzwecke, denen die An­stalt dienen solle, nämlich die Förderung des Uebertragbarkeits- verkehrs für Einlagen, der Ausgleich zwischen Ueberfluß und Mangel an Kaffenbeständen der Sparkassen in den verschiedenen Landestheilen, und dadurch die Förderung einer gesunden Zins­fußbildung in kapitalarmen und reicheren Gegenden, sowie die Sicherung der Sparkassen für Zeiten allgemeiner Geldkrisen würden durch eine solche Anstalt nicht erreicht, sondern es würden bei Geldkrisen gerade ernstliche, gegenwärtig nicht in gleichem Maße bestehende Gefahren heraufbeschworen. Die Verwendung von Sparkassenbeständen zur Betheiligung an einem Bankunter­nehmen stehe mit der Bestimmung der Sparkassen als mündel­sichere Institute zur Aufbewahrung der Ersparnisse nicht im Ein­klang. Auch eine Verbindung der geplanten Anstalt mit einer Centralstelle zur Ausgabe von Kommunalpapieren empfehle sich nicht.

Die englische Krönungsseier.

London, 23. Juni. Die Ankunft des Königs auf Windsor auf der Paddington-Station wurde heute von einer riesigen Menschenmenge erwartet. Der königliche Zug wurde von der LokomotiveBaden-Powell" gezogen, die mit einer großen Krone und dem königlichen Wappen geschmückt war. Der König war trotz des gegenwärtig fast schwülen Wetters mit dunkelem lleber- zieher bekleidet, er stieg mit schweren Schritten aus dem Salon­wagen und stützte sich sehr auf einen Spazicrstock, als er über den Perron schritt. Der König sah bleich aus. Der Empfang Seitens der Volksmenge auf der Fahrt nach dem Buckingham Palace war enthusiastisch. Der König drückte seinen Dank durch Lächeln aus. (Franks. Ztg.)

hd. Berlin, 23. Juni. DerB. L.-A." meldet aus Lon­don: Der König und die königliche Familie treffen heute aus Windsor hier ein und werden durch die von Menschen bereits dicht besetzten Straßen ihren feierlichen Einzug in den Buckingham-Palast für die Krönungswoche halten. Die Ge­sundheit des Königs wird offiziell als bedeutend gebessert und zufriedenstellend bezeichnet. Der Leibarzt Sir Thomas Barlow verblieb bis jetzt in Windsor und Sir Francis Laking besuchte den König täglich.

hd. Berlin, 23. Juni. Nach einer Meldung aus Lon­don sind von den deutschen Gästen bisher Graf Waldersee, der Herzog von Sachsen-Cöburg-Gotha, Admiral v. Köster, Graf Seckendorfs und die Offiziere des 1. Garde-Dragoner-Regiments und der 5. preußischen Husaren angekommen. GrafWaldersee und sein Gefolge dinirten gestern bei Lord Roberts. Graf Walder­see brachte einen Toast auf König Eduard aus und hob dabei hervor, es erhöhe sein Vergnügen, Lord Roberts' Gast zu sein, daß er im vorigen Jahre englische Truppen befehligte und deren gute Disziplin und Tapferkeit selbst kennen gelernt habe. Wir deutsche Soldaten, fuhr Waldersee fort, wissen alle wohl, wie schwierig und mühevoll die Aufgabe der britischen Armee in Südafrika war. Wir wissen auch, daß die Offiziere und Mann­schaften Ihrer Armee diese Aufgabe mit äußerster Hingebung für ihr Vaterland, mit Tapferkeit und Humanität gelöst haben. Lord Roberts dankte für die äußerst schmeichelhafte Bezugnahme auf die Leistungen der britischen Truppen in Südafrika und trank auf das Wohl des deutschen Kaisers und der großen deutschen Armee.

hd. London, 24. Juni. Eine neue Generalprobe für die Krönungsfeier fand gestern in der Westminster-Abtei statt. Wie verlautet, werden auch Truppen aus Südafrika an der Krönungs­feier theilnehmcn.

24. Juni IN«2. Leite 3.

Die Krankheit König Eduards. Die Gerüchte über eins ernstere Erkrankung König Eduards von England wollen durch­aus nicht verstummen, trotz aller Dementis. Es soll sich um ein Halsleiden handeln, das sogar dieser Tage, wie schon gemeldet, eine Operation nöthig gemacht hat. Von Seiten des Hofes wer­den energisch alle Gerüchte dementirt, als ob es sich bei dem König um eine ernste Krankheit handele. Das socialistische WochenblattReynolds News Paper" bleibt jedoch dabei, der König leide an Appendicitis. Trotz aller offiziösen Ver­tuschungsversuche sickern immer mehr bedenkliche Einzelheiten über das Befinden König Eduards durch. Sir Thomas Barlow ist ständig um den König beschäftigt, und Sir Francis Leaking besucht ihn täglich. DerDaily Expreß" konstatirt, daß, ob­wohl professionelle Krankenpflegerinnen für den König sorgen, die Königin selbst ihm doch jede verfügbare Zeit widmet. Die ungünstige Auffassung wird durch folgende Meldung des Büreau Lassan" im Wesentlichen bestätigt, obwohl auch hier die Vertuschungstendenz deutlich hervortritt. Danach hat der berühmte Spezialarzt I)r. Barlow im Schloß Windsor Wohnung genommen, da keine Vorsichtsmaßregeln zum Schutze der Gesundheit König Eduards während der ihm bevorstehenden Anstrengungen versäumt werden sollen. Es verlautet ferner, der König sei unter der Spannung der letzten Wochen etwas nervös (?) geworden. I)r. Barlow bleibe in Windsor mehr als Gesellschafter, denn als Arzt <,?) des Königs, der zu ihm großes Vertrauen habe. An einigen Stellen besteht Zweifel darüber, ob der König im Stande sein werde, heute nach Buckingham-Palast zurückzukehren. <!)

Toilettenpracht für die .Krönungsfeier. Aus Lon­don wird berichtet: Es mag seltsam erscheinen, daß die Pairs- damen und andere, die der Krönung beizuwohnen haben, die ihre wichtige Pflicht doch schon seit achtzehn Monaten kennen, in der Mehrzahl ihre Roben für diese Gelegenheit noch nicht haben. In sehr vielen Fällen ist die Verzögerung durch die Schwierig­keit veranlaßt worden, zu alten Roben passenden Sammet zu erhalten. Pairsdamen, die bis vor sechs Wochen glaubten, daß es nur nöthig sei, ihre Schneider zu berufen und zu ihrem Familienstaat passende Schleppen zu bestellen, fanden zu ihrer Ueberraschung, daß darin weder in Farbe noch in Stoff Passendes zu finden war. Die Damen, die alte Roben haben, sind natürlich stolz auf ihren Besitz, und man erzählt viele spaß­haften Geschichten über die Art, wie sie aus Kisten und Schachteln ans Tageslicht gezogen worden, oft in sehr mitge­nommenem Zustande. Sie wurden dann schleunigst nach Lyon oder Paris geschickt und mit bedeutendem Erfolge aufgefrischt. Eine Zeitlang war man sehr unentschlossen, ob die Kleider ge­stickt werden sollten oder nicht; aber jetzt zeigt sich, daß es fast alle sein werden. Die Roben der Herzogin von Portland z. B. zeigen die sich windende Schlange, die zum Portland-Wappen ge­hört, am unteren Rande der Schleppe gestickt, während das Unterkleid von weißem Atlas reich mit Gold und Silber in der Form von Straußfedern bestickt ist. Die Schleppe wird von goldenen Rosetten mit einem großen Diamanten in der Mitte zurückgehalten; der Hermelinmantel wird mit goldenen Schnüren und Quasten auf den Schultern befestigt. Lady Spencer hat ihre Roben in derRoyal School of Art Needlework" besonders prächtig sticken lassen. Die Herzogin von Somerset, Viscounteß Galway, Lady Llangattock, Viscounteß Esher und hundert andere Pairsdamen werden in gestickten Kleidern erscheinen, was die Monotonie der Farbenmassen, die sonst eintreten würde, völlig aufhebrn wird. Die Prinzessinnen von königlichem Ge­blüt werden natürlich in Purpursammet erscheinen. Die von der irischen Schule für Kunsthandarbeiten gestickten Roben der Prinzessin Christian sollen besonders anmuthig sein, und auch die Toilette der Prinzessin von Wales wird als ein Wunder an kunstvoller Arbeit und Schönheit gerühmt. Eine andere Prin­zessin wird in einem Anzug von weißem Atlas prächtig aus- sehen, bei dem das Vorderblatt des Rockes mit goldenen und silbernen Rosen gestickt ist; dieselbe Zeichnung geht auch am Rande des Rockes entlang und erscheint am Leibchen, dessen Achseln aus Rosen bestehen, die aus Gold- und Silbersioff ge­macht und in weißen Chiffon gehüllt sind. Das übrige Gewand wird als eine Diamantenmaffe erscheinen. Neben dieser wird sie auch Roben von Purpursammet tragen, die aber von ganz anderem Schnitt sein sollen, als die von den Pairsdamen ge­tragenen. Aber die Schneider sind nicht nur mit den Roben für die Krönungsfeier beschäftigt. Da auch so viele glänzende Ver-

Femlleton.

Pülfelöorfcr lauft- n« IMjMe-AaMaag 1902.

Die Innendekoration.

Es ist in jüngster Zeit in Deutschland unendlich viel vom Kunstgewerbe geredet und geschrieben worden. Vor Allem ver­steht man unter modernem Kunstgewerbe eine verfeinerte Wohnungskunst, bei der das Schwergewicht auf eine solide ein­fache Ausführung fällt und wo man nicht auf allerlei aufge­leimte Schnörkel und wildes Beiwerk sieht, das nur die Rein- erhaltung der Wohnungen erschwert und der Gesundheit unzu­träglich ist. Die Ausstellung der Künstlerkolonie Darmstadt hat im vergangenen Sommer das allgemeine Interesse auf die Frage der verfeinerten Wohnungskunst gelenkt. Stadi für Stadt im Deutschen Reiche ist im Laufe des vergangenen Sommers dafür gewonnen worden, aber immer noch hat man sich vergeb­lich nach einer Wohnungskunst umgethan, die auch dem finan­ziellen Standpunkte der gutbürgerlichen Kreise erreichbar wäre. In Düsseldorf ist nun diese Frage, die bis dahin nur für die hochbemittelten Stände halbwegs gelöst war, von unten auf in Gestalt der Möbel für Arbeiterwohnungen in Angriff genommen jvorden. Wer einen Einblick in das gewinnen will, was auf dem Gebiete des Luxusmöbels im modernen Stil geleistet wird, muß sich zunächst in den Kunstpalast begeben und dort die Möbel der Wiener Sezession betrachten. Zweifellos ist hier, wie das alle und jede «Äzession mit sich bringt, viel Bizarres zu finden, was leicht mißverstanden werden kann. Wohl aber befindet sich die Wiener Sezession im Grundprinzip auf dem richtigen Wege, denn sie sucht nach der denkbar einfachsten -Lösung jeder'Aufgabe und betont nur di« schlichte Linie, außer- ;btm aber verwendet sie das denkbar beste Holz und verziert eS in der solidesten Art mit ausgezeichnet feiner Marqucterie und Intarsia, die nirgends dem Staube einen dauernden Schlupf­winkel gewährt und doch das Möbel mit reichem Schmuck über­zieht. Vielfach ist das in Oesterreich so weit verbreitete Prinzip des gebogenen Holzes zum Ausgangspunkt genommen worden; oft erzielen die ornamentalen Zeichnungen der Intarsia eine reizvoll humoristische Wirkung, wie z. B. bei einem ineinander gesiiigün Fischmotiv an einen'. Schrank von Kolo man Morcr.

Das Entzücken aller Liebhaber des rein Zweckmäßigen bilden die Schlösser und Griffe, die so bequem sich den Fingern an­schmiegen, so spielend leicht ihre Arbeit verrichten. Dazu bleiben die Wiener Möbel trotz der umfangreichen Formen im Grund­charakter beweglich und elegant. Nimmt man dagegen z. B. das Zimmer von Henry van der Velde (Abtheilung Weimar) mit seinen fcstgebautcn Sitzen und Schränken, so fühlt man sich wie in einem Gefängniß, wo kein Gegenstand jemals von der Stelle weichen darf, wo er sich befindet. So manche Künstler sind eben von der fixen Idee beseelt, der Zweck eines Möbels sei der, ver­möge irgend einer schwungvollen Linie ein philosophisches Problem anzuschneiden. Das Allerletzte, wonach sie bei der Ge­staltung der Möbel fragen, ist das Empfinden einer vornehmen Frau. Ein« innerlich vornehme Frau sieht ihre Wohnung an wie ihr erweitertes Kleid sie verlangt, daß es beweglich sei. Ebendeshalb finden auch namentlich die Zimmereinrichtungen der Münchener Künstler so gar keinen Absatz und allgemeinen Beifall die Stimmung, die darin zum Ausdruck kommt, ist ein tyrannisches Kraftmeierthum, das alle echten Frauen- naturcn abstoßend berührt. Umgekehrt haben die Möbel der Dresdener Vereinigten Werkstätten für Handwerkskunst, deren Entwürfe von Gertrud Kleinhempel herrühren, von Anfang an ungetheilten Beifall und glänzenden Absatz gefunden.

Schon seit mehreren Jahren haben sich unsere großen Möbelfabrikanten von den Künstlern theils vollständige Ent­würfe gekauft, theils solche im Geiste der modernen Kunst von ihren Architekten anfertigen lassen. Meistens pflegen die Firmen- inhaber nicht selbst zu entwerfen; ausnahmsweise kommt es wohl vor. Durchweg aber sind sie unter dem Einfluß der mehr­jährigen Hetze durch die historischen Stilperioden etwas unselbst­ständig und flügellahm geworden. Stil ist für sie eine bloße Modesache und sie lassen sich nicht Zeit, sich zu vertiefen. Sie kennen ungefähr den Geschmack des Publikums, oder glauben ihn zu kennen und geben nun Restaurantkllche, die doch eigent­lich Geschmack und Magen verdirbt. Immerhin befinden wir uns auch hier auf dem Wege der Besserung. Durchweg hat die einfache Linie, die Freud« an der Schönheit der Holzmaser, die Liebe zu fein abgestimmten Farbenstellungen überall gesiegt. Vor Allem haben auch die meisten Firmen es verstanden, sich von den liebertreibungen und sinnlosen Extravaganzen der Künstler frei zu machen. Obenan steht in dieser Hinsicht die weit und breit

bekannte Firma Buhten u. Söhne in Düsseldorf. Ihre reizvollste Einrichtung auf der Ausstellung ist diejenige in der Abtheilung des Düsseldorfer Kunstgewerbes im Jndustrie- gebäude; auch in der Kunsthalle hat sie sehr feine sinngemäß aufgebaute Sachen, und die Einrichtung des Hauptwein­restaurants mit seinemFllrstcnzimmer" rührt von ihr her. Eben diese Einrichtung mach: einen unendlich einfachen Eindruck die schlichte Linie hat eben auch die höchsten Kreise für sich ge­wonnen. Ob es klug und geschmackvoll war, gerade hier eine Farbenstellung roth mit graublauem Friestuch zu wählen, die jeder Besucher der Pariser Ausstellung aus den Räumen des Pariser Ministeriums, mehrerer Leseräume rc. längst kennt, bleibe dahingestellt. Die allerbesten Freunde der Firma werden ihr in diesem Punkte nicht beistimmen.

Als hervorragende künstlerisch abgestimmtc Leistung muß die Zimmereinrichtung der Kun st gewer beschule Elberfeld gelten, die zum Theil von Schülern der dortigen Schule entworfen und von dortigen Handwerksmeistern in her­vorragend tüchtiger Technik ausgeführt ist. Ungemein wohl- thuend ist die Farbenstellung der purpurvioletten Möbelbezüge zu dem graugetönten Eichenholz, das den Ton vonWasser­eiche", jenem in Wasser abgelagerten Jahrzehnte alten Holz, vorzüglich trifft. Als die Meisterleistung in dieser Koje er­scheinen dem Kenner auf dem Gebiete der Stickerei die Portieren- borten, die den Abschluß der Koje bilden. Alle Damen sollten sie eingehend studiren, um sich einmal wieder an dem gesund zu sehen, was eine echte Stickerei ist und sein kann. Im Hinblick auf die grenzenlose Verwüstung, die auf diesem Gebiete eingc- riffen ist, kann diese vollendete, von Direktor Meyer der Elberfelder Kunstgewerbcschule selbst entworfene Stickerei nicht zu hoch angeschlagen, nicht zu aufmerksam beachtet werden.

Selbstverständlich werden ausgestellte Zimmereinrichtungen immer ein wenig den Charakter des Ausstellungsobjektes tragen. In ausgesprochenem Maße ist das bei der Firma A. I a c q u e s, Hoflieferant, der Fall. Man l^at auch sehr gut daran gethan, denn so kommt die eminente Meisterschaft dieser Firma in Polstermöbeln am besten zur Geltung, die für den Kenner namentlich in der bewundernswerthen Behandlung der Leder­fauteuils, wie auch in den Feinheiten der verschiedenen in- und aufliegenden Kissen hervortritt. In der technischen Behandlung des Holzes und in vornehm gediegener Gliederung der Formen