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so. Jahrgang.»,

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283. Reduktions-Fernsprecher No. 52.

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Werlag des „Wiesbadener Zagölatt".

Politische Pebersicht.

Die parlamentarische Saison ist beendet. Mit einer Ausnahme freilich, denn die Zolltarifkommission ist von der allgemeinen Parlammtsmutze ausgeschlossen. Am Mittwoch ist der preußische Landtag dein deutschen Reichstag nach einer ungewöhnlich langen Session, die inehr als fünf Monate gedauert hat, in die Ferien nach­gefolgt. Das parlamentarische Ergebniß des preußischen Landtages ist nicht sonderlich groß. Außer dem Etat hat er an größeren Vorlagen nur die übliche Eisenbahn­vorlage, das Provinzdotationsgesetz, das sogenannte Polengesetz, welches eine Viertelmilliarde zur Ver­stärkung der deutschen Ansiedelungen und der Staats­domänen in den Ostprovinzen flüssig macht, und das Fleischbeschau-Ausführungsgesetz zu Stande gebracht, die übrigen vom Landtage genehmigten Gesetze sind von ge­ringerer Bedeutung. Während im Vorjahr Preußen, beim Landtagsschluß im Zeichen einer Mnisterkrisis stand, der drei Mnister zum Opfer fielen, sah diesinal der Landtag beim Schluß noch dieselben Minister wie beim Anfang. Aber ganz ohne Ministerwechsel geht es diesmal doch nicht ab. Der Minister v. Tljielen schickt sich an, den Posten zu verlassen, auf deni er vergeblich das auf den Mittellandkanal gemünzte Wort einzulösen versuchte: „Gebaut wird er doch!"

Während Reichstag und Landtag sich der Mühe nach gechaner Arbeit erfreuen, gilt für die Zolltarifkommission des Reichstags das Motto: Meister muß sich immer

plagen! Me Kommission hat jetzt bald die Hälfte der Positionen hinter sich, und man rechnet darauf, daß zu Anfang August die erste Lesung des Zolltarifs in der Kommission beendet werden wird. Nach kurzer Ferien­pause wird alsdann die zweite Lesung in der Kommission beginnen, sodaß jedenfalls der Reichstag bei seinem Zu­sammentritt die Lesung der Vortage im Plenum be- ginneir könnte, denn es wäre ja dazu nicht die Beendigung der zweiten Lesung in der Kommission erforderlrch.

Die Parlamente sind zur Zeit in den Ferien, aber dafür sind die Nebenparlamente, die Kongresse desto eifriger an der Arbeit. Wir leben zur Zeit in der Aera

Sonntag, den 22. Iurri.

der Kongresse, die in unabsehbarer Reche aufeinander folgen. Eine ganz besondere Bedeutung beansprucht von diesen Kongressen der internationale Arbeiterver- sicherungskongreß in Düsseldorf, auf den: diesmal auch die Regierungen vertreten sind.

Auch eine Art Parlament hat sich sowohl in Berlin wie in Lechzig konstituirt. Hier wird über die un­sauberen Machenschaften der Landen und Genossen, dort über die noch ungeheuerlicheren Betrügereien bei der Leipziger Bank zu Gericht gesessen. Wie hoch die Strafen in beiden Fällen auch ausfallen werden, den un- geheuren Schaden, welchen die Sanden und Exner und Genossen angessiftet haben, vermögen sie nicht gut zu machen. Und es wird zu bezweifeln sein, ob diese Prozesse auch nur aufklärcnd auf Jene wirken, die nicht alle werden!

Wie intensiv auch das Interesse ist, das nian be- sonders im Sachsenlande dem Leipziger Bank-Prozeß zuwendet, es tritt doch weit zurück vor der tiefgehenden und herzlichen Antheilnahme, die man dem tragischen Geschick des greisen, allverehrten Sachsenkönigs entgegen­brachte. Nach Tagen banger Sorge ist denn der vor­treffliche, volksthümliche Herrscher, der letzte große Heer­führer aus dem deutsch-französischen Krieg, im Alter von 74 Jahren sanft verschieden, betrauert nicht nur von seinen Landeskindern, sondern von ganz Deutschland.

Herzlich ist auch die Thcilnabme, welche überall in der Welt dem tragischen Schicksal der Buren entgegen­gebracht wird, die sich wohl oder übel in die Rolle der Besiegten schicken müssen. Me Waffenstreckung der Buren ist schnell vor sich gegangen. Nahezu 20,000 Mann haben sich bereits den Engländern ergeben, und wenn man den englischen Nachrichten trauen darf, giebt es unter den Burenfähnlein keine Jrredensisten, welche sich dem Friedensschluß nicht fügen wollen und auf eigene Faust den Guerillakrieg fortsetzen.» •«* n* **

Den Schicksalsgenossen der Büren, den Cubanern, war es besser gegangen, denn ihnen Wl«kg»«s, ihre Un­abhängigkeit gegenüber den Amerikanern: im Wesent­

lichen zu behaupten. Aber freilich hat es den Anschein, als ob die Amerikaner jetzt durch wirthschaftliche Zwangsmaßnahmen gegenüber den Cubanern erreichen wollen, was sie sich durch die Gewalt der Waffen nicht zu erreichen trauten. Noch wilder und kunterbunter als auf Cuba sieht es in Venezuela aus, wo ein blutiger Bürger­krieg das Land verwüstet und Regierungstrnppen und Revolutionäre abwechselnd nach einigen Alarmschüssen vor einander auskneifen.

Recht revolutionär gebärden sich auch die Tschechen in Oesterreich, aber der Alarmschuß, den sie gegen den deutschen Reichskanzler Grafen Bülow ob seiner Polen- rede abzufeuern sich bemüßigt fühlten, hat sich als ein nicht einmal brillantes Feuerwerk entpuppt, das in die leere Luft verpufft ist. Die Herren Klofac und Genossen sind denn doch nicht die Leute, welche die Welt aus den Angeln heben können.

Berlags-Fernsprecher N». 2266. 1902.

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Deutsches Deich.

* Berlin, 21. Juni. Me Sozialdemokraten haben zum Zolltarif eine Resolution gegen die Gefängnißarbeit eingebracht, die sich nominell an die Positionen 431—433 (Trikot- waaren und Netzwaaren, Unterkleider) anlehnt, sonst aber ganz allgemein gehalten ist. Ter Antrag lautet, bei den Positionen 431—433 des Tarifs folgender Reso­lution die Zustimmung zu eriheilen: „Ten Reichskanzler zu ersuchen, einen Gesetzeirtwurf noch in: Laufe der gegen­wärtigen Session vorzuldgen, durch welchen untersagt wird, in Strafanstalten, Versorgnngsanstalten und Be­schäftigungsanstalten, welche aus öffentlichen Mitteln unterhalten oder unterstützt werden, andere gewerbliche Arbeiten als solche für den eigenen Bedarf, für den Be­darf des Reiches, eines deutschen Staatsverbandes oder Gemeindeverbandes auszuführen und den Verkauf ge­werblicher Erzeugnisse für eigene Rechnung, für Rechnung des Reiches, eines deutschen Staates oder eines Gemeindeverbandes zu niedrigeren als den markt­mäßigen Preisen stattfinden zu lassen."

* Beseitigung des fliegenden Gerichtsstandes der Presse. Das Donnerstag vom Reichskanzler veröffent­lichte Gesetz, betr. die Abänderung des § 7 der Straf­prozeßordnung, lautet: Der 8 7 der «trafprozeßordnung erhält folgende Fassung: Der Gerichtsstand ist bei dem­jenigen Gerichte begründet, in desseir Bezirk die strafbare Handlung begangen ist. Wird der Thatbestand der strafbaren Handlung durch den Inhalt einer im Jnlairde erschienenen Druckschrift begründet, so ist als das nach Abs. 1 zustäirdige Gericht nur dasjenige Gericht anzu- sehen, in dessen Bezirk die Muckschrift erschienen ist. Je-> doch ist in den Fällen der Beleidigung, sofern die Ver­folgung im Wege der Privatklage stattfindet, auch das

Gmicht, in dessen Bezirk die Druckschrift verbreitet worden ist, zuständig, wenn in diesem Bezirk die be­leidigte Person ihren Wohnsitz oder gewöhnlichem' Aufenthalt hat.

* Die Haftpflicht der Lehrer, wie sie in den betreffen­den gesetzlichen Bestimmungen festgelegt wurde, hat seinerzÄ in Lehrerkreisen lebhafte Besorgniß hervorge­rufen, da man fürchtete, den Lehren: würde durch die Ausführung dieser Bestimmungen Schweres aufge­bürdet. Zur Beruhigung der noch nicht ganz beseitigten Befürchtungen sei hier ein Fall erwähnt, dessen Be­handlung für viele andere maßgebend sein dürfte: Der Lehrer Ernst Bay zu M.-Gladbach hatte vor einiger Zeit den Primus in seiner Klasse beauftragt, die Federhalter mit den Federn von dei: Schulen: einzusammeln. Als der Schüler Steup den Halter aber festhielt, versuchte der Primus, chm den Halter fortzunehmen; Beide zerrten hin und her, schließlich fuhr die Feder dem Steup ins Auge und zerstörte zum größten Theile die Sehkraft. Ser Vorgang hatte sich ziemlich schnell abgespielt, als der

Feuilleton.

berliner MnmmngMtder.

Von Paul Lindeubcrg.

König Albert von Sachsen. — Seine Beliebtheit in Berlin. — Wie er im Schloß wohnte. — Heinrich Seidel zum 60. Geburts­tage. — Gute Wünsche. — „Freude herrscht in Rectors" Hallen ..." — Eine Satire. — Felix Weingartners „Orestes"

Der Jubel, der aus Anlaß des Besuches des Kaiserpaares so frisch und freudig aus den Rheinlandcn herüberschallt, hat schnell seinen jähen Abschluß gefunden durch die düstere Trauer­kunde, die aus Sibyllcnort eintraf. Lang und bang war der Kampf, den König Albert gegen den Allllberwmder ge. führt, bis der heldenmllthige Streiter von Gravelotte und Beaumont unterliegen mußte. König Albert war in Berlin eine wirklich volksthümliche Gestalt, und alle Kreise wetteiferten, ihm, wo und wann er sich hier zeigte, ihre lebhaftesten Shm- pachieen zu beweisen. Oft und wie cs schien, gern weilte der greise Herffcher in der Reichshauptstadt, regen Antheil nehmend an allen vaterländischen Festen und an jenen unseres Kaiser­hauses.

Für seinen Empfang und für seine kürzere oder längere An­wesenheit standen im grauen Königsschloß stets seine Wohn- räume bereit, die im Erdgeschoß nach der Lustgartenseite zu liegenden „Polnischen Kammern", welche ihren Namen daher führen, weil sie einstmals August den Starken, Kur­fürsten von Sachsen und König von Polen, beherbergt. Es sind drei hoheitsvolle Säle, wie sie in dieser Größe und in diesem ausgesuchten Reichthum selbst nicht die kaiserlich« Wohnung auf­zuweisen hat; hier ist wahrhaft fürstlicher Prunk zu finden, vom erlesensten Geschmack unterstützt, denn die seltensten Schätze aus den Kunstbcständen der königlichen Schlösser wurden mit Neu­anschaffungen werthvoller, alter thümlicher Stücke aus Süd­deutschland und Italien vereinigt. Als bald nach dem Re­gierungsantritt des Kaisers das Innere des Schlosses wesent­lich umgewandelt wurde, verfolgte der Monarch die Neuge­staltung dieser Kammern mit besonderem Interesse und führte, als zu keinem Geburtstage König Albert nach Berlin kam,

diesen mit sichtlicher' Genugthuung in die gänzlich veränderten Räume, die im Scheine unzähliger, aus Bronze-Armleuchtern und -Kronen hcrvorzüngelnder Glühlichter und im Schmucke des reichsten Blumenflors einen wundervollen Eindruck machten. Der erste Saal mit dem lebensgroßen Oelbild Augusts des Starten diente zu Empfängen; köstliche alte Gobelins verhüllen die Wände, zu ihnen passen die schweren, geschnitzten Möbel, und die hohen, goldgestickten Lichtschirme in breiten, durch­brochenen Eichenrahmen, welche während des Winters die Gluth und den Schein des Feuers in dem gewaltigen Marmorkamin dämpfen. In dunklem Roth mit mattem Gold ist das Arbeits­gemach gehalten, auf schwerer Marmorplatte mit herrlichen Florentiner Mosaileinlagen ruht ein bis zur Decke reichender Spiegel mit goldenem Rahmen, der ein Meisterwerk alte: italienischer Holzschnitzerei ist. Der Schreibtisch steht dem von rothcn Seidenvorhängen halb bedeckten Fenster zugekehrt; Divans und Seffel sind mit rothem, goldgemustertem, kurzge­schorenem Sammetstoff überzogen, vielfach auch mit kostbarer, alter Goldborte besetzt, der Fuß versinkt in dem das ganze Gemach bedeckenden weichen, rothen Teppich. In gesättigtem Gelbist das Schlafzimmer gehalten; von den gelbseidenen Tapeten löst sich an der einen Längswand der aus demselben Stoff gefertigte Betthimmel ab, unter dem das breite, mit gelbseidenen Kissen und Decken versehene Bett steht. Durch eine lleine Thür ge­langt man zu dem lauschigen Badezimmer, welches den werth­vollsten Schmuck durch seine Ausführung mit alten Delfter Por- zellanplattcn, die Sccnen aus holländischen Gemälden dar­stellen, erhalten hat. — Nie mehr werden diese Räume König Albert sehen, aber auf immer wird mit ihnen die Erinnerung an ihn, an seine wahrste Güte und Lauterkeit verkörpernde Person, wie an seinen leuchtenden Fürstenruhm verbunden sein. — „Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht", das Wort aus „Tasso" trifft hier in schönster Weise zu.

Dort Trauer, hier Freude, es ist nun einmal nicht anders im wechselnden Leben und Weben unseres Seins. Mit froher Antheilnahme wird man überall, wo Sinn für sonnigen Humor und echte Poesie herrscht, Heinrich Seidels gedenken, der am 26. Juni seinen 6 0. Geburtstag begeht. Ohne großes Brimborium, ohne Redeseuche, Ministerkomplimente und Ordens­klimpern wird der Tag vorübergehen, aber desto treuer, herz-

licher und dankbarer wird ihn die Gemeinde des Poeten feiern^ und sie ist zahlreich genug und erstreckt sich weit über Deutsch­lands Grenzen hinaus. Es war nie die Art Seidels, sich am Wege aufzuhaltcn und durch irgend welche Mätzchen die Augen der Menge auf sich zu ziehen, still und ruhig ging er seinen Pfad, mit sich, seinem Gott und einem guten Tropfen zufrieden, und er hat sein Ziel erreicht, besser und erfolgreicher, wie er es je in feinen Jugend- und selbst in seinen Mannestagen erhofft. Wer Seidels Lebensgang veffolgen will, der schlage in den bei Cotta erschienenen „Gesammelten Schriften", die einen präch­tigen Hausschatz bilden und das Richtige für Jedermanns jeg­lich« Stimmung bergen, die liebenswürdigen Schilderungen: „Bon Perlin nach Berlin" auf, wo man mit Behagen Nachlesen kann, wie der mecklenburgische Pastorssohn über eine schwere, praktische Lehrzeit, über die Gewerbe-Akademie, die Wöhlert'sche Maschinenfabrik und knifflige Jngenieurtünste hinweg bei der schönen Litteratur dauernd anlangte. Und da hat sich der Sechzigjährige seinen festen Platz erworben kraft der Wahr­heit und Klarheit in seinen Werken, kraft des sinnigen Humors und des tiefen Ernstes, kraft des innigen deutschen Wesens und der echten dichterischen Empfindung, die uns mit anmuthender Freundlichkeit aus jeder Zeile entgegenwehen, und, Gott sei Dank, trotz all der modernen Mache in Realismus, Symbolismus, Masochismus und was dazu die Kreuz und die Quer gehört oder sich mit selbstbewußter Anmaßung dazu zählt. Seidel hat unter dem Titel: „Was sich am Morgen meines 50. Geburtstages er­eignete" allerliebst berichtet, wie sich bei ihm zu früher Stunde an jenem Tage die Gestalten seiner verschiedenen Dichtungen glückwünschcnd nahten — nun, sie sind seitdem um manche ver­mehrt worden und Leberecht Hühnchen hat verschiedene Kon­kurrenten bekommen, alle Freunde Seidels aber hoffen, daß sie noch ferneren Zuwachs erhalten bis zum 70. Geburtstage ihres Poeten, und daß sich auch im nächsten Jahrzehnt des Dichters Wort.- "N ihm selbst erfüllen möchten:

„Ja, es giebt doch noch gute Dinge:

Nachtigallen, Rosen und Schmetterlinge,

Gold'nen Wein und rothen Mund

Und ein Herz, frisch und gesund!"-

Der 25. Juni hat übrigens für Berlin und Umgebung eine besondere Bedeutung. „Freude herrscht in „Hc c t o r s"