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Beilage 5mit Wiesbaüener Taglilnll.

Uo. 279. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag» de« 19. Juni.

50. Jahrgang. 1902.

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Undankbarkeit ßiebt es nicht für Den, der seine Wohl- thaten vergißt. Cacmcn Lylva.

tS5. Fortsctznng.)

Der Marfchallstad.

y onicn fett Nakkfer Kchuklc »ent Minks.

Das muthete ihn kalt an bei der Erwägung, daß ihm Hulda das ohtie jedes Bedenken persönlich hätte sagen können, und es bestärkte ihn in der Meiitung, daß bei der Freundin die kluge Ueberlegung sicherlich vor den Regun­gen einer warmen Freundschaft Raum gewonnen habe. Er dachte daran, ob es unter diesen Umständen nicht besser sei, ihr ba§ Geld, dessen Annahme sie ihm aufge­zwungen, zurückzusenden, um alle Brücken abzubrechen, aber als er sich ihrer ehrlichen Theilnahme erinnerte und sich ihre liebenswürdige Erscheinung vergegenwärtigte, kam ihm der Gedanke häßlich und grausam vor und mit einem nagenden Weh im Herzen entschloß er sich, diesen Dingen vorab ruhig ihren Lauf zu lassen.

Ein Glück war es für ihn, daß ihn seine geschäftliche Thätigkeit so sehr in Anspruch nahm, daß er zum Grübeln über solche Fragen wenig Zeit fand. Er trug sich mit dem Plane, seineRäume zu erweitern und drängte den Justizrath, daß dieser dem Gartenhaus wenigstens einen kleinen, durch Gesträuch leicht zu verdeckenden An­bau anfügen lassen möge. Der alte Herr sträubte sich lebhaft dagegen, obgleich sich Hans, der das Ganze lieb­gewonnen hatte, bereit erklärte, einen sehr ansehnlichen Miethpreis zu zahlen.

„Wenn's Ihnen zu klein wird, so miethen Sie doch einen größeren Laden in der Hauptstraße", sagte der Justizrath, als ihm der Miether wieder einmal Vor­stellungen machte. „Ihnen kann's ja nicht fehlen. Zwar Reserveleutnant sind Sie wegen Ihres Eisenwaaren- krämchens nicht geworden, aber der Säbel bringt Ihnen gewiß bald den Hoflieferanten ein. Wie schön das klingen wird: Hans Kaltenbach, Hoflieferant, fast so schön als: Kammerjäger."

„Der alte Demokrat spricht wieder aus Ihnen, Herr Justizrath", entgegnete Hans, ärgerlich über den Spott.

Ter Hausherr legte jedoch die Arme über die Brust zusammen, sah seinen Miether ruhig an und entgegnete: „Ich freue mich ehrlich, daß Ihre Sache Zug hat, aber wenn ich's so bedenke, wie das zusammen -kommt, will's mir fast zu kleinlich für Sie erscheinen. An diesem Messer fünfzig Pfennige, an jenen: gar zwei Mark, das

ist nichts-selbst eine Turteltaube, wie dieser Säbel,

kann mir nur durch die Arbeit imponiren. — Ihr ganzes Geschäft zerschlittert sich zu sehr ins Kleine und Klein­liche."

„Viele Wenige machen ein viel", entgegnete Hans.

„Papperlapapp, das mag eine gute Detailistenparole sein, ehrenwerth und zünftig — meinetwegen. Aber ein ordentlicher Feldherr kämpft mit Massen, nicht mit Einzelheiten. Ein Solinger Häppchen für zehn Pfennig einkanfen und für zwanzig verschachern, das versteht am Ende Jeder, und wenn er's geschickt anfängt, kann er­reich dabei werden. Na, meinen Segen haben Sie!"

Hans sah den alten Herrn einigermaßen verstäudniß- los an; jmer aber lächelte in seiner sarkastischen Weise

und entließ seinen Miether mit den Worten: „Ziehen Sie j sich ruhig-in Ihr Schneckenhaus zurück und denken Sie einmal über das nach, was ich Ihnen eben gesagt habe. Vielleicht kommen wir bald wieder auf das Thema." _—

Die Aeußerungen des Justizraths ließen in Hans eine Verstimmung zurück. Oft, wenn er seine Bestellungen nach auswärts zum Versandt fertig machte, oder wenn irgend ein gleichgültiger Mensch in seinem Laden er­schienen war, um einen großen Vortrag darüber zu halten, wie er für einige Groschen sein Messer oder seine Scheere geschliffen wünschte, war schon ein ähnliches Ge­fühl über ihn gekommen. Dann wollte ihm seine Sache höchst gering und alltäglich erscheinen. Es kostete Mühe, die Gedanken darüber durch den festen Vorsatz abzu­schütteln, sein Geschäft nach jeder Richtung auszubauen und die kleinen Formen zu verlassen, sobald es sich thun ließe. Nun hatte ihm der alte Herr, der ihm in allen Dingen so verehrungsvoll erschien, aufs Neue diese fatale Stimmung angeregt und Hans, konnte sie einige Tage nicht los werden.

Noch ehe er Meister über sie geworden war, erschien eines Morgens ihr Urheber in dem Laden, ließ sich von Hans in das Wohnstübchen. führen, schloß sorgfältig die Thür und setzte sich in den Schaukelstuhl. Behaglich wiegte er sich auf und nieder, wobei er Hans mit sinnen­dem Lächeln betrachtete.

„Womit kann ich Ihnen dienen?" fragte dieser nach einer Weile, als ihm das schweigende Anschauen peinlich wurde. Der Justizrath wiegte sich weiter und äußerte endlich: „Sie sehen noch so jung aus. .Wollen Sie mir einen Gefallen thun?"

„Gewiß, mit Freuden."

„Zinn, so lassen Sie sich — falls es eine gewisse Dame gestattet — einen Vollbart stehen. _ Sie scheinen ja einen guten Haarboden zu haben und ein blonder Backenbart macht sich gewiß ganz gut und verleiht Ihnen ein ge­setztes Aussehen."

Ter Alte mußte lachen über das fassungslose Er­staunen, das sich in den Zügen des Anderen ausprägte. Er forderte ihn auf, sich einen Stuhl heranzurücken und ihm zuzuhören. Vielleicht würde er ihn dann verstehen und auch das, was er neulich schon geäußert habe.

Als Hans neben ihni saß, Hub er an: „Sie kennen wohl die alte Firma Johann Heinrich Arnefeld Söhne?"

„Ein großes Exporthaus, das hauptsächlich in Stahl- waaren macht. Vor längerer Zeit starb meines Wissens der Chef."

„Dieselbe Firma meine ich. Halten Sie es für mög­lich, daß innerhalb eines Jahres ein solches, auf die solideste Grundlagen erbautes Haus fast zum Zusammen­bruch kommen kann?"

Hans machte eine Bewegung des Schreckens. „Arne- fcld Söhne? Das ist ja kaum zu denken!" rief er.

„Und doch ist es so, ganz unter uns bemerkt. Nernlins, der Schwamrn. ist in das alte, gute Haus ge­kommen, und zwar in Gestalt einesPremierleutnants und in der eines unverfälschten märkischen Junkers. Doch höre,: Sie zu. Arnefeld, mein guter Freund, laborirte an zwei adeligen Schwiegersöhnen, die ihm viel Geld kosteten. Ter eine spielte den Gutsbesitzer, der andere den Leutnant und Sportsman. So lange der Alte lebte, ging Alles noch gut. Er starb. Seine Wittwe und seine beiden Töchter erbten das Geschäft, das Baarvermögen

war meistentheils schon verpulvert. Es hätte nun Allel gut bleiben können, wenn die Erben nicht verrückt gewesen wären. Zunächst stießen sie dem langerprobten ersten Pro­kuristen, die rechte Hand Arnefelds, dermaßen vor den Kopf, daß der wackere Mann mit schwerem Herzen der; Sache den Rücken kehrte. Nun wollte der vorbenannte! Leutnant höchstselbst „Schwung in die verlotterte Wirth- schaft" bringen, wie er sagte. Er ließ sich einstweilen auf ein Jahr beurlauben; Schwager und Schwiegermutter begrüßten ihn als Retter und gaben ihm klein pouvoir, und nun wurstelte der tolle Kerl drauf los unter dey Devise, daß ein preußischer Leutnant Alles könne."

„Das ist ja ganz unglaublich!" warf Hans ein.

„Aber wahr", sagte der Justizrath. „Der Mann be- griff seine Sache. Er Versammelte das Dutzend Ange­stellte und hielt ihnen zunächst eine tüchtige Pauke, wohlunterrichteten Kreisen erzählt man, er hätte rrttt oe« Wort: „Leute!" begonnen. Die geschäftliche Prmktlrchc feit hörte auf, die militärische begann und anstatt dey Comptoicstunden hatten die Herren „Dienst". Nun, das war am Ende noch nicht das Schlimmste, wenn dev. günstige Herr nicht auch vom Exporthandel allzu viel ver­standen hätte. Er kaufte ohne Reim und Sinn große! Posten der unglaublichsten Dinge zusammen, wer! er sich einbildete, er hätte sie besonders billig erstanden und! könnte sie draußen günstiger absetzen. — Die Kunde von den Kaufmannsthaten des Leutnants schlugen hin uno wieder wie ein Echo an mein Ohr. — Aber der vielver­sprechende Herr beschränkte sich nicht auf seme merkantile Thätigkeit. ' Er ließ nebenbei seine Pferde laufen und soll beim letzten Rennen allein einige vierzigtausend Mark verloren haben. Die Gelder hat er natürlich alle aus dem Geschäft herausgezogen."

„Ist es denn möglich, daß ein Mensch sich so an ernem ehrwürdigen Hause versündigen kann!" rref Hans empört.

Der Justizrath zuckte die Achseln. .

„Ich hatte die Erbangelegenheit zu besorgen Damit war ich fertig. Die Frau meines Freundes habe ich spater mehrfach eindringlich gewarnt. Aber was kann man gegen einen solchen Schwiegersohn wohl ausrrchten? Das Verhängniß nahm eben seinen Lauf. Vor acht ^.agert kamen dann die glücklicheil Besitzer bei mir angeruckt un8 boten in ihrer Fassungslosigkeit einen wahrhaft kläglichen Anblick. — Ich glaube kaum, daß noch etwas zu wollenl ist Für die Erben ist gewiß nichts mehr herauszuholen.

Hans schüttelte bedauernd den Kopf und der altv Herr blickte eine Weile schweigend vor sich hin.

Seit jener Stunde bin ich alleiniger Mandatar , fuhr er nach einer Weile fort. „Der Leutnant wimmelt zwar noch im Hause herum, aber nnt einem Gesicht, wie das eines Katers, wenn's donnert. Es Ware zum Lachen, wenn's nicht gar so traurig wäre."

„Uiid was soll nun werden?" fragte San».

Darüber habe ich einige Tage reiflich nachgedacht. Anfänglich wollte ich einen gewerbsmäßigen Sachver- ständigen annehmen, der mir über die Lage de» Geschäfts, die ja amEnde mehr verwickelt als gefährlich ist, Klarheit verschaffen sollte. Davon bin ich aber abgekommen. >->cy habe einstweilen dem Herrn Leutnant dieHgnde gebunden lind nun — sitze ich hier in Ihrem «chaukelstuhl.

Steht das niit jener Angelegenheit m Beziehung, Herr Justizrath?" _ (ffotlfetsuuo folgt.)

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