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Ay. 277» RedaktünrS^fernfPrecher R». 52.

Mittwoch» drn 18. Imii.

VerlagS-FernfPrecher No. 2266.

1902.

Morgen -Ausgabe.

Ultthmls die UkdklivksAstiMiig dkl Kchlkl.

Zu dem Artikel, der sich in der Morgenausgabe vom 14. Juni mit der Nebenbeschäftigung der Lehrer befaßt, seien einem Glieds des Standes die folgenden Be­merkungen gestattet. Es soll zunächst festgestellt werden, daß die Ausführungen die Zustimmung von nahezu der gesammten Lehrerschaft ge­sunden haben und finden werden. Unrichtig dürste nur der Satz sein: „Jedenfalls ist, von Aus­

nahmen abgesehen, der Lchrer heute bereits besser ge­stellt wie jeder Beamte und jeder Gewerbsmann, dessen Ausbildung die gleiche Anstrengung und die gleichen Lasten verursachte." Wären die Thatsachen nicht gerade umgekehrt, also die „besser gestellten" Lchrer die Aus­nahme, dann würden bei der gegenwärtig herrschenden Ucherfüllung in fast allen anderen Berufsarten nicht über 2000 Lchrer in Preußen fehlen. Es muß also trotz der „wenigen" Unterrichtsstunden und der „vielen" Ferien im Lchrerberufe Manches geben, was ihn nicht be- gchrenswerth erscheinen läßt. Doch das nur nebenbei.

Cs wird in jenem Artikel zugegeben, daß nur ein Bruchtheil der Lehrer gewerblich thäüg ist, allein da es bekanntlich auch große Brüche gicht, so verlohnt es sich, der Privatthätigkeit der Lehrer einmal auf den Grund zu gehen. Fassen wir zu dem Zwecke die Per- hältnisse in unserem Regierungsbezirke, also den wesent- lichsten Theil des Leserkreises vom Wiesbadener „Tag- blatt", ins Auge. Vor 25 Jahren noch trieben die imeisten verheiratheten Lehrer auf dem Lande Qekonomie. 'Das war eine Nothwendigkeit, denn die Gchälter waren .zum Unterhalt der mitunter zahlreichen Familien zu knapp und Hunger thut bekanrrtlich auch den: Schul- lchrer wehe. Aus dem Grunde hatte auch die Behörde nichts gegen diese Nebenbeschäftigung, wußte ihr sogar noch ein anständiges Kleid anzuziehen, indem sie darauf hrnwies, daß mancher Lchrer auch als Landwirth vor­bildlich auf dem Dorfe wirken könne. Heute sind die „bauernden" Lchrer nur noch schr selten zu finden. Die steigenden Anforderungen an die amtlichen Leistungen machten diese Nebenbeschäftigung unmöglich: die besseren Besoldungsverhältnisse machten sie überflüssig. Nahe 'verwandt mit Landwirthschaft ist die Obstbaum- und die Bienenzucht. Beide Beschäftigungen wurden bisher von 'der Schulbehörde den Lehrern vielfach empfohlen und zwar wegen ihrer kulturellen Bedeutung. In der Gegenwart gehört die Obstbaumzucht in das Gärtnerei- geteerie, und wenn man hört, daß es hier und da Lchrer geben soll, welche diese Nchenbeschäftigung so ausgebaut haben, daß sie auf dem Obstbaummarkt den Gärtnern Konkurrenz machen können, so ist das entschieden zu miß­billigen, kann er doch lercht den Preis drücken, da ihm die

Gemeinde die Baumschule unentgeldlich zur Verfügung stellt; auch liegt die Gefahr nahe, daß die größeren Schul­kinder noch zu anderen Dingen als zum Unterricht in der Obstbaumzucht in der Baumschule herangezogen werden. Eine häufige Nchenbeschäftigung der Lchrer an kleineren Orten war früher die Uebernahme von Versicherungs- Agenturen und gerade auf diesem Gchiete haben sie eine schr wichtige soziale Aufgabe erfüllt, indem sie dem Versicherungswesen besonders auf dem Lande den Boden bereiteten. Gegenwärtig haben die betreffenden Gesell­schaften zumeist Berufsagenten und es dürften auf diesem Gebiet kaum noch Klagen über allzu eifrige Thätigkeit der Lehrer gehört werden. Es bliche auf dem Lande und in kleinen Städten noch die Nebenbeschäftigung in den Vorständen von Konsumvereinen und Genossenschasts- kassen übrig. Kein Mensch wird es tadeln, wenn Lehrer hier ihre Kraft einsetzen, um ihre Mitrnenschen wirth- schaftlich zu kräftigen, und wo sie zu diesem Zweck einmal ein bezahltes Amt übernehmen, da ist gewiß keine andere geeignete Person auszufinden.

Wie sieht es nun in der angeschnittenen Frage in der großen Stadt, besonders hier in Wiesbaden, aus, denn gerade auf hiesige Verhältnisse stillen doch wohl die Ausführungen zugeschnitten sein? (Sie treffen zwar in Vielem auch für hier zu,behandeln aber die Frage rein ob­jektiv im Allgemeinen. D. R.) Alle die genannten Nebenbeschäftigungen fallen hier von selbst weg, abge­sehen von zwei Lebensversicherungsagenten, die im Dienste der Lchrerschast stehen, weil sie für eine Gesell­schaft arbeiten, mit welcher der deutsche- Lehrerverein vertraglich verbunden ist. Abgesehen von den wenigen Volksschullehrern an höheren Lehranstalten und den nebenamüich an der Gewerbeschule vorläufig noch be­schäftigten Lehrern — letztere werden durch festangestellte Gewerbeschullehrer demnächst überflüssig-— werden von Volksschullehrern verschwindend - wenig Privatstunden gegeben. Doch Privatstunden gestattet der Verfasser der '„freien Zeit" und ich will ihm an-djpsG^Aelle nur sagen, daß ein Wiesbadener Lchrer, der in dreißig wöchentlichen Unterrichtsstunden vor eurer Klasse von 60 Schillern seine Schuldigkeit voll und ganz gethan hat, im Durch­schnitt gar keine Kräfte mchr besitzt für Privatunterricht. Man findet diesen deshalb auch nur in den Händerr von Lehrern, welche in den sogenannten besten Jahren stehen und die meist größere Ausgaben für die Erziehung ihrer Kinder zu machen haben. Mt dem Schreiber dieser Zeilen wünscht der größte Theil der Wiesbadener Lehrer­schaft den mit Privatunterricht bedachten Amtsgenossen gänzliche Befreiung von dieser natürlichsten Neben­beschäftigung, die allgemein als drückendes Joch empfunden wird. Da lobe ich mir doch in der freien Zeit eine’ leichte Beschäftigung im Garten, und thatsächlich haben zahlreiche Lehrer zu diesem Mittel gegriffen. Eine gewerbliche Schädigung für die Gärtner dürfte darin kaum zu finden sein; wenn der Privatmann und der

Lehrer seinen übrigen Salat oder seine Bohnen zu Markt bringen kann, dann haben sie einen Preis, daß der Gärtner sie darum nicht beneidet. Nebeneinnahme er- ziAen viele Lehrer auch durch den Besitz eines Hauses, Ein eigenes unkündbares Heim zu besitzen, ist doch eine schöne Sache. Sollen sich die Lehrer derselben ent- schlagen, weil vielleicht einer oder der andere als Haus­besitzer der unheiinlichen Boden- und Häuserspekulation verfällt, die sich gegenwärtig in fast allen Großstädten breit macht? Sollen die zwei Lehrer, die sich zu ihrer Freude ein eigenes Heini erbauen ließen, sich diese Freude verderben lassen dadurch, daß vielleicht ein Dritter durch Gewinnsucht, vielleicht auch durch Großmannsucht ge­trieben, dem Gewerbestand ein Aergerniß giebt? Diese Ausführungen mögen zur Genüge beweisen, daß die in dem erwähnten Artikel gemachten Behauptungen nur auf einen verschwindenden Bruchthell der Lehrerschaft zutreffen. Dankenswerth ist aber immerhin die Aus­führung auch für jeden Lehrer. Zeigt sie doch die er­freuliche Thatsache, daß man das Amt eines Lehrers immermehr als ein Ehrenamt betrachtet, daß man cm seine Glieder höhere sittliche Anforderungen stellt. Das ist nothwendig, wenn die Erziehung gedeihen soll. Unser Schild muß blank sein, und daß das erreicht wird, dazu muß jeder Einzelne mithelfen.

Ausland.

* Oesterreich-Ungarn, lieber die Stärkeverhältniffe des Mutschthums und TscheAnthums in Böhmen geben folgende amtliche Ziffern Auskunft. Darnach sind von den 110 Schulbe­zirken Böhmens nur noch 21 rein deutsch, voriges Jahr waren ihrer noch 22. Sehr betrübend gestalten sich die Verhältnisse, im Brüxer Bezirke. Dort sank die Zahl der deutschen Kinder im letzten Jahre von 11,640 auf 11,161, während die tschechischen von 2182 auf 2384 stiegen. Im Teplitzer Bezirk gab es im Vor. jahre 11,719, Heuer 11,907 deutsch« Kinder. Me tschechischen stiegen aber von 1340 auf 1440. Ersten vermehrten sich um 11/2 vom Hundert, letztere um 7 vom Hundert. Prag hatte 1901 5691, heuer 5876 deutsche Schiller. Auch in Saaz stirer die Tschechen von 565 auf 784, fielen dagegen in Aussig von 171 auf 107, in Reichenberg von 488 auf 473, in Trcmtenau von 218 auf 216. Der Schulbezirk Teschen hat 17,130. Aussig 17,505, Reichenberg Stadt 3867 deutsche Kinder. Im ganzen Lande stiegen die deutschen Kinder von 406,712 auf 408,493, die tschechischen aber von 666,338 auf 674,317.

* Großbritannien. Ein recht nettes Bild der mikitärll, schen Zustände Englands geben die Berichte von einer schon ge­meldeten Revolte in der Milllärschule von Sandhurst, die jetzt erst bekannt wird. Die Verwaüung der Kadcttenschuie hak über die Vorgänge in der Anstalt während der abgelcmfenen Woche folgenden bezeichnenden Bericht erstattet: Schon seit vier. Wochen folgte eine Brandfttftung der anderen. Me fanden in den Kammern der Kadetten statt, von denen zwei vollständig ausbrannten, und nahmen ihren Ursprung in den Kleider-

Fenilleton.

WMlser Km». 1 . MMc-AnMms M2.

Die Textil-Jndustrie.

Das Wort „Textil-Jndustrie" stellt einen ziemlich umfassenden Begriff dar. In erster Linie denkt man dabei natürlich an die Erzeugnisse der Weberei, so weit sw für Bekleidungszwecke in Frage kommen. Die mensch- liche Kleidung ist indessen nicht annährend das einzige Absatzgebiet für gesponnene Garne und für gewebw Stoffe. Man rechnet zum Beispiele hierher u. A. auch die mehr neuzeitlichen Erzeugnisse der Jute, alle Gebilde aus Hanf, ja sogar Roßhaargespinste werden m den Be­griff Textllien hineingezogen. Die Frage, wo und wann zuerst die Menschen sich der Kunst des Webens und Spinnens bemächtigt haben, ist wohl nicht definitiv zu be­antworten Unwillkürlich aber wird man gerade bei dem Besuche der Textil-Abthestung der Düsseldorfer Aus­stellung in die Zeit zurückversetzt, wo cs.noch keine Kunst des Webens und Spinnens gegeben hat. Die unendliche Mannigfaltigkeit der neuzeitlichen Leistungen, das eriü- lose Jneinandergreifen der verschiedenen menschlichen Arbeitsgebiete drängt unüriÜkürlrch die Frage auf, was wohl aus der Welt und* aus der Menschheit werden würde, wenn heute urplötzlich alle Draschinen vom Erd­boden verschwänden rmd inan zu den prrmittven Hulfs- mitteln der Urzeit zurückgreifen müßte. Man stelle sich einmal vor, was wohl die Menschen, die vor etwa fünf - oder sechshundert Jahren lebten, gesagt haben würden, wenn man sie vor einen Webebaum von zehn Meter Breite stellte, der ein Gewebe aus hundert Meter langer Kette mechanisch herzustellen vermag. Ein einziger Arbeiter genügt, um diesen RiesenwÄbstuhl zu bedienen, mW zwar liefert er noch obendrein ein gemustertes ^ilz- grwebe. In Thätigkeit sieht man ihn im Gebäude der Rheiniich-Westfälischcn Webereibesitzer, das in der Nahe tder großen Jndusrriehalle, auf der Linie der Gute­

hoffnungshütte etwa, gelegen ist. Das riesengroße Filzgewebe, das dieser Webstuhl liefert, wird m der Papierindustrie zur Herstellung gemusterter Papiere be­nutzt. Neben diesem Filzwebstuhl ist in dem genaniiten Gebäude noch eine ganze Reihe anderer Webstühle thätig; man sieht da Jacquardstühle der verschiedensten Art mit ihren senkrechten Ketten im Betrieb; man sieht, wie auf besonderen Maschinen die Ketten geschoren werden, die später auf die mechanischen Webstühle aufgezogen werden u. A. m. Vor Allem aber sieht man sich auch schon hier umgeben von mannigfaltigsten Erzeugnissen moderner Webekunst. Langhaarige, geschmeidige Filzdecken von einschmeichelnder Weichheit, mit allen erdenklichen Ju- gendstilmustern bedeckt, beleben hier die Emporen der linksseitigen Längswand. Sie stammen zumeist aus der Wollspinnerei Nordwalde, die einen ungeniein umfang­reichen Betrieb auf diesem Gebiete zu bewältige,: verinag. Weiterhin an der linksseitigen Schmalwand, wie auch an der rechten Längsseite ist fast durchweg alles mit Er­zeugnissen der Firma Noß L Lucas, Elberfeld bedeckt. Hier haben wir es vor allen Dingen mit Möbelstoffen zu thun, die sich natürlich in der Musterzeichimng durchaus dem modernen Geschmack anpassen. Meistens sind sie für Sitz und Lehne übereinstimmend gewebt, das heißt die Stoffbreite ist einmal für den Sitz mit einem liegend ge­zeichneten Muster gefertigt und dann für die Lehne mit einen, aufrecht stehenden, >vobei dann häufig Pflanzen- motivc in der Weise benutzt werden, daß die Wurzel­gebilde das Muster des Sitzes abgeben, während auf der Lehne die Stengel und Blätter in vollentwickelten Blüthenmotiven ausklingen. Die Farbenstellung ent- spricht natürlich auch dem modernen Geschmack oder dem, was man für den modernen Geschmack hält. Viel­leicht würden manche Ergebnisse künstlerisch noch be­friedigender ausfallen, wenn die Herren Unternehmer sich von der Theorie der Moderne mehr freizumachen ver­ständen und ihren eigenen Geschmack walten ließen. Be­sonders gut sind die Kurbelarbeiten ausgeführt, von denen die genannte Firma eine ganz beträchtliche Anzahl

von Proben liefert. Außerdem findet sich in diesem Ge­bäude an fertigen Geweben eine reichhaltige Kollektion, von Tuchstoffen der Firnia Leo Deckers in Aachen. Der­artige Kollektionen wirken natürlich auf das Auge des- Laienbesuchers immer etwas eintönig und uninteressant: indessen muß zugegeben werden, daß eben dieses Laien­auge trotzdem an der hier gewählten Ausstellungsart Vergnügen finden kann; es sind namentlich auch feine Dainentuchc von hervorragend schöner Tönung und von hoher Vollendung des Glanzes oder Schimmers vor­handen. Einen vollwerthigen Begriff von den Schön­heitsmöglichkeiten der schimmernden Wolle erhält man aber erst bei dem Besuch der Textllabtheilung des Haupt-' Fndustriegebäudes. In langausgedehnter Reihenfolge hat man hier die mannigfaltigsten Farbenstellungen der Luchgewebe vor Augen, und zwar sind die meisten in einer dem Auge sehr wohlgefälligen Art nach Schattirungen abgestuft, und die Uebergänge von einem Farbenton "zum anderen bilden ein reizvolles Wechsel­spiel, da von jedem riesigen Stück Tuch immer nur ein schmaler Streifen sichtbar wird, den sofort ein zweiter^ dritter, vierter Streifen in verwandter Farbentönung ablöst. Es ist dies die Sammelausstellung der Rheinischen Tuchfabrikanten, deren Leitung in den Händen des Geheimen Kommcrzieurathes Carl Delius liegt. Jeder dieser vereinigten Tuchfabrikanten pflegt, wie sich denken läßt, neben den allgemeineren Tnchartikeln seine be­sondere Spezialität. Im Vordergründe des Interesses stehen naturgemäß bei allen die Anzngstoffe für Herren. Man hat da Gelegenheit genug zu beobachten, daß. schließlich auch die Herrenmode alle erdenklichen Unter­schiede und Raffinements aufweist, wie sie vorgeblich immer nur zum Besten der weiblichen Eitelkeit von der Industrie gepflegt werden. Für das weibliche Gemütl, wird die Abtheilung C. DeliuS, Aachen, stets eine der an­ziehendsten bleiben, denn hier kann man schon entdecken, welche Neuheiten auf dem Gebiete der Damentuche und Tamenmäntelstoffe für den kommenden Winter bevor­stehen; natürlich sind außerdem auch Streich- und Kamm-

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