Seilaae mm Wiesbadener Tagklatt.
r. 277 ♦ Morgen-Ausgabe.
Mittwoch, de« 18. Juni.
50. Jahrgang. 1902.
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Ü Reißt den Menschen aus seinen Verhältnissen: und was ^
<| er dann ist. nur das ist er. - Seume.
(84. Fortsihm g.)
Der Marschallstab.
8"oircn ron Mafffcr Zchnfte vom Z-irüff.
„Meinethalbeu!" stimmte der Freiherr zu. „ Sie !hun gerade, als ob Ihre Klinge sich wesentlich von andern unterscheide. Gehen wir also."
Hans nahm das Packet, sowie ein paar feste Reithandschuhe an sich und ging mit dem Offizier das Gäß- chen entlang, tim von der Straße durch das Hauptportal der Kaserne nach der Schmiede zu gelangen.
„Wo schleppen Sie mir denn meinen Miether hin, Rittmeister?" tönte da plötzlich die Stimme des Justizraths. der des Weges kam.
Herr von Hutten lachte. „Wer weiß, was aus Ihrem Gartenhäuschen für Wunder hervorgehen, Herr Justizrath", rief er. „Unser Freund Kaltenbach will dem Schwertzauberer Mime Konkurrenz machen."
„Das möchte ich sehen", meinte der alte Herr inter- essiitt. „Ist es gestattet, als schlichter Civilist die geheiligten Räume zu betreten?"
„Ein Mann, der mit dem Schwerte der Themis gegürtet ist! Es wird der Kaserue zu Ehren gereichen", erklärte der Rittmeister verbindlich und gab dem Justizrath den Vortritt.
Als sie in der Schmiede angekommen waren, befreite Hans die Klinge von ihrer Papierhülle und ließ den blank polirtcn Stahl im Lichte flimmern.
„Sie scheint wohlgerathen", meinte der Freiherr. „Die Blutrinne hat eine schwungvolle Rundung und der Rücken ist, wenn auch bleifederdick, doch in seinem dreikantigen Schliff zierlich geformt. Wenn die Gravrrung und die Vergoldung gut ausfallen, ist wohl kaum etwas daran auszusetzen, lind scharf ist sie, den Teufel auch!"
„Das muß ja sein. Die Herren, erinnern sich der Sage von Siegfrieds Schwert, das ein Flöckchen Wolle zertheilte, wenn es die Fluth gegen die Schneide trieb."
„Natürlich, war ein verflucht schneidiger Säbel! Ist freilich heutzutage nichr mehr nothwendig", sagte der Rittmeister, und indem er die Klinge am Angel ergriff, sie gegen einen Amboßklotz stemmte, und sie nach rechts und links ausbog, meinte er wohlgefällig: „Auch an
Elastizität läßt sie nichts zu wünschen übrig. Sie haben sich, wie ich nicht anders erwartete, das beste Material ausgewählt."
„lind den besten Schinied im ganzen bergischen Land zu finden gewußt, Herr Rittmeister!" fiel Hans mit Stolz ein. Dann nahm er denr Offizier den Stahl aus der Hand und erklärte: „Man braucht nicht so schonend mit der Klinge umzugehen, sie kann schon etwas vertragen."
Mit diesen Worten zog er sich schnell die Handschuhe über, ergriff den Stahl an der Spitze und am Angel und bog ihn mit aller Kraft cnge um seinen Leib.
„Sie werden sich verletzen", rief der Justizrath be prgt, und gleichzeitig schrie der Freiherr: „Sind Sie des Teufels, Kaltenbach! Ein Säbel ist doch kein Leib
riemen. Sie werden das Ding verbiegen oder zerbrechen." .. „ .
„Wenn es nicht so großartig gehärtet Ware , sagte Hans und seine Augen leuchteten. „Fünf Klingen von gleichem Stahl haben diese Probe nicht ausgehalten. Endlich ist's mit dieser geglückt."
Er trat einige Schritte zurück und ließ die Klinge los, den Angel fest in der Hand,haltend. Wie eine Schlange, mit zischendem Laut, fuhr die Klinge zurück und schwankte und zitterte noch eine Weile in der Hand, worauf ste Hans, zwischen zwei Fingern balanzirend, lächelnd dem Offizier vor die Augen hielt, der prüfend darüber hm- blickte.
„Teufel, noch so gerade wie ein Lineal!" rief dieser voll Staunen und auch der Jusfizrath äugte darüber hrn und schmunzelte vergnügt.
„Nun kommt die ziveite Probe", erklärte Hans. „Jetzt muß sich zeigen, ob das Schwert auch beißen kann, ohne seinen Zähnen wehe zu thun."
Er ließ sich von einem der rußigen Oekonomiehand- werker, die der Probe verwundert zugeschaut hatten, einen eisernen Hufnagel geben und legte ihn auf den Holzklotz des Ambosses. .
„Lassen Sie genug sein des grausamen Spiels. Wär' schade, wenn der Klinge etwas Menschliches widerführe", mahnte der Justizrath.
„Was ich liefere, muß seine Probe aushalten können. Schlimm genug, daß ich es nicht riskiren darf, wie der Held der Sage diesen Amboß zn zerspalten", äußerte der junge Mann, hob die Klinge, deren Angel er zum bequemeren Griff mit seinem Taschentuch umwickelt hatte, und schlug alsbald mit einem pfeifenden Hiebe dm Nagel dicht unter dem Kopf glatt durch, so daß die beiden Stücke surrend in der Schmiede umherflogen und das eine sogar eine Fensterscheibe zertrümmerte. Der Stahl aber fuhr tief ins Holz.
„Wenn der Herr Rittmeister die kleinste Scharte findet, behalte ich die Klinge!" rief Hans und seine Wangen glühten vor Freude. Aber die Waffe hatte auch diese Probe glänzend bestanden.
„Ganz verflucht schneidiger Säbel!" lobte der Freiherr, den Stahl verwundert betrachtend. „Eigentlich ein Skandal, daß er sein Dasein harmlos im Waffenschranke verträumen soll. Er schneidet ja fast von selber. Die Kameraden werden's kaum glauben, wenn ich's erzähle. — Na, Leute, Ihr habt's ja wohl alle gesehen? Ihr könnt's bezeugen", wandte er sich an die Schmiede.
„Zu Befehl, Herr Rittmeister!" antworteten sie im Chor, und der Justizraih erklärte lächelnd, im Nothfalle wolle er's amtlich auf einem Stempelbogen bestätigen. ,
Hans wickelte seine Klinge wieder ein und die drei Herren verließen die Schmiede. Als sie auf der Straße standen, sagte der Justizrath: „Ich bin ein alter Mann und habe schon Vieles gesehen. Aber wenn ich jemals etwas recht Tüchtiges sah, hatte ich immer das Empfinden, als müsse ich es durch ein Trankopfer noch einmal besonders weihen. Was meinen die Herren zu einem gemeinschaftlichen Opfer? Ich lade Sie zu einer Johannisbergerin ein."
Wer könnte solcher Liebenswürdigkeit und einem stadtberühmten Weinkeller widerstehen? Also, lieber Kaltenbach, gehen wir mit!" rief der Rittmeister, und bald saßen die drei im Zimmer des Justizraths und die
köstlichste Blume des Rheingaues diirchduftete daS Gemach. t
„Alle tüchtigen Leute sollen leben!" sprach der alt« Herr. Die Gläser klaiigen und dann, nachdem er mir dem ganzen Behagen der Kennerschaft den Trank geschlürft, firhr der Justizrath mit seinem feinen, halb, wohlwollenden, halb ironischen Lächeln fort: „Nnse«
junger Freund hat einen vielvecsprecheiideii Anlauf gv« nommen. Er besitzt ein nettes Stahlwaarenkränichen^ er liefert das beste Schwert seit der mythischen Balmung und verehrt mit Glück die interessanteste Kunstnovize, welche wir jemals hier sahen. Was meinen Sie zu diesem bergischen Knaben, Herr Rittmeister?" . ^
Hans erröthete ob dieser Rede, der Freiherr jedoch wiegte den Kopf und entgegnete, indes der Schalk aus. seinen Augenwinkeln lachte: „Das sind bedenkliche Geschichten, aber ich, als sein früherer Eskadronchef, will 3 dennoch bekennen, daß Herr Kaltenbach ein wackerer Kamerad ist, — wenn er auch nicht den Reserveleutnant
spielen darf." -
„Auf dieses entsetzliche reichsburgerliche Manko, wollen wir aber noch einmal ganz besonders cinstoßen , forderte der Justizrath auf, und belusttgt folgte der Rittmeister, mit einiger BeklommenheitHans dieser satirischen Anregung.
36. .
Der Ehrensäbel war zur größten Zufriedenheit des Auftraggebers fertig geworden. Haus erwirkte sich dro Erlaubniß, ihn einige Tage im Laden des Goldschmieds Ritter, der die Herstellung des Griffes m vollendeter Weise besorgt hatte, und dann in seinem eigenen Geschäft zur Schau zu bringen. Und als die herrliche Waffe aus einem Hintergründe von dunklem Tuch in seinem >schau- fenster hing, so ausgestellt, daß man auch die vornehme Gravirung und Vergoldung der Klinge erkennen konnte, da fand fick zu Zeiten eine so große Zuschauermenge ein, daß der Verkehr in dem Sträßchen gehindert war
Die angesehensten Blätter brachten eingehende Be- trachtungen über das Kunstwerk: eine große illusirirt
ffeituna veröffentlichte sogar eine Abbildiing, begleitet von einem Aufsatz unter dem Titel: „Ein Mesiten u bergischer Waffenschmiedekunst", und ehe Hans sich dessen versah, war er, sehr zum Aerger der^nhaber von Militar- effektengeschäften und Stahlwaarenhandlungen, der ge- suchteste Lieferant für blanke Waffen und feine Schneide- waaren. Zugleich erhob sich sein Versandtgeschäft,m erfreulicher Weise, und der Namensstempel der lungen Firma mit dem Zeicheii des Marschallstabs gewann An-
H^Hans befand sich öfters in einem förmlichen Rausch des Erfolges. Die Anerkennung, die er erntete, spornte ihn zur regsten Tbätigkeit an. Eines aber Wummerte ihn und bereitete ihm manche trübe Stunde. Er glaubte den Gedanken an den Besitz Huldas überwunden zu haben, und mit großer Selbstbeherrschmig widerstand ec der Versuchung, das , Mädchen aufzusuchen, um. den uv sein Serz so schmerzlichen und gefährlichen Verkehr vielleicht reger zu gestalten. Aber hätte Hulda bei Gelegenheit der Ausstellung des Ehrensäbels nicht bei chm vor- sprechen können? Nur ein zierliches Kärtchen mit Gold schnitt war eingetroffen, worauf sie mittheilte, daß s e das Meisterstück im Schaufenster des Herrn Ritter go- sehen habe. Sie wünsche Glück zu dem Erfolg.
- (Fortsetzung folgt.)
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