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Nr 160. Dienstag, 13. Juli. 1915.
(2. Fortsetzung.! $J*OU H6(!S lTÖd)tCr, < Nachdruck verhüten.)
Roman von Emma Hanshofer-Mcrk.
Mit einem heimlichen Seufzer stand er auf und schlenderte rauchend in den Wald. Für ihn war es ja schon Glück, wieder einmal Tannendust zu riechen, die hohen Wipfel über sich rauschen zu hören, aufzuatmen in der reinen Bergluft. Ein paar alte Verse glitten ihm durch den Kopf:
Deine tiefen, tiefen Schauer, o Waldesruh,
In meine Seele senke und träufle, du!
Wer er fand das Gleichgewicht, den Frieden nicht, «nach dem er suchte; es wollte ihm nicht gelingen, sich das Herz frei zu machen von Sorge. Nie hatte er es «noch mit so grau sinne r Klarheit empftinden, welche Blenderin und Verführerin die Liebe ist!
Die reizvolle Ada Wagner, die gefeierte Naive vom Deutschen Theater, wie hatte sie ihn einmal bezaubert! Wie selig war er gewesen, als er sich das holde Geschöpf errungen, erkämpft!
Und was war geblieben von der großen Leidenschaft? Nur eine Kette, die er lebenslang nachschleifte! Leopardi hatte recht, „II grau ingannol" nennt er die Liebe. Den großen Betrug!
Don Jahr zu Jahr wurde ihm das Komödiantentum, das seiner Frau im Blute steckte, verhaßter; immer fremder wurde er in seinem Heim, in dom er so selten Ruhe fand für seine müden, abgehetzten Nerven.
Wenn nur die Sorge um die Kinder nicht gewesen wäre! Auf eigenes Glück hatte er ja längst vernichtet. Aber seine Töchter, sein Sohn, wie sollten sie den Nötigen Lebensernst, Pflichttreue und Charakterstärke gewinnen in dieser Vergnügungsjagd, neben der sichernden, albernen Mutter?
In den Händen der Mutter lag heutzutage mehr denn je die Erziehung der Kinder, da den Männern keine Zeit für die Familie übrig blieb! Aber welcher junge Mensch denkt bei seiner Wahl an die ungeheure Verantwortung, die er einmal auf die Gefährtin übertragen muß?
In dem düsteren Nachdenken war er weitergegangen durch den Wald. Da fiel sein Blick auf das Paar, das Arm in Arm in sehr innigem Gespräch, wie es schien, auf und ab wandelte. Seine Felicitas! War das eine verliebte Gesellschaft hier draußen!
„Papa! Papa!" rief das junge Mädchen, freudig auf ihn zueilend. „Darf ich dich bekannt machen: Oberleutnant von Fahrenstein."
Der Offizier drückte dem Arzt, den er noch nicht kannte, dem er so unvermutet gegenüberstand, mit erregtem, fast ettvas verlegenem Gesicht die Hand. Dieses ernste, gütige Gesicht erweckte ihm tiefe Sympathie, und es war ihm wie eine Befteiung, wie ein Glück, daß Felicitas ihrem Vater glich.
„Wir geh'n wohl wieder zurück zu den andern!" sagte Dr. Robertus mit ruhiger Bestimmtheit, in der ein leiser Vorwurf über die Vereinsamung der beiden lag.
Als sie an das Forsthaus kamen, brachten eben ein paar Jäger einen großen Hirsch mit mächtigem Geweih,
der stolz und majestätisch auf dem Karren lag, mit einem Sonnenstrahl auf den offenen, braunen Lichtern.
„Das arme Tier!" rief Felicitas mitleidig. Aber Graf Warsberg, der, selig über seinen Schuß, dm Jägern folgte, lächelte stolz und freute sich, hier Zuschauer zu finden bei seinem triumphalen Einzug mit der königlichen Beute. Er stellte sich der Gesellschaft por und ließ sich zum Kaffee einladen, was Frau Ada ihre gute Laune wiedergab, die ihr böser Mann ihr verdorben hatte. Eine aristokratische Bekanntschaft, ein Graf, den sie vielleicht in der Stadt zu ihrem Jour einladm konnte, das war doch sehr nett!
Dr. Robertus gab sich nun alle Mühe, seine Verstimmung zu verbergen und ein freundliches Lächeln zu erzwingen, als er wieder am Tische Platz nahm. Aber er mußte doch bald zum Aufbruch mahnen.
„Ich fahre mit dem Abendzug wieder wog, Ada!" sagte er, seine Uhr ziehend.
„Ach, wie ungemütlich!" warf sie hin. Doch auch Sollinger fand, daß es kühl wurde und daß man heimfahren müsse.
Robertus winkte Dr. Dornberg zu sich.
„Ich möchte, daß Sie sich zu mir setzten, lieber Dornberg! Ich habe allerlei mit Ihnen zu besprechen."
Es gab keine Widerrede gegen eine so bestianmte Aufforderung. Aber Dornberg warf einen verzweifelten Blick zurück auf die schlanke, hohe Mädchengestalt mit dem i nattrosa Seidentuch und dem kecken Hut auf dem braunen Kopf. Martern der Eifersucht litt er während der stundenlangen Fahrt! Manchmal war es ihm, als müßte er aus dem Wagen springen, ihr ent- gogeneilen, sich überzeugen, ob sie mit keinem andern lachte, ob keiner ihr zu tief in die Augen blickte.
Dr. Robertus schien das zerstreute, aufgeregte Wesen seines Schülers nicht zu bemerken; aber er sagte mit ganz energischer Bestimmtheit:
„Es ist nun Zeit, daß Sie wieder zur Arbeit znrück- kehven, mein junger Freund! In dem Spital in Hamburg können Sie sehr viel lernen, und ich meine, Sie sollten sich die Stelle nicht entgehen lassen!"
Dornberg dankte für die Empfehlung, für das gütige Interesse, aber er war totenblaß, und seine Stimme klang tonlos.
Der Leiterwagen kam nur langsam vorwärts. Man fand das Schütteln und Rütteln aus dem steinigen Wog nicht mehr spaßhaft, das Sitzen auf den schmalen Bänken nicht mehr so lustig wie am Morgen. Als man an den Spitzingsee kam, stand der Mond schon so hpch, daß die Berge und Hügel und Wälder wie in zarten Duft aufgelöst schienen, und das Tal wogte und schwamm in hellem Glanz.
„Wir wollen lieber zu Fuß laufen, als hier im Wagen zu frieren!" schlug Sollinger vor, der für seine Stimme besorgt toar.
Alles freute sich über diese Idee. Es war wirklich kalt geworden und «man schnte sich, die steif gewordenen Beine zu bewegen.
