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so. Jahrgang.

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267. RebaNim^Frrufprrcher 8b. 52. Donnerstag, den 12. Juni. Berlar-Fernsprecher No. 2266 . 1902.

Morgen »Asasgabe«

ErVerdschArge Krüppel.

Von Theodor Rnhemann.

Me dänische Hauptstadt besitzt unter allen europä rschen Großstädten die vorzüglichste ovganisirte Armen- und Krankenfürsorge. Es soll in der Stadt nicht einen einzigen Bettler geben. Einzig in seiner Art ist das .Ärüppelheim" in der dänischen Königsstadt.

Ein großes, in angenehmen Formen erbautes Ge- bäude liegt inmitten eines sorgfältig gepflegten Gartens.

Aber schon der Pförtner läßt uns erkennen, wo wir uns befinden. Der Mann, ein mit frischen Blauaugen lustig in die Welt blickender Graubart, ist buckelig, hat nur ein Bein, das noch dazu lahm und mit Bandagen ver­sehen ist, und auch nur eine Hand zur Verfügung. Er ist ein früherer Eisenbahnarbeiter, der bei einem Eisen­bahnunfall fast an allen Leibestheilen zerschunden und Zerschlagen wurde und von Glück sagen kann, daß aus dem zerquetschten Fleischklumpen, den er nach der Kata­strophe darstellte, überhaupt noch wieder ein verhältniß- mäßig gesundes Menschenkind von den Aerzten zu- sammengeflickt wurde.

Im Innern der den Anstaltszwecken dienenden Räume und Baulichkeiten treffen wir nämlich nur einen emsigen Nichtkrüppel: den Direktor oder Inspektor. In liebenswürdigster Weise ist er bereit, uns nähere Aus- Müsse über die Anstalt zu geben und uns durch die .Räume zu führen.

Wir erfahren zunächst, daß das Krüppelheim von zwei privaten wohlthätigen Vereinen unterhalten und betrieben wird. Der eine dieser Vereine hat dadurch eine Jahres-Ausgabe von 60,000 Kronen, der andere eme solche von 50,000 Kronen. Eine hübsche Gesammt- sunime, die von den Mtgliedern aus allen Ständen Dänemarks aufgebracht wird, eine geringe Summe aber, wenn man bedenkt, welchen kaum ermeßbaren Segen diese 100,000 Kronen jährlich für die armen elenden 'Krüppel stiftet!

. „Arme elende Krüppel" sind die Insassen des Heims freilich nur von unserem noch nicht orten- tirten Gesichtswinkel aus. Beim Rundgang durch . die musterhaft eingerichtete Anstalt — auch in hygieinischer und unterrichtlichers wie ge- sellschaftlicher Beziehung — erfährt man gar bald, daß die Krüppel sich hier ihres Elendes anderen Men­schenkindern gegenüber bald nicht mehr bewußt sind, daß sie auch nicht mehr zu den „Armen" gehören, da sie hier m meisterhafter Weise angeleitet werden, sich ihr aus­kömmliches Brod zu erwerben.

Das Kopenhagener Krüppelheim gewährt körper- Ilchen Krüppeln aller Art, Kindern und Erwachsenen, dann aber auch geistigen Krüppeln, Jmbecillen und Idioten, aus dem ganzen dänischen Reiche Behandlung, Unterricht in den Schulwissenschaften, wie Unterweisung m gewerblichen Arbeiten aller Art, auch sämmtliche Ban- dagen und Maschinen, welche die etwa fehlenden Körper­glieder ersetzen und den Kranken in den Stand setzen, zu

Milde Einwanderung in Kem-Kork.

Selten Hot ein großer Passagicrdampfer in New-Dork so stackes Aufsehen erregt und die gesummte Presse zu so schwung- und geistvollen Begrüßungsartikeln begeistert, wie jüngst die Hamburger „Abeffinia" mit ihrer Landung wilder Thiere. Uebe: ihre Ankunft berichtet z. B. die Zeüung „New-Aork Evening- Telegram": In einem der Docks der Hamburg-Amerika-Lirrie in Hoboken und auf dem Deck des Dampfers „Abessinia" hatte sich heute der größte Thierjahrmarkt aufgethan, der wohl jemals aus fremden Erdtheilen in unseren Hafen gebracht wurde. Das Stück Urwald, mit dem der Dampfer gestern ankam, hätte aus- gereicht, ein halbes Dutzend Zoologische Gärten und Menagrriren zu füllen. Heute, in aller Frühe wurde ausgeladen, und Hoboken hatte mehrere vergnügte Stunden.

Die „Abessinia" war unter Kapitän Kühlewein 14 Tage unterwegs gewesen; sie ist ein stackes geräumiges Schiff und kann fast jede Ladung aufnehmen, aber die heutige war die merkwürdigste in ihrem Lebenslauf. Es schien, als ob das treffliche Schiff ein Zugnetz ausgeworfen und Alles, was in den Wäldern kreucht und fleucht, eingefangen hätte. Ein Blick in die Passagierliste bestätigt bas. Sie enthielt: 12 Elefanten, 207 geschwänzte und ungeschwänzte Affen, 4 Kamele, 2 Drome­dare, 5 Tiger, 4 Panter, 2 Lamas, 4 Kondors, 2 Anti­lopen, 1 Eisbären, 1 Katzenbären, 4 Marabus, 3 Zebras, acht Riesenschlangen, 2 Eidechsen, 6 Kuckucke, 3000 Kanarienvögel. 3 Pferde, 3 indische Leoparden, 6 Stück russisches Rothwild, 1 Pudel, 2 Pumas, 2 Eulen rc. Einen Theil dieser Landung hatte die „Abessinia" in Hamburg von der „Silesm" über­nommen, die den Transpock aus ostafiatischen Häfen abgeholt hatte. Die nun in Hoboken gelandeten Thiere sind für verschiedene öffentliche Zoologische Gärten bestimmt, für Pckvatempfängcr

arbeiten und ein thätiges Glied der menschlichen Gesellschaft zu werden.

Infolge der guten finanziellen Lage der beiden Der- eme, die das Heim unterhalten, werden alle diese Bene- ftzien vollständig umsonst gewährt.

Und dann das Wunderbarste, kaum Glaubliche: Sämmtliche Lehrer des Heims sind Krüppel und ehe- malige Zöglinge der Anstalt! Man traut seinen Augen nicht, wenn man sieht, wie die einarmigen, einäugigen, verwachsenen, schiefen, buckeligen, hinkenden Wesen hier ihre ebenso gearteten Schüler in den feinsten Hand- und kunstgewerblichen Arbeiten unterweisen. Wir sehen Kin- der und Erwachsene ohne Füße, mit verkrüppelten Hän- den, ja ohne Hände oder mit Händen ohne Finger, Per­sonen mit hervortretenden Glotzaugen, gelähmte und geistesschwache Personen — und Alle sind in irgend einer ThÄigkeit. Arbeit ist das Geheimniß des Glückes bei normalen Menschen, hier sah ich, wie die Arbeit auch das Glück der körperlich Elenden ausmachen kann. Be- sonders war es erstaunlich, wie selbst kleine Kinder mit großer Geschicklichkeit Arbeiten ausführten, die sonst nor- male Menschen nur schwer zu leisten vermögen.

Täglich erhalten etwa 2OO Krüppel Unterricht, von denen rund 120 auch im Heim wohnen und beköstigt wer- den. Me übrigen stammen aus Kopenhagen selbst oder sind dort bei geeigneten Leuten in Pflege gegeben.

Interessant waren die Schuleinrichtungen. Da be- merkten wir, wie Kinder, denen die rechte Hand fehlt, mit der linken schreiben lernen; genau so auf Tafel und Papier, wie unsere körperlich Normalen. Ja, ist auch die zweite Hand verkrüppelt, so schreiben sie mit einer eigen- artig konstruirten Bandage zum Halten von Griffel und Feder. Ein früherer Zögling des Heims, der weder Hände noch Finger besitzt, ist, wie uns unser Führer er- zahlte, m einem ersten Kcpenhagener Handelshause Buch­halter und Kalkulator, ein ausgezeichnet rechnerisch be­gabter Kopf. Ganz kleine Kinder sahen wir, wie bei uns m den Fröbel'schen Kindergärten, in Thon formen; dabei erfuhren wir wieder von einem anderen früheren Schüler des Heims, der ohne Beine und mit einem Aug^, aber äußerst kunstreichen Händen, einer der besten Model- leure der dänischen Hauptstadt ist. Mädchen, auch schwachsinnige, ja idiotische geringeren Grades, lernen Wirken und Nahen; größere, selbst einarmige, sahen wir mit der Maschine nähen und schneidern.

In einer gerade stattfindenden Erholungspause sahen wir, wie auf einem im Hose belegenen Spielplatz eine Anzahl von den verkrüppelten Knaben und Mädchen der- gnugt und lustig miteinander spielten, sich jagten Ringelspiele theilweise humpelten, ja sogar Walzer mit einander tanzten, obwohl sie zum Theil ein künstliches Bem trugen oder eine sonstige auf den ersten Blick ins Auge fallende Verkrüppelung der Hände oder Beine auf- wiesen.

or r.®A'L m t. a ^ ten Ä Gang durch die sämmtlichen Arbeitsstuben und Werkstätten. In der einen werden Holzmalereien und Holzarbeiten hergestellt Leder- wrnzerei, und Metalleinlagen in Holztäfelung wurde mit Sicherheit ausgeführt. Der Inspektor und der auf seiue Schmer stolze verkrüppelte Werkmeister versicherten, daß selbst Krüppel, die sich vorher nie m it solchen Arbeiten

und Cirkusunternehmer; viele der exotischen Passagiere werden schon heute Weiterreisen, um Frühlingsengagements auzutreten.

Ucber den Duft von Hauten und Salzfässern, die an Land hochaufgestaut waren, erhob sich der Geruch der Thiere und das Geschrei der Bestien. Affen und Vögel lockte die halbe zagend Hobokens herbei, die mit sehnsüchtigen Blicken auf den langen Pier h-rnntersah. wo das Schiff lag. und nach den Wagen spähte, auf denen die Thiere in ihren rohen Verschlagen und Seekastgen herauskamen. Wer die Lairdungsbrücke des Schiffes betreten wollte, mußte über Stapel von Affenkäfigen T™, N s-heu um den Käfig des bengalischen Ducken, em Auge auf eine Koppel Elefanten haben und sich behutsam an den losen Füßen einer Schaar Dromedare vor- ubrrschlangcln. Bärtige Männer trüben Elefantenbabys aus einem riesigen Verschlage, in dem die kleinen Dickhäuter seitlich an dem Dock niedergelassen worden waren, und andere Leute versuchten an Deck weitere Thiergruppen zu überzeugen, daß ne nun dem Vergnügen des Seelebens valet sagen und anständig und würdevoll an Land gehen müßten. Aber der größte Theil der Menagerie sah den ihm bezeichneten Weg nicht als den richtigen an, und das gab Aufregung.

In den weiten Räumen des Zwischendecks war die Samm- ÖJ^üg-lt-r Thiere und waren die mehrere tausend Ellen Schlangen sehr bequem uutergebracht gewesen. Allerdings macht« ihnen di« Seekrankheit zeitweise viel zu schsssf-"-. "Wir hatten recht gutes Wetter," erzählt- Kapitän Kuhlewem. .Es war überhaupt keine schwere See während der Sllise. aber einige Thiere wurden doch seekrank. Me Affen am schlimmsten. Bon ihnen waren die meisten sehr seekrank Sie liefen herum, rangen die Hände, hielten sich die Seiten und wimmerten und ächzten. Eiu Affe scheint niemals richtige Gebeine zu bekommen wie andere wilde Thiere. Nächst den Affen litten die Elefanten am meisten unter der Seckrankbeit aber sie uberstarrdeu sie bald." ^ '

beschäftigt haben, in drei bis sechs Monaten die Fertig- keit erreichen, kleine Tischchen und andere Hausgeräthe herzustellen. In der Tischlerwerkstatt klappert, hämmert und schnurrt es, wie in einem Arbeitsraume normaler Arbeiter. Da sind Knaben und Erwachsene, zum Theil einarmig oder mit verkrüppelten Händen, beschäftigt, mit Maschinen an Stelle der Hände zu hobeln und zu sägen. Treibt doch die Anstalt eine ziemlich umfangreiche Möbelfabrikation und liefert an Händler wie an Private einfache und bessere Sachen. In der Schuhmacher- und Sattterwerkstätte werden die Fußbekleidungen der In­sassen des Heims, sowie sämmtliche Bandagen und ortho­pädischen Binden rc. hergestellt. In der Buchbinderei, wo gleichfalls jüngere und ältere Personen mit verkrüp­pelten Händen, mit einem Anne und Buckelige thätig sind, sahen wir prächtig hergestellte Bucheinbände, kirnst- volle Lederbände mit Golddruck, wie sie auch von einem gesunden gelernten Buchbinder kaum jemals besser her­gestellt werden können. In der Abtheüung für Schnitz- arbeiten werden zierliche Spiegel- und Bilderrahmen, Kästen, Kassetten, Luxusmöbel, Etagdren und dergleichen gefertigt, die den Wettbewerb mit Arbeiten aus jeder kunstgewerblichen Werkstatt aufnehmen können. Ein ver­goldeter Spiegelrahmen im Renaissancesttl, ein Tischchen im modernen Jugendstil und einige andere nette Sächel- chen waren von einem Lehrer des Heims entworfen und gefertigt, dem an der rechten Hand ein Finger, an der linken vier Finger fehlten! In der Abtheilung für Bürstenmacherei und Stuhlslechten, die wir zuletzt im Souterraingeschoß besuchten, werden die allerschwächsten, insbesondere die geistig schwachen Krüppel beschäftigt; auch hier gelingt es, eine sachgemäße Herstellung der Ar­beiten zu erreichen.

In dein Mansardengeschoß des Heims sind luftige, saubere Schlafsäle eingerichtet, in denen je sieben bis acht der Pfleglinge untergebracht werden können. Ein größerer Raum mit einem Klavier, in dem sämmtliche Möbel, zum Theil mit Mosaikeinlagen und kunstvollen Beschlägen, gleichfalls iP. Hause selbst von den Krüppeln angefertigt sind, steht zur gssselligen Unterhaltung dev Pensionäre zur Verfügung. In einer Klinik mit beson­derer Operationsstube sind mehrere Kopenhagener Aerzte täglich eine Stunde etwa anwesend, um im Ehrenamt der Humanität unentgeldlich die uöthigen Verbände an- zulegen und die erforderlichen Bandagen anzuorvnen.

Um die Wohlthaten dieser einzigarügen Anstalt zu genießen, genügt ein einfaches Zeuqniß der Ortsbehörde, daß die betreffende Person unbeniittelt und würdig ist.

Wie uns versichert wird, ist der größte Theil der Leute, wenn er den Kursus dirrchgemacht hat, im Stande, sich m der Heimath gleich gesunden Arbeitern selbst zu ernähren. Me meisten Pfleglinge des Heims gehen denn auch nach Beendigung des Unterrichts und ihrer gewerb- Iichen Ausbildung wieder in ihre heimathlichen FamiUen Niruck; andere aber, z. B. Waisen und Leute ohne Familie, bleiben dauernd im Heim, finden zeitlebens Be­schäftigung und wirklich angenehmen Unterhalt, werden auch wohl Lehrer in der Krüppelschiüe oder Meister in den verschiedenen Werkstätten.

Mt Dank gegen die Anstaltsleiter und mit frohem Her zen verlassen wir das interessante Hmis. Wenn man

Einer der Seeleute erzählte, die Elefanten hätten eine Ze,t lang, als das Wetter am schlimmsten war, so mächtig er an eine durstige Musikerbande in den Straßen blasen will^ k" 1 *" müssen, die sich ihr Bier zusammen-

, der muntersten Elefanten hießen Bastei und Schrei­

hals, ein Paar Elefantenbabys von wenigen Monaten. Sie wurden, als das Schiff die Sec erreichte, auf Deck gelassen und

Schiffsfre^it. •® erteu,e '* daraufhin genossen sie völlige

Bastei, der seinen Namen von seiner Veranlagung be- Emen hatte, alles zu untersuchen, was mit der Bewegung des Schiffes zusanrmenhing, machte sich auf jede Weise unnütz und rief alles mögliche Entsetzen hervor. So versuchte er auch crnmal an einem Ventilator herunterzuklettern. Doch wurde er rechtzeitig uberzeugt, daß das nicht wohl anginge.

. Sch-.-hals, der so hieß, weil er fast beständig wie ein i entnifteteS und ungezogenes Schweinchen qmetschte, konnte kernen Hund leiden, und alz er ggf dem Dock er&Iicfte, inscenirte er solch einen Aufruhr daß «"griff und sich dabei solcher Kletterkunst- stucke vermaß, daß er sich und Schreihals in die größte Gefahr brachte. So mußten sie beide angekettet werden.

der war der schlimmste Bursche auf dem ffiLK Kapitän Kühlewein. „Er wurde seekrank, un? taL* ö 5 rr “ dCt * Immer, wenn einer von der Manu­

ls.hm zu nahe kam. macht- er verzweifelte Anstrengungen

TM? ^ ilun Käfig auf dem obersten Deck aufftrllen, damit er es kalt genug auf der Reise hatte,"

m ähnlicher launiger Weise plaudert noch eine qam° Reihe New-Yorker Zeitungen; verschiedene bringen sogar Illu-

. um ^ . bebeut f a l ne Ankunft der seltsamsten Ein­wanderer, die Hoboken jemals gesehen hat, würdig zu feiern,