Wiesbs-kllkr Tsgblatt.
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Worgen-Ausgabe.
Die PanMgrschüh-Frage.
Von Hauptmann R. v. Reckhausen.
„ ? I§ Kaiser int Herbst vorigen Jahres
vcr französischen Republik einen Besuch abstattete — den letzt Herr Loubet erwidert hat — da sprach man viel oon der politischen Tragweite des Ereignisses, von dem glanzenden Flottenschaujpiel, von den historischen Erinnerungen des Schlosses Compitzgne und anderen Zuthaten einer Entrevue der Staatsoberhäupter. Auch die große Truppenschau vor dem Czaren mit der berühmten Attacke gegen die Tribünen fand gebührende Beachtung und bei unkritischen Köpfen Bewunderung. Viel wichtiger, als alle diese Vorfälle des Czarenbesuches, war aber eine Thatfache, die m der großen Qeffentlichkeit fast unbeachtet geblieben ist, und bereu Konsequenzen sich schärfer fühlbar machen werden, als eine erneute Besiegelung des Zweibundes: die Einführung eines
neuen französischen Geschützes, das in Gegenwart des Herrschers aller Reußen gewissermaßen vor der Welt debütirte.
. .wieviel „neue Geschütze" hat die Welt nicht schon er- lebt? Dutzende und Aberdutzende sind konftruirt und eingesuhrt worden, und selbst das größeste Arsenal konnte nicht eme Kollektion aller Kanonen fassen die von dem „Purlepaus" oder dem „Weckaus" Maximilians I. bis znni modernen Schnellfeuergeschütz überleiten. Immer das eine besser wie das andere, sei es an diesem, sei es an jenem Thcil. Wenn wir aber ge- nauer zusehen, sind es doch nur zwei große Fortschritte, welche dw Artillerietechnik gethan hat, und beide gehören den letzten vierzig Jahren an. Der eine ist die Einführung der gezogenen Rohre, zu denen man in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts über- gmg, der andere ist die Panzerung der Kanonen, zu der wir heute schreiten.
Die Panzerung der Artillerie — das ist einer jener merkwürdigen Kreisläufe, denen wir zuweilen in der Ge,chichte begegnen. Die Einführung der Feuerwaffen war es, welche die Eisenrüstungen des Mittelalters ver- drängte, die ehernen Geschwader stolzer Ritter für immer aus dem Felde schlug. Gab es bis zur Neuzeit und giebt es auch heute noch Kürassiere, so tragen sie vor dem Feinde doch nichts als den Tuchrock, denn kein Harnisch der Kugel zu widerstehen. Und nun fügt es das beschick, daß die Waffe, welche die Rüstungen unnütz machte, sich selbst hinter Panzerplatten birgt!' Ein seit- samer Beweis dafür, daß primitive Zustände und höchst entwickelte Kultur sich in Vielem berühren und zuweilen dieselben Anforderungen erheben.
Die Panzerung der Geschütze (wohlverstanden, der Kanonen selbst, nicht etwa der Kanoniere, die sie be-
dienen), was kann sie Großes bedeuten? Inwiefern ist man berechtigt, daraus einen großen Fortschritt zu fol 06 - möchte man dem ersten Anschein nach aus
rufen. Wir werden indeß bei näherer Betrachtung wahr« smhmen, daß an die einfache Einrichtung eines Panzer- schildes am Geschütz sich eine Reihe schwerwiegender Folgen knüpft, mit denen sich die Heeresverwaltung aller Volker auf das Eingehendste zu beschäftigen hat, Konsequenzen, die kaum geringer sind, als jene Veränderungen im Kriegswesen, welche dasÄuftreten der präcise schießen den gezogenen Hinterlader hervorrief.
Ehe wir die Umwälzungen betrachten, sei ein kurzer Blick aus die gegenwärtige Art der Kriegsführung ge stattet. Abgesehen von den Pionieren, deren Auf gäbe es ist, Deckungen oder Kommunikationen herzustellen, und abgesehen vom Train, dem die wichtige Verpflegung und die Nachfuhr der Munition obliegt, sind es drei Waffen, denen die Schlachtthätigkeit zufällt: dw Kavallerie klart auf, wo der Gegner steht und wie stark er ist, die A r t i I l e r i e sucht den Feiiid von wett her mürbe zu machen, die I n f a n t e r i e geht ihm wenn er gehörig erschüttert ist, auf den Leib, zuerst mit dem Gewehr, dann mit dem Bajonett. Hieraus erqicbt sich, daß jeder Kampf mit dem Artillcriefeuer anfängt Beide Parteien stellen ihre Batterieen an geeigneten Punkten auf, von denen aus sie westhin wirken können, und halten ihre Infanterie vorerst zurück. Das Feuer der Geschütze gilt msthin zuerst den Kanonen des Gegners: Ein großes Artillerie-Duell bildet die Introduktion. Die Entfernung der beiden Geschützlinien von einander wird durch lokale Verhältnisse und durch die Schußweite der Kanonen bestimmt. Jeder will möglichst und möglichst hoch stehen, um den Anderen leicht überblicken zu können, und sucht daher Hügelketten für seine Aufstellung; leichte Erhebungen im Gelände finden sich fast überall. Die Schußweite der modernen Kanonen reicht bis an eine deutsckw Meile; aber so weit vermag man die Geschütze des Feindes, die verdeckt auf- gefahren sind, nicht zu sehen, und als Grenze hat sich die Distanz von etwa 4000 Meter herausgestellt Man kann also sagen, daß auf diese Entfernung der Artillerie- kanchs anhebt. Das Geschoß, dessen man sich bedient, ist das Sohrapnel; es ist, wie alle modernen Ge- schosse, ein vorn zugespitzter Cylinder und so konstruirt daß es in der Luft, kurz vor dem Ziel, platzt rmd seine Sprengstucke, sowie zahlreiche in ihm enthaltene Kugeln in den Feind wirft. Diese Kugeln Verthesten sich über einen großen Raum der Breite und Länge nach und vermögen den Körper lebender Wesen zu durchschlagen Hat man die Entfernung bis zum Feinde richtig ermittelt — und das ist die Hauptschwieriqkeit des Schießens — so wird er unter einen Eisenhagel genommen, der ihn vennchtet. _ Nachdem die feindliche Artillerie nieder- qekampft ist, wenden sich unsere Geschütze gegen die emdliche Infanterie, die mittlerweile auf dem Kampf- fclde erschienen ist. Allzu nahe an diese Infanterie
dürfen wir nicht heran, denn unter 1500 Meter ist das Gewehr der Kanone überlegen; man sucht sie also auH weitere Entfernung gehörig zu beschießen, bis dann endlich unsere vormarschirte Infanterie den letzten Stotz thut und den Gegner aus seinen Stellungen wirft. Damit ist zunteist der Kampf entschieden.
Dieses ist in großen uiid groben Zügen das i&üö- emer Schlacht, wie sie bisher nach dem Stande der. Waffentechnik und Taktik sich abspielte. Deses Mes wird sich mit einem Schlage ändern, wenn gepanzerte Batterieen auf dem Kriegsschauplatz erscheinen. Zunächst ist es klar, daß keine Artillerie mehr auf die Geschützschilde wird verzichten können, wenn der Gegner solche besitzt. Die Panzerplatten sind zwar nicht so stark/ daß ein volles Geschoß daran zerschellte, aber für die L p r e n g st ü ck e und Kugeln der S h r a p - n e l § (und für Jnfanteriegeschosse) sind sie undurch- dringlich. Da aber im Feldkriege überwiegend mit dem Shrapnel geschossen wird, so ist eine gepanzerte Batterie fast kugelsicher, eine ungepanzerte dagegen verwundbar« Vorausgesetzt, daß von beiden Seiten gleich gute Treff- resultate erzielt werdet,, muß die offene Batterie ver- bluten, ohne im Stande zu sein, dem Gegner auch nur einen Mann fortzuschicßen. Welcher Staat wird nun die Verantwortung auf sich nehmen, seine Söhne dem sicheren Tode preiszugeben? Kein einziger! Die erste Folge ist demgemäß, daß alle Nationen den Geschützpanzer annehmen — annehmen müssen, west e i n Staat — Frankreich — ihn angenommen hat.
Die Annahme des Panzers schasst aber eine Revo- lutton nach zwei Richtungen: Einmal in der Technik des Geschützbaues, zweitens in der T a k t i k , in der Kriegführung. Werfen wir zunächst einen Blick auf die erftere. Wenn der Geschützschild auch noch so dünn bemessen wird, um gerade noch die Shrapnelkugeln und die Jnfanteriegeschosse abzuhalten, so wiegt er doch recht beträchtlich, zumal er groß genug gemacht werden muß, um mehrere Leute zu schützen. Da unser Geschütz aber fetzt schon so schwer ist, daß cs mit sechs Pferden gerade noch schlechten Boden überwindet, eine größere Belastung aber n i ch t verträgt, so ntuß ai, irgend einer Stelle etwas vom Gewicht erspart werden. Ferner: bisher läuft die Kanone nach jedem Schuß, infolge des starken Druckes der Pulvergase, einige Schrstte zurück; die Kanoniere treten vor dem Abfeuern aus dem Gleis und bringen das Geschütz nachher wieder an den alten Fleck. Wenn die Leute aber hinter einer Panzernng stehen oder gar sitzen, können sie nicht ausweichen, ohne sich dem feindlichen Feuer preiszugeben. Es muß also eine Anordnung getroffen werden, die es ermöglicht, daß die Kanone selbst (die Lafctie) stehen bleibt, und nur das Rohr allein sich zurückbewegt. Weiterhin: Soll der Schild des Feindes zerstört werden, so mnß ein anderes Geschoß als das Shrapnel verwendet werden: Ein olches, das nicht in der Luft zerspringt, sondern als voller Treffer den Panzer durchbohrt rmd erst im Auf.
Berliner Brief.
Berlin auf Reisen. — Gebirge und See. — Vom Reisen überhaupt. — Der Sanden-Prozeß. — Der Rothe-Schwindel.
— Geisterschriften. — Theater-Neuheiten.
Wenn man jetzt durch die Straßen der Reichshauptstadt wandert so trifft man auf ein Zeichen, aus dem man mit absoluter Sicherheit schließen kann, daß der Sommer vor den Thoren _ steht, ein Zeichen, das uns weit zuverlässiger über die Jahreszeit aufklären kann als die Temperatur, deren Launen uns heute den Winter vorspiegeln, um uns morgen in eine tropische Sommergluth zu versetzen: dieses echte und unzweifelhafte Wahrzeichen des Sommers sind die kofferbepackten Droschken, die den Bahnhöfen zustrebenl Berlin geht auf Reisen. Der große Schwarm fliegt auseinander, um sich erst im Herbste zu den Vorpostengefechten im Theater und im Salon wieder zu sammeln. Es ist charakteristisch für den modernen Protzengeist, der diese neue Berliner „Monde" kennzeichnet, daß man als Mitglied der Gesellschaft nicht — wie in Süddeutschland und in Oesterreich — schlicht und einfach „aufs Land" geht, sondern daß der gesellschaftliche Codex schon eine Reise nach der Schweiz oder Italien für unumgänglich nöthig hält. Erst in zweiter Linie kommt di- See. Diese — und zwar die Ostsee — spielt für den mäßig begüterten Mittelstand etwa die Rolle, wie für den Münchener die Orte am Fuße der Voralpen, und für den Wiener die zahlreichen Sommerfrischen des Wiener Waldes. Vorderhand fluthet der Strom der Reisenden noch überwiegend zum Anhalter Bahnhof, von wo man die böhmischen Bäder und die südtirolischen Kurorte erreicht; dann aber kommt eine Zeit, wo der Stettiner Bahnhof täglich Tausend« von Erholungsbedürftigen sieht, die an den Strand der Ostsee eilen, wo in jedem Sommer neue Orte aus dem unansehnlichen Raupendasein des Fischerdorfes zur stolzen Schmetterlingsherrlichkeit des „Seebades" erwachen. Das ist auch eine Art von Kolonisation: man darf behaupten, daß ein großer Theil der mecklenburgischen und pommcrschen Badeorte Berliner Kolomeen sind. Im Juli und August tritt dann an gewissen
Tagen wieder Tirol in den Vordergrund, wenn nämlich die Ferien-Extrazüge nach München rc. abgelassen werden; vielleicht aber hören mit der Einführung der 45-tägigen Rückfahrkarten auch diese in der That ungewöhnlich billigen Extrazüge auf? Das würde von vielen Taufenden auf das Schmerzlichste beklagt werden, denn nur mit Hülfe der bedeutenden Fahrpreis- Ermäßigung ist es weiten Bevölkerungskreisen möglich gemacht, die hehren Wunder der Alpenwelt aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Leider ist ja das Reisen bei uns noch immer unverhältnißmäßig theucr; statt zu fragen: wie läßt es sich erreichen, daß jeder Steuerzahler mit geringem Aufwand alljährlich durch Reisen immer wieder neue Gegenden und Menschen, insbesondere seiner eigenen Heimath, kennen lernt, bemüht man sich, Ueberschüsse herauszuarbeiten, und vergißt, daß das letzte und höchste Ziel eines Verkehrs-Instituts ist, den Reisenden den Verkehr so bequem und billig wie nur irgend möglich zu gestalten: vor einigen 40 Jahren kostete die Fahrt von Magdeburg nach Berlin fast ebenso viel, wie auch heute noch. Wenn unsere Behörde erst einmal das Ziel richtig gewählt haben wird, so finden sich zweifellos auch die Wege, um dorthin zu gelangen. Das Reisen, das heißt die Berührung mit anderen Gegenden und anderen Menschen, ist vielleicht das loerthvollste Bildungsmittel, das wir besitzen: durch das Reisen wird der Kreislauf fruchtbarer Ideen immer lebendig erhalten, der für den socialen Organismus ebenso wichtig ist, wie für den leiblichen der Blutkreislauf. Reisen befördert den socialen Stoffwechselprozeß und erhält ein Volk gesund und auf der Bahn des Fortschritts Reisen schärft den Blick für die Fehler und Vorzüge der eigenen Umgebung und lehrt uns, fremdes Gute uns anzueignen. Kein kurzsichtigeres Wort ist gesprochen worden als das eines Abgeordneten vom Reisedusel, wenngleich nicht verkannt werden , ba L e ’ n J^ r großer Theil der Menschheit nur reist, weil es eben Modesache ist. Es ist aber leider so mit dem Reisen wie mit vielen guten Dingen in dieser Welt: Die, denen das ^siEN wirrlich zum eigenen Nutzen und zu dem der Allgcmem- heit Fordening bringen würde, können nicht reisen, weil ihre Mittel es nicht erlauben, und Die, denen es die Mitt?" .rlauben sind großentheils zu oberflächlich, um den rechten Nutzen zu
Jetzt, wo die Wintersaison endgültig vorüber ist, drängen sich Rückblicke auf die Ereignisse des verflossenen Jahresabschnittes ganz von selbst aus. Eine der Asfairen, die im Winter so viel und leidenschaftlich die Oeffentlichkeit beschäftigt haben, der große Krach der Preußenbank, der Grundschuldbank des alten Hauses Anhalt und Wagner ec. -c., beschäftigt gegenwärtig die Gerichte, da aber keinerlei Sensationen im herkömmlichen Sinne bei diesem Prozeß herauszukommen scheinen, sondern die Erörterungen in de» Bahnen fachlicher und sachlicher Nüchternheit verlaufen, so nimmt das Publikum verhältnißmäßig wenig Notiz von dem großen Prozeß. Weit mehr ist man gespannt auf die Gerichtsverhandlungen gegen das sogenannte Medium Anna Rothe, gegen die vermutlich Zeugen aus allen Standen der Gesellschaft auftreten werden. Freilich viel wird mit einer Berurtheilung dieser Taschenspielerin und ihres Impresario Jentsch nicht erreicht werden. Nicht einmal der Medium-Nimbus wird ihr voraussichtlich gänzlich genommen werden, denn erstens ist die Rothe bereits mehrfach vorher als eine bewußte Betrügerin entlarvt worden und Hai trotz der schlagenden Beweiskraft dieser Entlarvungen immer noch eine lange Reihe von Anhängern gewonnen, bezw. behalten; und zweitens ist die Zahl Derer, die Frau Rothe noch jetzt als Medium Hochhalten, nicht gering. Was mich dazu führt, trotzdem an dieser Stelle diese Bewegung etwas genauer zu verfolgen, ist ihre Bedeutung für breite Schichten der Berliner Gesellschaft, die in sehr bedenklickzem Maße dem Spiritismus anhängen. Heute wieder den Rothe-Schwindcl zu berühren dazu veranlaßt mich einmal die Nähe der Gerichtsverhandlung dann aber das Erscheinen eines neuen werthvollen Beitrags zur Entlarvung des Pärchens. Dieses kleine Buch führt den Titel „Geisterschriften und Drohbriefe" und hat zu Verfassern den Dr. zur. und Referendar Bahn, dem das Hauptverdienst an der Entlarvung der Rothe zukommt, und dem bekannten Graphologen Hans H. Busse. Ich weiß nicht, ob dem Leser bekannt ist, was man unter Geisterschristen versteht? Es sind das angeblich schriftliche Kundgebungen aus dem Geistcr- rcich, zu deren Niederschrift sich die Geister wie zu allen ihren Manifestationen der Medien bedienen. Und zwar schreiben diese entweder unmittelbar inspirirt, oder sie sind nur die
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