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so. Jahrgang« Verlag: Lanaaasse 27. Slnzeigen-Preis:

5o. Jahrgang.

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. 264 .

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Dienstag, den 10. Juni.

VerlagS-Fernsprecher No. 2266.

1902 .

Abend-Ausgabe.

Die Arche vor dem Sturm.

Unser Pariser ^-Korrespondent schreibt uns untern: 6. Juni:

In der französischen Deputirtenkannner ist eine gewisse Ruhe eingezogen. Die Abgeordneten be­schäftigen sich mit der Prüfung der Wahlakten und schonen chre Kräfte, uin mit verdoppeltein kriegerischen Muth ihren Mann stehen zu können, sobald der Amts­antritt des neuen Ministeriums und die allgemeine De­batte über die einzuschlagende Politik sie auf den Kampf­platz ruft. In der Presse ist überhaupt kein Waffenstill­stand eingetreten und die Parteien sagen sich gegenseitig Grobheiten von solchem Kaliber, wie man sie selbst in den aufgeregtesten Tagen des Wahlkampfes nicht schlimmer erlebt hat. Wennschon im Parlament der so­genannte parlamentarische Ton eine gänzlich veraltete und vergessene Sache ist, so ist vollends in einem Theil der Presse eine Schreibweise eingerissen, die wirklich nicht mehr zu qualifiziren ist. Früher schossen HenriRochefort im „Jntransigeant" und Paul de Cassagnac in der „Autorrts" den Vogel ab^in Bezug auf urwüchsige Deut­lichkeit der Ausdrücke. L-ie verfchlten dabei aber nicht, die wuchtigen Beilhiebe, die sie über den Gegner nieder­sausen ließen, mit einigen geistreichen Floskeln zu be­gleiten. Heutzutage beschimpfen sich Hinz und Kunz auf die gemeinste Weise in der Presse, ohne auch nur ein schwaches Fünkchen Witz leuchten zu lassen, und der fran­zösische Zeitungsleser vertieft sich, je nachdem sein Bil­dungsgrad beschaffen ist, eiftweder mit Schadenfreude in diese giftige Lektüre, oder er wirft das Zeitungsblatt wüthend aus der Hand. Im Allgemeinen aber sind dfe hiesigen Leser geduldig, weil sie feit langer Zeit in deü Blattern an eine Sprache gewöhnt sind, die sie sich nie und nimmer ihren Dienstboten gegenüber erlauben wür­den und die sich in deutschen Blättern nur in ganz ver­einzelten Schmutz- und Sensationsblättern siirdet. Die Zeitungsschreiber haben also jetzt vollauf Muße, den Haß der Parteien weiterzuschüren, bis er in der Kammer in hellen Flammen emporlodert.

Wenn gegenwärtig in derDeputirtenkammer im Gegen­satz zur Presse verhältnißmäßige Ruhe herrscht, die frei- lich gestern durch einen regelrechten Faustkampf zwischen Mitgliedern der neunte:: Kammerabtheilung höchst dra­matisch und für uns Deutsche äußerst erbaulich unter­brochen wurde, so ist das nur die Stille vor dem Sturm. Schon die Eröffnungssitzung, in welcher sich einzelne Ab­geordnete Schimpfwörter, die kaum wiederzugeben sind, an den Kopf warfen, ließ darüber keinen Zweifel. Die gegenwärftg stattsindende Prüfung der Vollma"m der Deputirten, die sonst mit großer Gelassenheit ^ethan zu werden Pflegte, spielt sich diesmal nicht ohne Geräusch ab, wie der eben erwähnte Zwischenfall beweist, der sich zwar außerhalb der Sitzung, aber doch im Palais Bourbon ereignete. Die siegreiche Linke ist fest ent-

Are zweite Süße.

Roman von Dietrich Theben.

(28. Fortsetzung.)

Graf Luckner hatte mit gespannter Aufmerksarnkeit gelesen, ohne auch nur einmal abzusetzen. Daß der Brief die menschliche Rechtfertigung Herbrincks enthalten würde, war seine feste Hoffnung gewesen; je mehr er diese bestätigt fand, um so hastiger las er rn seiner Genug- thuung weiter.

Als er zu Ende war, schob er auch den letzten Bogen zu den übrigen auf dem Schreibtisch, lehnte sich selbst­vergessen in den Sessel und nickte und lächelte voll Be­friedigung vor sich hm.

Dann sprang er lebhaft auf, drehte dre Schlüssel m den Thüren zurück und eilte nach dem Salon, wo er auf die Töchter ftaf.

„Lene, bitte!" rief er der Jüngsten zu, faßte, als sie herangekommen war, nach ihrer Hand und zog sie mit sich. „Lene", raunte er freudig, „Brief von Herbrinck! Brief, der Alles ausgleicht."

Das Blut ergoß sich jäh in die Wangen der Komteß, und ihr Fuß stockte sekundenlang.

„Es ist noch Manches zu ordnen", fuhr Luckner fort. „Aber die Hauptsache: der Schäften auf unserem Freunde ist keiner, ist nun und nimmer einer, der ihm unsere Herzensachtung auch nur einen Moment noch trüben dürfte."

Er wies in seinem Arbeitszimmer auf die Bogen, nahm sie auf und reichte sie der Tochter entgegen. Dann wanderte er, während die Komteß sich in das Schreiben vertiefte, froh erregt in dem Raume auf und ab.

Tie Komteß konnte einen hellen Jubel kaum unter­drücken, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und die )ungc Brust hob und sentte sich stürmisch. Die Augen

schlossen, den überwundenen Gegnern keine Unregel­mäßigkeit bei den Wahlen durchgehen zu lassen.

Die Frage der Wahlfälschungen ist eine der heikelsten in Frankreich. Die Parteien werfen sich in dieser Hinsicht bekannftich die schlimmsten Dinge vor: Wahlurnen mit doppeltem Boden, fettig gemachte Finger des Wahlvor­stehers, um die Stimmzettel wegen äußerer Kennzeichen ungültig zu machen, und dergleichen schöne Sachen mehr. In vielen Wahldistriktcn hat das Geld eine große und verwerfliche Rolle gespielt; die Klerikalen hatten in der großen Mehrzahl derselben ihre Minen gelegt, um eine etwaige republikanische Majorität zu zersprengen. Eine ergötzliche Geschichte über unerlaubte Wahlmanöver theilt der „Matin" mit, der den Brief eines Abgeord­neten der Rechten veröffentlicht, worin dieser den vier Schankwirthen einer Gemeinde seines Wahlbezirks liebenswürdiger Weise austrägt, am Wahltag den Wählern bis zum Betrage von je 50 Francs freies Essen und Trinken zu gewähren. Der Wähler, welcher der Reihe nach alle vier Kneipen besuchte, hat sich mithin einen recht vergnügten Wahltag verschafft. In un­zähligen OrtenFrankreichs wirdAehnliches vorgekommen sein, und zwar in allen Parteilagern. Die Prüfung der b c st r i t t e n e n Wahlen — weit über Hundert an Zahl — genügt also schon, um dm Parteien fortwährend neuen Awlaß und neue Gelegenheit zu bieten, sich er­bittert aufeinander zu stürzen. Diese Prüfung ist aber nicht in .Kürze beendet, sondern zieht sich weit in die Session hinein.

Heute Nachmittag wählt die Kammer, nachdem 455 nicht bestrittene Wahlen von ihr für gültig er­klärt worden sind, desiniftv ihr Büreau und Läon Bourgeois wird natürlich in seinem Amt als Kammer- Präsident bestätigt. Morgen ist vielleicht^ schon das neue Ministerium, mit dessen Bildung der Senator Combes beauftragt ist, fix und fertig. Was wird cs bringen? Eine nicht schwer zu beantwortende Frage, auch wenn die Mitglieder des Ministeriums Combes noch nicht sicher bekannt sind: Einfach — so lautet die Antwort —- eine Fortsetzung der Politik Waldeck-Rousseaus, vielleicht auch eine Verschärfung derselben. Die Befürchtung liegt sehr nahe, daß der Sturm/ der nach der gegenwärtigen Wind­stille auszubrechen droht, denn noch nie haben sich Nationalisten und ihre Gegner so schroff gegenüberge- standen wie jetzt, den wahren Interessen Frankreichs höchst schädlich werden wird. Was nutzt schließlich ein liberales Ministerium, wenn es seine Kraft in unfrucht­baren Kämpfe:: vergeuden muß?

Deutscher Reichstag.

Berlin, 9. Juni.

Der Abg. Bayer-Donauwörth (Centr.) ist gestorben. Da? Andenken desselben wird in der üblichen Weise geehrt. Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Lesung des Gesetz­entwurfes, betreffend Aufhebung der außerordentlichen Ge­walten des Statthalters in Elsaß-Lothringen (Diktatur- Paragraph). Die Annahme in dritter Lesung erfolgt ohne jede

strahlten durch feuchtes Schimmern, und um die beben­den Lippen spielte ein hinreißend glückliches Lächeln.

„Papa, war das Urtheil nicht zu hart gegen ihn?" fragte sie und drückte schon mit der einfachen Frage­stellung und noch rnehc mit dem Tone aus, auf wessen Seite sie sich stellte.

„Natürlich, mein Kind", sagte der Graf lebhaft. „Der würde kein Fünkchen von Wahrheitsliebe im Leibe haben, der da behaupten wollte, er hätte an seiner Stelle unbedingt anders gehandelt. Ich nicht! Und wenn er das Gewehr gebraucht hätte, es wäre entschuldbar ge­wesen. Und wenn der doppelte Räuber gefallen wäre, um sich nicht wieder zu erheben — er hätte nichts gehabt als seinen Lohn. Statt dessen ist er versorgt worden — versorgt für seine Spitzbüberei und Schurkerei. Aber auch das sieht Herbrinck ähnlich. Selbst vermeintliches Unrecht muß er mehr als reichlich wett machen. Frei­lich, der Mann floh, und Herbrinck schlug-a bah!

Lene, mir soll Jemand kommen, der auf den einen Stein zu wersen wagt, und wenn eS mein eigenes Fleisch und

Blut ist! Du nicht — Du nicht —-aber die andere!

Sie soll es wagen! —"

„Papa, Evelinc wird sich beruhigen —"

»Das rathe ich ihr! Denn eher weicht sie, als daß

ich mir den Mann eiftreißen lasse, der-- Lene, was

brauche ich e§ Dir zu predigen —"

„Und — wenn er nicht wieder kommt?" fragte das Mädchen leise und stockend.

Luckner blieb vor ihr stehen.

„Nicht wiederkommen?" wiederholte er ihre Frage. „Mein Kind, ich — werde ihn holen", erklärte er nüt einer geraden, herzlichen Entschiedenheit. „Er hält seinen Aufenthalt verborge,:; ich werde ihn zu finden wissen. Er glaubt von uns ein grausames Vorurtheil acccptirt; ich werde ihm zeigen, daß die Bande der Dankbarkeit und Freundschaft nicht durch einen zopfigen und verstaubten

Debatte. Es folgt dte zweite Berathung der Zucker-Vorlage (Konvention und Zuckersteucrgesetz). Die Kommission beantragt Annahme der Konvention, sowie Annahme des Zuckersteuer­gesetzes mit der Abänderung, daß die Verbrauchsabgabe statt auf 16, wie die Vorlage es will, auf anfänglich 12 Mk. und vom September 1905 ab auf 10 Mk. herabgesetzt werden soll; zweitens soll die Kontingcntirung, welche in der Vorlage ganz beseitigt worden ist, wieder hergestellt werden. Die Berathung erstreckt sich zunächst aus die Konvention. — Abg. Graf Kanitz (kons.) befürchtet, daß der Ueberzoll von höchstens 6 Francs, welcher nach der Konvention als Maximum angenommen ist, nicht ausreichen werde, um unsere Zuckerproduktion gegen die ausländische Konkurrenz zu schützen, zumal gegenüber dem russischen Zucker. Er, Redner, halte die ganze Sache für so wichtig, daß er wünsche, die Vorlage nochmals an die Kom­mission zurückzuverweisen. Zuerst müsse eine Verständigung mit Rußland erfolgt sein. Vorher könne er der Konvention nicht zu- strmmen. — Abg. Wiemer (freist Volksp.) lehnt den Vor­schlag des Abg. Grafen Kanitz ab. Mit der Konvention seien seine Freunde einverstanden, nicht aber mit den Zuckersteuer- Bcschlüssen der Kommission. — Abg. Müller-Fulda (Centr.) bedauert, daß Deutschland zu den Bcrathungen der Konvention nicht auch Sachverständige nach Brüssel gesandt habe, sondern nur Büreaukraten. Andere Staaten hätten in dieser Beziehung anders gehandelt. (Beifall rechts.) Redner bemängelt alsdann den Ueberzoll, der im geraden Gegensatz zu den Bestrebungen auf Schutz der Landwirthschaft stehe. (Der Reichskanzler erscheint im Saale.) Die Kommissions-Verhand­lungen haben gezeigt, wie nothwendig es war, die Vorlage über­haupt der Kommission zu überweisen. Es wäre geradezu ein Leichtsinn gewesen, dies nicht zu thun. (Unruhe links.) Jawohl ein Leichtsinn. (Beifall rechts und im Centrum.) Der Urber- zoll müsse in Höhe von 6 Francs zum Allermindesten festgelegk werden und werde kaum ausreichen, denn cs sei unzweifelhaft, daß der Kolonialzucker auf dem Wasserwege ganz billig hierher kommen werde. (Lebhafte Rufe: Hört, hört.) Er sei überzeugt, daß ein großer Theil seiner Freunde der Konvention die Zu­stimmung wird versagen müssen, wenn nicht das Zuckeisteuer- gesetz so abgefaßt wird, daß die Landwirthschaft vor Schaden behütet wird. — Abg. Bernstein (Soc.) erklärt, seine Freunde stünden grundsätzlich der Konvention freundlich gegen­über, aber der Werth der Konvention sei durch die Beschlüsse der Kommission zum Zuckersteuergesetz für die Socialdemokraten so herabgesetzt worden, daß auch sie es sich noch sehr überlegen würden, ob sie der Konvention zustimmten. Redner verbreitet sich alsdann ausführlich über die Vortheile, welche bisher die englischen Raffinerieen gegenüber den deutschen genossen hätten. Weiter meint er, man müßte überhaupt ohne Ueberzoll aus- kommen, wenn nur die Frachten für Zucker im Auslande niedrig gehalten würden. Seine Partei werde den in der Kommission abgelehnten Antrag auf völligen Wegfall der Verbrauchsabgaben wieder einbringen und falls dieser abgelehnt wert«, selbst­verständlich für die niedrigst vorgeschlagenen Steuersätze, also für die der Kommission, stimmen. — Abg. Graf Lim burgq S t i r u m (kons.) erklärt, seine Freunde stimmten gegen die Konvention. — Staatssekretär Graf Posadowsky bittet daS Haus dringend, die Konvention anzunehmen. Der Staats­sekretär protestirt sodann gegen den vom Vorredner gegen die deutschen Unterhändler erhobenen Vorwurf, dieselben hätten sich in Brüssel nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe gezeigt. Dieser

Aktenwitz zu zerstören sind. Er will, was ihm lieb ist, m Berlin in Empfang nehmen; mir selbst soll er gegen­übertreten. Lene, nimm den Brief und unterrichte Deine Schwester. Warne sie, das Maß zuin Uebcrlanfen zu bringen."

Ein verhaltener Groll lag in seiner Stimme: aber gütig hauchte er einen Kuß auf die Stirn der Jüngsten und blieb noch immer ahnungslos, was das junge Herz aufs Neue in Freude und Schinerz erzittern ließ.

Die Zeitungen hatte er bis dahin nicht beachtet. Nun suchte er nach dem Kieler Blatt und stieß bald auf den Artikel der Abendausgabe.

„Nh, der Schminkaffe hat wieder die Hände im Spiel gehabt —?" Er stampfte mit dem Fuße auf.

„Kröte!" zischte er. „Nur gut, daß Du Dein Gift umsonst verspritzt hast .... Sehr richtig!" unterbrach et sich wiederholt beim Weiterlesen. „Ganz in meinem Sinne", sagte er am Schlüsse liebevoll, faltete das Blatt zusammen und legte cs sorglich unter einen Brief­beschwerer. „Giebt auch Vernünftige unter den Zeitungs­menschen. Ist erfreulich, wenn so ein klarer Kopf kommt und der dämlichen Masse ein Licht aufsteckt. Und die Artikel, die noch komme:: sollen — eine glückliche Idee."

Er überlegte, wann er am besten fahren würde. Die Ungeduld hätte ihn am liebsten gleich fortgetrieben. Aber die Erwägung siegte, daß die zu frühe Abfahrt die Warte- zeit in Berlin nur verlängern würde. Er suchte nach dem Umschlag des Herbrinck'schen Briefes und las den Post­stempel Hamburg. Also er hatte sich noch in der alten Hansastadl anfgehalten, war vielleicht noch dort und reiste erst nach der Reichshauptstadt, wenn er das dorthin Beorderte eingetroffen wähnen konnte.

Auch die Herrschafte:: von Tönndorp und Neurade riethen von einer lleberstürzung ab, so lebhaft sie auch den Wunsch des Grafen theilten, den Freund wieder im alten Kreise zu begrüßen.