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i* —i i morgen• Beilage des Wiesbadener Tagblatts, l » -» >

Nr. 15Y. Sonntag, tt. Iuli.

(I. Fortsetzung.)

SküU (Nachdruck verboten.)

Roman von Emma Hanshofer-Merk.

Der Herbslinorgen war ja so schön. Wer ^dcn Laubbäumen lag schon farbiger Schimmer, jede Fels­wand glänzte in der Sonne, auf den Almwiesen funkel­ten die Bergdisteln, das weidende Vteh brachte eine abwechslungsreiche Staffage in die Landschaft, der Klang der Kuhglocken hatte etwas so Friedliches, Stim­mungsvolles, als >wäre man fern von der lauten Welt in der abgeschiedenen Stille.

Frau Robcrtris sorgte dafür, daß es nicht zu ruhig blieb. Sie ließ die Mitsik spielen, so oft man an einer Behausung Vorübevkam, sie winkte mit dem Sonnen­schirm und rief ihr Helles: „Gris Gott! Gris Gott!"

„Narret san's, die StadtleutI" brummte ein alter Bauer, der mit dein mageren Ochsen fein Feld pflügte.

Die Bäuerinnen, die Kinder, die des Weges kamen, olber blieben stehen und lachten. Es war ja auch ein lustiger Anblick. Die Hellen, bunten Farben, die blitzen­den Goldschnüre, die vielen jungen Gesichter über dem grün geschmückten Wagen.

Das Forsthaus in der BalspP liegt in einem eng von Bergen umschlossenen Hochtal. Mitte August findet hier alljährlich bei der Kirchweih der „Almer­tanz" statt, zu dem von all den Bergen in der Runde die Senner und Sennerinnen und die Holzknechte sich einfinden. Da wird geschuhplattelt in alter, unver­fälschter, urwüchsiger Echtheit.

Als das Forschaus in Sicht war, rief Sollinger:

„Huberbäuerin, weißt was? Jetzt singen wir das alte Lwd: „Zillertal, dn bist mei' Freud'!" Da'wer- üen's spitzen!"

Er war während der Fahrt zwischen Damen ge­sessen, die ihn wie einen Halbgott anschwärmten und selig lvaren, daß er ihnen sein Autogramm versprochen hatte. Das hatte sein durch Felicitas herabgedrücktes Selbstgefühl wieder gehoben. Er sah ja sehr Wohl, daß das junge Mädchen nur mehr Augen hatte für den blonden jungen Mann an ihrer Seite, daß er abgetan, kalt gestellt war, und in einen: gewissen Trotz jubelte nun seine herrliche Stimme enipor, naben der sich Adas zarter Sopran nicht behaupten konnte, die das Echo in den Bergen weckte. Es war so wunderbar schön, daß alles in stpmmer Ergriffenheit lauschte, daß auch die Försterfamilie aus dem Haus stürzte und begeistert die Hände zusammenschlug.

Frau Robertus stellte sich als Huberbäuerin vor.

„Wir wollen uns heut' auch einen guten Dag machen, weil unsere Sommergast fort sind!" sagte, sie. „Und jetzt kocht's uns halt ein Rehbratel und einen Kaiserschmarrn!"

„Ihr seid's g'wiß Theaterleut?" erwiderte die Försterin lachend. „Saubere Dirndl habt's, und der Ein, der kann fein singen! Da möcht ich Wohl einmal das Stück hören, das sie in Schliersee amal g'spielt haben: „Almenrausch und Edelweiß!"

Auf dam Tanzboden mußten erst die dürren Blätter waggekchrt werden, die voni Wald hereingewcht waren. Aber dann spielte unermüdlich die Musik, und inan

walzte — auch Frau Ada, der es freilich .sehr heiß wurde, denn sie war stark geschnürt — bis der Tisch im Freien gedeckt war und das Essen kam.

Und die Jüngsten, die Eifrigsten, zog es auch nach der Mahlzeit gleich wieder zu dem schlichten Bretter­boden, um den so herrlich kühle Luft fächelte, daß man in dem frischen Waldhanch gar nicht müde wurde.

Oberleutnant v. Fahrenstein hatte Felicitas bei der Hand genommen: aber er führte sie nicht zum Tanz. Mit einem bittenden Blick zog er sie fort von der lauten Musik, von den herumwirbelnden Paaren, „ fort auf einen schmalen Weg, der an Brombeergestrüpp und Farrenkräutern entlang führte, über Moos und weiches Laich. Wie ein Dom wölbte sich der Waldeingang, nur vereinzelte Sonnenlichter fielen durch die hohen, dichten Bäume und flimmerten goldig über das Unterholz. Eine grüne Dämmerung war's: man hörte das Rauschen der Wipfel; ab imd zu fiel ein gelbes Blatt zu Boden.

„Wie still es hier ist!" sagte das junge Mädchen.

„Sie lieben es iiicht — dieses Schweigen?" srng er

doch! — Es ist nur so fremd, fast unheimlich — wie eine Welt für sich, die inan kaum kennt!"

„Und ich begreife sehr wohl, daß solche Ruhe Sie seltsam berühren mllß. Bei Ihnen geht es immer so lobhaft zu, — Einsamkeit kennen Sie wohl gar iiicht?"

„Gefällt es Ihnen nicht bei uns?" frng sie mit kokettem Schmolleii.

„Aber gnädiges Fräulein!"

Sie lachte. „Das gnädige Fräulein klingt komisch heute!" Sie schwenkte ihre hellblaue Bäuerinnen- schiirze.

„Also — Fräulein Felicitas'." korrigierte er sich,mit einem zärtlichen Klang in der Stimme. „S:e wissen recht wohl, wie gern ich bei Ihnen auf der Billa bin, wie dankbar ich war, daß ich oft znm Kaffee kommen, mich an den reizenden Ausflügen beteiligen durste! Ich habe noch nie so schöne Urlaubswochen gehabt!"

Sie lächelte ihn an, wieder versöhnt. Es gefiel ihr ja gerade an ihm, das; er ernster war als alle die fidelen lachenden, oberflächlichen Menschen, mit denen sie sonst verkehrten. Wenn er nur iiicht so verschlossen gewesen wäre. Immer so korrekt, so höflich beherrscht! Aiis seinen Augen spmch ja freilich zuweilen eine Wärme, ein Sehnen, das sie selig dnrchschanerte. Warum blieben seine Lippen so stumm? Es war oft eine prickelnde Ungeduld in ihr, ihn ans seiner Reserve herauszulocken, und ein bißchen Bekenntnis von ihm zu Hören! ,

Aber sie mußte ia tvartcn, warten, kühl und ge­lassen sein, wenn es auch in ihr fieberte und pochte.

„Sie halben ganz recht", sagte sie. „Bei uns gcht es immer zu wie in einer Jahrmarktsbude und iiinmer Tschinderadada und bengalische Beleuchtung! Man hat wirklich manchmal das Verlange,: nach einer Pause M