Einzelbild herunterladen
 

I

so. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. »o Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zirsamrnen.

Verlag: Langgaffe 27.

L8-OOO Aüormrntrn.

Anzeigen-Preisr Die einspaltige Petitzeile sur locale Anzeigen lö Psg.. für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reclamcn die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg, für Auswärts 1 Mk.

Aur-isM.Am.ahme LLEN-KK L!IM3RJfJU”5wij!>g {ffff 11 * - 8ti dl°«-,»»-

N-> 23«. sa._ Di-ustag, den 30. Mai. 19027

Abend-Ausgabe.

Pit ROMnist Dts ftmn. PrydeM.

Unser Pariser ^-Korrespondent schreibt uns mrterm 16. Mar:

Herr Laub et ist unterwegs zu seinem Freunde, dem absolut regierenden Czaren, um ihm einen Gegenbesuch abzustatten. Die Reise steht nicht rmter einem günstigen Zeichen. Die furchtbaren Unruhen in Rußland mit allen ihren Begleiterscheinungen müssen hier in dem freiheitlich gesinnten republikanischen Staate das peinlichste Gefühl, die gerechteste Entrüstung hervorgerufen haben. Und dennoch ist die gefcmunte französische Presse diesmal tveifer gewesen als bei den jüngsten Studenten-Unruhen, wo sie einmüchig ihre Stimme für die Unterdrückten er- hob. In diesen: Falle, der weit tragischer wirkt als der erste, verleugnete sich das am stärksten hervortretende Gefühl der Franzosen und da die Presse schwieg, girrgen die russischen Vorgänge hier ziemlich spurlos vorüber.

Aber auch auf französischer Seite kann von einem glücklichen Zeichen nicht gesprochen werde,!, trotzdem im Auslande immer soviel davon gesprochen wird, daß die Wahlen giinstig für die Regierung ausgefallen seien, und der Staatschef deshalb ruhig reifen könne. Es ist dies eine leicht hingeworfene Behaupümg, die nur schwer zu beweisen sein dürste. Allerdings ist bisher Alles vergeb­lich gewesen, was auch von den Feinden der Regierung angezettelt war, um gegen den republikanischeit Gedanken anzukämpfen, alle ::och so fein angelegten Minen sind zwar mit dem natürliche:: Geräusch, aber ohne wirklichen Schaden angerichtet zu haben, explodirt, und tapfer hat .Waldeck-Rousseau als oberster Feldherr die ungeschwäch-«, >ten Angriffe der Anstürmenden abgeschlagen. Und .dennoch reift Loubet rnit Sorgen, welche sich auf die Zu­ckimst erstrecken. Es giebt bei feiner Rückkehr eine schreck­liche Frage zu lösen. Waldeck-Rousseau glaubte die Republik nur retten zu können, wenn er sich dieSocialisten und Kollektivisten zu Bundesgenossen ersah. Die vor- gerückten Parteien, Radikale und Kollektivisten, haben den Vorsatz gefaßt, die Politik der letzten Zeit fortzuführen. Was wird also die Folge davon sein? — Zugeständnisse m weitestem Maße. Es ist nun die Frage, ob der Minister-Präsident die Republik wirklich gerettet hat. Für die Zeit wohl, aber nur um dem internationalen revoluüonären Gedanken innner mehr die Thür zu öffnen und den Weg zu bahnen. Von diesem Stand­punkt aus betrachtet, ist der Sieg der Regierungspartei durchaus nicht mit Fre:rden zu begrüßen, und wenn die begehrlichen Freunde sich nach Loubets Rückkehr an ihn herandränge,: werden, um zu sehen, was er ihnen mit-

Die zweite Süße.

Roman von Dietrich Theben.

(11. Fortsetzung.)

„Na, die Zeit wäre da", n:einte Tönndorp. „Aber Lei uns herun: ist schließlich auch nicht gerade viel zu holen. Sie müssen Timmhusen mal den Rücken kehren, sich in Kiel umsehen, im Sommer in die Bäder gehen — Sie können doch nicht erwarten, daß die heiraths- lustige Damenwelt zu Ihnen gepilgert kommt."

„Schaue^Dich mit um — Sie auch, Menge!" ersuchte Luckuer die Freunde. „Ich werde an meinem Theil eben­falls nicht verfehlen . . . Worauf steht denn Ihr Sinn, Herbrinck; blond, brünett, schwarz oder gar roth?"

„Ich werde mir das überlegen, Herr Graf. Vielleicht haben Sie die Güte, nach ein paar Jahren mal wieder anzufragen —"

„Oho!" unterbrach der Schloßherr lachend. In eine so lustige Ferne wollen wir die Geschichte nicht verschieben. Ich bewillige Ihnen Urlaub, wann und so lange Sie wollem Aber machen Sie Ernst, Bester! Hui! wird der alte Bau umgestoßen und der neue, der schon all die Jahre her spukt, hingezaubert. Ohne Spaß: daran

könnten wir immer schon denken!"

„Die alten Räume genügen mir", behauptete Her­brinck und sprach sich wie gewöhnlich gegen das Projekt aus.

„Ihre Einwände bleiben immer dieselben", stel ihm Luckner ins Wort. „Aber die Verhältnisse sind gänzlich andere geworden. Ich muß wieder mal meinen Kopf durchsetzen", drohte er, wandte sich dann aber von Neuem >dem Spiel zu.

Die Comtessen zogen sich bald nach dem Thee zurück rmd Herbrinck fühlte, als die Hand Helenes in der seinen ruhte, ein Zittern in den schlanken Fingern. Ihr Blick .streifte ihn befangen.

Es hielt ihn nicht mehr.

Er verwellte noch kurze Zeit als Zuschauer und der- wfchiedete sich dann :mter der Vorgabe, ermüdet zu sein. Der Schlaf floh ihn aber, und noch stundenlang lag er

gebracht, dann wird auch er seufzen: „Gott schütze mich vor meinen Freunden!"

Aber noch aus einem anderen Grunde wird auf die Reise ein trübes Licht geworfen, das blutigroth durch düstere Wolken auf Frankreich herniederleuchtet. Das schreckliche Unglück aus Martinrgue vermochte den Präsi­denten, Lessen weiches Herz, dessen Gutmüthigkeit überall gerühmt werden, nicht davon abzuhalten, in Brest einem prunkenden Bcuckett beizuwohnen, an welchem fünfzehn- hnndert Eiugelaüene theilnatnnen, und wo er in seiner Rede nicht einmal Gelegenheit fand, dieses Unglückes Er- wäh:rung zu thun. Dies berührt allerdings nicht ange- nahm und giebt den Oppositionsblättern, ebenso wie die Verherrlichung der chn begleitenden Minister, Stoff genug, ihre Galle über Panama I, wie Loubet vom „Jntransigearck" genannt wird, und die Regierung auszu- schütten. „Llr. Loubet s’amuse", heißt es überall, und doch hat auch diese Sache eine zweite Seite, von der sich die Handlungsweise des Präsidenten nicht nur nicht ent­schuldigen läßt, smwern geradezu gerechtfertigt 'wird. Auch daß gerade der Hafen von Brest ausgesuckt wurde, geschah nicht ohne Grund. -Bekanntlich lieat der Regie- rung daran, den republikanischen Gedanken immer stärker Wurzel fassen zu lassen und damit sah es in der Bretagne mit seiner starrköpfigen Bevölkerung noch immer nicht zum Besten aus; auch die Rede des Maire von Brest, daß sich der bretonische Charakter immer inniger an die Republik anschließe, zielt darauf hin. Daß dies aber noch :mmer nicht vollständig der Fall ist, beweist der Umstand, daß von dreihundert eingeladenen Maires nur zwei­hundert erschienen. An Herzlichkeit ließ übrigens die Rede, welche namentlich Loubets Verdienste um die demo­kratische Idee feierte, nichts zu wünschen übrig, und wenn dreser darauf Waldeck-Rousseau als einen der größten Stdatsmänner Frankreichs feierte, welcher fernem Vater- lande seit zwanzig Jahren Dienste geleistet und sich namentlich durch die geschickte und thatkrästige Führung des Staatssteuers während der letzten drei Jahre das größte Verdienst erworben, so trägt er diesem hiermit nur eure Schuld der Dankbarkeit ab. Auch für den Miinster des Aeußern, Delcassä, von dem er sagte, daß dieser wäh- rend ferner vierjährigen Anstsdauer seine:: Namen in Frankreick: und im Auslande mit größerer Macht aner­kannt gesehen, sowie für den Marineminister de Lanessan sielen bei dieser Gelegenheit einige Lorbeeren ab. Mit Aenugthuung nahm er die Worte auf, daß das Departe- ment Finlsttzre „weise, langsam und sicher" sich der Republst nähere. Ausfallen mußte, daß er den Gegnern der Repubük einen Hieb versetzte, was sonst nicht seine Art:st, mdem er davon sprach, daß Frankreich einmüthig war, und daß sich unter den vornehme:: Persönlichkesten kein Kandidat fand, welcher sich auf die Monarchie oder das Kaiserthum berufen hätte.

::: quälendem Grübeln. Phantasie und Gedächtniß be- ichworen düstere Bilder herauf, die doch immer wieder, w:e die Sonne, die Wolken, blendend und strahlend das frische Bild der jugendliche:: Comteß durchbrach. Mit e:nem Stöhnen drehte ec sich der Wand zu und schloß die brennenden Augen; aber selbst der endlich herbeige­zwungene Schlaf trieb das marternde Spiel in wirren Träumen fort.

Abgespannt erwachte er, kalt und ernüchternd umgab :hn das Morgengrau. Schwerfällig erhob er sich und fand die Beherrschung langsam wieder.

Nach beendetem Tagewerk machte er im Mondschein noch einen Gang durch die winterliche Waldung. Selbst- vergessen schritt er aus und stutzte fast verwundert, als er weit im tiefen Abendfrieden plötzlich das Birkhaus vor sich liegen und die kleinenFenster roth austeuchten sah. Etwas Einladendes sprach aus dem Lichtschimmer zu ihm, das ihn unwillkürlich näher lockte, und als er durch die unverhängten Scheiben Löhr und seine Schwester am einfachen Abendtisch sitzen und sich unterhasten sah, drängte es ihn, an dem Frieden der beiden Menschen theilzunehmen uwd bei ihnen einzukehren.

Er pochte und rief seinen Namen.

Der junge Mann karn, um zu öffnen.

„Sie, Herr von Herbruwk?" fragte er freudig.

„Wenn ich Sie nicht störe, möchte ich wohl noch ein Stündchen verplaudern" erwiderte Herbrinck freundlich.

„Stören? Gar nicht", versicherte Löhr und fand an seiner Schwester eine Unterstützung, die den will­kommenen Gast gleichfalls einlud.

„Der Graf ist noch in Kiel", erzählte Herbrinck im behaglich durchwärnsten Zimmer, „und dürste kaum vor zehn oder elf zurückzuerwarten fein. Da lockte es mich noch ettvas hinaus."

Das Mädchen räumte, nachdem Herbrinck für einen Imbiß gedankt hatte, ab, und dann saßen sie alle drei im Lichtkreis der kleinen Hängelampe, die den Raum dürfttg, aber hinreichend erhellte. Herbrinck hatte dem geschickten Hanttren des Mädchens mit Wohlgefallen zugeseben und empfing auch im Laufe der Unterhaltung einen Eindruck vor ihr, daß er im Stillen die auf eine Verbindung mit

Deutsches Deich.

* Hof- und Personal-Nachrichten. In Potsdam

fand gestern Vormittag die Feier des Stiftungsfestes des Lehr- Jnfantene-Bataillons statt. Außer dem Kaiser nahmen an der Feier Theil die Prinzen und Prinzessinnen des Königl. Hauses, Prinz Paribatra von Siam, der russische Botschafter, Graf v. Osten-Sacken, die Herren der Botschaft, di- fremdherr- lrchen Militär- und Marine-Attaches, Reichskanzler Graf Bülow, die Oberhof- und Biceoberhofchargen, Minister v. Wedel, di: Kabinettschefs, die General-Adjutanten, Generale a 1a snsts, Flügel-Adjutanten, der kommandirende General des Gardecvrps, b- Kessel, die Chefs des Generalstabs, sowie die Potsdamer Civilbehörden. Hof- und Garnisonsprediger Keßler hielt den liturgischen Gottesdienst ab. Später fand im Muschrlsaal Fruhstückstafcl zu ungefähr 110 Gedecken statt. — Zuverlässigen Nachrichten zufolge hat der Kaiser der Bonner Studentenschaft zugesagt, einen ihm für seine Anwesen­heit in Bonn (17. bis 19. Juni) zugedachten Fackelzug anzu­nehmen.

Berlin, 20. Mai. Wie eine Berl. Lokal-Korrespondenz berichtet, ist die Hochbahn wegen Störung des Gottes­dienstes verklagt worden. Dieselbe geht am Lausitzer Platz dicht an einer Kirche vorüber, die dadurch in chrer architek­tonischen Wirkung beeinträchtigt wird. Außerdem soll der Lärm so groß sein, daß während des Gottesdienstes die Gemeinde ge­stört und die Worte des Predigers überiönt werden. Man hat sich nunmehr an den Polizei-Präsidenten gewendet, damit der­selbe die Hochbahn veranlasse, während der Gottesdienst-Stunden die Züge wenigstens langsam fahren zu lassen.

Der Justizminister verfügt, daß in Fällen, in welchen gegen Offrziere des Beurlaubten st andcs auf Archt- haus, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte oder auf Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter rechtskräftig erkannt wurde, das Urtheil dem Präsidenten des Reichs-Militäracrichts zu übersenden ist.

* In der Generalversammlung des Deutschen Berg- arLcstervervamdes in E s s c n a. d. R. berichteten vorgestern die Vertrauensmänner der verschiedenen Bergbaubezirke über dir Lage derselben^dst allgemein als ungünstig geschildert wurde. Ein bayrischer ' Delegirter bezeichnest hingegen die Verhällnisse der oberbayrischen Bergleute als ziemlich günstig. Es wurden dann eine Resolution angenommen, in der die Generalversamm­lung gegen die wiederhollen Bestrafungen und Lohnabzüge pro- testirt und die B-rufsgenossenschaften auffordert, sich nicht zum, Ausstand Hinreißen zu lassen. Derselbe würde augenblicklich nur den Grubenbesitzern Vortheil bringen. Die Generalversammlung erwartet von den Regierungen, daß sie den Uebelständen im Bergbaubetriebe durch gesetzliche Mittel zu Gunsten der Arbeiter em Ende machen. Weiter wurde eine Resolution angenommen, rn der ein« Reform des Knappschaftswesens durch Reichsgesetz als unbedingt erforderlich erklärt wird. In einer weiteren Reso­lution spricht sich die Versammlung für Weiterbildung des Krankenkassengefctzes in dem Sinne aus, daß die angekündigte

dem Grafen zielende Besorgniß des Bruders für unbe­gründet erklärte, «roie mochte nicht gerade tief veranlagt sein und war sicher nicht zu einem eigenartigen und selbst­ständigen Denken fähig, wie die geistig weit überlegene junge Komteß; aber sie gab sich mit eincw Einfachhest :md zurückhaltender: Bescheidenheit, die ihm auch mit einer vertrauenswürdigen Besonnenheit und Festigkeit der- bunden und eine leichtsinnige Erniedrigung auszu- schtteßen schien.

Ter Eindruck stiminte ihr: hctter und ließ ihn in dem kle:::en Kre:se sich wohl fühlen. Und darüber vergaß er denn auch, daß sich das Gespräch im Ganzen in recht nüchternen Bahnen bewegt und fast nur Alltäglickkeiten berührte, wenn er nicht selbst darüber hinausgriff und emen Faden sinnend ausspann, den einZufall die Anderen hatte bloßlegen lassen.

Die Geschwister kannten den Arttsten Kruse und er- zahlten von ihm, als Herbrinck seinen Namen genannt hatte, daß er sich ehedem heimlich aus der Heimath ent- fernt haben solle, in dem Drange, mehr zu werden, als chm :n der dörfllchen Umgebung möglich war. Er habe zuerst in Neumünster ein Unterkomme:: als Stallknecht :n e:nem Fuhrgefchäft, dann als Hausdiener in einem Gasthof gefunden. Be:m Militär sei er bis zum Unter­offizier avancirt, habe dann aber in seiner Unstättgkeit den bunten Rock ausgezogeu, sich nacheinander als Herr- schaftlicher D:ener, Kellner und Agent in verschiedenen Städten Herumgetrieben und sich schließlich dem Theater Zugewendet, auf den: er zu den Größen mffzusteigen gehofft.

„Es muß aber Wohl doch uicht gelangt haben, denn viel geworden ist nicht aus ihm", meinte Löhr.

„Ueber seine Kraft kann Niemand", reflektirte Her- brinck. „Und wer die überschätzt, dreht sich im Kreise und langt immer wieder da an, von wo er ausgegangen ist. Freilich — mitunter kann er sich auch verirren, und dann führt chn ein Fehlschlag nach dem anderen abwärts :n eme trostlose T:efe. Und wie die Kraft zum Schaffen, die geistige und die Physische, so wird nicht feiten die sitt­liche verkehrt eingeschätzt und versagt in einem Summe! des Lebens, der nothwendig gleichfalls an den Abarrmd