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Mage nun Wiesbadener Tagklatt.

U». A27. Morgen-Ausgabe.

Samstag, de« 17. Mai.

50. Jahrgang. ISO-.

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Die Philanthropen sind oft frühere Tyrannen, Di« durch Erfahrung mild gemacht:

Und die Tyrannen frühere Philanthropen,

Die durch Erfahrung wild gemacht.

Aloir Wohlninth.

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(59. Fortsetzung.)

Irr Marschall stab.

Roman von Waliser Sefnlte vom Mrüsk-

26 .

Felix hatte keine Schwierigkeiten gefunden, seinen Plan wegen des Konzertes in der Farbentube anszu- führen. Diejenigen Vorstandsmitglieder, die bei der Abendgesellschaft in seinem Atelier zugegen gewesen waren, unterstützten ihn auf das Nachhaltigste, und da die Sache neu, originell und bolksthümlich erschien, Schnütgens iiberdies ein verdientes Mitglied des Vereins war, so beschloß man, die Wintersaison int Künstlerheim mit dieser Veranstaltung zu eröffnen. Der Maler selbst hatte sich eifrig gezeigt, persönlich bei den Vorbereitungen einzugreifen ; so veranlaßte er Schnütgens, dem er gleich­zeitig auf die zil erwartende Koirzerteiirnahnie hin einen Geldvorschuß verschaffte, besonders schölte Roben Her­stellen zu lassen. - lind als daitn bei dem Konzert die drei Mädchen in einfachen Seidenkleidern erschienen, die aber im Devant das von der Kunststickerin Ziska eigens ge­fertigte, von schönen Ranken umgebene bergische Rosen­wappen zeigten, da war das Auge schon bestochen und der Lokalpatriotismtts erweckt. Kein Wunder, daß nach dem bis ins Feinste abschattirten Vortrage des Heimathliedes das den Hauptsaal des Gebäudes der Farbentube bis auf den letzten Platz füllende Publikum in einen fast be­ängstigend stürmischen Beifall ausbrach, ein Beifall, der jeder Nummer des mit Sorgfalt ausgewäblten Pro­gramms treu blieb und der seinen Höhepunkt erreichte, als Hulda mit einiger Beklommenheit beginnend, aber bald sieghaft durchdringend, ihr Solo sang.

^ Das Unternehmen Schnütgens war mit einem Schlage künstlerisch und auch in Hinsicht auf den Geld­punkt glänzend eingeführt und gesichert. Die Blätter brachten spaltenlaitge Kritiken, ivelche in allen Tonarten versicherten, daß es hier gelungen sei, das Volksthümliche mit dem echt Künstlerischen harnionisch zu verbinden und daß der Tonkunst geradezu ein neuer Weg gewiesen werde durch den kühnen Versuch des Herrn Schnütgens. lieber Nacht war das Unternehmen in die Mode gekommen. Aus allen Städten des Regierungsbezirks folgten glän­zende Anerbietungen; gegen gtites Honorar fmirde das Terzett zu vornehmen Abendgesellschaften herange­zogen und als Schnütgens für die L-aison einen Ctzklus voit zehn Konzerten des Terzetts, verbunden mit dent Auftreten berühmter Gesangssterne und Virtuosen, an­kündigte, da war das Abonnement schon in wenigen Tagen vergriffen. Seine Erwartungen waren weit, weit übertroffen und sein ursprünglicher Gedanke an eilte ständige Konzerthalle mit verhältnißmätzig billigen Ein­trittspreisen als ein wirksames Gegenmittel gegen die geschmacks- und sittenverderbcnden Tingeltangel mußte von vornherein aufgegebett werdett. Urplötzlich war er

zu einer gewissen musikalischen Macht gewordeit und ver­stand es auch aufs Beste, sich in dieser Stellung zit be­festigen. Seinen Künstlern, denen er bisher nur den Unterhalt bestritten hatte, setzte er nun ein kleines festes Gehalt aus und ließ sie am Gewinn theilnehmen. Wohl wissend, daß die musikalische Ausbildung feiner Gesell­schaft noch vielerlei Lückctt aufwies und daß man höhere Anforderungen stellen würde, sobald das Unternehmen den Reiz der Neuheit verloren habe, gab er tticht nach int sorgsamsten Stttdium und ließ lieber einen Konzertanftrag unberücksichtigt und „machte sich rar", als daß er des augenblicklichen Erwerbs wegeit jene Vorbereitungen ver­nachlässigt hätte.

Hulda, der er wegeit ihrer Solovorträge ein höheres Honorar ausgesetzt hatte/ wurde es leicht, sich selbständiger zu machen. Sie bezog nun bei ordentlichen Leutett ein Zimmercheit für sich allein, miethete sich auch ein Klavier und trieb mit regstem Eifer ihre musikalischen und ge- sanglichen Studien. Jedett Morgen wurde eine gentein- same Probe abgehalten, aber Hulda erhielt außerdem täglich eine Gesangsstunde von ihrem Lehrer. Den Klavierunterricht bei ihr hatte er, da ihm nun die Zeit ntaitgelte, aufgegeben und ihr eine tüchtige Lehrerin empfohlen. Da sie beit dringenden Wunsch hegte, auch in anderer Richtung ihre mangelhafte Bildung zu ergänzen, unterstützte er sie mit Rath und That und seine Be- wunderung für das Talent und ernste Streben des jungen Mädchens wuchs bald zu einer Verehrung empor, bei der das Herz nicht unbetheiligt war, obgleich er sich ehrlich bemühte, feiner arglosen Schülerin solche Gefühle sorglich zu verbergen.

Hans vermied cs, mit Hulda, und mit der Konzert­gesellschaft überhaupt, zusammen zu kommen. Zwei der Konzerte hatte er freilich besucht, aber es war keine reine Kunstfreude, die er genoß, vielmehr empfand er eilt Ge­fühl schnterzlicher Wehmuth, das noch laitge in ihm nach­zitterte und sich jedesmal wieder regte, wenn er eilte günstige Kritik über das Unternehmen las oder wenn der Name des Mädchens nur erwähnt lvurde. Die Stimmung des Spätherbstes uitd des beginnenden Winters paßte so recht für seine Seele. Während ec gewöhnlich in der Geschäftspause nach dem Mittagessen, meift mit dein Maler, in ein Caf6 ging, um dort bei einer Tasse des würzigen Trankes Zeitungen durchzusehen, lief er jetzt zu dieser Zeit in den einsamsten Theilen des Schloßgartens umher. Das Brausen des Windes, das Rieseln der Blätter und ihr Rauschen, ivenn sein Fuß durch ihre an den Wegrändern angehäuften Mengen dahinschritt, das that ihm wohl, ebenso das Glucksen lind Schäumen der Wellen in dem Strome, der breit und gewaltig zwischen niederen Wieselt dahinfloß.

Felix machte sich lustig über des Freundes so plötz­lich erwachende Naturbegeisterung, seine „Laufwuth", wie er es nannte. Als sie eines Tages aber, da strömen­der Regen Hans an dent üblichen Spaziergang hinderte, wieder in einein Eckdivan iin Cafck zusammensaßen, fragte der Maler: „Haben Sie in diesen Tagen etwas von Schnütgens gehört?"

„Nur gelesen, daß er ntit seiner Gesellschaft in Köln mtd Krefeld konzertirte tind den üblichen Erfolg hatte."

„Nein, das meine ich nicht. Etwas Anderes, In­timeres."

„Ich habe", entgegnete Haits und zwang sich zu einein

gleichinüthigen Tone, „so viel mit meinen nächsten Zit« kunftsplänen zu thun, daß ich mich'nicht darum kümmenf konnte."

„Ich dachte, Sie würden, schon der Landsmannschaff wegen, vielleicht hin und wieder Ihre Jugendbekanntetz Fräulein Hulda, sehen und sprechen."

„Seit jenem Abend in Ihrem Atelier habe ich keilt Wort mehr init ihr gewechselt."

Felix sah ihn lächelnd an. Sie sind ein charakte» voller Jüngling, das ist des Lorbeers würdig", meinte er. „Nun, ich dachte nur. — Aber vielleicht haben Sie sonst etwas von dem Gerücht erfahren!"

„Von welchein Gerücht?"

„Mait sagt, Schnütgens habe Fräulein Httlda nt aller Form einen Heirathsantrag gemacht."

„Und sie wird ihn heirathen —- natürlich!" sagte Hans nach einem kurzen Augenblick mit rauher Stimme* „Sie denkt gar nicht daran. Sie soll ihm erklärt laben, sie wollte überhaupt nicht heirathen, sie wollte nutz eine Künstlerin werden." '

Hans athmete auf. „Sic hat ihn also regelrecht ab- gewiesen?"

„So sagt man. Das Ganze ist überhaupt nur em Gerücht, wer weih, wie es entstanden ist. Jedenfalls werden beide Stillschweigen darüber bewahren, und ob. auf den Klatsch der Hauswirthinnen oder, was weiß ich«

wer das Gerede aufgebracht hat-"

„O, ich glaube schon, daß er sich — wenn auch nt bester Absicht — dies Mädchen hat sichern 'vollen", ries Hans eifrig. „Aber sie hat ihn abgewtesen — abge­wiesen, das ist sicher." . ,

„Er ist sonst ziemlich gescheit; das aber war eins große Dummheit von ihin. Zweifellos ist er schwer vetz« iiebt, daß er so blindlings losstürmte." ’

„Ist das nicht eine sehr peinliche Sache zwischen Lehrer und Schülerin?" , .

„Es war eine Dummheit, eine kapitale Dummheit von dem Schnütgens. Es ist ja kaum daran zu zweifeln, daß das Kontrakts- und llnterrichtsverhältniß bestehen bleibt, aber eine Lockerung giebt's doch und das wird das Mädchen zu größerer Freiheit und Selbstständigkeit treiben. Na, die kleine Krabbe weiß, was sie thut. Es. fehlt ihr nur noch der übliche ältere wohlhabende Kunst«

inäcen." „ 1

„Reden Sie nicht so frivol von ihr", sagte Hans etz« zürnt, „das Mädchen hat Charakter, dafür bürge ich."

„So!" entgegnete Felix, indem er sich eine Cigarette anbrannte, „so, sie hat Charakter? das freut mich, wenn Sie das sagen. Doch schließlich — was geht daZ

uns an?" , ’

„Ja, was geht das uns an!" meinte auch Hans und winkte die Kellnerin herbei, aber seine Worte klangett

etwas gepreßt.- . . . .

Wenige Tage später gab Schnütgens sem zweites; Cykluskonzert, bei dem diesmal eine berühmte Geigen­spielerin mitwirkte. Der große Saal der Kasinogesell- schaft war bis zunt letzten Platz gefüllt, und auch auf bet Gallerte, für welche keine Abonnements ausgegeben wurden und für die Schnütgens in Rücksicht aus die Volksthümlichkeit seines Unternehmens sehr billige Preise angesetzt hatte, drängte sich Kopf an Kopf.

(Fortsetzung folgt.)

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