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„Tagblatt -4-nb" Nr. 6650-53.
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Sonntag, 11. Iuli 1915.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 317. ♦ 63. Jahrgang.
Oer Krieg.
Der österreichisch -> ungarische TagesverichL
w. T.-B. Wien, 10. Juli. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 10. Juli, mittags:
yusfischer Kriegsschauplatz, vie russischen Angriffe ohne Erfolg.
Die Situation ist im großen und ganzen unverändert.
Nördlich Krasnik erneuerten die Ruffen in der vergangenen Nacht nochmals erfolglos ihre Angriffe.
Italienischer Kriegsschauplatz:
Italienische Bataillone am Eol di Lana durch scharfes österreichisches Zeuer zur Umkehr gezwungen.
Die Ruhe an der küftenländifchen Front hielt im allgemeinen an. Ein feindlicher Angriffsversuch bei Straus sinn wurde abgewiescn.
Im Kärntner Grenzgebiet hat sich nichts ereignet. An der Tiroler Front wurde ein italienischer Angriff auf unsere Stellung nordöstlich des Krruzbergsattels zum Stehen gebracht.
Liegen den Coldi Lana gingen vorgestern nachmittag mehrere feindliche Bataillone vor. Das F-euer eines unserer Forts zwang sie zur Umkehr. Gestern vormittag versuchte ein Bataillon einen neuen Angriff. Erst auf die klelnftech Entfernungen beschoffen, hatte es große Verluste und mußte gleichfalls umkehren. Die braven Standschützen betätigten im schwierigsten Hochgebirge ihre Unternehmungslust in erfolgreichen Kämpfen.
Der Stellvertreter des Chefs des Geueralstabes: v, Hofer, Feldmarschalleutnant,
»
Die russische Gegenoffensive.
In früheren Betrachtum-gen über die Kriegslage hatten wir schon verschiedentlich darauf hingewiesen, daß bet Brennpunkt der Kämpfe auf dem galizischen Kriegsschauplatz sich immer mehr von Mittelgalizien nach Norden tit dem Raun: zwischen Weichsel und Bug verschoben hätte. Das Vordringen der Verbündeten in dieser Richtung führte unmittelbar in die Flanke und gegen die rückväntigen Verbindungen aller derjenigen ruffischen Hoeresteile, die nordwestlich der Weichsel standen. Es bot die Möglichkeit, die ganze Weichselfront ton Süden her wufzurollen. Mit dem Vorgehen gegen Lublin und Eholm gelangten die Verbündeten auch in den Besitz bedeutender strategischer Eisenbahnlinien, die nicht nur für den gesamten Nachschub des russischen Heeres wichtig waren, sondern die auch für Truppenverschiebuugcn und Neugruppierung der russischen Streitkräfte von entscheidendem Einfluß waren.
Es ließ sich voraussehen, daß die Russen dem Vorgehen der Verbündeten nicht tatenlos zusehen würden, und daß sie sich nicht auf den Widerstand chres in Galizien schon mehrfach geschlagenen Heeres beschränken würden. Zunächst haben sie mit den aus Galizien vertriebenen Teilen in der Gegend von Krasnik und cm den Abschnitten der Wysnica, des Por und der Lubanka wieder Halt gemacht, um hartnäckigen Widerstand zu leisten. Es entwickelten sich mehrtägige erbitterte Kämpfe, in denen die Verbündeten zu- nächst siegreich waren, die erwähnten Abschnitte überschritten und auch die nördlich Krasnik gekegenen Hohenzüge eroberten. Sie waren sogar mit einigen Teilen schon über diese Höhen rach Norden vorgerückt.
Die russische Heeresleitung, die die große Gefahr, die ihr hier drohte, anscheinend richtig und rechtzeitig erkannt hat, führte sofort Verstärkungen auf das Schlachtfeld. Ihr Auftreten bildet das wichtigste und neueste Moment der Entwicklung der Kriegslage. Es läßt sich noch nicht er- kennen, woher diese frischen Kräfte gekommen sind. Es können dies noch Truppen sein, die bisher im Innern des Landes zurückgehalten waren und die jetzt schleunigst nach dem gefährlichsten und am meisten bedrohten Tunkte geworfen wurden. ,Es kann dies aber auch den Anfang der Neugrupprerung bezeichnen, von der in russischen Blättern so vielfach die Rede war, und auf die auch der russische Genevalstabsbericht verschiedentlich hingewiesen hatte und von der er einen Umschwung der Lage erhoffte. Man mutz auch damit rechnen-, Latz die in Ostgalizien geschlagenen und zurückgeworsenen Truppen inzwischen das Wolhynische FrstungSdreieck erreicht haben und dort unter dem Schutze der Werke mit der Bahn abbefövdert worden sind. Von diesen Fcsimrgen führen strategische leistungsfähige Bahnen nach Brest-Lftowsk, Lublin und Jwangorod. Beiderseits der Chansssen nördlich Krasnik mutzten ober die mn weitesten vorgeschobenen Truppen der Verbündeten auf die Höhe bei Krasnik wieder zurückgehen. Es muH damit gerechnet werden, datz die Russen auch in den nächsten Tagen ihre Angriffe forffetzen werden.
Wichtig ist es, datz die Verbündeten weskkich der Weichsel ihren Vormarsch erfolgreich fortgesetzt und einige rnffische Vorstellungen erstürmt haben.
Der Tholeraschrecken in Moskau.
Br. Basel, 10. Juli. (Erg. Dvahtbcricht. Ktr. Bln.) Laut „Nowoje Wrrmja" sind aus MoSkan sehr schlimme Nachrichten über die Ausbreitung der Cholera eingetroffen. 80 Prozent der an Cholera Gestorbenen sind Fr a u c n.
Schwere russische Verluste an der Vukorvina- front und am Dnjeftr.
Erbitten Waffenruhe zur Beerdigung der Gefallenen.
Tschernowrtz, 10. Juli. (Ktr. Bln.) Bei dem Angriff der letzten Tage erlitten dir Russen an der B u k o w i n a f r o u t und am Dnjestrufer so schwere Berlnfte, daß sie vvms Gegner eine Waffenruhe zur Beerdigung der Tausenden Gefallener, die vor denDrahtverhauen liegen, erbitten mutzten. Während der Waffenruhe erkannte man erst, wie blutig die russischen Verluste bei den Stürnren an dieser Stelle sind, und doch blieb der Angrffs erfolglos. Infolge des österreichisch«: Artilleriefeuers wurden die Russen noch weiter vecmürbt. Sie zogen sich an zahlreichen Stellen vonr Dnjeftr mehrere Kilo- mrtcr zurück.
verbotene Protestkundgebung gegen die Teuerung.
Br. Petersburg, 10. Juli. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die fiir Sonntag m Moskau aröbenamnte Beratung des all - rws,fischen Stäbtetages über die fortschreitende Teuerung ist twn dem Minister des Innern verboten worden.
Tapfere Polinnen.
Wien, 9. Juli. (Fr. Z.) Wie hierher aus Piotrkow berichtet wird, sind von den Russen zwei Botinnen in Opocno (Gouvernement Radom) unter der Anklage, für die österreichisch-ungarische Armee Erknudiguugsdienste geleistet zu hoben, gestellt und öffentlich hinaerichtet wordene Vor dem Vollzug der Exekution rief die eine Verurteilte: „Es lebe Polen!" Die andere forderte die Versammelten zu verzweifeltem Kampf gegen den Zarismus aus. Der Heroismus, mit dem beide Polinnen in den Tod gingen, machte im ganzen Bezirk autzer ordentlichen Eindruck.
Die nach Sibirien verbannten Dumamitgliebcr.
Zürich, 9. Juli. Die in Petersburg verurteilten fünf sozialdemokratischen Reichsduma-Abgeordneten wurden nunmehr nach Sibirien verbannt. Die Verhaftung dieser Abgeordneten, die unter Verletzung der parlamentarischen Immunität geschah, erregte seinerzeit großes Aussehen. Die Regierung klagte sie des H o ch v e r r a ts an. die Verhandlungen ergaben indes die absolute Nichtigkeit der Anklage, und es blieb nur der Vorwurf der Opposition übrig, ' welche die Abgeordneten der Regierung gegenüber auch während des Krieges leisteten. Das Urteil lautete aufleoens- längliche Verbannung nach Sibirien und ist nunmehr vollzogen worden. Niemand außer ihren Frauen durfte Abschied von den Verurteilten nehmen. Nach Krasnojarsk und Jenisseifl, wohin man sie verwiesen hat, wurden sie in verschlossenen Wagen gebracht.
Vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.
Nochmals der mißglückte Fliegerangriff auf Friedrichshafen.
Der französische Flieger Gilbert Wer seinen Flug.
cll. Genf» 10. Juli. Ter französische Flieger Gilbert, der am 27. Juni einen mißglückten Bombenangriff ans die Zeppelinhallen in Fri-edrichÄhaseu unternahm und auf Schweizer Gebiet gefangen gesetzt wurde, gibt in der „Gczctte de Lausanne" ciuc genaue Schilderung seines Abenteuers.
Gilbert hatte am 27. Juni den Auftrag erhalten, die ZeppeLuaiilagen in Friedrichshofen zu- bombardieren. Er stieg mit einem Moräne-Eindecker ans und wurde, da er heineri,:: Geschütz an Bord hatte, lvahrend der ersten Hälfte seiner Fahrt von einem französischen Kriegssiugzeug begleitet. Er flog stellenweise über treibenden WÄkenwänden in einer Hohe von 3600 Meter Er wurde von heftigem Geschütz- fener empfangen, und zahlreiche Schrapnells stiegen so hoch, Latz sie sogar über dem Flugzeug explodierten. GÄbert warf vier Bomben ab. Ban dwrtjchen Geschossen getroffen, erlitt der ftan.zr.jische Apparat eine Panne, und Gilbert sah sich gezwungen, auf Schweizer Gebiet bei Rheinsfelden zu landen, wobei der Apparat sich über schlug. Gilbert wurde sofort von den Schweizer Behörden festgenommen. Wahrscheinlich wird Gilbert wie die bisher in der Schweiz int-er- nierten französischen Flieger nunmehr in - eine Stadt im Innern des Landes gebr:»chr loerden. Gilbert gehörte dem Mugzsuggeschwader von Belfert an.
Line Vergeltungsmatzregel gegen Frankreich.
Vas ungeheuerliche Urteil gegen Schierstädt u. Strachroitz und ihre schmachvolle Behandlung^
W- T.-B. Berlin, 9. Juli. (Nichtamtlich.) Die „Nords, Allg. Ztg." schreibt in ihrer Morgen-A.wsgckbe vom Samstag: „Vergeltungsmatzregeln gegen Frankreich! Das unerhörte Urteil, das von dem französischen Militärgericht gegen eine krregsgefangenL deutsche Kavallerie-Patrouille,
nämlich die Leutnants v. Schier st ädt und Graf S trwch - Witz, zwei Unteroffiziere und zwei Mann, gefällt worden ist, bat seinerzeit im deutschen Volke einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Die Patrouille geriet in der Marneschlacht hinter die franzüfffche Front und versuchte drei Wochen lang, ihre Truppe wieder zu erreichen. Während dieser Zeit requirierte sie für ihren Lebensunterhalt die nTrmngäncsiich notwendigen Gegenstände, und zwar, so weit angängig, gegen B a r z a h l u-wg. Ms sie «n 'Ende ihrer Kraft war, beschloß sie, sich zu ergeben. Da , Leutnant v. Schierstädt am Bein verwundet war, nahm die Patrouille bei einem Bauern Pferd und Wagen und stellte sich bei der nächsten französischen Truppe. Auf Grund dieses Vorfalles wurden die Mitglieder der Patrouille wegen P l ü n- derung in bewaffneter Bande verurteilt und Leutnant o. Schierstädt zu fünf Jahren Zwangsarbeit, die übrigen zu fünf Jahren Zuchthaus und außerdem alle zu Degradation verurteilt.
Als die erste Nachricht von dem ungeheuerlichen Richterspruch hier eintraf, verlangte die deutsche Regierung sofort Aufklärung des Vorfalles durch die französische Negierung und behielt sich für den Fall einer unbefriedigenden Antwort weitere Maßnahmen vor. Aus dem ihr darauf zngegangenen Urtsil des französischen Kriegsgerichts war .indes ebensowenig wie aus den von her französischen Regierung dazu gemachten Bemerkungen irgendwie ersichtlich, belchen Tatbestand das Gericht seinem Urteil zugrunde legte, noch wie sich die dadurch gegen die Verurteilung deutscherseits erhobenen Einwendungen widerlegen lasten. Die deutsche Regierung vermochte daher m dem Urteil irgend eine rechtliche Grundlage für die darin ausgesprochenen Strafen nicht zu erkennen, sondern inußte in den völlig ungenügenden französischen Mitteilungen nur die Bestätigung ihrer eigenen, auf Äußerungen der beiden Offiziere beruhen- den Auffassung über die Sach- und Rechtslage erblicken; nämlich, daß das Verhakten der Patrouille in jeder ^Beziehung den Kricgsgebränchen entsprach.
Di« unausgesetzten Bemühungen der deutschen Regierung, das ungerecht Urteil außer Kraft zu setzen, haben leider nicht zum Z i-e l e geführt. Der einzige Erfolg aller Verhandlungen war, daß Leutnant v. Sch i erst ä dt ans La Nochelle, wo -er mst anderen zum Abtransport mdj Guyana bechmmten Sträflingen untergebracht war, zu den übrigen Mitgliedern der Patrouille in das Zuchthaus in Riom kcnn, und daß schließlich beide Offiziere und die vier Leute gemeinsam aus dem Zuchthaus in das Militär- gefängnis in Avignon übergeführt wurden. Nach großen Schwierigkeiten durfte ein Mftglied -der Vertretung einer' neutralen Macht die Gefangenen in Avignon besiuchen. Dieses stellte fest, daß die Offiziere und Mannschaften zwar für sich getrennt von den französischen Sträflingen in der Anstalt untergebracht waren, daß sie sich aber mit diesen- auf demselben Hofe bewegen müssen und in gleicher Weise wie sie behandelt und verpflegt werden. Leutnant v. Schierstädt ist infolge der unverdienten schmachvollen Behandlung einer schweren geistigen Erkrankung verfallen und neuerdings in eine Heilanstalt übergeführt worden, in welcher er schon fr ich er vorübergehend untergebracht war. Gleichwohl blieben! alle Bemühungen, ihn wegen Dienst- untauglichkeit ftei zu bekommen, bisher erfolglos.
Die deutsche Regierung glaubt es nicht länger hin- nehnien zu können, daß tapfere deutsche Offiziere und Soldaten, die ihre militärffchen -pflichten treu erfüllten, deswegen Nicht nach dem Völkerrecht wie ehrliche Kriegsgefangene, sondern gegen das Völkerrecht wie Verbrecher behandelt werden. Sie ließ daher an die franzüfische Regierung die F or. d e r u n g stellen, daß die Mitglieder der Patrouille unverzüglich in ein Kriegsgefangenenlager üb-erge- söhrt, und daß sie dort wie unbestrafte Kriegsgefangene ihres Ranges mit solchen gemeinsam untergebracht und behandelt werden. Da diese Forderung nicht erfüllt worden ist, wurden nunmehr auf Anordnung der deutschen Heerrsverivaltung sechs kriegsgefangene französische Offiziere in das Militärgefängnis nach Spandau übergeführt, wo sie genau in derselben W-tzife w:e du' Mitglieder der Patrouille Schierstädt uutergebrpcht und behandelt werden. Etwaige Verschärfungen in der Lage der deutschen Gefangen-on würden auch -den sechs französischen Offizieren gegenüber zur Anwendung kommen.
VlSmijche Ziele und Wandlungen.
Von Professor Dr. (5. Liesegang (Wiesbaden).
Mit größerem Interesse denn je richten sich im gegenwärtigen Augenblick unsere Augen auf Belgien, an dessen äußerster N-ovdavestmcrrke noch immer der Kanipf tobt, während in dem Hauptteil des Landes andertlwlb hunderttausend unserer braven Landsturmmänner für Ruhe und Sicherheit m sorgen hoben. Von allem Anfang an war -dieser Staat ohne natürliche Grenzen, der eine in zwei Volksstämme von annähernd gleicher Stärke, aber von durchaus verschiedenem Charakter geteilte Bevölkerung umschloß, ein Kunst- Produkt gewesen — ein Kartenhaus hatte ihn der treff- ' liche Kenner westeuropäischer Kulturgeschichte. Karl Hillebr-and, alsbald genannt —; daß aber die -wider- streitenden Kräfte nach so langer Zusammengchöri-gkeit
