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Morgen*Beilage des Wiesbadener Tagblatts. Basa»

Nr. 158.

Samstag, 10. Juli.

1915.

Krau Adas Töchter

Roman von Emma Hanshofer-Merk.

(Nachdruck verboten.)

in kühler, schöner Morgen. In aller Frühe hatten , l den Schliersee und die ihn umgebenden Hügel Mw Berge eingehüllt. Nun war es sehr reizvoll, wie Vas Licht erst silbern, dann immer goldiger strahlend das Grau durchdrang, wie die Landschaft sich aus den Schleiern schälte und es so klar, so tiefblau über den Bergen wurde wie nur an einem sonnigen Herbsttage. An der Billa „Waldlust" wehte schon die Fahne,

r d. die Keinen Wimpel, die sie schmückten, flatterten übermütig, als wollten sie vam Dach herab ver­künden: Hier geht es lustig zu! Hier ist frohes Leben! Hier regt sich's schon am frühen Morgen. Bei uns ist man vergnügt!

Frau Ada Robertus hatte die hübsche Billa für den Gommer gemietet und wohnte nun seit Juli draußen chit ihren zwei Töchtern und ihrem Sohn. Ihr Gatte, ein gesuchter Münchener Arzt, konnte sich nur selten frestnachen, nur zuweilen für einen Tag seine Familie aufsuchen, denn wenn er recht müde uns abgespannt war, fand er in der Billa zu wenig Ruhe und Er- tzolMg. Es waren immer Gäste da, Frau Ada hatte (*ep »in Bergnügungsprogramm fertig. Sie würde sich ohne Gesellschaft trotz des herrlichen Herbstwstters M der ländlichen Umgebung unerträglich gelangweilt haben.. Immer mutzte etwas los sein. Ein bißchen „Hetz" brauchte sie zum Leben.

Heute war sic nun ganz in ihrem Element und in glänzender Laune.

Sie durfte wieder ein Kostüm tragen und etwas Komödie spielen! Der Plan zu dem Ausflug war von ihr ausgoheckt worden.

Eben hielt vor der Billa ein geschmückter Leiter- lwagen. Borne drauf saßen einige ländliche Musikanten, die einen schmetternden Tusch spielten. Als hätten die Hellen fröhlichen Klänge fröhliche helle Farben geweckt, belebte sich der Garten mit bunten Gestalten.

Die beiden hübschen Töchter, der achtzehnjährige Sohn und Maina Ada, auch einige Villennachbarn, die sich schon eingesunden, kamen lachend die Freitreppe herab, alle im Bauernkostüm, — lauter Psertt>o.„Bubn und -Dierndln".

Den jungen Mädchen stand die Tracht — das bunt- Hrrbige Seidentuch über deni verschnürten Mieder, die Zellen Schürzen und das fesche grüne Hütel mit der Goldschnur — vortrefflich.

Fr„u Robertus paßte recht schlecht in das Bauern- kostuni mit ihrem allzu rosigen, stark gepuderten Teint, Mit ihrem seinen, weichen Gesicht, das einmal — es Jgar allerdings zwanzig Jahre her — dem bekannten orträt her Recamier geglichen hatte. Sie selbst aber ;ßl sich ausgezeichnet, sprach ein Bayrisch, das sie »st urwüchsig fand, und spielte mit lauter Lebhastia- hpe Rolle.

bin die Huberbäuerin, und das ist mein erklärte ft«, ihren Sohn Bruno, der ihr am glich und der auch ihr besonderer Liebling war,

bei der Hand fassend. „Beim Förster in der Valepp da sagen wir, daß ich einen großen Hof hier Hab', und 'baß Ihr meine Nachbarn und G'vattern seid!"

„Ach, Mama, das glaubt dir doch kein Mensch! Man hört ja immer 'deinen norddeutschen Tonfall, Und eine Bäuerin mit so Weißen Händen, das gibt es doch gar nicht!" bemerkte Felicitas, die ältere Tochter.

Mama Ada machte eine beleidigte Miene.

„Als ob ich nicht so und so oft ein Bauernmädchen gespielt hätte! Du hättest nur hören müssen, welchen Bei-fall ich als Grille hatte!"

„Ja, auf der Bühne! Das ist doch was anderes als rm hellen Tageslicht, als hier, wo man die echten Bauern so unmittelbar vor sich hat!" warf nun auch Olly, die jüngere, ein.

, „O, ich lasse mir meinen Spaß nicht verderben! Nicht wahr, Hansei! Wir zwei, wir haben Humor! Und nun vorwärts! Wer fohlt denn noch? Wir wollen sichren!"

Felicitas war wieder zurück auf die Terrasse. Von hier konnte man die Straße am besten übersehen. Mit gespannter Erwartung schauten ihre hübschen, lebhaften Augen ans den noch einsamen Weg, der sich am See- user hinzog.

Warum kanr Oberleutnant von Fahrenstetn denn w lange nicht?

Sie wußte freilich, daß er solche Maskeraden, dieses „Bauernspielen" nicht leiden konnte, daß es ihm Pein- lich war, sich als „Schlierseer" zu verkleiden, aber Mama hatte ihn aufgefordert und sie selbst hatte, als sie sich gestern nach der Kahnfahrt verabschiedeten, noch hinzugefügt: „Sie kommen doch morgen, Herr Ober- leutnant?"

Wenn ihm wirklich etwas an ihrer Gesellschaft lag. dann mußte er doch das kleine Opfer bringen! Einen ganzen Tag, den sie zusammen sein konnten! — Ihr« Ungeduld wuchs von Minute zu Minute!

O, er sollte sich nur unterstehen, wegzubleiben k Aber dann wollte sie zum Trotz recht ausgelassen sein und sich von allen Herren den Hof machen lassen, und tanzen wie toll, und ihm dann am nächsten Tage er­zählen, wie reizend es gewesen und wie gut sie sich amüsiert Hatte!

Während sic diese Rache beschloß, standen ihr aber die Augen voll Tränen der Enttäuschung, und ihr seines Gesicht mit dem schlanken Naschen glühte vor Erregung. *

Frau Ada hatte eben einem Neuankömmling ein jubelndes „Gris Got! Gris Got!" entgegengerufen und schwenkte freudig ihren roten Sonnenschirm znm Willkomm. Es war ein großer, junger Mann mit einem glattrasierten Schauspielerkopf, in einem etwas zu neuen, zu bühnenmäßigen Kostüm.

„Ja, Herr Sollinger, ist das aber eine Ehr' für die Huberbäuerin I So ein weitgereister Mann, so ein be­rühmter Herr!" lachte Ada, ihm die Hand schüttelnd,