Einzelbild herunterladen
 

Wiesbadener Tmblsit

so. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezngs-PreiS: durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch b-.e Post 3 Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

18,000 Abonnenten.

Slnzeigen-Prcis:

Die einspaltige Petitzeile für local- Anzeigen 15 Pfg.. sür auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Rcclamen die Petitzeile sür Wiesbaden 50 P für Auswärts 1 Mt

tg>.

Politische Zlebersicht.

Ueber allen Gipfeln der P n r l a m e n t c ist Ruh . Am Dienstag ist der d c n t s ch e R e i ch s t a g, am Bcilt- woch das preußische Abgeordnetenhaus und am Freitag ist auch das preußische Herrenhaus, welches diesmal einen ganz besonderen Arbeitseifer entwickelt hat. in die Psingst- fericn gegangen. Der Reichstag schloß die letzte Sitzung in demselben Zeichen, in der er feilte Tagung begonnen und fortgesetzt hat, int Zeichen der chronischen Beschlußunfähigkcit Wenn der Reichstag aber nach den Pfingstfcrien ani 3. Juni in demselben Zeichen Zu­sammentritt, so wird er in diesem Zeichen nicht siegen, das heißt, die Abstimmungen in dritter Lesung nicht, zu Stande bringen, deren mehrere dringliche Gesetzentwürfe sehnsüchtig entgegenblicken. Frühzeitiger als der Reichs­tag, nämlich bereits am 27. Mai, wird die Zolltarif- f o m Mission wieder zusammentrcten, die von den 946 Positionen des Zolltarifs bisher 244 durchberathen hat. Es bleibt mithin der recht stattliche Rest, von 702, und es wird noch viel, viel Arbeit erfordern, bis die mit 2000 Mark pro Kopf ausgestatteten Kommissionsmit­glieder diese Leporelloliste bewältigt haben werden.

Noch vollkommen ungeklärt ist die parlamentarische Situation im preußischen Abgeordneten- h a u s e Eine neue Vorlage, betreffend die Vorbereitung zum höheren Verwaltungsdienst, ist dem Hause soeben zugegangen, und allem Anschein nach _ sind ihm noch weitere Gesetzentwürfe bcschiedcn, sodaß es noch völlig zweifelhaft ist, wann die Session schließen wird. Eine Freude hat das Abgeordnetenhaus noch in dieser Woche den Frauen bereitet, denn der Minister des Innern hat im Abgcordnetenhause erklärt, daß Frauen nunmehr durchweg an den Versammlungeii politischer V e r- e i n e wenigstens als Zubörerinnen theilnehmen dürfen, wenn dafür Sorge getragen ist, daß die verführerischen Frauen m gehöriger Weise von dem schwachen Adams geschlecht abgesondert sind.

Ungleich ist die Behandlung des schöneren Geschlechtes. Bei uns wird cs schon als Kulturfortschritt empfunden, wenn die Frauen in einem „Segment" zuhörcn dürfen, was die Weisheit des männlichen Geschlechtes verkündet, während in anderen Staaten die Frauen zur höchsten Karriere", zu der des Regiereiis, zugelasseu sind: Frei­lich wird auch Denen, die auf Fürstenlhronen, leben, nicht des Lebens ungemischte Freude zu Theil. Diese schmerz­liche Erfahrung hat soeben die jugendliche Königin W i l h e I m i n e von Holland machen müssen, die nicht nur um die freudige Hoffnung auf einen Thronerben getäuscht, sondern auch von schwerer, gefahrdrohender Krankheit heimgesucht worden ist. Welche aufrichtigen

Sympathieen die jugendlich schöne Wilhelnnne allüberall genießt, das ist angesichts ihrer schweren Erkrankung, die erfreulicher Weise eine Wendung zum Bessern zu nehmen cheint, in herzerquickender Art zu Tage getreten. _ Noch eine andere linglücksbotschaft hat uns in dieser Woche in Bestürzung versetzt. Mit der, beginnenden Reisezeit hat sich wieder die Aera der Eisenbahnunfalle angekündigt, und wir wollen nur hoffen, daß es, in diesem Sommer glimpflicher abgeht, wie in den beiden Vor­jahren. Das Z s ch o r t a u e r E i s e n b a h n u n g I u cf, welches die Reisesaison „eröffnet-", hat leider zwei blutige Opfer gefordert, und auch der deutschen Volks­vertretung hat cs einen schmerzlichen Verlust zugefugt, denn der nationalliberale Reichstagsabgeordnete gnedel gehörte zu den Opfern der Katastrophe. _ ..

’ Betrübende Nachrichten sind es auch, die aus ö«o< afrika zu uns kommen. Ob die F r i e d e n s v er­st a n d I u n gen, die zlvischen den beiden kriegführenden Parteien angeknüpft sind, einen positiven Erfolg haben werden, das steht zur Zeit noch nicht fest. Eines aber

steht mit unzweideutiger" Sicherheit fest, daß nämlich die Verhandln,igeu nicht, zu einem für die Buren

..., w auch nur

halbwegs erträglichen" Frieden ' führen werden. Die englische Regierung hat keinen Zweifel darüber, gelassen, daß sie auf ihrer Parole „kein Fetzen Ilnabhängigkeit für die Buren!" beharrt." Welches die thatsächlich von Eng- land vorgeschlagenen Friedensbedingungen sind, darüber herrscht noch immer völlige Ungewißheit, Jedenfalls wird man aber gut thun, den englischen Versicherungen über die bedingungslose Nachgiebigkeit d?r Buren jenen Skeptizismus entgegen zu bringen, welcher der englischen Berichterstattung vom Kriegsschauplätze gegenüber grund­sätzlich geboten ist.

Auch von Amerika sind ui dieser Woche kriegerische Nachrichten gekommen. Der alte Streit zwischen Chile und Argentinien ist noch immer nicht beigelegt. In Kolumbien gährt es noch immer und in Vc- nczuela dürften die Aufständischen dem Präsidenten Castro in Bälde dasselbe unangenehme Geschick bereiten, welches soeben in San Domingo dem vertriebenen Präsidenten Jimenes bereitet worden ist. Europa dagegen h a t R u h e, so hat wenigstens in Budapest der Minist er Graf G o lu ch o w s ki versichert. Ter Dreibund wird erneuert, der Zwcibnnd wird immer fried­licher, und sogar Oesterreich liegt sich mit Rußland im Orient nicht in den Haaren, sondern in den Armen! Sprich, Liebchen, was willst Du noch mehr?

Preußischer Kandtag.

Herrenhaus.

Berlin, 9. Mai.

Das Herrenhaus aenehmigte heute definitiv die Novelle zum Handelskammergesetz und den Gesetzentwurf gegen die Verun­staltung landschaftlich hervorragender Gegenden. Alsdann

Berlin, 9. Mai. Der konservative Abg. Rind hat mit Unterstützung anderer konservativer Abgeordneter im Abgeord-- netcnhausc seinen in der vorigen Tagung nicht erledigten An­trag auf Erlaß eines Gesetzes, betreffend die Schlachtvieh-Ver­sicherung, erneut eingebracht.

tzMeNerlmmiW m> MneWeii der fWuiWiMMmilie.

bä. Berlin, 9. Mai. Gegen die von der Regierung er- laffenen Vorschriften über di- Behandlung von Fleisch nahm heute im „Kaiserhof" eine sehr zahlreich aus allen betheiligten Kreisen des Reiches besuchte Versammlung von Interessenten der Nahrungsmittelbranche Stellung. Namens des einberufenden Comites legte Dr. Kayser-Nürnberg die Gründe dar, welch: diese Veranstaltung veranlaßt haben., Es folgte dann eine Reibe von Vorträgen, welche Geh. Medicinalrath Dr. liebreich-- Berlin mit der wiffenschaftlichen Bedeiltung von Konservlruiigs- mitteln einleitete. Darauf sprach Dr. med. Gerlach-Wies- baden über Borsäure und deren Salze. Der Vorsitzende brachre alsdann eine Zuschrift von Frankfurter Wnrstfabr, anten zur Verlesung, worin dargelegt wird, daß die Frankfurter Wursi- Jndustrie auf einen geringen Bor-Zusatz nicht verzichken könne. Ein Verbot mache die Wurst-Konserve-Fabrikation unmöglich. Schließlich wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: Der Seitens des hohen Bundesraths ausgesprochene Ausschluß der Verwendung von Borsäure und Borsäure-Salz zum Zweck der Konservirung von Nahrungsmitteln ist durch wirthschaft- liche Gründe nicht zu rechtfertigen und ansrecht zu eihalten. Folgende Resolutionen wurden schließlich nach langer Debatte

dabei angenommen: . ,

1. jDer Seitens des hohen Bundesraths ausgesprochene

Ausschluß der Verwendung von B o r s ä u r e und Borsäuren- Salzen zum Zweck der Konservirung von Nahrungsmitteln ist durch wissenschaftliche Gründe nicht zu rechtfertigen und auf­recht zu erhalten." „ _

2. „Das Seitens des Bundcsraths erlassene Verbot der Verwendung neutraler schwefligsaurer Salze zur Hackfleifch- Präservirung ist geeignet, die zweckmäßige Ernährung breiter -Volksschichten, ebenso wie die materiellen Verhältnisse de» Fleischergewerbes in erheblicher Weise zu schädigen, .ohne daß zwingende hygieinische Gründe hierfür vorliegen." ,

3 Die Verwendung solcher Farbstoffe, weiche nicht unte^ das Gesetz vom 6. Juli 1887 fallen, soll der Nahrungs- und Genußmittel-Fabrikalion auch fernerhin gestattet sein fall» deren Gebrauch technisch begründet und erforderlich und

zwar ohne Deklaration, wenn die Verwendung der ^arbstoste zur Zeit des Erlasses des Gesetzes von 1887 schon Handels­gebrauch war. Im anderen Falle hat Deklaration des ^aro-

1UUI. . . V ' .. „ ^ , r v- •• r

stoffzusatzes zu erfolgen. Die Färbung ^hat sachgemäß

zu

erfolgen; eine nicht sachgemäße ^arbung rann

Die zweite Buße.

Roman von Dietrich Thcdcn.

(4. Fortsetzung.)

Tie Angercdckc sah amüsirt und fragend auf ihre Schwester.

„Evcline meinte --"

Sie stockte und verbiß ein Kichern.

„Na ermunterte der Graf. ,

Der Stoff ist immerhin nicht billig; ich werde ihn aufbewahren", mischte sich Comtesse Evetine etwas in-

dianirt ein. T r . .

, 5 [ u c __ bewahren — ?" fragte Luckner mit lachendem

Gesicht. „Flink, Lene, schieb den Ramsch ab, dann bist

Tu ihn wenigstens los!" . . ... , ,

Helene schlug das Stück eilig zusammen, flog behende nin den Tisch und machte vor der Schwester einen nber-

müthigen Knir. .. .

,,Geliebte, Einzige, Dir vor Allen gönne ich meinen

Schatz-" .. - rt

Die grauen Augen Eveline's trafen sie vorwurfsvoll. ZLiel Ehre für mich — und für den Geber", kam die strafende Mahnung über die dünnen Lippen. Zugleich streckt die Aeltere aber doch die Arme aus, nahm die Ausschutzwaare des schlauen Kühn in Empfang und ver­wahrte sie einstweilen auf einem abseits stehenden

Fauteuil. . ,, . „ T

Die kleine Scene wirkte nicht erfreulich, aber Helene von Luckner nahm nnbefangen ihren Platz wieder ein, und der Graf suchte die spitzige Bemerkung seiner

Äeltesten zu verwischen. .

„Dein Hausfrauentalent — gereicht Dir zur Ehre, Große", sagte er mit einer Freundlichkeit, die nur für das feine Ohr Herbrincks und auch nur im Ton einen versteckten Tadel dnrchtlingen ließ. „Willst ^vii Tein Boudoir damit tapezieren? Dazu wird es aber schwerlich reichen, und Tönndorps Großmuth noch mehr anzn- strengen, geht nicht gut an. Ich wenigstens lasse meine

Finger davon, und unsere Kleine auch, denke ich. schade Herbrinck, so'n citronenfarbigcr Staat wäre im „Pseifen- kopf" noch nicht dagewesen. Apropos Piepenkopp! Ich bedauere blos,daß nicht um lange Pfeifen gespielt wurde, da hätte ich gern auch eine abgcnommen. . . Ter Lachs ist wirklich delikat; ich glaube, ich bekehre mich noch zu Ihrem Geschmack. Hatten Sie nicht noch so'ne geräucherte Vorliebe? Aha, ich weiß, vom Erntefest her: Stör. Na, wenn wieder mal eingefahren wird. . . Warst Du nicht heute morgen in Naurade zum Gratulircn, Kleine? Helene bestätigte angeregt. ^

„Ja, Papa, bei Herrn von Herbrincks Paihchen. Lcr

Junge ist süß . * „ r ■

„Sind sie in dem Alter immer", behauptete der Haw.-- Herr trocken. „Mit drei Jahren! Tie ruppigen Seiten kommen später zum Vorschein."

Die Comtesse erzählte mit einem Freudenschimnier: „Herr und Frau Menge lassen grüßen; Sie auch, Herr von Herbrinck. Nur der Junge nicht. Als ich ihn fragte: „Soll ich den Onkel Herbrinck nicht auch von Dir grüßen?" stellte er sich sehr energisch hin und sagte köpf

schüttelnd: „Nein, nit trüßen — hertommen!" Jetzt

—-------- *—* Sie zu thun haben-"

wissen Sie wenigstens, was Auch Herbrinck lachte.

„Ich hatte mir schon vorgenommen, morgen hinüber zu reiten", bemerkte er. _

„Ist für die armen Thiere nicht auch einmal Sonn­tagsruhe?" fragte Eveline spitzfindig.

' Der Hausherr selbst nahm die Herausforderung auf.

■ „Lassen Sie für mich und Leuchen gleichfalls satteln", ersuchte er den Angegriffenen, „wir reiten mit. Tn bist dann allein das Opfer der Pferde-Sonntagsruhe, Große, Ich schätze Dich als Hausfrau, Line; mit den Ställen gieb Dich aber lieber nicht ab, dabin paßt Dein zierlicher Fuß nicht . . . Noch etwas Käse, Herbrinck? Gorgonzola . . . schmeckt wie grüne Seife, aber fein . . ." Er hob sein Weißweinglas und nickte dem Verwalter vertraut zu. Prosit, Herbrinck!"

„Werden Sie uns wieder vorlesen? wandte sich

Comtesse Helene fragend und bittend zugleich an den

O^^Jch habe eine kleine, kostbare Geschichte gefunden", cntqegnete Herbrinck freundlich — „die Sie auch ergreifen würde, Herr Graf. Eine Kadettcngeschichtc, mtun und echt. Wenn Sie die Tafel aufzuhcben belieben wollen, will ich das Bändchen gern holen."

„Ihnen zuzuhören ist uns immer ein Vergnügen, lieber Freund, und das wollen wir uns nicht nnnothlg verkürzen ... Ich wünsche eine gesegnete Mahlzeit..

Herbrinck kam, als eben abgeräumi war, mit einem dünnen Bändchen kleinen Formats zurück, schlug das Titelblatt auf und meinte: „Ter Autor.istuns eui guter Bekannter —" Comtesse Helene sah ihm über dieLchutter und las den 'Namen ab. „Ernst von Wildenbruch."

„Ter? Mein Freund!" erklärte Luckner. „Und der Titel, Kleine?"

„„Das edle Blut", Papa."

Das junge Mädchen huschte fort und schmiegte sich in eine Sophaecke, von der ans sie den Vorleser beobachten

konnte. . .. . „

Hans von Herbrinck war ein Beeister de» Vor­trages, und schon dir köstliche Vorstellung der dreiköpfigen Gesellschaft, die zuerst einem Jnngenkampfe auf der Straße zusieht, und dann der Er­zählung des alten Obersten ans ihrer Mitte zu lauschen, war von bestechendem Reize. Als aber dann der Oberst die Geschichte von dem „großen und dem kleinen L" zum Besten gab — „durch die'Stille des Zimmers ging die schwere Stimme des alten Obersten, in Pausen, wie Windstöße, die einem Ungewitter oder einem schweren Ereigniß der Natur vorangehen" — da lauschte selbst die altere der Schwestern, die sich etwas apathisch abseits niedergelassen hatte, mit ungetheilter Hingabe.

Herbrinck wünschte, um nicht zu ermüden, einmal ab- zubrechen und den Schluß bis zur nächsten Gelegenheit aufzuschieben; der Graf wollte aber nichts davon wissen.

„Fortfahren", bat er. „So was muß in einem Zuge genossen werden. Aber Wetter, das greift an."