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eüage mm Wiesbadener Tagblatt.

N». 211. Morgen-Ausgabe.

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f Er handelt sich nicht um Theorie oder Erfahrung,

K sondern um Behutsamkeit in beiden. ^

2 Feuchterrleben.

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(Bl. Fortsetzung.)

Der MarschaUstab.

Roman von Walther Schulte vom ZZrühl.

„Kerne Zwischenfrage, Hans", mahnte Felix; .„bringen Sie den Musikus nicht aus dem Konzept."

„Ja, die Frage nach einer schönen Altstimme war dre brennendste", fuhr Schnötgens fort. „Ich bin Abends über die einsamen Höfe gestrichen wie nicht geschert, habe die Schauermusik der Ziehharmonika in allerr Tonarten über mich ergehen lassen müssen und wurde von den ge- meinsten Kötern angekläfst — der Alt, wie ick ihn nöthig hatte, wollte mir nirgends blühen. Endlich wurde mir nun von der Kleidermacherschule einer länd- lichen Konfektioneuse erzählt; die Mädels sängen dort bei ihrer Näherer den ganzen Tag wie die Vögel rm Bauer. Ich machte also bei dem „krummen Hannchen Fensterparade, spitzte die Löffel, und richtig, ein Alt saß dazwischen, eine wunderbare, klangvolle Illtstimme mrt einem einfachen, schönen Ansätze, daß einem das Herz lachen konnte. Ich will Sie nicht mit den Sperenzchen unterhalten, die ich aufführe, bis ich heraus hatte, welcher von dem halben Dutzend Mädels die Stimme gehörte. Genug, schließlich batte ich's erfaßt, eben jene Hulda Stein, ein apartes Mädel, famos in der Figur, em ausdrucksvolles Gesichtcheu mit einem Paar prächtiger Augen, kurzum, das ganze Ensemble die verkörperte -Ui

stimme." , , „„ .

„Und ist sie Ihnen sogleich zugelaufen? fragte Hans mit unsicherer Stimme.

„Wo denken Sie hin, das hat Schwierigkeiten ge- macht, daß ich fast verzweifelt wäre! Abends, wenn sie über die Felder heirnging, Hab' ich ihr aufgelauert und mich durch ihre Kratzbürstigkeit nicht verscheuchen lassen. Die großartigste Künstlerlaufbahn habe rch ihr vorge- malt und ihr alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit versprochen. Ich hatte es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, sie zu gewinnen, und wär' mir's nicht gegluckt, ich hätte, glaub' ich, das ganze Unternehrnen aufgegebm. Südlich war ich wenigstens so weit gekommen, dag sie mir zuhörte und nicht mehr davonlief. Und als rch es schließlich hcrausbrachte, daß sic für ihr Leben gern sang und daß auch ein kleines Ehrgeiztcufelchen unter ihrem blonden Haar saß, da hatte ich das Vögelchen halb gefangen. Ich merkte wohl, daß bei rhr zu Haus nrchr Alles so recht klappte, daß sie, ich weiß nicht was, von ihrer Mritter und ihren Schwagersleuteisi auszustehen hatte, und daß sie ihren eigenen Kopf besaß, aber ne wollte sich doch auf nichts einlassen, wenn sie Nicht dre volle Zrrstimmung von zu Hause erhielt, ^ch also hm. Donnerwetter, wenn rch noch an den Empfang denke! Die Alte wäre würdig, einst Nachfolgerin vom Teufel seiner Großmritter zu werderr! Das Mädcherr kriegte. als es erklärte, weshalb ich gekommen ser und daß e» sich meine Sache schon überlegt hätte und sie am Ende wohl Werth fände, daß man einmal darüber rede, zwei klatschende Ohrfeigen. Ich hingegen wurde hrnaus- komplimentirt, wie in meinem Leben noch nrcht. Andern

Mittwoch» den 7. Mai.

Tages schickte ich zwar noch einen Brief, in dem ich mein Anliegen so klar als möglich vorbrachte und dre Hoffnung aussprach, daß bei ruhigerer Ueberlegung doch vielleicht eine Verständigung möglich sei, aber es kam erne Anrt wort, die trotz ihrer schlechten Schrrft und noch schlechteren Stilisirung deutlich genug war. Der Schwager des Mädchens schrieb nämlich, sre hatten schon ein Uebriges gethan, indem sie Hulda, statt sie m me Fabrik zu schicken, das Kleidermachen lernen ließen. Nun wäre sie bald so weit, daß sie ans Verdienen käme und es fehlte gerade noch, daß sie als Harfenlmken ) herumzöge. Das höflich begonnene Schreiben schloß mrt dem Satze: „Wenn Du,, verdammter Donnerkrehl.

Deine krummen Knochen lieb hast, so laß xuch nrcht mehr in der Gegend sehen." _ r . .

Krumme Knochen ist gut," bemerkte H-elrx, und Hans, der sich in einer großen Erregung befand, dre den Andern freilich entging, fragte mit heiserer Strmme: „Und wie haben Sie es fertig gebracht, das Mädchen dennoch für Ihr Unterrrehmen zu gewinnen?"

„Nun, ich Hab' sie Abends, als sie hermgrng. wreder abgepaßt und habe sie gefragt, was sie nun zu thun ge< denke. — „Die Alutter hat mich vor Euch geschlagen , rief sie. und funkelte mit den Augen, daß es mir ordent­lich unheimlich wurde. Sie hat sicher ern gut Theu von dem Charakter ihrer Alterr geerbt und würde bei gleichen Verhältnissen vielleicht gerade so ein Satan werden „Was bei dem einen die schlimmste Grobheit ist, da» kanrr in besserer Form Charakter sein," warf Hans ern.

„Charakter hat das Mädchen", bestätigte Schnütgens. „Ich sagte also, um sie auf die Probe zu stellen, es sei am Ende besser, wenn ich mich fortmache, denn wenn mich Jemand mit ihr sähe und es ihren Leuten hinter

80. Jahrgang. 1002.

bringe, gäbe es vielleicht noch etwas Schlimmeres Da sah sie mich an, als wenn sie, geradewegs durch mich hm durchschauen wollte, und ries: „Könnt Ihr nur zu

schwören, daß Alles so ist, wie Ihr rnrr gesagt habt? Und daß Ihr ein anständiger Mensch serd, , der kerne Schlechtigkeiten im Sinn hat?" Das Hab' rch rhr mrt gutem Gewissen versichern können. Dann hat sie mich examinirt, ob sie dcnrr nun immer mit ein paar andern Mädchen so herumsingen sollte, oder ob ich eure richtige, große Sängerin aus ihr zrr machen dächte. Darauf Hab icb ihr erklärt, die beiden andern hätte ich cngagrrt, wie man ein Dienstmädchen engagirte. Wer wenrr sie es wollte, wäre ich bereit, mich kontraküich zu verpflrchten, sie anständig zu unterhalten, sie unentgeltlich zu, unter- weisen und sie nach besten Kräften als Solosängerin auszubilden, mindestens zwei Jahre lang, vorausgesetzt, sie sänge währenddessen in meinem Terzett mit. ~~ „Dann'gehe ich mit Euch!" erklärte sic in. größter Auf­legung und gab mir die Hand. „Aber Sie sind nicht mündig und sind in der Gewalt der Mutter?" cntgcgiiete ich, — „Sie bat mich ins Gesicht geschlagen uiid Alle siiid sie inir aufsässig und wollen mich klein kriegen zu Jedem, was ihnen paßt. Ich leid's nun nicht länger, und weil's nicht im Guten geht, so muß es im Bösen gehen. Davon­laufen will ich und sie sollen es riskircn, mich wieder zu holen." Das sagte sie ipit einer solchen Energie, daß ichanihremErnste nicht mehr irre werden konnte. Ich Hatto mir vorher Alles reiflich überlegt. Unauffällig hat sie sich unter dem Vorgeben, auswärts einen Dienst autreten zu wollen, beim Bürgermeister ihre Papiere verschafft

und — verschwunden waren wir. Sie hat einen langen Brief an ihreMutter ie um Verzeihung für ihren Sch..»-^,— dankte, feierlichst versprach, ordentlichb^ibm« und in dem sie schließlich davor warnte, daß «anst» suchen möge. Es war ein schöner Brief, ^ m derThar ür einen festen Charakter sprach., ^ch üeß chn, iragj falsche Fährte zu führen, aus Köln expedrren. war die Geschichte immerhin, denn wer weiß, obmcht irgend ein Paragraph von der CntftihrungelmrMir^w jährigen oder dergleichen mir ernen Struck batte , drehen können. — Es ist aber Alles still geblieben und diegute Frau scheint sich, lvie solche Leute nun emmal smd, m dre Sache gefunderr zu haben. Wenn ihr das Mädchen wher kurz oder lang einmal ern paar Groschen schickm und mit. thellen kann, daß es ihm gut gehe, dann wird dasStemen

Marfkestin gewiß ganz vergnügt sem

Felix brach in em lautes Gelachter arw. . Steinen Marikestin", rief er, „das ist za ausgezeichnet Die wackere Frau kennen wir za auch Das ist, weiß Gott, dieselbe Dame, der ich vor bald drei Zähren den Müter todtgeschossen habe,,das empge2mJ> q§ dj jemals erlegte. Na, der gönndie hat auch urw 'mal gründlich aufgespielt — Und richtig , wwidte er sich an Hans, „mit. Ihnen hat sie s ia auch gehabt. Wre

war doch die Geschichte?" ,

(Sirtc ganz harmlose Sache, auch wegen der Hulda, - Sie erinn?rn sich vielleicht/ ich erzählte es schon ern-

E^^^glaub? Sie spielten ihrem Alten gegenüber den

^8chChatte das arme Ding (es war ^nrals noch keim sechzehn Jahre alt) Nachts vom Seultabend nach Hnuse gebracht weil ihr Schwagersbruder ihr auflauerte. Da^ ist Alles", cntgegnete Haiis und machte eine unmuthig

zweifelte ja auch Keiner an Ihrer Harnllosig. keit" begütigte Felix. „Seien Sie nur nicht gleich so einvfindlich Uebrigens können Sie sich ;a nun bald überzeugen, wie sich Ihr Seultabeudschützlmg ausge-

wachKi?di'wften sie kaum ivieder erkennen, wenn sie's wirklich ist", sagte Schnütgens. „Sie hat eine Answll g- keit, einen Chic, daß es eine Freude ist, und -nnenFlerß.

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Impresario und Pianist mit ihr wrf die Kunstreise gche. wenn meine Terzettgeschichte schon langst zu Wasser ge-

^ihtfbtc Fortsetzung Ihres Kapitels?" mahnte

ScIli; 9 hm, was wird da noch viel, zu erzählen sein! Die drei' Stimmen waren also gefunden, ^ rettete s ^

ick dm drei MädSs bei einer braven Kostwirthin em

*) Harfenmädchen.

artete mein Gesangsterzett zu emem Heiilterzett au-. (Fortsetzung folgt.)

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