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so. Jahrgang.

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Mo« 212 . Redaktions-Fernsprecher No. 52. Ml11M0tß, !>VN Mai«

Berlagö-Fernsprechcr No. 2266.

1902 .

Abend-Ausgabe.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 6. Mai.

Tagesordnung: Dritte Lesung des Gesetzentwurfes wegen Ableistung der Wehrpflicht bei den Schutztruppen. — Abg. hasse (nat.-lib.) beantragt, daß allen Reichsangehörigen ohne Ausnahme, auch den innerhalb Europas wohnhaften, gestattet sein soll, ihrer Wehrpflicht bei einer der Schutztruppen zu ge­nügen. Der Antrag Hasse und mit ihm die Vorlage wer­ben definitiv angenommen. Es folgt die Fortsetzung der ersten Lesung der Zuckervorlage. — Abg. Lucke (Bund der Landw.) beantragt zur Geschäftsordnung, erst die Petitionen zu berathen und die weitere Berathung der Zuckersteuervorlage zurück­zustellen. (Bewegung.) — Abg. v. Kardorff (Reichsp.) bemerkt, da die Linke soeben im Seniorenkonvent sich damit ein­verstanden erklärt habe, daß die Branntweinsteuer-Vorlage am tz. Juni vor der Zuckersteuer-Vorlage auf die Tagesordnung kommt und da darnach wohl auch keine unlautere Obstruktion Seitens der Linken zu befürchten sei gegen die Branntwein­steuer, so bitte er den Abg. Lucke, auf seinen Antrag zu ver­zichten. — Abg. Bebel (Soc.) erwidert, seine Partei habe an »eine Obstruktion gedacht. Sie habe sich stets im Rahmen der Geschäftsordnung gehalten. (Gelächter rechts.) Seine Partei bestehe darauf, daß jetzt erst die Zuckersteuer weiter berathen »erde, che die Petitionen an die Reihe kämen. — Abg. Barth jfreif. 33er.) bemerkt gleichfalls, daß seine Freunde an keine un­lautere Obstruktion denken. — Abg. v. Kardorff (Reichsp.) antwortet, wenn die Linke bei der Branntweinsteuer unlautere Obstruktion machen iverde, so werde die Rechte gezwungen sein, ihrerseits ebenfalls die Obstruktion aufzunehmen. — Abg. Lucke (Bund der Landw.) hält seinen Antrag aufrecht, da­mit die Linke sehe, daß die Rechte nicht mit sich spielen laffe. —, Abg. Bachem (Centr.) richtet an die Herren die Frage, wie unter solchen Umständen ein parlamentarisches Arbeiten möglich sei. Es sei kein Arbeiten möglich, wenn das Haus that- sächlich beschlußfähig sei, nach 10 Minuten bei der Slbstimmung aber nicht mehr. Jeder, der diese Bahn betrete, werde die Ver­antwortung dafür zu übernehmen haben — es sei das ein ernstes Wort — wenn das Parlament nicht diejenige Entwicke­lung nehme, welche alle Freunde des Parlaments wünschen. — Abg. Richter (freist Volksp.) behauptet, daß das Haus schon fast die ganze letzte Zeit nicht beschlußfähig gewesen sei und so auch gestern. (Lebhafter Widerspruch rechts.) Die Veschlußunfähigkeit aber komme daher, weil keine Diäten ge­währt würden. (Ruf: Sehr richtig, rechts Lachen.) Das Haus möge doch dafür sorgen, daß in genügender Zahl Vertreter an­wesend seien. Eine allgemeine Erklärung über das, was seine Partei zu thun beabsichtige, lehne er grundsätzlich ab. (Beifall links, Lachen rechts.) — Abg. Lucke (Bund der Landw.) er­klärt nochmals, daß er seinen Antrag aufrecht erhalte. — Präsident Graf Ballestrem drückt sein tiefstes Bedauern darüber aus, daß, nachdem vor ganz kurzer Zeit sich die Ver­trauensmänner mit ihm geeinigt hätten, hier eine solche Störung

cintrete. (Lebhafter Beifall links.) — Abg. Richter (freist Volksp.) erklärt, er habe sich gestern nur deshalb auf die Ge­schäftsordnung berufen, um zu verhindern, daß die Branw- weinsteuer in zwei Tagen durchgepeitscht werde. — Abg. von Levetzow (kons.) konstatirt, daß sich gestern wiederum bei Auszählung mehrere Herren von der Linken entfernt hätten, um die Beschlußunfähiglcit zu sichern. Wenn das öfters auf der Linken vorkomme, werde die Rechte zu demselben Mittel greifen. (Heiterkeit links.) Als nunmehr über den Antrag Lucke abgestimmt werden soll, zweifelt der Antragsteller die Beschlußfähigkeit des Hauses an. Die Auszählung ergiebt die Anwesenheit von 193 Abgeordneten. Das Haus ist also be­schlußunfähig. •— Präsident Graf Balle st rem setzt um 2% Uhr eine neue Sitzung an auf 2% Uhr mit der Tages­ordnung: Weiterberathung der Zuckersteuer-Vorlage.

Nach Eröffnung der Sitzung führt Abg. Barth (freis Ver.) aus, die Nothwendigkeit, das Zuckersteuersystcm zu ändern, liege längst klar zu Tage. Die Gesetzgebung von 1896 habe die deutsche Zuckerindustrie in eine Lage gebracht, von der man nur sagen könne, sie sei im höchsten Grade unangenehm. Wer gestern die Rede des Reichskanzlers gehört, müffe geradezu er­staunt darüber sein, wie derselbe gewiffermaßen um Ent­schuldigung, um Verzeihung dafür gebeten habe, daß die Regie­rung die Konvention abzuschlietzen sich erlaubt habe. Der Ton dieser Rede hätte ein ganz anderer sein muffen. Nicht um ein Nachgeben gegen England könne es sich hier handeln, im Gegen- theil, England habe ein Opfer gebracht, indem es jetzt auf den billigen deutschen Zucker verzichte. Für später wünschten seine, Redners, Freunde ein noch weiteres Herabsetzen der Zucker- konsumsteuer. Redner geht dann auf die Machinationen des Zuckerringes ein. — Staatssekretär Graf Posadowsky weist die Vorwürfe des Redners gegen die Regierung wegen des Gesetzes von 1896 zurück. Das Haus habe bekanntlich damals in Bezug auf die Kontingentirung etwas ganz anderes be- schloffen, als die Regierung vorgeschlagen habe. Diese habe 14 Millionen kontingent vorgeschlagen, das Haus habe 17 Millionen beschloffen. Außerdem habe das Haus die unter bestimmten Voraussetzungen von der Regierung vorgeschlagenen Zuschläge zum Kontingent verdoppelt. Diesen Beschlüssen sei die Ueberproduktion zu verdanken gewesen. Dem Prämien- System allein sei es zu verdanken, daß die deutsche Regierung diese Konvention habe abschließen können. Bon einer Kommissions-Ueberweisung bitte er abzusehen. Die Konvention könnte nur angenommen oder abgelehnt werden. Scheitere hier die Konvention, so würde Deutschland in England, Amerika, Indien und überall differentirt. Die Konvention sichere Deutschland die Fortdauer seines Exports und die Herabsetzung der Verbrauchssteuer eine Zunahme des inneren Konsums. Er bitte um glatte Annahme der Konvention. (Beifall links.) — Abg. P a a s ch e (nat.-lib.) spricht für Annahme der Konvention, jedoch nicht ohne jedes Besinnen, wie der Herr Staatssekretär dies wünsche. Redner wendet sich alsdann gegen den Abg. Barth und deffen Urtheil über das Gesetz von 1896. Die Be­stimmungen des neuen Zuckersteuergesetzes, die Frage der Höhe der Konsumsteuer und die Aufhebung der Kontingentirung müßten unbedingt gründlich geprüft werden. Eine Ver­schleppung beabsichtigten seine Freunde nicht. — Direktor im

Auswärtigen Amt v. Körner bemerkt, daß Sachverständige auf deutscher Seite vor Abschluß der Konvention in ausreichen­dem Maße gehört worden seien. — Abg. v. P o mm i e r s k i (Pole) wünscht eine sorgfältige Prüfung der Vorlage. — Staatssekretär Thiclmann bittet das Haus, den Vertretern, die es in die Kommission schickt, nah« zu legen, daß sie auf einen schnellen Beschluß hinarbeiten möchten. — Abg. Graf Bernstorff-Uelzen (Welse) tritt für Kommissions- berathung ein. — Abg. Graf Limburg-Stirum (kons.s meint, schon um das Land zu beruhigen, sei kommiffarische Be­rathung nöthig. An eine Verschleppung dächten seine Freunde nicht. Der Antrag Becker (Centr.) auf Verweisung der Vor­lage an eine besondere Kommission wird angenommen. Nächste Sitzung Dienstag, den 3. Juni, 1 Uhr. Tagesordnung: Zweite Lesung des Saccharinsteuergesetzes, Weiterberathung der Branntweinsteuer in dritter Lesung. Schluß 8 Uhr.

Berlin, 6. Mai. Die Zolltarif-Kommission des Reichstags setzte heute die Berathung über Position 237 (Petroleum 6 und 10 Mk.) fort. Nach längerer Diskussion wurden sämmtliche dazu gestellten Anträge abgelehnt und die Regierungs-Fassung angenommen. Gleichzeitig gelangte eine Resolution Gamp zur Annahme, mit Rücksicht auf die Er­klärung der Vertreter der verbündeten Regierungen in Bezug auf die Zollsätze der Position 237 keinerlei vertragsmäßige Ver> bindlichkeiten anderer Staaten gegenüber eingehen zu wollen, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, mit möglichster Be» schleunigung in Erwägungen darüber einzutreten, ob nicht durch Einführung verschiedener Zollsätze für Roh-Petroleum und zu- brreitetes Petroleum die Schaffung einer inländischen Raffinerie- Industrie möglich und wirthschaftlich geboten wäre, und be- jahenden Falls einen diesbezüglichen Gesetzentwurf dem Reichs­tag vorzulegen. Darauf wurden die Positionen 238 bis 244 (Asphalt, Erdwachs, Bernstein, Pech aller Art, Steinkohlen- theer, Steinkohlen-Theeröle und Naphthalin, sämmtlich frei) ohne Erörterung nach der Regierungsvorlage angenommen. Alsdann wurde beschlossen, falls das Plenum morgen noch tagt, eben­falls noch eine Sitzung abzuhalten, sonst am Freitag.

Die Budget-Kommission des Reichstags hat di: Berathung des Gesetzentwurfes, betreffend den ostafrikanischen Bahnbau, zu Ende geführt. Das Projekt wurde mit fünfzehn Stimmen angenommen mit einem Zusatz-Antrag Richters, wo­nach bei Ueberschreitung des Emissions-Courses von 103V2 pCt. das Plus zu drei Viertel dem Reiche überwiesen werden soll.

Der Senioren-Konvent des Reichstags hat sich heute vor der Plenar-Sitzung dahin verständigt, heute eventuell morgen die Berathungcn vor dem Pfingstfeste abzubrechen, sobald die Zuckersteuer-Borlage einer Kommission überwiesen ist. Der Reichstag soll alsdann am 3. Juni wieder zusammen­treten und die Branntweinsteuer-Vorlage auf die Tagesordnung gesetzt werden. Außerdem soll noch die Zuckersteuer-Vorlage und das Gesetz, betreffend den ostafrikanischen Bahnbau, zur Erledigung gelangen. Ferner ist man überein gekommen, daß die Zucker-Kommission noch während der Ferien ihre Arbeiten in Angriff nimmt. Die Zolltarif-Kommission soll am 27. Mai wieder zusammentreten.

Are zweite Süße.

Roman von Dietrich Theden.

(2. Fortsetzung.)

Luckner schenkte sich den Gruß und kehrte über das Feld nach dem Schloß zurück.

„Der is wieder mal verkehrt aus'n Bett gekommen", murrte der gemaßregelte Dütje hinter ihn: her.

„Oder die Mamsell hat ihm den Mittag anbrenn'n lassen", pflichtete Hinrich Körten mit heiserem Baß bei.

„Wenn der sich man mal seine große Schnauze ver­brennen wollte", wisperte Dütje giftig.

„Dütje!" rief kurz Vor Feierabend Löhr über deir

Platz.

,, ^50 - .

„Elf achtzig, Dütje. Zweimal sind Sie zu spät ge­kommen."

„Jo. Na, denn dank ich auch."

Alle traten nach der Reihe an, wie sie aufgerufen wurden.

„Suhr, Sie wohnen Tabbeck am nächsten. Herr von Herbrinck hat gesagt, die Frau soll sich das Geld aus dem Verwaltungshause holen."

„Jo, denn werr ich das bestell'n."

„Zwölf achtzig, Suhr."

„Jo, un ich dank auch."

Tie Arbeitsgeräthe wurden in die Bretterbude ge­bracht, der Forstgehülse legte ein verrostetes Hängeschloß ,vor die Thür und verließ den Werkplatz als Letzter. Den Krummen nahm er selbst mit.

Aus dem Gutshof wurde er nicht lange ausgehalten. Herrn von Herbrinck traf er im Verwaltungshausc, über­mittelte ihm den Auftrag des Grafen und machte sich auf den Heimweg. Im Mondlicht erkannte er leicht die Fuß­spuren des Schlotzherrn vor dem Birkhause. Mt um- wölkter Stirn trat er seinerSchwester gegenüber. Aber das Mädchen kam seinem Fragen zuvor.

„Der Graf war hier", erklärte sie harmlos.

„Im Haus —?"

„Im Vorbeigehen, Fritz . . . Was hatte denn der bei uns herum zu suchen?" fragte sie unschuldig.

Fritz Löhr schien nicht ganz beruhigt.

„Der Schuß kam von der Birkwiese her", bemerkte er nebenbei.

„Ja, ich stand gcrad' am Fenster", erzählte Sophie.

Löhr entledigte sich seiner schweren Stiefel, trat zu der Schwester an den Herd und sagte mahnend:

„Du, nimm di vör den 'n in acht."

In dem Mädchen kämpften Trotz und momentane Verlegenheit. Aber die letztere war rasch überwunden.

„Der thut mir nichts", erklärte sic ruhig.

Zweites Kapitel.

Das Arbeitszimmer, in dem Graf Luckner den Ver­walter erwartete, lag an der Rückseite des Herrenhauses, mit den Fenstern nach dein Park zu. Es war ein ausge­dehnter, wohnlich eingerichteter Raum, dessen neue Ele­ganz bald die moderne Herkunft erkennen ließ. In der That war das Schloß erst vor einigen Jahren iin Innern wie im Aeußern vollständig renovirt und auch fast die gc- sammte Ausstattung erneuert worden.

Das Herrenhaus befand sich, als Graf Christian die Uniform auszog und das väterliche Erbe übernahm, in einem ziemlich verwahrlosten Zustande, dem abzuhelfen des Grafen sehnlichster Wunsch war. Aber der Wunsch blieb einstweilen unerfüllbar, denn der Vorgänger Graf Heinrich von Luckner halte das Gut mit Hypotheken überladen und zugleich auf einem wirthschaftlichen Tief­stand hinterlassen, der den Erben vor einen fast aussichts­losen Kampf stellte. Zu allem Unglück hatte der Ritt­meister, der mit Passion Soldat gewesen war, sich nie recht um die Landwirthschaft gekümmert, und sollte nun plötzlich eine Aufgabe lösen, der er nicht blos nicht ge­wachsen war, sondern die er auch nicht einmal in ihren Einzelheiten und in ibrer Tragweite zu übersehen ver­mochte. Er kehrte Potsdam den Rücken und nistete sich resignirt in dem verfallenen Schlosse ein, aber er wußte nicht ein noch aus, und erkannte zu seinem Schrecken bald.

daß er nicht eininal in: Stande sein würde, den alten Sitz seiner Vorfahren auf die Dauer auch nur zu be­haupten. Er war sogar schon mit einem der drängendsten Gläubiger in Verkaufsverhandlungen getreten, als sich ihm unerwartet in letzter Stunde eine rettende Hand dar- bot, in die er natürlich freudig einschlug.

Ein Regimentskamerad, dem er in einem Briefe mit einiger Deutlichkeit seine Noth geklagt hatte, machte ihn auf einen Freund aufmerksam, der nicht nur ein bedeuten­des verfügbares Vermögen besitzen, sondern vor Allem auch ein tüchtiger Landwirth sein sollte. „Mein Freund, Hans von Herbrinck", schrieb der ehemalige Waffen­gefährte, „ist befähigt und geneigt, die Leitung eines großen Gutes zu übernehmen, und ich zweifle kaum, daß er, wenn es noth thut, auch einen Theil seines Kapitals einzusetzen gewillt fein wird,^ vorausgesetzt, daß eine einigermaßen aussichtsvolle Sicherheit geboten werden kann." Graf Christian ging auf den Gedanken des Kameraden sogleich ein und bat Herrn von Herbrinck um seinen Besuch.

Ein Manu von nicht ganz dreißig Jahren, eine hoch­gewachsene Kerngestalt mit ruhig vornehmer Haltung und einenr ausgeprägt ernsten Wesen, stellte sich ihm vor und ersuchte um näheren Aufschluß, den Graf Lilckner an­standslos und ehrlich ertheilte.

Herr von Herbrinck hielt sowohl mit seinem Entschluß wie mit seinem Urtheil zurück und unterzog mit Erlaub­nitz des Schloßherrn das Gut zunächst einer eingehen­den Prüfung.

„Da liegt vieles im Argen", erklärte er dann wort­karg und fügte schlicht hinzu: „Aber der Boden ist gnt, und die Ertragfähigkeit läßt sich in einigen Jahren derart heben, daß die Rentabilität wohl nicht mehr in Frage steht. Wollen Sie mir vertrauen, Herr Graf?"

„Sie sind mir von einem Ehrenmann empfohlen worden, deshalb schätze ich Sie und gebe Ihnen unbedingte Vollmacht", erwiderte Luckner einfach.

Hans von Herbrinck war entschlossen.