i s=—* i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i» —
tlr. 157. Kreitag. 9. 3uli. 1915.
lSchlub.»
Dornen.
Novelle«« von Clara Lchelper.
< Nachdruck verboten.)
Als iin Deutschlands Wäldern wieder die Eichen und Buchen grünten, kehrte Graf Rex für acht Wochen in seine Garnison zurück. Man begrüßte ihn als den Liebling des ganzen Regiments, und der Willkommensschoppen war mit unzähligen Begrüßungsreden gewürzt. Er tat auch tapfer Menst mit, und in den ersten sechs Wochen ging alles glänzend. — Mer dann kam das Verhängnis. — Eine leichte Erkältung, ein kleiner unangenehmer Husten und dann wieder — Davos. —
Lies begleitete ihren Gatten.
Auf der Reise hielt sie treulich seine Hand und sprach ihm Mut ein. Es würde alles wieder besser werden. Wer sie selbst hatte keinen Glauben, keine Hoffnung mehr. Sie tonnte in den verschlossenen Gesichtern der Arzte lesen.
Doch eine große Trauer und Reue kam ihr nicht.
Auch er bereute nichts. „Wir sind so glücklich gewesen, ine in Lieb", sagte er, ihre weißen Hände streichelnd. „Einen Augenblick im Paradiese verlangen die gewöhnlichen Sterblichen nur, wir haben ein Jahr lang im Paradiese gelebt."
„Und wir werden noch viele Jahre weiter leben — paß nur ans, wie wohl dir Davos wieder tun wird, es hat dir schon einmal geholfen, mein Sascha, viele Jahre wollen wir noch beieinander bleiben."
Da richtete sich der Graf mit einem müden Lächeln auf.
„Ich hoffe nicht, mein Liebling, wenn's mein Schicksal gut mit mir meint, ist's bald zu Ende — ich Habe Schmerzen — jeder Atemzug —"
Der alte Arzt empfing die beiden Bekannten mit undurchdringlichein Gesicht, aber er sprach dem jungen Mann gut zu: „Nur nicht gleich den Mut verlieren, lieber Graf. Wir sind noch nicht einmal bettlägerig, wie ich sehe —."
Da war es Lies, als sollte noch einmal ein Tag der Hoffnung anbrechen.
Als sie ini Sprechzimmer allein mit dom Arzt sprach, wiederholte er seine Ermutigungen, dann bat die junge Gräfin für sich selbst.um eine Untersuchung.
„Sie haben sich glänzend 'rausgemacht", sagte der alte Arzt, ehe er zur Untersuchung schritt, „aber, aber —"
Und es blieb bei dem „Aber".
Ihre Gebete am Hochzeitsmorgen waren nicht erhört worden. Sie würde einem Kinde das Leben geben müssen.
Die seligste Gewißheit, die einer Frau werden kann, schuf hier der jungen mütterlichen Frau grenzenloses Leid. Sie trug es tapfer allein. Sascha sollte noch nicht deimvuhigt werden. Auch er konnte sich unter diesen Umständen keinen „Erben" wünschen, und für seine Lies würde er zudem fürchten.
Nun kam doch eine leise Reue über die junge
Eraw
Sie dachte an ihre jammervolle Kindheit, an di- vielen Leidenstage ihrer Jugend, und die sollten sich nun bei ihrem Kind wiederholen? Ihr Kind sollte auch mit sehenden Augen vor einem frühen Tod zittern oder vor einem siechen Leben bangen? — Ach sic vergaß das Glück des letzten Jahres.
Aber Graf Rex hatte doch eine starke, frohgemut« Pflegerin an seiner Frau. Sobald es seine Schmerzen zuließen, machten sie gemeinsame Spaziergänge un- kleine Ausfahrten im Wagen, auch las ihm Lies noch all die Lieblingswerke seines Goethes vor, und auch diese Tage waren wieder reich und schön.
Das Schicksal aber meinte es gut mit Graf Rex. Drei Wochen nach seiner Ankunft in Davos starb der letzte Sproß des alten Grasengeschlechts — Alexander Rex am Lungenschlag. Er hatte sich abends besonders elend und schwach gefühlt, ohne jedoch einen weiteren Grund zur Besorgnis zu geben. Ohne Todeskampf roar er hinübergeschlmnmert.
Lies weinte nicht. Sie trug gefaßt, was getragen werden mußte, nur als sie seinen blassen Mund zum letzten Male küßte, flüsterte sie dem Toten leise zu: „Ich komme auch bald."
Tante Anna kam und wollte trösten, es gab nichts zu trösten; — aber sie blieb bei der jungen Witwe.
Und einzelne von Saschas Regimentskameraden kamen. Ihre Trostworte wurden ungesprochen erstickt; denn das Gesicht der Gräfin Rer war kühl und klar, und ihre Augen lehnten jede Teilnahme ab.
In Davos wurde der letzte Graf Rex zur Ruhe ge- bracht. Tie alten Kirchhofsbäume schüttelten ihr Haupt — wieder einer —.
Am nächsten Tage schon verließ Gräfin Liese mit Tante Anna den Ort, es trieb die junge Frau nach Warnemünde, dort, wo ihr Glück vor einem Jahr erblüht war, wollte sie noch einmal der Erinnermrg leben.
Als Frau Doktor Reitter sie in den himmelblauen Salon führte, den ihr im Vorjahre seine Hand so verschwenderisch mit Blumen geschmückt hatte, fielen die ersten Tränen aus Liesens Augen.
Und wieder saß die junge Gräfin Rex auf der niederen Steinbrüstung der Mole und sah in die gegenstandslose Ferne des Meeres. Ihre Gebete sielen ihr ein, die sie zuletzt hier gebetet hatte. Und ihre Hände falteten sich wieder.
Der erste Regentag mit. seiner Ode brachte sie dazu, die alten Briefe hervorzusüchen, die sie mit Sascha von Davos aus gewechselt hatte.
Wie hoffnungslos war sie gewesen, und wie fröhlich hatte er iimmer wieder Mut und Hoffnung gepredigt, bis er sie ganz gesund gemacht hatte mit seiner sonnigen Zuversicht. ,
Ein reiches, reiches Leben hatten sie doch zusamrneyk gelebt—. Die süßen, seligen Tage — ach, sie WM,
