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Beilage mm Meskaüener Tagdlatt.

N-. 206. Morgen-Ausgabe. Samstag, de» 3. Mar.

50. Jahrgang. 1902.

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Der Kummer ist sich selbst genug; ober um eine Freude voll und ganz zu genießen, muß man Jemand haben, mit dem man fie theilen kann. Marc Twaiu.

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(48. Fortsetzung.)

Der Marschallstad.

Roman von Katt 8er Schutte vom Mrükl.

Es wäre darauf fast zu einem kleinen Krach zwischen den beiden alten Freunden gekommen, und Hans hatte das Gefühl, als hätte ihn jeder von beider: an einem Arm ergriffen, um ihn zu sich herüber zu ziehen. Nur seine feste Erklärung, daß er inzwischen alt genug geworden sei, um selbst eine Ansicht über das zu gewinnen, was ihm gut wäre, und daß er unter allen Umständen an der einmal bestehenden Vereinbarung feschalte, wenn ihm Herr Neuenhaus nicht den Stuhl vor die Thür setze, konnte dies Hin und Her beenden. Aber Herr Kalten­bach, von heimlichem Zorn erfüllt, nahm vor seiner Ab­fahrt noch einmal Gelegenheit, Hans in eindringlichen Worten zu warnen. Der Neuenhaus sei zwar sein alter Freund, aber er sei doch immer em kleiner Heimtücker gewesen und habe stets seine Sonderabsichten gehabt. Hans möge die Augen offen halten, vor dem Manne auf der Hut sein und sich auf weiter gar nichts einlassen als auf das, was seines Amtes wäre.

Und als Herr Kaltenbach abgedampst war, sprach auch Herr Neuenhaus mit seinem Volontär ein Wörtchen unter vier Augen, lobte seinen alten Freund über die Maßen und. stellte ihm dann erneut das Zeugniß aus, daß er immer eine pedantische und tyrannische Natur ge­wesen wäre. „Den Vater in Ehren", schloß er seine Rede, „aber Sie dürfen sich nicht mehr wie ein .Kind behandeln lassen. Es würde ein Malheur für Sie sein, wenn Sie neben ihm arbeiten müßten. Ueberlegen Sie, was Sie thun. Sie müssen sich Ihre Zukunft aus freiem Willen selbst gestalten. Ein Narr aber wären Sie — so meine ich —, wenn Sie sich jung, wie Sie sind, und reich, wie Sie werden, auf ein einsames Nest setzten! Das wäre ein Derrath an ihrer Zukünftigen, auch wenn sie es heute selber anders möchte."

Hans konnte sich des Gefühls einer tiefen Miß­stimmung nicht erwehren. Er hatte sich schon halb und halb mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß er einst das Geschäft seines Prinzipals doch kaufen werde: nun mußte er, feinfühlig, wie er war, schmerzlich empfinden, daß er wegen des Geldes seiner Braut von zwei Seiten gewissermaßen als eine Beute betrachtet wurde, deren man sich rechtzeitig zu vergewissern suchte. Und er ver­ehrte und liebte die beiden Männer, seinen jovialen, ge­schäftstüchtigen. wohlmeinenden Prinzipal und den würdevoll ernsten, gestrengen Vater. Um so mehr peinigte es ihn. sie in der Schwäche .ihrer Jchlingsnatur zu erkennen. Dazu kam, daß ihm Elsbetb in jedem Briefe mit Vorwürfen zusetzte. Für sein Streben, seinen Ernst und seine Festigkeit zeigte sie keinerlei Ver- ständniß, sie fand nur immer das Eine, daß es abscheulich von ihm sei, den väterlichen Vorschlag, nach dem sie ein ganzes Jahr eher heirathen könnten, nicht mit beiden

Händen zu ergreifen, und sie schloß ihre Ergüsse ständig mit Unterschriften, wie: „Deine tiefbetrübte Braut" oder „Deine unglücklich liebende Else."

Obgleich Hans seine Mißssinmmng zu verber gen suchte, merkte doch der scharfblickende Felix, der ihm wahrhaft freundschaftlich zugethan war, daß nicht Alles in der Ordnung in seinem Gemüthe sei.

„Sie machen ja ein Gesicht wie ein krankes Meer­schweinchen", meinte er eines Tages, als er Hans nach dem Abendessen einsam im Garten sitzend fand. Der andere sah schmerzlich zu ihm auf.

„Ich will es Ihnen sagen. Ich glaube, daß ich meine Braut lieber haben könnte, wenn sie weniger reich wäre. Es ist ein Fluch!"

„Schämen Sie sich, Hans!" rief Felix in ehrlicher Mißbilligung. „Tausende könnten neidisch auf Sie sein, und Sie. statt die Dinge kaltblütig zu nehmen, wie sie sind, lassen den Kopf hängen, quälen sich unnütz und machen sich Gedanken, als wenn sie ein Dichter wären oder sonst irgend ein närrisches Insekt. Sie haben gar kein Recht, schiefe Gesichter zu ziehen! Zum Teufel, machen Sie sich zum Herrn der Situation und nicht zum Opfer!"

„Das ist ein Wort!" sagte Hans und erhob sich, „das ist ein erlösendes Wort!"

„Es kam mir gerade so in dm Schnabel", meinte Felix. _ „llnd so kommen Sie mit mir. Wir wollen bei der schönen Angenis in einem gemüthlichen Eckchen eine Pulle Rüdesheimer ttinken und Ihre Else lebm lasim. Ich werde sie überhaupt wieder etwas mehr unter meine Fitttche nehmm, damit Sie es nicht verlernen, unter Menschm Mensch zu sein."

22 .

Mit der Zeit gewann es Hans über sich, dem Rathe des Malers zu folgen und die Dinge zu nehmen, wie sie waren. Das unfruchtbare Grübeln vermied er, er widmete sich mit neuer Frische dem Geschäfte, machte kleine Reisen für dasselbe, suchte Verbindungm und schien sich, zur heimlichen Freude des Herrn Neuenhaus, immer verttauter mit dem Gedanke,: zu machen, daß er es einst übernehmm würde. Als Elsbeth, nachdem sie sich in die für sie so schmerzliche Gewißheit gefunden hatte, daß es mit der Hochzeit noch gute Weile habe, wollte nun von dem väterlichen Plane nichts mehr wissen und schrieb in jedem Brief, daß sie sich auf die Dauer doch nur in einer Großstadt wohl fühlen könne. Hans möge die Augen offen behalten und sich nach etwas Ge- eignetem umsehen.

Der junge Mann gewann inzwischen dadurch, daß er die'unangenehmen Regungen kräftig niederhielt, an innerer Selbstständigkeit und Reife: dazu-kam, daß er Anschluß an einige junge, gebildete Kaufleute ans guten Häusern gesucht und gefunden hatte, während anderer- seits Felix sich bemüht zeigte, ihn auch in Künstlerkreisen etwas heimisch zu machen. Er nahm ihn öfter mit in den Farbentubenklub, wo es sehr heiter und imge- zwungen zuging, und bei den kleinen Herrenabenden in der Belsazarei fehlte Hans nie.

Zur Stärkung seiner Bräuttgamseigenschast, wie Felix sagte, wurde er auch mehrfach eingeladen, wenn es bei einem lusttgen Abendessen in dem Atelier „bunte

Reihe" gab, aber er hatte bald erkennen lerne», daß sich die anwesenden Damen, meist Mitglieder de- LhräterL und auch mehrfach junge Malerinnen, darunter solche, denen Felix Unterricht in seiner Kunst ertheilte, kei nerlei unziemliche Freiheiten zu Schulden konnnen ^ ließen, ebensowenig, als sich die Herren Unziemlichkeiten ge­statteten. Man aß, trank, plauderte, spielte auf dem Klavier oder der Guitarre und sang übermükhige oder sentimentale Lieder, wie es gerade kam. und das „Sancta Lncia" erfreute sich besonderer Beliebtheit. An den immerhin etwas freien Ton gewöhnte sich HanL sehr schnell, und er fühlte sich sogar außerordentlich be­haglich. Besonders der Sängerin Fraulein Aldenbö?» that er im stillen Abbitte, daß er dem Klatsch, der sich mit ihren angeblichen vielen Liebschaften eifrig befaßte, noch nicht entgegengetreten war, wo er sein Ohr traf, denn er fand das Mädchen, wenn sie die Operndiva auch nicht gänzlich verleugnete, ebenso harmlos als liebens­würdig :md unterhielt sich vortrefflich nnt ihr. Auch der phantasttsche Komponist Schnütgens und andre, deren mehr oder weniger originelles Wesen er früher noch nicht recht verstanden hatte, interessirten Hn, und er schätzte sich glücklich, daß es ihm durch den Maler ev» mögsicht wurde, über eine einseittge, phflisterhaste Dv- urtheilung seiner Mitmenschen hinweg zu kommen.

Mehrfach vertrat er seinen auf diese Weise ge­wonnenen Standpunkt auch beim Mittagessen seimm Prinzipal gegenüber. Herr Neuenhaus aber ließ sich nicht beirren in seiner vorgefaßten Meinung, daß die Belsazarei eine Belsazarei sei und daß es nur eine einzige Moral gebe, von der aus man urtheflen müsse.

„Menschen, die doppelt empfinden, doppelt lieben, doppell leiden, und deren Phantasie täglich die eng« Schranken spießbürgerlicher Konvention überfliegt, wollen doch anders beurtheilt werden als ein Fuhrmann, der seinen Gaul mit Hot und Har! lenkt, das habe ich Dir wahrlich schon genug klar gemacht," sagte Felix bei solchen Anlässen oft mit Heftigkeit, aber zu einer Eimg- ung kam es nicht, und Herr Neuenhaus nahm öfter halb im Scherz, halb in, Ernst, Veranlassung, Hans zu warnen vor den Theorieen seines Sohnes. ^.Für den mögen sie meinetwegen angewendet werden können, ich kann nichts daran ändern!" erklärte er einst. »Dur Sie, als Kaufmann, müssen sich davor hüten, hmeru- zukommen, das ist wie Feuer und Wasser."

Hans jedoch fühlte sich wohl bei dem gesellschaftliche» Doppelleben, welches ec in dieser Weise führte, und da er auch durch sein Dienstjahr und durch seine voraussicht­liche Wahl zum Reserveleutnant mit den betreffenden Kreisen inFühlung geblieben war, so fand er die mannig» fachsten Beziehungen in der Stadt, in der er sich nun vollständig eingclebt hatte. Er war bekannt und be­liebt und an Gelegenheit mangelte es chm nicht, sich zn zerstteuen und auch zu zersplittern, wovon ihn jedoch zum Glück seine auf ehrliches Streben und auf Fleiß ge­richtete Charakteranlage abhielt.

Eines Samstags im Spätsommer, es war im letzten Halbjahr, das er noch im Geschäfte des Herrn Neuen­haus zu seiner Ausbildung verbringen sollte, kam Felix ins Comptoir rmd reichte ihm einen Brief hin.

(Fortsetzung folgt.)

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