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so. Jahrgang.

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Mz». 201. Redaktions-Fernsprecher No. 52.

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Die Maiftier.

„Am 1. Mai. dem in ernationalen Feiertag des Proletariats, denionstrirt machtvoll für den Schutz und sür die Befreiung der Arbeit!" Mit diesen Worten be­ginnt der Aufruf der sozialdemokratischen Parteileitung zur Maifeier und schließt mit der Aufforderung: „Am 1. Mai rüstet die Maien-Zukunst!" In dem Aufruf ist nichr von der „Maien-Zniunst" als von der Maien- Gegenwart die Rede, injonderheit schweigt sich die Partei- leitung in allen sprachen dariiber aus, wie die Partei- Genossen es denn mit dem Punkt halten sollen, der bisher für den Hauptpunkt der Maifeier ausgegeben wurde, mit der Arbeitsniederlegung am 1. Mai.

Ns die erste Maifeier im Jahre 1890 in Scene ge­fetzt wurde, da hatte die Sozialdemokratie vorher ver­kündet, daß der erste Mai ein Weltfeiertag, ein Tag der durch die Sozialdemokratie anbefohleneu allgemeinen Arbeitsruhe fein solle. „Alle Räder stehen stiü, wenn dein starker Arrn es wil!" Aber die Sozialdemokratie hatte ihren Einfluß und ihre Kräfte überschätzt. An vielen Orten machten die Arbeiter in der That den Der- such, die Maifeier nicht nur durch Festreden, durch Musik, Tanz und dergleichen, sondern durch die Ein­stellung der Arbeit zu begehen ohne Rücksicht auf den Arbeitsvertrag und die Interessen des Arbeitgebers, welche in diesem Fall zugleich die wohlverstandenen Interessen des Arbeiters sind.

Aber die Führer und Agitatoren der Sozialdemo­kratie mußten erkennen, daß „hinter den Bergen auch noch Leute wohnen." Dem drohenden Vorgehen eines Theiles der Arbeiter gepnüber schlossen sich auch die Arbeitgeber zusannnen, und sie erklärten, daß jedem Arbeiter, der am 1. lii der Arbeitsstätte fernbliebe, ldiese auch an den folgenden Taget: verschlossen bleiben würde. In vielen Fällm kam es zu Zusammenstößen zwischen den Arbestgebem und den Arbeitern, aber die Sozialdemokratie hat hierbei den Kürzeren gezogen, und

Donnerstag» den 1. War.

die Leidtragenden waren Tausende von Arbeitern, die den Verlockungen frivoler Hetzer gefolgt waren und sich und ihre Familien in schwere Noch gebracht hatten.

Die Sozialdemokratie erkannte auch bald, daß sie chre Kraft überschätzt und den Mund zu voll genommen hatte. Und aus dieser Erkenntniß heraus empfahl der Breslauer Parteitag lediglich „denjenigen Arbeitern und Arbeiterorganisationen, die ohne Schädigung der Arbeiterinteressen den 1. Mai neben den anderen Kund- gebungen auch durch Arbeitsruhc feiern können, die Arbeitsruhe Eintreten zu lassen." Im Allgemeinen hat die sozialdemokratische Arbeiterschaft sich an diesen Be- schluß, der sür die Partei noch heute in Kraft ist, ge­halten. So weit aber die sozialdemokratischen Arbeiter, durch gewissenlose Agitawren verführt, den Versuch ge­macht haben, die Arbeitsruhe am 1. Mai zu erzwingen, haben diese Versuche fast durchweg — man erinnere sich nur an den langwierigen Berliner Bierkrieg — mit schweren, verlustreichen Niederlagen sür die Arbeiter geendet.

Diesmal hat die sozialdemokratische Parteileitung sich jeder Aufforderung, die Arbeit am 1. Mai einzu­stellen. enthalten und das wundert uns nicht, denn die schwere Veranllvortung für die Tausende und Aber­tausende, die sie durch die Maifeier in bittere Noch ge­stürzt hat, mag schwer genug aus ihr lasten. Im Uebrigen scheinen ja auch die sozialdemokratischen Arbeitgeber bereits ein Haar in der Arbeitsruhe am 1. Mai gefunden zu haben. Ist doch berests ein heiteres Satyrspiel zu der diesmaligen Maifeier bekannt ge­worden. nämlich der Streit zwischen dem Hamburger Sozialistenblatt und den sozialdemokratischen Kolpor­teuren, die sich weigerten, das Blatt am 1. Mar auszu­tragen. Die Leitung des sozialdemokratischen Blattes wollte aber hiervon garnichts wissen, ebenso wie die sozialdemokratischen Arbeiter sich noch immer nickst das Biertrinken am 1. Mai abgewähnt haben, obwohl sie da­durch ein zahlloses Heer von Kellnern zwingen, am 1. Mai zu arbeiten.

Aber die sozialdemokratische Partesteitung hat dies­mal noch besondere Gründe, ihre Anhänger nicht zu einer leichtfertigen Niederlegung der Arbeit zu verleiten. Die wirthschastliche Konjunktur ist zur Zeit so ungünstig, daß es vielen Arbeitgebern vielleicht gar nicht so unlieb wäre, wenn ein Theil ihrer Arbeiter eine Woche oder auch länger feiern wollte. Bei der jetzigen wirthschaftlichen Konstellation wäre ein Ersatz für kontraktbrüchige Arbeiter leicht zu finden, daß jeder Arbeiter frevelhaft handeln würde, wenn er eine gute Arbeitsstelle und damit seine Existenz aufs Spiel setzte. Zahlreiche Arbeit­geberverbände haben bereits erklärt, daß sie die Arbeits­einstellung am 1. Mai mit einer Aussperrung sür den Rest der Woche oder längere Zeit beantworten würden. Aber wir wollen hoffen, daß es solcher Maßnahmen nicht oder doch nur in vereinzelten Fällen bedürfen wird.

Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1902 .

Nach der ersten Mahlschlachl.

Unser Paris er Korrespondent schreibt uns unterm 28. April:

Gestern Abend suchte ich noch einmal die Straße auf, um ein Bild von der Aufnahme der ersten Be­kanntmachungen der Wahlresultate zu bekommen. Trotz des Berbots des Polizei-Präfekten, die nach der Straße liegen­den Arbeitsräume der Zeitungen mit Transparenten zu ver­sehen, hatte die Mehrzahl derselben dennoch, dem alten Brauche gemäß, diese anbringen lassen. Dicht gedrängt standen die Schaaren vor denselben, um die auf den erleuchteten Glias- scheiben bekannt gegebenen Resultate zu verfolgen. Am gefähr­lichsten war das Gedränge im Pariser Zeitungs-Viertel, der Rue Montmartre, auf dem Boulevard Poissonniore, vor dem „Matin", sowie auf der Place de l'Opöra. Es kam hierbei zu keinen ernstlichen Ruhestörungen, und den kleinen Reibereien gegenüber verhielt sich die Polizei geradezu musterhaft. Von regulärem Militär waren nur einige Pikets von der Kavallerie aufgeboten. Die Infanterie mußte sich in den Kasernen bereit halten.

Gegen 10 Uhr kam der „Frangais", später die „Presse" mit den ersten Nachrichten heraus. Ein wahrer Sturm begann auf die Eamelots, die ihre Blätter um den doppelten Preis losschlugen. So ungefähr muß man sich 1870/71 hier um die Nachrichten vom Kriegsschauplatz- gerissen haben. Alles be­sprach mit Feuereifer die Lage, auf der Straße, auf den Terrassen der Vier- und Cafohäuser, in diesen selbst, ein Durcheinander wie beim Thurmbau zu Babel. Sogar Frauen und Damen betheiligten sich an den Erörterungen. Dies dauerte bis 2 Uhr, und da die Nachrichten nur spärlich stoffen, so zer­streute sich das bessere Publikum, um das Feld halbwüchsigen Burschen, Bummlern und Manifestanten zu überlaffcn, die diesen Tag des Heils nicht besser feiern zu können glaubten, als wenn sie Schweine- oder Hvhnlieder sängen.

Einer der wichtigsten Wahlbezirke lag im zehnten Arron­dissement, in dessen zweitem Bezirk der frühere Ministerpräsident Henri Briffon als ministerieller Radikaler gegen die beiden republikanischen Nationalisten, den Kommandanten Tournade und Honda, sowie gegen den Socialisten Vannier einen schweren Stand hatte. Schon um 3 Uhr Morgens kam cs gestern da­selbst zwischen den Zettelanklebern Brissons und einigen Partei­gängern seiner Gegner zu einem erbitterten Kampf, sodaß die Polizei einschreiten mußte. Uebrigens waren Brissons nationa­listische Gegner von einer unerhörten Frechheit und Gemeinheit gegen diesen. Schon wegen der Organisation des Wahlbürraus kam es zu wüthenden Auftritten, welche sich infolge der Zettel- vertHeilung auf der Straße wiederholten. Allgemeines Frenden- gehcul rief der Anschlag einer Karikatur Brissons hervor, welche mit zahlreichen Inschriften, wie: „Rothcr Kardinal der Frei­maurerei", „Räuber unserer Freiheiten", „Die Panama- Drcyfus-Schande" rc. versehen war. Es ist wohl kaum zweifel­haft, daß eine solche Kampfesweise die MßbMgung aller recht­lich Denkenden Hervorrufen muß. Zwischen den Gegnern kommt es zur Stichwahl, und es ist anzunehmen, daß Briffon unter­liegen wird. Andererseits sind die Führer der Regierungspartei

Fer iüelon.

Fondsner Brief.

Zur Königskrönung. — Amerikanifirung Englands. — Ein Theater aus Shakespeares Zeit. — Der Hof-Poet. — „Der kleine Prinz Wilhelm von Preußen" und die nackten Hochlcmds- lnie. — Predigt und Pfeift. — Mittel zum Zweck. — Der Stollwerck-Männerchor.

—, 28. April.

Ist das allgemeine Interesse am Kriege augenblicklich etwas erlahmt, da über den weiteren Verlauf der Friedens- Verhandlungen vor der Hand keine wichtigen Nachrichten zu er­warten sind, so tritt dafür die bevorstehende Königs- k r ö n u n g und im Augenblick vollends die allgemeine Ameri­kanisirung Englands immer mehr in den Vordergrund. Die Krönungsseier mit all ihren wunderlichen Einzelheiten ist nun allerdings schon so vielfach erörtert, daß wir hier längst angefangen, derselben scheu jetzt etwas überdrüssig zu werden. Aber die allgemeinen Eiw risse Onkel Sams in das Geschäfts­und Verkehrsleben Englands hat John Bull einen solchen sbock gegeben, daß er noch gar nicht darüber hinweg kommen kann. Denn es handelte sich hier nicht nur um einen Eingriff amerikanischer Finanzmänncr in den transatlantischen Schiffs­verkehr Englands — eine Gefahr, die ja auch für unsere deutschen Linien bis zu einem gewissen Grade immer noch ver- iMignißvoll werden kann — sondern man wird plötzlich auch «gewahr, daß, während bislang britisches Kapital vielfach in amerikanischen Unternehmungen angelegt war, jetzt auf einmal nicht nur amerikanische leider in viel größerer Masse auch in allerart anderen britisch t Unternehmungen auftauchen, sondern Amerikaner auch die g r ze Leitung derselben an sich gerissen haben. So sind es 'l merikaner, welche die neuen mrter- ^ irdischen Eisenbahnen U London bauen und eine Rohrpost in der britischen Hauptstad. anlegen. Ja selbst der ganze Tabaks- Handel Englands dricht ein amerikanisches Monopol zu wer­den; und so tritt amerst rnischer Unternehmungsgeist auf dielen anderen Gebieten plötzlich in seiner ganzen erschreckenden That- lraft zu Tage.

Me ist das nur m -Plich, fragt sich John Bull, verschlafen

sich die Augen reibend. Und es fehlt nicht an Stimmen, die ihm unverhohlen zurufen: Der Krieg! Der Krieg! Und sollte in der That nicht die unausgesetzte Aufmerksamkeit, die England nun seit Jahren schon auf Südafrika hat richten müssen, und die bereits so viele Opfer erheischt hat, jedenfalls bis zu einem gewissen Grave daran Schuld sein, daß es nun im eigenen Lande mehr vom Ausland« abhängig geworden und diesem einige so fette Bissen hat überlassen müssen.

„Aber Shakespeare kann uns jedenfalls Niemand nehmen", ließ sich ein patriotisches Blatt letzthin vernehmen. Was sür ein Trost! Indessen haben die Engländer sich ihn nicht längst schon nehmen lassen! Müßte nicht auch Frederick Harriffon vor Kurzem gestehen, „daß Shakespeare in Deutsch­land öfter und besser aufgeführt würde als in England". Und während die Deutschen darüber aus sind, „ihm an der Seite Goethes und Schillers ein nationales Denkmal zu errichten", hat London nichts der Art aufzuweisen. Allerdings giebt es in Leicester Sqnare ein altes verwittertes Standbild, von dem behauptet wird, es solle Shakespeare darstellen. Ich will diese Ansicht auch durchaus nicht bestreiten. Aber hätte der große Dichter in der Hauptstadt seines Vaterlandes nicht vielleicht ein Denkmal verdient, dem man — ohne daß man erst auf Ver­muthungen und Behauptungen zu lauscheu brauchte — gleich ansehen kann, wen es darstellen soll und das auch sonst seiner würdig- wäre. Doch das soll nun anders werden, indem man zu Ehren Shakespeares zwar nicht ein neues Standbild, wohl aber ein neues Schauspielhaus errichten will, das eine getreue Nachbildung eines Theaters aus der Zeit Shake­speares, des bekannten „Globe-Theaters" aus jenen Tagen, sein soll. Nun, ist eine derartige Idee nicht ganz originell, so wäre ein solches Theater doch immerhin recht eigenartig und würde auch wohl das Publikum anziehen, umso mehr als mit dem Theater selbst auch eine Art Shakespeare-Museum ver­bunden werden soll. Die höchste Ehre und Anerkennung, die England seinem großen Sohne erweisen kann, bliebe aber doch wohl immer noch, daß auch andere Theater seine Stücke häufiger spielten und — das Publikum dieselben etwas fleißiger besuchte.

Aber groß wie Shakespeare gewesen, zu einem poeta lanreatus hat er es doch nie gebracht. Dieses Amt eines offi­ziellen Hof-Poeten, das schon aus der Zeit der norman­nischen Könige stammt, ist ja in England bis auf diesen Tag

beibehalten. Freilich, wenn wir erwägen, was für Männer zuweilen dazu berufen, wer cs vollends in diesem Augenblick bekleidet, so mögen die Verehrer Shakespeares sich leicht trösten. Nach dem Tode Tennysons im Jahre 1892 hieß es nicht ohne Grund, daß zur Zeit kein Dichter vorhanden wäre, der ver­diente, durch Uebertragung des Amtes auf ihn vor allen Anderen ausgezeichnet zu werden. So lange Gladstone und Rosebery Premierminister waren, blieb dasselbe denn auch un­besetzt. Es galt auch längst für ausgemacht, daß selbst in diesem Lande der Partei-Regierungen das Laureatenamt in unseren Tagen, ohne Rücksicht auf etwaige politische Ansichten der Dichter, lediglich auf Grund seiner dichterischen Leistungen dem hervorragendsten unter ihnen übertragen werden sollte. Aber sobald Lord Salisbury 1895 wieder ans Ruder kam, belohnt­er damit einen gewissen Alfred Austin, der als Leitartikler des konservativen „Standard" seiner Partei vielleicht wesentliche Dienste geleistet, aber als Dichter doch weit hinter verschiedenen anderen Männern zurücksiand, die alle auf der liberalen Seile zu finden waren. Lord Salisbury hatte Herrn Austin und sich selbst einen schlechten Dienst erwiesen. Ein Schrei der Entrüstung ging durchs ganze Land, der selbst im Parlament schonungslos zum Ausdruck kam. Und da nun das erste Laureaten-Gedicht Austins eine Verherrlichung des bald darauf folgenden Jameson-Raubzuges war — jenes verbrecherischen Einfalls in Transvaal, den er aber als eine edle und heroische That feierte, eine That, die nur unternominen sei, die Frauen und Kinder in Johannesburg zu retten! — haben alle denkenden Menschen nur noch Spott unh Verachtung für diesen begeisterten Jingo.

Er hat eben eine neue Sammlung von Gedichten heraus- gebracht, die wohl völlig unbeachtet geblieben wäre, wenn er nicht eine so hohe Stellung — „verkleidete". Eins dieser Mach­werke hat auch den Krieg zum Hintergründe und bekundet den­selben Jingo-Geist, wie das Jameson-Gedicht. Zur Charaktr- risirung desselben dürsten wohl einige Zeilen gerrügen, in denen es von den Buren heißt:

„Wie diese hinterlistige Raffe, der die Freiheit ein Ekel ist, nachdem ihren Anschlägen die Maske abgezogen, aus ihrem Versteck hervorkam und ihrem Souzerän Trotz bot."

So geschrieben von Englands poeta laureatus im Jahre 1902. Armes England!

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